20.05.2008 - 11:23
Servus zusammen,im Anhang hat Ayranmaiden ein Interview mit Klaus von Lampe, seines Zeichens Experte auf dem Gebiet der organisierten Kriminalität und Wissenschaftler an der Freien Universität Berlin geführt, welches ihr euch bei Lust und Laune hier reinziehen könnt!
Viele Jugendliche sind mit dem Innenleben der Mafia nicht vertraut. Die oft einzigen Informationen die sie erhalten, stammen aus Gewalt verherrlichenden Filmen, oberflächlichen TV-Beiträgen, oder eben aus den Texten ihrer Rap-Stars. Das alles macht diese Jugendlichen noch lang nicht zu potenziellen Kriminellen, oder Befürwortern. Aber so richtig aufgeklärt sind sie auch nicht. Welche für Jugendliche attraktiven Möglichkeiten der Aufklärung gibt es auf diesem Feld?
Es gibt ein paar ganz gute, relativ leicht verständliche und spannende Bücher zum Thema, allerdings nicht das definitive Mafia-Buch, nach dem man sich alle anderen sparen könnte. Ich würde empfehlen, mit Biografien berühmter Gangster anzufangen. Am besten gefallen hat mir bisher ein Buch über das Leben von Meyer Lansky, das Robert Lacey geschrieben hat. Meyer Lansky gehörte Mitte des 20. Jahrhunderts zu den Schlüsselfiguren der amerikanischen Unterwelt. Ganz interessant ist auch die Lebensgeschichte von Sammy Gravano, einem führenden Mitglied der New Yorker Mafia in den 80er und frühen 90er Jahren. Auch dieses Buch, geschrieben von Peter Maas, ist in deutscher Übersetzung erhältlich.
Wer keine Lust zum Lesen hat, kann sich den ein oder anderen lehrreichen Spielfilm anschauen. „Donnie Brasco“ und „Goodfellas“ sind filmisch gut gemacht und ziemlich wirklichkeitsnah.
In Berlin gab es einen Streit zwischen den Rappern Bushido und Massiv, welche beide den Rückhalt gewichtiger arabischer Familien aus dem Millieu genießen. In beiden Fällen gab es sogar Übergriffe, deren Täterschaft bis heute jedoch ungeklärt blieb. Die Wurzeln der Vertrautheit zwischen dem kriminellen Gewerbe und Musikern gehen allerdings schon bis auf Frank Sinatra zurück. Was reizt beide Seiten aneinander?
Die Sache mit Bushido und Massiv kenne ich nur vom Hörensagen. Dazu kann ich kein Urteil abgeben. Ich bin auch nicht sicher wie typisch eine Verflechtung von Unterwelt und Musikgeschäft tatsächlich ist.
Eine enge Verbindung gab es, soweit ich das sehe, vor allem zu Zeiten der Prohibition. Die Clubs, in denen illegal Alkohol ausgeschenkt wurde, schafften Auftrittsmöglichkeiten für Jazzmusiker, die sie sonst nicht unbedingt gehabt hätten. Ansonsten würde ich sagen, es gibt eine ganze Menge Leute die der Faszination von Gangstern und Mafiosi erliegen, nicht nur Musiker. Es ist aber eben nur bei berühmten Leuten aus dem Showbusiness so, dass die Faszination auf Gegenseitigkeit beruht. Da spielt dann wohl die Hoffnung mit, Status und Anerkennung außerhalb des kriminellen Milieus zu gewinnen, wenn man sich mit irgendwelchen Stars umgibt.
Drogen, Waffen, Autos und freizügige Frauen – fast in jedem zweiten Videoclip eines Rappers tauchen diese vier Komponenten auf. Im Endeffekt laufen diese Clips wie eine endlos Werbeschleife für das organisierte Verbrechen. Den Musikern kommt schlussendlich das reizvolle des Gangster-Images zugute, wobei sie – bis auf Ausnahmen – die Schattenseiten des wirklichen Daseins als Mafiosi nicht zu fürchten haben.
Dass Musiker aus dem HipHop Umfeld damit kokettieren, Mafiaangehörige zu kennen, oder zumindest Personen mit kriminellem Hintergrund, lässt doch den Verdacht zu, dass diese wiederum die oft bei vielen Jugendlichen angesehenen Musiker instrumentalisieren, um Nachwuchs zu rekrutieren oder zumindest zu sensibilisieren, oder sind solche Methoden eher nicht gebräuchlich?
Ich habe noch nicht davon gehört, dass zum Beispiel Videoclips mit dem Ziel gemacht wurden, Nachwuchs für irgendwelche Gangs zu werben.
Der ganze Gangsterkult ist sicherlich Ergebnis vieler Einflüsse und nicht gezielt gesteuert. So etwas hat eine große Eigendynamik. Man weiß zum Beispiel, dass echte Mafiosi in ihrem Selbstverständnis und in ihrem Verhalten stark von Mafiafilmen beeinflusst worden sind. Ich vermute, das trifft auch auf heutige Gangster zu und auf die Gangsterklischees, die in HipHop Videos geprägt werden. Also, ich glaube nicht, dass der Gangsterkult ein Produkt echter Gangster ist. Eher umgekehrt: der Gangsterkult ist Trendsetter für Gangster.
In der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ warnte Italiens führender Mafiajäger Piero Grasso davor, dass Mitglieder der italienischen Mafia seiner Erkenntnis nach in die legale Wirtschafts- und Finanzwelt eingeschleust werden sollen. Deutschland bilde dabei einen Schwerpunkt für das organisierte Verbrechen wegen der Größe des Marktes, hoher Rentabilität und enormer Rechtssicherheit besonders interessant. In diesem Kontext wäre es interessant zu erörtern, ob auch der Musikmarkt als solcher und speziell Plattenfirmen mit dem richtigen Image für die Mafia interessant wären?
Was den Einfluss italienischer Mafiosi in Deutschland anbelangt bin ich sehr vorsichtig. Das ist eine seit mehr als 40 Jahren in den Medien immer wieder hochkommende Befürchtung. Aus meiner eigenen Forschungsarbeit kann ich das nicht bestätigen. Aber natürlich habe ich auch nur einen begrenzten Einblick. Soweit ich das sehe, geht es in erster Linie darum, Gelder aus kriminellen Geschäften sicher und halbwegs profitabel anzulegen. Dabei kommt es darauf an, möglichst unauffällig zu sein. Von daher ist es eher unwahrscheinlich, dass sich Mafiosi zum Beispiel in ein Gangsta-Rap-Label einkaufen und sich dann praktisch selbst als Gangster outen. Anders ausgedrückt: Wenn italienische Mafiosi eine Plattenfirma in Deutschland übernehmen sollten, dann im Zweifel weil die Firma profitabel ist, nicht weil eine bestimmte Musik produziert wird. Im Übrigen bin ich mir auch nicht so sicher, dass italienische Mafiosi HipHop und Gangsta-Rap wirklich toll finden. Es sind ja nur kleine Versatzstücke der Mafiakultur, die sich im HipHop wieder finden.
Wenn es eine übergeordnete Lehre in punkto Mafia gibt, dann wohl, dass sich Zusammenhalt, Loyalität, Familiensinn lohne. Auch im HipHop ist die Gruppendynamik, der Zusammenschluss zu so genannten „Squads“, „Crews“ und „Units“, gang und gäbe. Wie kann man diese Dynamik erklären, woraus nährt sie sich?
Zusammenhalt, Loyalität, Familiensinn: Das sind romantisch verklärte Vorstellungen von der Mafia. Nach allem was man so weiß ist das Innenleben der Mafia ziemlich stark von Misstrauen, Eifersüchteleien und Verrat geprägt, und zwar auch da, wo sich Mafiastrukturen und Familienstrukturen überlagern. Es wird zwar der Anspruch erhoben, dass die Mafiamitgliedschaft so etwas ist wie die Aufnahme in eine Familie mit gegenseitiger Achtung und Solidarität. Die Wirklichkeit sieht aber anders aus. In der Gruppenbildung innerhalb der HipHop-Szene sehe ich eher ein ganz normales menschliches Verhalten der Selbstorganisation.
In den 1950ern und im Jahre 2005 gab es in den USA die so genannten „Payola“-Skandale (aus Wikipedia: Die Bezeichnung Payola setzt sich zusammen aus den Worten pay (engl.: bezahlen) und Victrola und steht für den Vorgang des “pay for play” (engl.: „bezahlen für das Spielen“). Dieser Vorgang beschreibt die Bestechung von Disc-Jockeys und Programm-Redakteuren von Rundfunk- und Fernsehsendern durch eine Plattenfirma, die so das häufige Spielen eines bestimmten Liedes durchsetzt). Kann man hier schon von mafiösem Verhalten sprechen?
Das kommt darauf an, was man unter „mafiösem Verhalten“ versteht. Ich denke es ist wichtig zu erkennen, dass es in der freien Wirtschaft bestimmte geschriebene und ungeschriebene Regeln gibt, die von vielen Unternehmen mehr oder weniger systematisch verletzt werden. Gewaltanwendung und Gewaltandrohung spielen da eine geringe Rolle. Deshalb ist es vielleicht irreführend von Mafia oder mafiosem Verhalten zu sprechen. Aber wenn man sich anschaut, wie Kartellabsprachen zwischen Großunternehmen geschlossen werden, das hat schon große Ähnlichkeit mit dem Verhalten von Drogenhändlern oder Spionen, so wie da Konspiration betrieben wird. Manipulationen von Charts und ähnliche krumme Dinger in der Medienbranche bewegen sich in diesem ‚normalen’ Rahmen unsauberer Geschäftsmethoden im Wirtschaftsleben.
Laut Jonathan Fischer („Die Zeit“) hatte die afroamerikanische Mittelschicht lange ein Selbstbewusstseinsproblem. „Das Ghetto galt als der einzige Ort authentischen Schwarzseins. Mittelschichtswerte wie Lesen, Bildung, Gesetzestreue und legale Arbeit tauchten im Hip-Hop kaum auf, sie wurden als »weiß« denunziert.“. Kann man daraus den Bogen zum Erfolg der Gangstermusik in den Staaten spannen, und vielleicht sogar noch weiter, sprich hin zu Anwerbungsversuchen dieser Konsumenten durch die Mafia?
Also, diese Idee von Anwerbungsversuchen der Mafia finde ich nicht überzeugend. Für mich ist HipHop eine Gegenkultur, eine Auflehnung gegen bestimmte gesellschaftliche Verhältnisse. Zu diesen Verhältnissen gehört, dass ein großer Anteil von Schwarzamerikanern in die Mühlen der Strafverfolgung gerät. Als schwarzer Jugendlicher hat man statistisch ein viel höheres Risiko als ein weißer Jugendlicher, verhaftet, angeklagt und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt zu werden. Mit dem Gangsterkult versucht man dieser Diskriminierung nicht dadurch zu entgehen, dass man sich extra brav verhält, sondern im Gegenteil die Klischees vom kriminellen Schwarzamerikaner aufgreift für die Schaffung einer autonomen Identität. Es ist kein Zufall, dass auch Versatzstücke von Mafia-Klischees in diese Identitätsbildung einfließen. Italienische Einwanderer waren lange Zeit ebenfalls Opfer von Diskriminierungen und die Mafia bot eine Möglichkeit, trotz dieser Diskriminierungen zu Wohlstand zu kommen.
Skipp | 20.05.2008 - 12:42
ich fand deinen blog bis dato ziemlich unnötig, aber mit diesem interview hast du dir in meinen augen jetzt relevanz verschafft. gutes interview, auch wenn du mir persönlich zu oft versucht hast, eine brücke zu hiphop zu schlagen. hiphop ist entertainment und dass der ein oder andere vielleicht den ein oder anderen mafioso kennt, ist vorstellbar, aber bei gott nicht die regel. hiphop ist ziemlich mafia-frei. auf jeden fall hat hiphop wenig mit der tatsächlichen mafia zu tun, denn wer sagt, dass er irgendwann einmal drogen-geschäfte abwickelt hat, hat das vielleicht einmal irgendwie so getan (oder auch nicht), aber tut es auf alle fälle jetzt nicht mehr, da er jetzt mit musik und somit größtenteils legal sein geld verdient. frank sinatra war da eine absolute ausnahme.
fahrt mal nach neapel - da seht ihr viele gestalten herumrennen, die unrechtmäßig geld von dir verlangen! true story!
toxik | 20.05.2008 - 13:18
besten dank für dein premium geblogge!
ano | 20.05.2008 - 13:41
davon hättest du NOCH viel mehr schreiben können!
interessiert mich brennend!
Anonymous | 20.05.2008 - 14:57
das was im ersten Kommentar von Skipp erwähnt wurde, dass du zu oft versuchst die Brücke zu schlagen stimmt zwar, aber ich denke mal, dass genau das deine Absicht war, die eventuelle VErbindung näher zu beleuchten, oder ?
Ich fand es trotzdem interessant zu lesen.
Ayranmaiden | 20.05.2008 - 16:44
ja, denn das thema heißt ja schließlich auch hiphop & mafia und das nicht zuletzt auch aufgrund meiner eigenen präferenz als mensch dieser kultur! ferner sollte es diejenigen, die diesen blog hier auf hiphop.de lesen, nicht verwundern, dass hip hop ein bestandteil des blogs ist, aber ich möchte nich zynisch klingen, sondern freue mich über die gewonnene relevanz und werde versuchen, diese sogar noch auszubauen ;-)
egal, am ende zählt eh nur der AUFSTIEG!
bestes
ayran