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Ayranmaiden - Trinkt mehr Ayran!
10.10.2008 - 17:49

VORAB: das Interview war zwischen anderen Emails eine Zeit lang verschwunden, doch ich finde es nach wie vor sehr interessant, was Torch zu dem Thema zu sagen hat, also prüft das aus!


Der Film Ghosts of Cité Soleil ist sicherlich nicht erst seit gestern in der Videothek eures Vertrauens zu finden. Dennoch hat Ayranmaiden ihn erst vor kurzem gesehen und versucht nun die nahe gehende Geschichte der Soldaten-Armee (der so genannten Chimäre der Cité Soleil) in den Slums von Port-au-Prince (Haiti) und die erschreckenden Bilder mit einem zu besprechen, der aufgrund seiner Herkunft und kulturellen Ausrichtung prädestiniert dafür ist: Ein Interview mit Torch a.k.a. DJ Haitianstar!


Unter welchen Umständen (allein oder in der Gruppe, Kino oder DVD?) hast du den Film „Ghosts of Cité Soleil“ gesehen?


Ich habe den Film in Berlin im Kino gesehen zusammen mit meiner Mutter, meine jüngere Schwester, zwei meiner Cousins, dem haitianischen Botschafter und sogar dem Regisseur Asgar Leth selbst.


(Bild-Quelle: www.marioandreya.de)


Die Geschichte stellt die beiden Brüder Billy und, wie er sich selbst nennt, 2Pac in den Fokus, die als Gangführer in den Slums der Cité Soleil den ehemaligen Amtsinhaber Jean-Bertrand Aristide unterstützen; wobei besonders 2Pac Aristide aufgrund seines Machtmissbrauchs und der Bürgerunruhen die er provoziert hat verteufelt. Dennoch unterstützt er seinen jüngeren Bruder Billy, der für Aristide arbeitet. Es geht neben der globalen Sicht auf die Unruhen im Land also auch um das Brüderpaar. Für mich war dieser Zwiespalt, den 2Pac in sich trägt, sehr aufwühlend, dass er sich letzten Endes doch für seinen Bruder entschied (die Aussagen 2Pac´s seinen Bruder betreffend waren schon grenzwertig) beweist dann aber doch, dass man sich in harten Zeiten auf Werte wie Familie, Loyalität und so zurückbesinnt, oder?


Ja, Familie ist sehr wichtig für mich, das stimmt. Aber mit Billy und Co kann ich mich nicht wirklich identifizieren. Das ist ja nicht "mein" Haiti. Außerdem ist das eine ganz andere Generation, die viel amerikanisierter ist als das Haiti, das ich kenne.


Das Land hat sich sehr verändert durch die Globalisierung, aber ich denke der Familiensinn ist immer noch stark ausgeprägt. Evtl. sogar die zentrale Rolle des gesellschaftlichen Lebens und damit auch die stärkste Struktur des Landes.

 

Der Nachrichtenfluss ist heutzutage so weit gediehen, dass die Situation auch auf Haitii für aufmerksame Menschen sicherlich nicht neu sein dürfte. Dennoch, als ich die Bilder sah, die Asger Leth und Milos Loncarevic in ihrem Film zeigen, konnte ich nicht einfach so abschalten. Wie erging es Dir?


Ja, der Film zeigt halt die knallharten Seiten eines der ärmsten Länder der Erde. Aber die Bilder sind mir eigentlich "vertraut", wenn man das so sagen kann.

Für die meisten ist ja Haiti eher ein exotisches Thema, aber für mich ist es

ein Teil meines "Alltags", obwohl meine Familie nicht aus Cite Soleil kommt oder so. Ich denke, ich gehöre wohl eher nach Berlin Marzahn als nach Cite Soleil (lacht). Ich war selbst sogar schon mal in Cité Soleil (das Ghetto, das von der Uno als "gefährlichster Ort" der Erde bezeichnet wurde.) Es war aber damals nicht so gefährlich für Außenstehende wie es jetzt ist. Ich möchte erstmal sagen, dass das natürlich mit „meinem“ Haiti nicht viel zu tun hat. Auch wenn das ganze Land mittlerweile von dieser Entwicklung betroffen ist, kommt meine Familie aus keinem Ghetto oder sonstiges. Dennoch ist das Leben nicht wie in Deutschland. Man muss viel mehr improvisieren. Es gibt nur streckenweise Strom. Probleme sind dort allgegenwärtig. Ich habe als Kind schon vieles dort gesehen, das ich in Deutschland nie gesehen hatte: brennende Autos, Leichen, entstellte Bettler usw. Aber das Land und vor allem die Kultur lässt sich ja nicht darauf reduzieren, so wenig wie man Deutschland auf Plattenbauten oder Oktoberfest  oder so reduzieren kann.


(Bild-Quelle: www.heidelberg-aktuell.de)


2Pac rappt in dem Film Wyclef Jean ein paar Lines vor und zeigt auch sonst seine Skills. Außer dem Fugees-Macher Clef kennt man hierzulande sicherlich nicht allzu viele HipHop Acts aus Haiti. Inwiefern bist du da mehr bewandert, kennst und hörst du Rapper aus Haiti?


Also die Nr 1 Musik in Haiti ist wie gesagt nicht Rap sondern: Kompa/Konpa Und dann kommt lange mal nix. Das wurde in dem Film ja nicht deutlich. Danach erst kommt alles andere wie z.B. Reggae , Rap, R&B, sowie mittlerweile ja fast überall auf der Welt. Aber Rock und Pop spielen eher eine etwas untergeordnete Rolle. Haitianische Rapper gibt es vor allem in den USA. Die ersten Haitianer die ich kannte, die auf kreolisch gerappt oder getoastet  haben, waren:

 

Tabou Combo (70er), Freres Parents (80er), Master Dji evtl. erster der sich „Rapper“ nannte (80er) und Bigga Haitian (Ende 80er) Reggae MC/DJ

Frankreich: zb. Kery James (Paris) &  Frero (Strasbourg)

USA (Haitianer die auf englisch rappen): Kangol Kid (Utfo), MC Tee (Mantronix), Dave (De La Soul), Herby Luvbug Azor (Produzent von Salt N Pepa) ansonsten natürlich Wycleff & Fugees, Black Alex (King Posse) (angeschossen 2006  in Petion Ville), die halbe G-Unit (Tony Yayo, Whoo Kid,…)…

 

…aber die Liste ist unendlich. Sehr viele US-Entertainer haben Haitian Roots, aber in den USA war es immer eher geschäftsschädigend, seine Haitian Roots zu betonen (lacht).

 

Der erste der es aber dennoch gemacht hat war Wyclef mit den Fugees. Und das wird ihm auch von Haitianern weltweit hoch angerechnet. Ich würde sogar sagen, er hat die Wahrnehmung der Haitianer in den USA positiv beeinflusst.

 

Generell kann man auch an dem Film wieder den Impact sehen, die die HipHop-Kultur überall auf der Welt hat, z.B. wenn „2Pac“ sich akzentgeschwängert durch die typischen Ghetto-Floskeln bewegt, anstatt in seiner eigenen Sprache und Slang zu bleiben. Macht dich das persönlich auch stolz, Teil einer solchen Bewegung / Kultur zu sein?


Hmm,…nein. Was dort übernommen wurde waren ja eher die Amerika-Klischees: Ein Englisch sprechender Bad Boy, der versucht an viel Geld zu kommen und sich Tupac nennt. Aus Hip Hop-Sicht finde ich das nicht so inspirierend. Da hat Haiti kulturell weitaus mehr zu bieten. Ich finde es sogar eher schade, dass nicht mehr von "Haiti" rüberkommt. Es ist aber auch keine reine Dokumentation, sondern Asgars Film, so wie er es darstellen will, und keine Werbung für Touristen. Also ist das schon ok. Obwohl es mich schon schockiert hat, so ein „farbenfrohes“ Land in schwarz/weiss zu sehen, aber so konzentriert man sich auf das „Wesentliche“. Und wie gesagt, kein Kompa im Hintergrund ist schon seltsam.


Wenn man sich die hiesigen Straßen- bzw. Gangsterrapper ansieht und dann nach Haiti, wo es eigentlich zwangsläufig in Verbindung mit Rap zu einem Output kommen muss, der von Frustration und Wut geprägt ist und als Straße bezeichnet werden kann, was für Gefühle hat man dann eben in Hinsicht auf die hiesige Szene?


Naja, alles ist relativ. Die Probleme in Deutschland sind ja für die Menschen hierzulande auch real. Aber das kann man unmöglich mit Haiti vergleichen. Das ist schon eine andere Welt. Die Szene in Deutschland ist momentan auf dem Internet-Gangster-Trip. Das ist ja mal total nicht mein Ding, da bin ich echt nicht für zu erwärmen. Da ist mir ein Dendemann oder Toni-L viel lieber, weil „echter“. Ist schon peinlich was momentan in Deutschland und anderswo abgeht.

 

Aristide war einst das erste in freien demokratischen Wahlen gewählte Oberhaupt, fiel in der folgenden Amtszeit jedoch durch Mauscheleien und Wahlbetrug auf.  Kann ein Staat wie Haiti diese Problem ohne Hilfe von außen, z.B. der USA oder Frankreich, überhaupt lösen?


Haiti ist ein sehr extremes Land. Die Geschichte des Landes ist sehr interessant und birgt genug Superlativen die die gesamte Menschheit angehen, z.B.: das erste Land das faktisch die Sklaverei abgeschafft hat und es auch in der Verfassung verankert hat; eine der ältesten Republiken der Welt, aber auch eines der ärmsten Länder der Welt.

 

Auf jeden Fall das ärmste Land im Westen, aber auch das einzige Land in der westlichen Hemisphäre (Nord, Mittel, Südamerika), in dem keine europäische Sprache gesprochen wird (Französisch ist Amtsprache, jedoch sprechen ca. 80% der Bevölkerung kein Französisch). Die Frage, was geschehen muss um die Situation in Haiti zu ändern, ist wirklich nicht leicht zu beantworten. Ich versuche meinen Teil dazu beizutragen, in dem ich eine Organisation gegründet habe, die „Marasa“ heißt:

 

Checkt hierzu: Marasa

 

Wir haben auch schon Spendengelder nach Haiti geleitet. Auch bei studivz habe ich eine Gruppe errichtet mit Spendenkonten. Ich versuche dadurch einfach einen Dialog zu ermöglichen und Menschen aus Europa und den USA mit Menschen aus Haiti zu vernetzen. Wir arbeiten eng mit der Botschaft von Haiti in Deutschland zusammen und mit vielen Hilfsorganisationen wie z.B: „Haiti care e.V.“ oder „Viva con Acqua“.

 

Aus der Kommunikation entsteht dann das Verständnis für die Probleme und evtl. auch Lösungsvorschläge. Was wichtig ist momentan, ist das die Leute einfach viel Geld spenden für die aktuellen Flutopfer. Die Lage in manchen Teilen des Landes ist katastrophal.

 

Auf „In deinen Armen“ rappst du: „Auf der Suche nach Identität – ein schwarzer Deutscher – Haiti ist weit und Ostpreußen fast noch weiter.“. Warst Du mal auf Haiti, um deine Wurzeln vor Ort zu ergründen? Wenn ja, hast du dort etwas gesehen, das die Zeile "Ich hab die Zukunft gesehen, ich konnte nichts genau erkennen, alles verschwommen vor lauter Tränen" (auf „Morgen“ vom Album „Blauer Samt“) relativieren würde?


Ich war schon oft in Haiti. Der größte Teil meiner Familie wohnt dort oder kommt von dort. Ich musste meine Wurzeln gar nicht ergründen, sie sind ständig präsent. Ich bin auch mehrsprachig aufgewachsen. Deutsch, Französisch und sogar mit Kreolisch.


Der Teil Ostpreußens, wo mein Vater herkommt, gehört nach dem Krieg zu Russland. Durch den kalten Krieg habe ich davon leider weniger mitbekommen als von Haiti. Aber ich fühle mich als Deutscher mit haitianischen Wurzeln. Das geht auch nicht anders mit einer haitianischen Mutter. ;-)

 

Ich glaube auch, dass viel in meiner Poesie vom französischen und haitianischen Background mit einfließt, ich quasi dadurch „anders“ schreibe als andere deutsche Autoren. Ich habe auf „Blauer Samt“ sogar ein kleines haitianisches Gedicht auf Kreolisch, ist aber kaum einem aufgefallen.

 

Ich habe wie gesagt meine Organisation „Marasa“ gegründet. Sie ist noch am Anfang, aber wird immer größer und besser strukturiert. Man braucht halt viel Zeit und Geld. Zum Spenden selbst reicht ja schon wenig Zeit und Geld.

 

Zur Ergänzung:

Informationen über Haiti

Marasa bei Studivz mit Spenden-Konten

Haitian Poppin auf Kompa

 

 

 

 

 

 



  


Anonymous | 10.10.2008 - 17:35
ja spendet die brauchen das Geld definitiv!

aber mal was anderes ich bin grade so am rum surfen und entdecke diese komisch veranstaltung Becks Gold Ruhrnächte oder so. Hab ich einfach mal bei google eingegeben und lande bei Becks! Geile Sache die haben im Pott drei Veranstaltungen mit richtig geilen acts unteranderem Dizzee rascal und The Streets!

Be Becks musste Bilder hochladen und sonst irgendwas du kannst aber hier auch einfach Karten gewinnen: http://www.rockster.tv/special.php?id=440

Und kein Witz ich hab schon gewonnen 1x2 Karten für essen! Dizzee ich komme! Ich kann es nur empfehlen!
myspace.com/SogukAtes | 10.10.2008 - 17:59
und ein sehr wichtiges Thema. Genau so wie Torch sollten sich auch Künstler mit bosnischen/kroatischen Wurzeln erheben und auf Probleme in ihren Ländern hinweißen, da wir in Deutschland die Möglichkeit haben zu helfen und zu informieren. Zurzeit tobt in Bosnien ein Wirbelsturm, aber einer aus Menschenhand erschaffen. Das Problem ist bekannt, Religion, Wirtschaftskatastrophe und eine nicht intakte Politik. Haiti ist weit und trotzdem können wir helfen, Bosnien ist um die Ecke, aber ist auch ein Thema, das verschwiegen wird. Aufstehen, bilden und helfen!

Respekt an Selcuk!!!

Thema Bosnien:

http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,582704,00.html



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