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Alibi Interview: Ein Gespräch mit KraftKlub - Teil 2

4.05.2010 - 12:51
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RANDIE POP – THE BOYS ARE BACK!

EIN GESPRÄCH MIT KRAFTKLUB Pt. 2

Im zweiten Teil (erster Teil HIER) spricht Alibi mit Bernd, Till und Karl von Kraftklub u.a. über Uniformen, Homophobie und Kartonstecktaschen.



Alibi: Gestern waren ein paar Freunde zu Besuch. Wir haben gepokert und nebenbei lief eure EP, sozusagen als Feldversuch.
Bernd: Da bin ich jetzt mal gespannt!

Alibi: Also eine junge Frau meinte, es wäre sehr eingängig, aber schlecht abgemischt.
Bernd: Was?

Alibi: Ja, meinte sie halt.
Bernd: Dann hast du ´ne scheiß Anlage. Wir haben das einfach mal beim King of Mastering machen lassen.

Alibi: Und wer ist das?
Bernd: Rautenkranz. Du kennst doch bestimmt Tocotronic, Die Sterne, eben diese ganze Hamburger Schule. Der hat das gemastert. Besser als wie es jetzt ist, ist mit unseren Möglichkeiten gar nicht drin.

Alibi: War auch nur ein spontaner Eindruck…
Bernd: Jaja, weiter!

Alibi: Ein anderer, der oft Indie hört, war irritiert vom Sprechgesang. Damit kam er nicht klar.
Karl: Na gut, dann muss er sich das vielleicht noch ein zweites Mal anhören. Beim ersten Mal ist das immer schwierig zu beurteilen.

Alibi: Er fing dann jedenfalls an von Deichkind zu reden und irgendwann entbrach eine Diskussion über Frauenarzt.
Karl: Vielleicht weil das auch Gruppen sind, die irgendwie was Neues gemacht haben.
Bernd: Also  mit den Atzen will ich mich ungern in einen Topf werfen lassen. Bei K.I.Z. geh ich mit, aber Atzen-Rap? Manny Marc? Jetzt mal ganz im Ernst, vom Rap her ist das doch… Ich mag die ja auch, ich hab als BassBoy sogar mal Vorgruppe für die gemacht. Das sind echt nette Typen, aber vom Rap her…also Frauenarzt hat ja eine der besten Rap-Stimmen die man überhaupt haben kann. Den find ich geil. Aber Manny Marc? Also wenn mich jemand mit dem vergleichen würde, dann würde ich mich wirklich ärgern. Bitte nicht falsch verstehen. Bei dem K.I.Z.-Vergleich ist es anders. Die Referenzen gibt es ja ohne Frage und dann ist das schon eher wie ein Kompliment für mich, mit Leuten, die ich so cool finde, in Verbindung gebracht zu werden. Aber Manny Marc?

Alibi: Meine Freundin feiert es. Und die feiert sonst kaum etwas.
Bernd: Was macht die heute noch so?
(Gelächter)

Alibi: Sie arbeitet! Außerdem findet sie ja nur eure Musik gut.
Bernd: Ach musikalisch findet sie uns gut aber ansonsten eher unsympathisch oder was?

Alibi: Nein, sie kennt euch ja gar nicht.
Bernd: War bei eurer Pokerrunde auch ein HipHopper? Was hat der gesagt?

Alibi: Er nannte es Studentenmusik.
Bernd: Studentenmusik? Ist ja nicht so schlimm.
Till: Studenten gibt es viele. Wenn die das alle kaufen…
Bernd: Find ich wirklich nicht schlimm. Studenten sind ein angenehmes Publikum.
Karl: Die wird’s auch noch ´ne Weile geben.

Alibi: Er hatte keine Lust sich darauf einzulassen. Für ihn ist es Indie und damit scheiße.
Bernd: Ach, eigentlich ist es uns auch egal, ob uns jemand mag oder nicht. Geschrieben liest sich das bestimmt total komisch. Obwohl eigentlich ist es uns nicht egal.
Karl: Es ist uns gar nicht mal so egal.
Bernd: Wir wollen es allen recht machen. Gebt uns Tipps und dann werden wir euch allen hoffentlich gefallen.
Till: Wir müssen das mal in einem Track sagen. „Das geht raus an alle Hater“
Karl: Das geht raus an Darth Vader!
Bernd: Hörst du das? Von dem muss ich mir was wegen Reimen erzählen lassen!

Alibi: Ich merke schon. Es gibt wohl bald einen Rollenwechsel bei Kraftklub?
Bernd: Das ist schon vorprogrammiert.

Alibi: Jetzt mal ganz im Ernst. Hätten die Musiker nicht auch mal Lust eine Hook zu schreiben oder sogar zu singen?
Bernd: Er (Karl, Anm. d. Red.)singt ja.
Karl: Ich singe die Refrains und doppel ihn.



Alibi: Die Refrains sind alle von dir gesungen?
Karl: Ja!
Bernd: Also live mache ich auch keine einzige Gesangspassage, wenn sie nicht total simpel ist, mit. Aber Karl doppelt mich.

Alibi: Du kannst gar nicht singen?
Bernd: Nein und ich will das auch gar nicht auf Teufel komm raus erzwingen. Ich hatte mal überlegt, ob ich Mundharmonika spielen könnte, aber naja…

Alibi: Euer Projekt ist ja insgesamt sehr, sehr stark durch konzipiert. Das Cover, das Artwork, der Name, die Collegejacken. Wer hat sich das ausgedacht?
Karl: Es war eigentlich von vornherein klar, dass wir ein Outfit brauchen weil wir ja gut aussehen wollen. Wir haben lange überlegt und sind dann irgendwann auf die Collegejacken gekommen.
Bernd: Das ist auch eher so ein Ding aus deren Ecke. Ich fand das schon immer cool, als Live-Combo so eine Uniform zu tragen, so Hives-mäßig. Dieses Einheitliche fehlt ja in der Hip Hop Szene vollkommen. Außer vielleicht bei Seeed, wenn man die jetzt bei Hip Hop einordnen würde. Als wir letztens in Berlin gespielt haben, ist das den Leuten auch richtig krass aufgefallen das wir uns Gedanken darüber gemacht haben. Die meinten alle, dass wir total geil aussehen mit dem Outfit. Beim Hip Hop ist es ja…
Till: Na, die sind ja auch allein.
Karl: Wir sind eine Gruppe, aber dadurch braucht nicht jeder seinen eigenen Namen. Wir sind halt Neon Blocks. Da gibt’s nicht noch…(überlegt) Bass Master Tilli. Wir sind eins!

Alibi: Ihr habt euch also schon richtig hingesetzt und euch Gedanken gemacht?
Karl: Das darf zwar niemand wissen, aber wir haben uns Gedanken gemacht.
(Gelächter)
Karl: Bei Rap-Gruppen hat ja trotzdem jeder seinen eigenen Namen. Bei Indie-Bands hat keiner noch einen eigenen Indie-Namen.
Bernd: Stimmt schon.

Alibi: Diese Uniformierung ist also schone eher so eine Indie-Sache?
Bernd: Das ist alles zusammen einfach das Beste aus zwei Welten.

Alibi: Im Hip Hop gibt es ja auch diese Zwiespältigkeit. Einerseits sind Klamotten total wichtig, aber andererseits darf es nicht zu viel sein, weil es dann ja schwul und unmännlich wirkt.
Bernd: Das stimmt. Das ist ein lustiges Paradoxon, dass die sich alle total viele Gedanken über ihr Aussehen machen und dann nach außen total „No Homo“ sind. Ach ja übrigens: Ich finde alle Rapper scheiße, die „No Homo“ ernsthaft verwenden. Das ist so krass dumm. Muss ich auch mal einem Kool Savas sagen-tut mir echt leid für dich. Ich kann das nicht gut finden.

Alibi: Geht es dir jetzt nur um die Phrase oder-
Bernd: (unterbricht) Nein, diese ganze Homophobie im Hip Hop. Das ist ganz dumm. Ohne Scheiß jetzt, das ist ganz dumm. Bei Dancehall ist es dasselbe, fast sogar noch schlimmer. Auf der einen Seite sind sie gegen Nazis, was ja im Hip Hop auch sehr verbreitet ist, so nach dem Motto “Yoyo, wir sind voll die toleranten Typen und meine ganze Gang besteht aus Farbigen“ und dann ist es aber total normal wenn man gleichzeitig Schwulsein für eine Krankheit hält. Oder das man dann in Songs sagt das gleichgeschlechtliche Partnerschaften abartig sind und das dann auch noch normal findet. Wie ein Savas sowas auf seinem Album sagen kann…also das kann er ja gerne sagen, aber ich halte ihn dann, zumindest in diesem Zusammenhang, für nicht sonderlich intelligent. Wenn das jetzt eine Meinung wäre oder ein politisches Statement, dann von mir aus. Aber so muss man sich dann eben auch in einen Topf mit Neonazis werfen lassen. Also zumindest wenn er das politisch so sieht. Und wenn nicht, dann ist es einfach nur Dummheit.
Karl: Ist Kool Savas ein Neonazi?
Bernd: Nein und wenn es nicht politisch motiviert ist, ist es einfach dumm.

Alibi: Man könnte natürlich auch sagen, dass es eine Reflektion dessen ist, was die Jugend heutzutage darüber denkt oder?
Bernd: Auf jeden Fall.

Alibi: Es ist ja ganz normal das Wort schwul als Schimpfwort zu gebrauchen.
Bernd: Ja, aber wenn du jetzt sagst „Das ist schwul“, dann ist das ja so wie wenn du sagst „Ey voll behindert“. Da denkst du ja auch nicht an jemanden im Rollstuhl. Weißt du wie ich das meine? Das kann ich schon verstehen, wenn einem das mal rausrutscht. Aber es gibt da einen Unterschied zwischen diesem Spiegel der Gesellschaft, was sich Rapper ja immer gerne als Schutz vorhalten, also jemandem der das nur so sagt, weil er das von seinem Umfeld kennt und dem, der vor einem Blatt Papier sitzt und es aufschreibt. Der reflektiert ja dann auch noch mal darüber. Derjenige sagt es bewusst in einem Text und das ist für mich der Unterschied. Wenn du das ganz bewusst nach außen trägst, dann musst du dir halt auch…also ich bezweifle das es Kool Savas stört, dass ich das dumm finde…

Alibi: Wahrscheinlich nicht.
Bernd: Aber dann muss er sich das auch gefallen lassen, wenn ich sage, dass es dumm ist.
Karl: Ich stell mir grad vor wie du zu ihm sagst „Ey du Arschloch!“
Bernd: Wie gesagt, wenn man das im Alltag sagt, weil es einem rausrutscht, dann ist das ja ok. Aber wenn jemand wirklich ernsthaft denkt, dass Schwulsein eine Krankheit ist, die man heilen muss oder ein Virus der um sich greift oder das es an der Erziehung liegt, dann ist das, Rapper oder nicht, dumm. Und das stört mich auf jeden Fall. Diese ständige, latente Homophobie.



Alibi: Das heißt diese Musiker müssten mehr Verantwortung übernehmen?
Bernd: Nö. Das ist mir völlig egal. Die müssen ja selber damit klarkommen. Ich sage ja auch nicht, dass die sich jetzt gegenüber der Gesellschaft rechtfertigen müssen. Ich sage bloß, dass ich es persönlich für dumm halte. Ich maß mir nicht an für alle die, die es in der Gesellschaft betrifft, zu sprechen. Ich finde sowas einfach nur dumm.

Alibi: Aber musikalisch beschäftigen euch solche politischen Themen ja nicht weiter oder?
Bernd: Also rein technisch fände ich es schon schwer einen guten politischen Song zu schreiben. Ich habe auch Respekt vor Leuten, die sowas gut hinkriegen. Aber ich hab auch schon genügend Songs gehört, die ich so krass peinlich fand. Bei diesem Liebes-Song auf dem Album hab ich z.B. auch sehr lange überlegt, ob ich ihn drauf lasse oder nicht. Denn wenn sowas schief geht, und das kann man ja selber schwierig beurteilen, kann es auch richtig peinlich werden.
Karl: Nochmal zu deiner Frage wegen den politischen Themen. Ich finde es eigentlich ganz cool, dass die Songs nicht abgestempelt werden, als etwas womit wir was bewegen wollen. Sondern das da einfach Zeilen dabei sind, die was aussagen, aber durch die die anderen Songs nicht abgestempelt werden.
Bernd: Wenn du da jetzt unbedingt einen roten Faden suchen willst, dann findest du mit „Scheissindiedisko“ und „Randale“ voll die Blödel-Songs, aber mit „Zu Jung“ und „Ich hau rein“ ist es wiederrum nicht so eindeutig. Da weiß man ja auch nicht genau wie ernst das gemeint ist. Es ist dann einfach nicht so klar. Wir sind nicht die totalen Partytypen die mit Phrasen um sich schmeißen. So „Yeah, Yeah, Yeah“-mäßig. Wir sind aber auch nicht die, die unbedingt was bewegen wollen mit politischen Parolen. Uns ist auch wichtig, dass ein Song einfach cool ist weil es ein cooler Song ist. Und nicht weil sich damit eine politische Gruppe angesprochen fühlt, weil wir einen Greenpeace-Song gemacht haben oder irgendeinen krassen Anti-Nazi-Song oder weil wir einen Hetz-Song gegen Homosexuelle gemacht haben. Das ist ja auch Quatsch. Obwohl ich jetzt zwanzig Minuten darüber geredet habe, wie schlimm ich das alles finde, hab ich trotzdem im Club zu Beenie Man getanzt. Wie heißt denn dieser Song?
Till: Chi Chi Man!
Bernd: Dazu hab ich, wie gesagt, trotzdem getanzt. Ein guter Song ist eben ein guter Song, weil es ein guter Song ist. Und so gehen wir auch unsere Musik an.
Till: Ja gut, aber wir reden nicht die ganze Zeit von verbrannten Schwulen.
(Während ich auf Toilette bin, läuft die Aufnahme weiter. Die drei Künstler stellen sich eigene Fragen und philosophieren lautstark. Zwischendurch fallen immer wieder Beleidigungen)

Alibi: Um nochmal auf Chemnitz sprechen zu kommen. Es gibt dort ja eine sehr vitale Musikszene, vor allem im Hip Hop Bereich. Arbeitet man da viel zusammen?
Bernd: Schon. Auch im Vergleich zu anderen Städten, in denen vermeintlich mehr abgeht, wie Leipzig und Dresden. Hier gibt es z.B. ein sehr erfolgreiches und großes Electro-Label.
Karl: In Chemnitz kennt die aber kaum einer.
Bernd: Die machen jedenfalls richtig krass Action, z.B. auch in Japan. Dann gibt es das splash!, die sitzen ja immer noch in Chemnitz. Was DJs angeht, fällt mir jetzt, außer vielleicht Berlin, keine Stadt ein die so einen guten Ruf genießt. Ron, Maxxx und Shusta sind ja schon fame.
Till: Chemnitz ist halt eine kleine Großstadt, wo man eben ziemlich einfach seine Kontakte findet. In Berlin ist das sicher schwieriger, weil es da so ein Überangebot gibt.
Karl: Naja, hier ist es vielleicht einfacher Kontakte zu finden als in Berlin, aber da sind es dann vielleicht auch bessere Kontakte.
Till: In Chemnitz trifft man aber nicht so viele Aufschneider.

Alibi: Also ist es schon so, dass man sich kennt und respektiert und gegebenenfalls auch zusammen arbeitet?
Bernd: Auf jeden Fall. Die ganzen DJs sind alles super Jungs. Das sind alles coole Typen.

Alibi: Wie kommt eure Musik bei denen an?
Bernd: Gut. Die haben natürlich mehr diese ganze Bernd Bass-Geschichte gespielt. Und das war cool. Die haben das in den Clubs gepumpt und das ist doch echt schön, wenn Leute in den Club gehen und da dann zu der Musik ihrer lokalen Künstler tanzen können. Das ist schon cool, wenn ich auf eine Party gehe und dann kommt da mein Song. Ich weiß natürlich nicht, ob die das Kraftklub-Zeug spielen, weil sie sicher etwas Schiss haben, ob das jetzt auch funktioniert. Aber z.B. „Vollmond“ von unserem Album „Mit Handtuch und Kapuze“ war ein richtiger Clubhit in Chemnitz. Das haben die immer gespielt in den letzten zwei Jahren. Das lief in der Primetime und dann ging´s ab. Am Anfang als wir bei Shusta aufnehmen waren, meinte der immer so „Nee, scheiße!“ Aber nach einer Weile fand er es dann cool. Und weil er auch meinen Vater kennt, wusste ich dass er das dann auch wirklich so meint, wenn er sagt, dass es cool ist. Wie gesagt, die sind alle echt super und man kann gut mit denen arbeiten. Die unterstützen sich auch alle gegenseitig. Für die Partys die ich mache, buche ich dann natürlich auch diese DJs und im Gegenzug spielen die unsere Songs oder helfen uns weiter mit ihren Kontakten. Das ist in Chemnitz eben ein richtiges Nehmen und Geben. Ihr macht das ja auch so mit eurem Blog. Ich kann es nur noch mal sagen: das sind alles überkorrekte Leute, die sich immer gut verhalten.



Alibi: Über das nächste Release habt ihr euch ja noch nicht so viele Gedanken gemacht, aber wie soll das denn jetzt perspektivisch gesehen mit euch weiter gehen. Wollt ihr wirklich davon leben? Ist das für jeden von euch ein Ziel?
Karl: Naja, ich weiß jetzt nicht ob wir das wirklich für den Rest unseres Lebens machen wollen.  
Bernd: Also ich fänd es cool, wenn ich in zwei Jahren davon leben kann. Und alle anderen von der Band auch. Und dass wir dann fünf Jahre von dem leben können, was wir gerne machen.
Karl: Ich fänd es cooler wenn wir fünf Jahre davon leben können und dann die restliche Zeit davon leben  können, was wir in den fünf Jahren verdient haben.
(Gelächter)
Bernd: Wenn du fünf Jahre von Musik lebst, dann erlebst du so viele coole Sachen und triffst so viele Leute. Da ergibt sich was. Wenn das wirklich klappt, und ich weiß ja das wir cool sind, dann wäre das schon ein Traum. Ob wir alle davon leben können, sei mal dahin gestellt, aber ich weiß, dass es erfolgreich werden wird. Es wäre einfach echt cool, wenn wir ein paar Jahre über die Runden kommen würden. Ich mache mir da auch keine Illusionen, dass wir jetzt die nächsten Rolling Stones werden. Sowas gibt’s heute gar nicht mehr. Selbst für Revolverheld wird es in drei Jahren wieder vorbei sein und dann müssen die doch auch gucken was sie machen. Dann werden die auch Schuhverkäufer.
Karl: Oder die werden dann-
Bernd: (unterbricht) Merchstore-Besitzer! Sowas ist ja eigentlich cool. Fänd ich gar nicht schlimm, wenn es so kommen würde.

Alibi: Habt ihr Existenzängste wenn ihr an eure Zukunft denkt?
Bernd: Ach guck mal, wir sind Anfang zwanzig. Wenn wir beschließen irgendwas ganz sicheres zu machen, dann kann ich das auch. Ich hab mein Abi und wenn ich anfangen will zu studieren, dann kann ich das später immer noch machen. Dann kann ich BWL studieren und in die Wirtschaft gehen. Aber ich würde mich ärgern, wenn ich es nie versucht hätte.

Alibi: Ihr sagt ja ganz klar, dass es auf jeden Fall funktionieren wird.
Karl: Es steht schon ganz gut.
Bernd: Wenn wir uns zusammen reißen und nicht alle aufeinander abkacken aus welchen Gründen auch immer, dann-
Karl: (unterbricht) Drogen!
Bernd:..dann kann es-
Karl: (unterbricht) Drogen!
Bernd: Wir haben ja auch schon paar neue Songs aufgenommen. Also nein, eigentlich nicht aufgenommen, aber gemacht.
Karl: Und auch schon live gespielt!
Bernd: Das sind Überhits. Das ist jetzt unsere erste Platte, die wir gemacht haben. Die hast du dir angehört und fandest sie cool. Aber das war nur die erste Idee, die wir hatten und die haben wir gleich aufgenommen. Wenn jetzt in einer Kritik steht, dass es ganz nett ist aber mehr auch nicht, dann ist das nicht schlimm. Es war halt ein Schnellschuss. Im Prinzip war es so. Wir haben uns ja nicht ein Jahr lang in den Proberaum eingeschlossen und 50 Songs gemacht und dann von den 50 Songs die Besten genommen.
Karl: Eben. Wir haben einfach alle sieben Songs genommen.
Bernd: Und wenn jetzt mal jemand ein bisschen Geld anpackt, dann weiß ich das wir irgendwann unser eigenes „Remmidemmi“ haben. Das wird kommen. Das weiß ich. Früher oder später wird dieser Song kommen.
Till: Es kann ja auch sein, dass er jetzt schon dabei ist.
Karl: Ich weiß auch nicht, ob jetzt noch mal ein Label kommt und uns sagt, dass wir es noch mal ordentlich aufnehmen sollen.
Till: Das wird sich ja zeigen, was jetzt durch den neuen Vertrag passiert. Noch ein paar Songs dazu und schon ist es ein Album.

Alibi: Ärgert ihr euch eigentlich gar nicht darüber, dass ihr vor einigen Jahren viel mehr hättet reißen können mit eurem Potential?
Bernd: Ganz im Ernst, bei unserem Hip Hop-Projekt schon. Als ich mir damals bei Fettrap die Klickzahlen für unser Album angesehen habe, habe ich mir schon so gedacht „Ey, wenn jetzt jeder, der sich das runtergeladen hat, fünfzig  Cent bezahlt hätte, dann wäre das echt cool gewesen. Aber ich weiß ja das wir live…also jetzt mal Spaß beiseite…aber live gab es sowas noch nicht. Und du wirst wirklich ziemlich wenige Hip Hop Bands finden, bei denen du so abgehen kannst bei einem Liveauftritt.
Till: Bei uns stehen eben auch fünf Musiker auf der Bühne.
Bernd: Klar, vielleicht hätten wir paar mehr CDs verkaufen können. Vielleicht tausend mehr als wir es jetzt machen. Aber so machen wir eben aus der Not eine Tugend. Es wird eben nicht mehr. Im Endeffekt finde ich es auch gut so wie es ist. Diejenigen, die Musik machen um damit Geld zu verdienen, wie diese ganzen Gangsterrapper, die werden irgendwann einfach kein Geld mehr damit verdienen können.

Alibi: Das ist ja jetzt schon so.
Bernd: Genau. Und diejenigen, die Musik machen, einfach weil sie es gerne machen, die werden immer Musik machen. Und die werden auch noch Musik machen, wenn kein Schwein mehr CDs kauft. Wir werden auch noch Musik machen, wenn die CD zu einem audio-visuellen Flyer geworden ist. Dann ist die CD nur noch ein Flyer für die Tour, damit man die Songs vorher schon mal hören kann. So wird es, denke ich, noch kommen.  In zehn Jahren spätestens. In fünf Jahren wahrscheinlich schon.
Till: Ich denke, die CD wird wie ein Flyer werden, in den man einfach rein hören kann.
(Stille, gefolgt von Gelächter)
Bernd: Das war jetzt relativ ähnlich meiner vorigen Ausführung.
Till: Ja, das ist doch einfach eine geile Idee.
Bernd: In fünf bis zehn Jahren wirst du eine CD in einer Kartonstecktasche bekommen und auf der Kartonstecktasche stehen dann die Toudates drauf. Und diese Kartonstecktaschen werden einfach rausgeballert. Die gibt es dann in jedem Ticketshop. Die nimmst du dir dann mit und es hörst es dir zuhause an. Ich denke diese ganzen Bemühungen der Musikindustrie da noch irgendwie Geld rauszuhauen-
Karl: (unterbricht) Ich denke eher es wird noch mehr spezielle Editionen geben, bei denen man dann ein super Booklet hat. Die muss man dann einfach haben.
Bernd: Vinyl wird immer wichtiger werden. Alles dazwischen wird wegfallen. Kassette ist schon weggefallen und die CD wird es auch. Es wird noch MP3 und Vinyl geben. Beim Vinyl hast du ein riesiges Booklet, das kannst du dir ins Regal stellen und es geil finden. Und MP3 ist für diejenigen, die sich das in den Blogs runterladen, um was zum pumpen zu haben und es ein halbes Jahr später schon wieder vergessen haben. Aber wenn du in dieser Zeit coole Shirts machst und live gut bist, dann läuft das.
Karl: Ein cooles Live-Shirt!
Bernd: Yeah. Das klingt jetzt so arrogant wenn ich das sage. Aber wir haben da einfach einen riesigen Vorteil gegenüber vielen anderen.

Alibi: Das setzt aber auch voraus, dass die Fans, die sich keine CDs mehr kaufen, dann eben zu den Liveshows kommen.
Bernd: Was heißt hier voraussetzen? Du wirst dir nie einen Liveauftritt runterladen können und ein T-Shirt auch nicht. In ferner Zukunft kannst du dir vielleicht irgendwelche Hologramme runterladen. Von mir aus. Aber einen Liveauftritt kann dir nichts ersetzen. Die Leute, die keinen Bock auf Konzerte haben, die gehen auch so nicht zu einem Konzert. Aber die, die schon immer Bock hatten, das sind die gleichen die schon vor 30 Jahren auf einem Konzert waren und die wird es auch noch in 30 Jahren geben. Weißt du wie ich das meine?
Karl: Unsere Generation ist ja so.
Bernd: Ja. Unsere Generation geht auf Konzerte. Als wir im Atomino gespielt haben, war um elf alles ausverkauft. Ausverkauft! Hallo?

Alibi: Hallo? Ein Hund im Bürohoo?
Bernd: Halloho?



Alibi: Aber ihr macht euch da scheinbar schon mehr Gedanken als andere.
Bernd: Klar machen wir uns Gedanken über dieses ganze (flüstert) Geschäft. Aber auch weil es einfach total interessant ist. Man guckt gerade zu wie eine einstmals total mächtige Industrie zu Grunde geht. Das ist schon interessant.
Till: Das klingt vielleicht alles utopisch, aber es wird auf jeden Fall so sein.
Bernd: Das eine einzelne Kassettenfabrik pleitegeht…sowas ist ja schon passiert, aber dass die komplette Musikindustrie, eine komplette Branche umdenken muss und sich um 360 Grad drehen muss…wir schweifen jetzt grad komplett ab…

Alibi: Das gehört ja schon dazu.
Bernd: Ja. Also das so eine riesengroße Industrie nicht weiß was sie machen soll, das ist schon krass.

Alibi: Unterm Strich seid ihr also hoffnungsvoll?
Bernd: Naja, das Ding ist ja, je weniger Macht ein Majorlabel hat, umso mehr Macht haben wir als kleine Band bzw. Chimperator als Indiependentlabel. Ein Majorlabel kann ja auch nicht mehr 100.000 für ein Video ausgeben und dir die überkrassen Plakataktionen bezahlen. Und so schrumpft der Unterschied immer weiter. Für kleine Bands ist es so einfach schöner. Für Placebo ist es vielleicht ein Verlustgeschäft von mehreren Millionen, aber für uns macht es überhaupt keinen Unterschied (lacht hysterisch).

Alibi: Der Weg zu den Frauen und zum Ruhm wird dadurch aber auch nicht leichter.
Bernd: Nö, aber auch nicht schwerer. Wir machen ja jetzt schon seit Jahren Musik und spielen uns durch die kleinen Kaschemmen. Und so langsam bauen wir uns so einen Fan-Stamm auf, der immer wieder gerne hinkommt, um es live zu erleben. Und sowas hat Nevada Tan nicht gemacht, sozusagen. Die haben viele Stufen überspringen. Und das tun wir nicht. Wir spielen uns von kleinen Clubs in größere Clubs und irgendwann spielen wir dann in Hallen.
Karl: Am Flughafen!
Till: Du musst auf jeden Fall schreiben, dass die Indie-Fraktion im Laufe des Abends immer stiller geworden ist.

Alibi: Es ist ja nicht unüblich, dass eine Band ein Sprachrohr hat das dann auch am meisten redet.
Till: Wir haben dafür unsere Instrumente.
Karl: Wenn ich was sagen will, mach ich (imitiert Bass-Laute)

Alibi: Ich kann euch leider schlecht zu einzelnen Akkorden befragen.
Till: Nee, das war ja auch keine Kritik.
Karl: Es geht ja um Kraftklub.
Bernd: Wir sind ja jetzt nur zu dritt. Wenn wir das Interview in Chemnitz führen würden, wären wir zu fünft und es wäre noch anstrengender.

Alibi: Mit Randiepop habt ihr ja schon euer eigenes Genre geschaffen. Besteht da gar keine Gefahr, dass das ganze mal langweilig werden könnte. Noch mal das Stichwort Genre-Hopping. Könntet ihr euch auch vorstellen, mehr in Richtung Blues oder Heavy Metal zu gehen?
(Geflüster)
Karl: Wir haben dieses Genre erschaffen.
Bernd: Wenn es Nachahmer gibt, dann ist das unser Erbe. Irgendwann wird es eine Band geben die Café Orange heißt und die voll am Durchstarten ist. Und wenn du dann fragst was die für Musik machen, dann wird es heißen „So wie Kraftklub eben“. Vielleicht machen die das noch mit mehr Synthesizer, das kann gerne so kommen. Aber wir waren die Ersten.

Alibi: Aber mit Electro-Rap warst du nicht der Erste.
Bernd: Nee. Aber ich war mit Gangster-Rap der Erste (Gelächter)
Till: War nicht eigentlich jeder mit Gangster-Rap der Erste?
Karl: Aber es ist nicht so offensichtlich wie bei Frittenbude oder Deichkind. Es gibt da ein paar Parallelen, aber sonst…
Bernd: Bei uns war es weniger dieses Parolen-Dingsbums. Wir waren noch ein bisschen mehr Rap. Bei Frittenbude und Deichkind gab es immer diese Parolen.
Karl: Oder bei Mediengruppe Telekommander. Weiß nicht, ob du die kennst?
Bernd: Das war immer so (imitiert schrille Laute)

Alibi: Ich wollte eigentlich auch nur etwas provokant auf dieses Genre-Hopping zu sprechen kommen. Ich finde schon, dass das ein Merkmal von dir ist.
Bernd: Ja, aber das liegt nur daran, dass ich das alles interessant finde. Bei dieser rap.de-Review gab es z.B. keine Referenz zu Bass Boy, sondern da war ich einfach nur der Rapper von Kraftklub. Das fand ich schon interessant wie das dieser Reviewer gesehen hat, der ja weder wusste wer Bass Boy ist, noch wer Neon Blocks sind. Er hat sich einfach nur dieses eigenständige Produkt angeguckt und es auch so beurteilt. Der wurde ja viel gescholten, der arme Mensch.
Till: Naja, der hat halt erst mal alle Crossover-Bands, wie Rage Against The Machine und so, gedisst. Er meinte das wäre alles scheiße, aber jetzt mit Kraftklub gäbe es das mal in geil. Da haben die Leute natürlich gesagt, dass Rage Against The Machine die Geilsten sind. Kraftklub ist zwar cool, haben viele geschrieben, aber Rage Against The Machine darf man nicht dissen.

Alibi: Auf dem Album fallen ja auch viele Referenzen, wie bspw. The Hives, die ihr ja eher nicht feiert-
Karl: (unterbricht) Natürlich feiern wir The Hives!

Alibi: Was feiert ihr denn als Musiker noch so?
Karl: The Hives sind z.B. eine Hammer Live-Band. Die sehen sehr gut aus und haben eine coole Uniform.
Till: Die machen einfach geile Musik. So wie Bernd halt irgendwelche Rapper feiert, so feiern wir die.
Karl: Die haben halt ihren eigenen Stil.
Till: So wie Who Made Who. Die fahren auch ihre eigene Schiene.
Karl: Nee, die nicht.
Till: Na doch, die haben schon ihren eigenen Stil.
Karl: Aber nicht so wie The Hives.

Alibi: Euer Sprachrohr ist ja Bernd, euer Sänger. Karl singt zwar die Hooks, aber Bernd ist eure Stimme. Und ich finde, dass das auf der EP so nicht rüberkommt, dass ihr, die Musiker, diese Art von Bands feiert.
Karl: Von der Musik her merkt man das schon.

Alibi: Ok, aber das sind ja nur Referenzen oder?
Till: Na, die Musik ist doch unser Sprachrohr.
Bernd: Das finde ich ja interessant, wenn die Musik eine klare Sprache Richtung Indie spricht und ich konkret sage „Ich scheiß auf die Hives“, dann ist das interessant. Damit haben wir ja absichtlich gespielt. Wir sagen, dass wir die Killers scheiße finden und dann gibt’s da „Scheissindiedisko“, was ja ein ganz offensichtlicher Indie-Song ist, der sich über Indie lustig macht. Das ist einfach ein interessanter Konflikt, den wir musikalisch verarbeiten wollten.

Alibi: Als Hörer kann man den Eindruck gewinnen, dass sich das beißt oder dass es nicht passt.
Karl: Aber das wär ja ziemlich blöd von uns, wenn uns das vorher nicht aufgefallen wäre.
Till: Ey, scheiß Indie…oh wir machen ja selber Indie (Gelächter)

ENDE


Kommentar ohne Titel

geschrieben von:zalado - die faus des todes!
am: 4.05.2010 um:13:34
olé!
chemnitz ist schwul! no homo!

Kommentar ohne Titel

geschrieben von:Anonymous
am: 4.05.2010 um:14:07
Coole Jungs, das mit der homophbie im (deutsch-)Rap seh ich genaau so!
Nur etwas gekürzt hätte mir das Interview besser gefallen!

Kommentar ohne Titel

geschrieben von:Anonymous
am: 5.05.2010 um:08:19
Ich finde das Interview korrekt so lang. Macht ja auch Spaß mal was zu lesen ... so.

Kommentar ohne Titel

geschrieben von:Gizzle
am: 6.05.2010 um:12:32
Unterhaltsames Interview, auch wenn es nich so meine Musik ist! Die Länge is vollkommen ok, wird ja nich langweilig.




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