hiphop.de | blog.hiphop.de | Blog Verzeichnis
LOG IN
Ayranmaiden - Trinkt mehr Ayran!
11.09.2008 - 13:23

Die Pflicht des Künstlers zu leiden


Auf seinem Weg, einst in einem Atemzug mit der Arminia genannt zu werden, wenn es um die westfälische Stadt Bielefeld geht, hat der Junge Casper es an ehrlichen Worten nie fehlen lassen. So auch in diesem mit Ayranmaiden geführten Interview.


Ayran: Zur Zusammenarbeit mit Shuko, der als executive Producer auf dem Album fungiert. Ich habe ihn persönlich als sympathischen, vor allem aber sehr zielstrebigen Menschen kennen gelernt. Wie würdest du euer Zusammenarbeit beschreiben, konntest du von seinen Erfahrungen profitieren?


CASPER: Auf jeden Fall! wir kennen uns ja schon sehr lange, noch vor „Kinder des Zorns“-Zeiten. Irgendwann, als es an die Produktion für "Hin zur Sonne" ging, war Shuko auf der Wunschliste ganz oben, aber wir hatten uns halt ewig lange schon nicht mehr gesprochen und ich war mir einfach nicht sicher, ob ich denn einfach da anrufen könnte, um nach Beats zu fragen, denn er hatte ja in der Zwischenzeit auch unglaublich große Projekte gemacht, teilweise sogar Idole von mir produziert. Wie ich dann so bin, hab ich trotzdem angerufen und ihn vollgelabert (lacht). Aus der anfänglichen Anfrage, ob er mir denn einen Beat geben würde, wurde dann immer mehr, so dass er exekutiv produziert hat. Seine Professionalität ist unglaublich und er ist halt einer dieser Verrückten, die man aus dem Studio zum schlafen zerren muss, unglaublich zielorientiert und bestimmt in seiner Arbeitsweise. Zudem ist Shuko in meinen Augen einfach wirklich einer der besten Produzenten weltweit. Ich bin unendlich dankbar, das Privileg genießen zu dürfen, ihn nicht nur auf arbeitstechnischer, sondern auch auf menschlicher Ebene kennen gelernt zu haben, und auch nach wie vor Kontakt zu ihm zu haben.


Tatsächlich wünsche ich ihm alles Glück und jeden Erfolg dieser Welt, denn er ist einfach von dem Schlag, die immer noch richtig Fan sind und denen es nicht strikt um die Kohle geht. Sehr unterschätzter Typ, der noch eine große Zukunft vor sich haben wird! Die Zusammenarbeit war sehr chillig, ich war ein paar mal bei ihm und wir haben Beats gepickt und Themen herausgearbeitet, Songs geschaffen, auf die ich bis heute richtig stolz bin! Es wird auch sicherlich nicht das Letzte gewesen sein, was wir zusammen gemacht haben.


Ayran: Ob in Interviews, deinem Blog oder in den Texten - du lässt kein gutes Haar an dem Typ Rapper, der gerne zum Besten gibt, mit Rap viel Kohle zu verdienen. Besonders in Deutschland brauchen wir auch eigentlich nicht darüber zu diskutieren, ob denn Hans-Günther aus Paderborn tatsächlich einen Maybach fährt oder von Dienstag bis Sonntag Frauen aus Armenien pimpert, nachdem er 27 seiner Mixtapes auf dem Schulhof verhökert hat. Bullshit! Allerdings leben viele Rapper auch von dem Schein, den sie selbst aufgebaut haben und allzu ehrliche Töne könnten da evtl. stören. Hast du von Rappern also schonmal Reaktionen auf derlei Statements erhalten?


CASPER: Nicht wirklich. Ich würde es allerdings auch niemandem verdenken, wenn er plötzlich drauf abgehen würde, was ich denn da mache, wie ich aussehe, wie meine Stimme klingt, wie ich mich kleide oder sonst etwas. Ich bin mir dessen ja vollkommen bewusst, dass ich rein optisch und showtechnisch aus der Masse steche. Ob das nun gut oder schlecht ist, muss wirklich jeder für sich selbst entscheiden. Ich fänds blöd, mich jetzt dahin zu stellen und herauszuschreien, dass mich doch nun alle akzeptieren müssen. Allerdings denke ich, dass die so genannte "neue Generation" auf dem besten Wege ist, das öffentliche Bild von Rap wieder gerade zu rücken. Leute wie F.R., Morlockk Dilemma, Pi, Marteria oder Maeckes und Plan b beweisen ja auch, dass Heterogenität wieder angesagt ist. Wenn wir alle auf einem Festival spielen, kann man sich sicher sein, dass nicht immer nur das Gleiche gehört wird, dass es spannend sein kann, "nur eine Musikrichtung zu hören". Dennoch finde ich es wichtig, dass die Sache facettenreich bleibt, denn so sehr wir auch Studenten - und Spaßrap brauchen, so wichtig ist auch Gangster - und Straßenrap. Alle, die jetzt momentan rumkrakehlen, wie langweilig doch alles ist, sollen sich nur mal das laufende Jahr ansehen: wir hatten ein richtig gutes Franky Kubrick Album, ein geiles Favorite Album, das sido Album, Farid Bang, Orsons, es kommen noch Pi, Marteria und, und, und...


Trotzdem wird immer nur gemeckert. Ich denke nicht, dass Künstler sich momentan gegenseitig Stöcke in die Speichen werfen sollten, denn im Grunde gibts für niemanden so wirklich das richtig große Geld zu holen.


Ayran: "Orientierungslos in einer Welt voller Sinne"


CASPER: Es ist doch wirklich so, der durchschnittliche 14-jährige wird doch mit einer solchen Masse an Werbung, Sex, Gewalt und Konsum zugeballert, dass es doch wirklich schwer ist, eine gefestigte Persönlichkeit im Rahmen der Pubertätsjahre zu finden. Es wird einem suggeriert, dass das große Geld um die Ecke lauert, dass man bildschön sein muss, um es überhaupt zu etwas zu bringen und dass konsumieren das wichtigste auf der Welt ist. Dieses seine eigenen Grenzen testen und finden verschwimmt irgendwo zwischen myspace, youtube und Paris Hilton- Reality Shows. 13-jährige Mädchen laufen herum wie 22-jährige und 15-jährige Jungs werden schwer kriminell. Einfach aus dem Grund, dass der halt innerhalb dieser Welt fehlt. Das klingt jetzt wirklich albern und belehrend, aber ich denke, dass es einfach schwer ist, sich innerhalb dieses medialen Tauziehens um die Gunst der Massen selbst zu erforschen und eine eigene Meinung zu bilden. Stattdessen sucht man sich seine Subkultur und übernimmt dessen Stereotypen. Das kanns doch nicht sein.


Ayran: Du warst nun einige Zeit auf Tour, hast ein paar Festivals gespielt, Interviews hier, Fans mit Handy-Pic-Wünschen dort, Featureanfragen, Beats werden zugeschickt. Wie würdest du vor diesem Hintergrund den Zustand deiner eigenen Sinne derzeit beschreiben, hast du noch einen klaren Durchblick, oder wird das alles schon zu viel?


CASPER: Ich denke, dass ich das schon klar trennen kann. Ich finde das persönlich ja immer noch verrückt, dass bei einer Show sehr viele meine Texte mitschreien, dass ich tatsächlich eine loyale und auch sehr coole Fanbase habe, dass es nach einem Konzert eine Schlange von Menschen gibt, denen es wichtig ist, ein paar Worte zu wechseln. Und ich fänd es ignorant und beschämend, sich einfach hinten zu verkriechen und ein imaginäres Star-Dasein aufzubauen. Mir ist schon klar, dass wenn ich wieder in Bielefeld bin, mich kein Schwein erkennt, dass ich arbeiten gehen muss, nur damit die Kohle schon wieder nicht reicht. Künstler meiner Größe, oder auch kleine, wie man will, die sich einen drauf einbilden, dass sie jetzt gerade drei Tage unterwegs waren und ein paar Photos gemacht haben, sind in meinen Augen Traumtänzer. Eher sehe ich das so, dass es eine geile Zeit ist, die mir geschenkt wird, es sind einfach Erfahrungen, die ich später teilen und am Tresen erzählen kann. Ein erschreckend kleiner Teil eines Lebensabschnitts, den man schon, aber mit Vorsicht genießen sollte.


Jetzt meine Nase in die Luft halten und zu denken, wie krass ich doch bin, ist denke ich das verkehrteste überhaupt. Man sollte da in Privilegien und nicht in Forderungen denken. Klar ist es schwer nach einer zweiwöchigen Tour wieder in den Trott zu kommen, diese kleine Depriphase abzuschütteln, die so etwas nach sich bring. Aber ich denke, das ist das kleinste Übel. Hauptsächlich find ich´s einfach Hammer, so etwas miterleben zu dürfen. Wenn´s das jetzt schon war, cool. Es ist jetzt schon weit mehr passiert, als ich mir jemals hätte zu träumen gewagt. Ehrlich!



Ayran: Auf "Kein Held" sagst du: "Das ist meine Welt, so schnell lass ich niemanden rein", während ich in einem Interview ein Statement über dein Mixtape "Die Welt hört mich" folgendes gelesen habe: "Ich gebe [...] fast jede Ecke von mir preis, dann will ich verdammt nochmal, dass die Welt mich hört, wenn ich es schon so laut herausschreie.". Wie schwer ist also der Spagat zwischen Seelen-Striptease und Dingen, die man lieber im Verborgenen halten sollte?; besonders auch wenn man weiß, dass Fans erst zu solchen werden, wenn sie sich mit Künstlern identifizieren können und das erst geschehen kann, wenn sich der Künstler entsprechend öffnet.


CASPER: Es ist die Pflicht eines Künstlers, zu leiden. Das glaube ich offen und ehrlich. Ein Artist, der mir nur von den Sonnenseiten des Lebens erzählt, muss ein innerlich weitaus depressiverer Mensch sein, als einer der auch von den Tiefs des Lebens erzählt. Wenn ich mich entscheiden müsste zwischen einem Jahr immer hell und einem Jahr immer dunkel, würde ich ganz klar letzteres wählen. Es gibt nichts deprimierendes als immer glückliche und helle Zeiten und Menschen. Das wirkt sehr schnell unecht. Klar, wenn mich auf der Straße wer fragt, wie es mir geht, würde ich niemals antworten: "boah, voll scheiße, Frau weg und Miete passt nicht und sowieso dieses und jenes", aber die Waage muss gehalten werden. Und wenn ich mich dafür entscheide, dass ich etwas Tiefes erzähle, dann mach ich das auch ehrlich. Dann beleuchte ich auch jede Ecke dieser Situation. Und wenn mich irgendwer dafür angreifen will, dass ich nur "Emokram" erzähle oder sonstwas, meinetwegen. Aber „Hundeleben“ ist wahr, „Lippenlesen“ ist wahr, „Kippenpause“ ist wahr. Wie sonst soll denn etwas ans Herz gehen, wenn es nicht aus dem Herzen kommt?


Ayran: "Bin wütend, will nicht, dass jeder das spürt"


CASPER: Das war so eine Phase in meinem Leben, wo es mir wirklich scheiße ging. Ich bin nach Bielefeld gezogen und hatte nichts. Alle um mich herum wurden von ihren Eltern finanziert oder haben krasses Bafög bekommen. Ich hatte wirklich nichts. Eine Matratze auf dem Boden, einen kaputten Fernseher und einen Schreibtisch - mehr gab es nicht. Und das alles in einer Wohnung, die dringend hätte saniert werden müssen. Dennoch bin ich jeden morgen aufgestanden und in die Uni gegangen, wenn dort einer gefragt hat, wie es mir geht...klar, ich hätte das auflisten können, aber was hätte es gebracht? Es wäre blödes Rumgejammere gewesen. Denn irgendwie war ich auch stolz auf das, was ich hatte. Es waren zwar nur wenig Sachen, aber es waren MEINE.


Ich denke aber im Grunde kennt das jeder, dieses nach Außen hin lächeln, aber die Faust in der Hosentasche geballt zu haben. Sei es in der Ausbildung, beim Zivildienst oder sonstwo, wo man irgendwie schikaniert werden könnte. Es geht darum, einfach etwas zu tun, sich selbst am Schopfe aus dem Treibsand zu ziehen, sich nicht mit der Situation abzufinden und nach höherem zu streben, ganz gleich was für ein Schicksal, was für eine Kindheit und was für einer Herkunft. Ich denke, jeder ist dazu geboren, großartiges zu leisten, doch nur die wenigsten trauen sich.


Ayran: Wenn man dich nur anhand deiner Musik, anhand der Texte erklären sollte, dann würde man meinen, du seist ein bescheidener Typ, der sich selbst nicht gern in den Vordergrund stellt. Das wiederum steht im krassen Gegensatz zur Vortragsweise deiner Raps, die energisch und laut daherkommen. Kann man küchenpsychologisch also hier einen inneren Disput in dir ausmachen, zwischen nach vorne gehen, sich aber doch zurückhalten wollen?


CASPER: Ich will halt kein Held sein. Die Welt, in der wir leben, ist aufgeteilt zwischen Helden und Feiglingen. Ich bin dafür, dass beides abgeschafft wird. Mal ist man der Jäger, mal ist man der Bär, so einfach ist das. So einfach sehe ich das. Niemand ist dazu prädestiniert, ein Versager oder ein Gewinner zu sein. Tun oder nicht tun, es gibt kein versuchen. Und so ist es im Alltag eben auch: ich stehe manchmal auf und fühle mich wie der schlimmste Versager, manchmal aber steh ich auf und bin voller Elan, voller Selbstbewusstsein und möchte meinen Weltbeitrag leisten. Oder es zumindest versuchen. Und ehrlich, von diesem ganzen Rapding erwarte ich auch gar nichts. Es wäre faktisch Unsinn, überhaupt etwas davon zu erhoffen. Dennoch, wenn ich mir die Zeit dafür nehme, etwas in die Richtung zu tun, dann aber mit dem gesamten Herzblut, mit der Stimmung eines Moments. Und das wirkt vielleicht energisch. Aber ob du es glaubst oder nicht, ich schreie nicht, das ist einfach meine Stimme. Und meine kaputten Stimmbänder. Punkrock sei Dank.


Ayran: Und wenn wir schon am Herd stehend vor uns herpsychologisieren: Im Titelsong "Hin zur Sonne" beschreibst du die Flucht aus den Staaten, die Flucht vor einem gewalttätigen Vater. Du bist dann erstmal ohne diesen Vater aufgewachsen. Viele heranwachsende Jungs lassen ohne diesen Part in ihrem Leben einen gewissen Respekt vor anderen, oder aber das Wissen um Grenzen vermissen. Du scheinst beides aber ganz gut hinbekommen zu haben.


CASPER: Stiefvater, einem gewalttätigen Stiefvater. Mein Vater ist ein liebevoller Vater, der unglaublich stolz auf mich ist und dem es das Herz zerreißt, allein durch die Entfernung nicht den Anteil an meinem Leben haben zu können, den wir uns beide wünschen würden. Aber so ist es nun einmal gekommen. Da kann weder er, noch ich, noch meine Mutter, noch Gott noch sonstwer was für. Es ist einfach so. Wahrscheinlich ist es eher so eine Sache, in was für Kreise man dadurch gerät und meine zweite Familie, meine Freunde, waren unglaublich gute Menschen, sind es immer noch. Klar haben wir auf die Kacke gehauen, scheiße gebaut, das macht jeder, der eine mehr, der andere weniger. Aber ausflippen um des Ausflippens willen und es dann auf eine fehlende Vaterrolle zu schieben, ist schwach. Es ist dumm, fehlendes moralisches Empfinden auf die Nichtanwesenheit eines Elternteiles zu schieben oder diesen sogar zu hassen. Wie gesagt, wenn das Leben dir Zitronen gibt, mach Limonade daraus. Wenn du das selber nicht hinbekommst, kannste den Zitronen auch nicht die Schuld daran geben.


Ayran: Im Feature mit Kollegah ("Strasse 2") hast du am Ende deines Verses eine Referenz an dessen Rapstil. Hier, und auch in anderen Songs wie z.B. "Verdammt nah dran (Supermänner)" gibst du Props an verschiedene Rapper da draußen, ohne, wie so viele andere Rapper, ständig daran erinnern zu müssen, dass du dich selbst jedoch für den Größten hälst. Hat das auch was mit der nach außen getragenen Lockerheit zu tun, dass du mit Rap nicht deinen Lebensunterhalt verdienen und daher keinen Posten als Nr. 1 im Game deklarieren musst, um eben viel Kohle zu machen?


CASPER: Ich habe meine gesamte Kindheit über Rap geliebt. Geliebt. Über alles. Ich bin nachts spät wach geblieben um „Supreme“ zu gucken, „Mixery Raw Deluxe“, wenn es ging auch „Yo! MTV Raps“. Ich hab mir sogar diesen R&b Urban scheiß angesehen in der Hoffnung, dass doch ein krasses Rapvideo kommt, immer mit dem Tapedeck an den Fernseher angeschlossen, um schnell was mitschneiden zu können, was ich sonst im Dorf nicht so einfach bekommen hätte von meinem Taschengeld. Leider ist das mit den Jahren immer weniger geworden und ehrlich, ich finde vieles auch sehr schlecht. Wobei, schlecht ist das falsche Wort, vielen Sachen heutzutage fehlt einfach die Langlebigkeit. Kollegah-Zeilen schmeißt man sich andauernd hin und her, wie damals bei WBM (West Berlin Maskulin) auch. Mir wurde mal gesagt, dass ich aufhören sollte, in Interviews so vielen Leuten immer wieder Respekt zu geben, weil mir das als Schwäche ausgelegt wird. Das stimmt leider auch. Wie bescheuert ist das denn?????


Ayran: "Jeder von uns ist Kunst, gezeichnet vom Leben"


CASPER: Erstens ein wunderschönes Bild, zweitens leider die traurige Wahrheit. Es ist ja heutzutage schon so, wenn man wen trifft, dessen Eltern nicht geschieden sind, kein Teil der Familie arbeitslos, Alkoholiker oder schlimmeres ist, man das ja schon so fast nicht glauben kann. Jeder erleidet Schicksalsschläge am laufenden Band, und wenn man in der Bahn sitzt, sieht man außer Wochenendabends kaum lächelnde Gesichter. Ich habe einfach keine Lust, nur weil ich rappe, von Sachen zu erzählen, die schön sind. Meistens sind perfekte Dinge eben auch nicht die schönsten. Kleine Macken und Fehler machen schön. SIND schön. Nichts ist perfekt, und ich habe auch keine Lust, mir weiter eine heile Welt vorgaukeln zu lassen.


Ayran: Ich würde gerne mit dir über das Thema Integration sprechen. Du bist selbst zwar nicht das für Deutschland typische Migrantenkind, sondern aus den USA zugewandert, jedoch hast du die Erfahrung einer komplett neuen Sprache, neuer Verhaltensmuster und einer ebenfalls unterschiedlichen Kultur gemacht. Daher fände ich interessant, was du über das Thema denkst. Wie verläuft Integration in Deutschland, an Schulen, beim Bäcker im Ort, im Bekanntenkreis, was war anfangs besonders schwer für dich?


CASPER: Ganz im Ernst: ich hasse es hier. Im Geiste bin ich doch so der amerikanische Junge, der auf Comics und Kino abfährt. Der, der datet und sich gerne auch entertainen lässt. Hier in diesen Gefilden muss erst alles auf Authentizität überprüft werden, jede Aussage soweit auf Echtheit abgeklopft werden, bis es echt schon fast bürokratisch zum gähnen ist. Nimm doch einfach nur deutsche Comedians. Wer ist denn WIRKLICH lustig? Also ich meine wirklich LUSTIG? Und dabei noch originell und NICHT verkleidet und in einer Rolle, das gibt´s hier einfach nicht. Außer Volker Pispers und Rainald Grebe; und die prangen auch noch alles an. Der Deutsche an sich ist glaub ich nicht bereit, aus sich heraus zu gehen, wirklich etwas zu tun, was aus dem Rahmen fällt. Und wenn doch, dann landen wir beim ekligen Studententum, die sich mit Cordhose und gedrehter Zigarette bei total "duften" Poetry Slams treffen und hart auf Bourgeoisie machen. Es war wirklich schwer für mich herauszufinden, dass du in Deutschland nicht einfach wen auf der Straße grüßen kannst, den du nicht kennst. Dass du nicht unbedingt so einfach auf einer Party wen anquatschen und einen saufen kannst. Dieses Hinterderhandgerede und Misstrauen gegenüber der gesamten Menschheit, dieses pünktlich Geplante und Organisierte, dieses Traditionsbeharrte. Ich glaube, das pocht in jedem Herz hier. Was auch okay ist. Nur musste ich da schwer dran kauen, bis ich mich arrangiert hatte.


Ayran: Vor dem Hintergrund deiner Herkunft würde ich auch gerne mal nach den typischen Vorurteilen auf beiden Seiten der großen Pfütze sprechen. Was denkt also der handelsübliche Wyatt über den Din-A-4-Horst, was denken Amis über Deutsche und umgekehrt?


CASPER: Deutsche halten Amis für oberflächlich. Ich persönlich finde es ja geiler, wenn ich, wenn ich mal shoppen bin, oberflächlich freundlich behandelt werde, als wenn ich in einen Haufen jammernder Gesichter schauen muss. Ich persönlich finde wirklich, dass der Service in Deutschland unter aller Sau ist. Egal wo, egal wann, egal was. Und Amis denken über Deutsche.....naja....was sie auch vom Rest der Welt halten. Die fragen sich, ob es denn in anderen Ländern außer der USA auch diese großen Erfindungen wie Kühlschränke und Mikrowellen gibt...hahahahha.


Ayran: Ich habe in einem Interview mit Azad mal gefragt, was seiner Meinung nach aus ihm geworden wäre, wenn er in den Staaten als Rapper unterwegs wäre. Seine Antwort: "Dann wäre ich jetzt reich". Hast du dir diese Frage auch schonmal gestellt, besonders der Süden aus dem du stammst (Augusta / Georgia; ayranmäßige Anmerkung), ist in den letzten Jahren ja stilprägend, ebenso signten die Majors dort lange Zeit alles weg, was bei drei nicht auf den Bäumen war.


CASPER: Die frage stellt sich mir nicht. Denn ich lebe hier, ich werde hier noch bleiben müssen und auch hier meine Wege suchen, an meine Ziele zu gelangen. Ich denke, wenn ich in den Staaten gewesen wäre, wäre ich ein alltäglicher Junge, wie ausm Buch. Denn bevor wir nach Deutschland kamen, war ich ein normaler Junge. Ich hatte in der Schule glatte Einser, war im Football Team als Kind und war einfach normal. Nur halt auf Musik fixiert. Absolut. Ich habe als Kind schon den ganzen Tag MTV geguckt und hatte schon mit sechs meinen eigenen Plattenspieler. Keine Ahnung, im Grunde habe ich aber auch nicht die Zeit dafür, mich zu fragen, was wäre wenn? Weder kann ich das Zeitraumkontinuum ändern, noch kann ich zaubern. Deswegen...hm, keine Ahnung.


Ayran: Ärgert es dich, dass du im Kontext der "neuen Generation" an Rappern wie z.B. Huss..n Hodn, Morlockk Dilemma oder Marteria nicht genannt wirst?


CASPER: Definitiv. Wirklich! Aber ich erwarte auch nicht, dass großartig Rapbegeisterte gerade meine Musik und mein Erscheinen als neue Generation des Rap feiern. Müssen sie auch nicht. Klar sitze ich oft da und denke, dass ich da genau so mit reingehöre wie die anderen auch, aber was soll ich dagegen machen? Mich in Interviews in Rage reden? Mich interessieren die Leute, die sich für meine Musik interessieren, die über einen gewissen Tellerrand hinaus gucken können und auch sagen können: "egal, was der da jetzt macht und wie der rumläuft, was der macht ist gut.". Es muss nicht zwingend ein großes Gefeiere geben, aber mich einfach ignorieren oder auch als scheiße zu betiteln geht in meinen Augen nicht mehr! Die Leute die mich supporten, die bedeuten mir alles. Wirklich alles! Alle anderen versuche ich auch zu catchen. aber wenn´s nicht geht, geht´s eben nicht. Weder werde ich mich verbiegen, noch werde ich darum kämpfen, jedem zu gefallen.



Ayran: Hat dein Verbleib beim Bielefelder Label „667 one more than the devil“ was mit einem ausgeprägten Loyalitäts-Sinn zu tun, oder waren die Angebote aus der Industrie (dem Vernehmen nach auch Majors) nicht gut genug?


CASPER: 667 ist super. 667 unterstützt mich. Außerdem hat 667 die großartigen Pimpulsiv. Das reicht ja wohl!!!!


Ayran: "Keiner meiner Träume hat was mit Rap zu tun"

CASPER: Absolute Wahrheit.


Ayran: Würdest du diesen Spruch so immer noch unterschreiben? Bei den Kollegen von Mixery Raw Deluxe, die deinen Splash!-Auftritt zeigten, könnte man vermuten, dass sich mit dem Gig am Sonntag scheinbar doch ein Traum erfüllt hat.


CASPER: Na klar erfüllen sich hier Träume. Am laufenden Band! Dass ich überhaupt hier morgens um Eins sitze und ein Interview mache, weil es scheinbar echt Leute interessiert, ist ein Traum. Allein, dass es die Möglichkeit gibt, meine Alben jederzeit zu bekommen ist ein Traum. Mann, auf der SPLASH-Bühne zu stehen, davon hab ich als Teen geträumt. Dass Leute meine Texte hören und kennen, das ist der allergrößte Traum!!! Aber es geht hier nicht um nehmen, ich versuche einfach auch zu geben. Und ich hoffe, dass es Menschen da draußen gibt, die trotz allem, was ich oft verbocke, oder auch egal was ich musikalisch mache, sehen, dass ich mir für meine künstlerische Vision wirklich den Arsch aufreiße. Jedes Konzert ist ein Segen, aber auch ein neuer Ansporn sich beweisen zu müssen. Es ist mir scheißegal, ob da 20.000 oder auch nur 3 Zahlende stehen, es geht hier darum, alles zu geben. Es geht hier darum, ein Gefühl zu vermitteln. Ein ehrliches, aufrichtiges und intensives Gefühl. Mir würde alles Geld und jede Chartposition der Welt nichts nützen und ich wäre auch null glücklich, wenn man es nicht FÜHLEN würde.


Ayran: Auf deinem Weg "Hin zur Sonne", wo stehst du da derzeit?


CASPER: Irgendwo zwischen "wo gehör´ ich hin?" und "war´s das schon?"


Ayran: Letzte Worte?


CASPER: "Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar". Das hat mir meine Oma mal ins Poesiealbum geschrieben und es stimmt. Irgendwann merkt jeder, dass es wirklich stimmt.

 

 

www.myspace.com/caspermc

 

  


Anonymous | 11.09.2008 - 15:39
ehrlicher, cooler typ!
Anonymous | 11.09.2008 - 15:53
^^jo echt sympatisch der kaschper, und shuko find ich auch überkrass
Anonymous | 12.11.2008 - 22:14
schönes interview



« Letzte Seite | Nächste Seite »