KiD CuDi:
Man on the moon

Die Geschichte, wie Kid CuDi zu seinem Majordeal mit Universal kam, ist wieder eine dieser typischen Stories, die nur aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten stammen können. Ein junger Musik bzw. Hip Hop-Nerd aus Cleveland, Ohio, zieht nach Brooklyn zu seinem Onkel und hält sich dort mit Gelegenheitsjobs gerade so über Wasser, weil er die Freiheit sucht. Freiheit bedeutete für ihn auch, einfach Musik zu machen, die ihm am Herzen lag. In der Zeit hat er viel über Musik gelernt und somit konnte CuDi seine Fertigkeiten genauer ausbauen. Irgendwann entstand dabei das Mixtape "A KiD named CuDi", welches über die große Welt der Blogosphäre der Öffentlichkeit präsentiert wurde und seinen Bekanntheitsgrad erheblich steigerte. Zudem zog einer seiner Songs, nämlich "Day n nite" sehr viel Aufmerksamkeit auf sich. Der dazugehörige Remix der Crookers, einem Dance- sowie Uptempo-Produzentenduo aus Italien, brachte den Song nun auch in die Clubs und Discos und verhalf CuDi zu noch größerer Bekanntheit. Irgendwann ging es wirklich Schlag auf Schlag. Er zog sogar die Aufmerksamkeit von Kanye West auf sich und dieser nahm in schnell auf sein eigenes Label "GOOD Music" auf. Durch das Feature, das KuDi auf dem letzten, weltweit erfolgreichen Kanye West-Album "808s & Heartbreak", wurde sein Hype weiter angefacht.
Die letzten Jahre hat das Internet sich zum Promotion-Medium schlechthin entwickelt. Noch nie konnte man so ein weitreichendes Netzwerk zu Menschen auf der ganzen Welt knüpfen und sein Material unter die Leute bringen. Auch in der Hip Hop-Szene kam es die letzten Jahre immer wieder dazu, dass gewisse Newcomer durch das Internet und insbesondere durch diverse Blogger einen Hype im Netz bekamen. Rapper wie z.b. Drake, Charles Hamilton oder eben auch KiD CuDi wurden so weltweit bekannt, ohne dass sie die Wege der Musikindustrie nehmen mussten. Erst durch diese Internethypes wurde vielen von diesen Rappern zu einem richtigen Plattenvertrag verholfen. Manche jedoch wollen sich bewusst noch etwas Zeit damit lassen und warten auf ein Angebot eines Labels, das in ihnen mehr sieht als nur eine Methode, schnell Geld zu machen. KiD CuDi ist, seit es hieß, dass sein Debutalbum ebenfalls über Universal erscheinen sollte, derjenige von diesen Rappern, dem als erstes der ganz große Durchbruch gelingen könnte, Die Mittel, die Aufmerksamkeit und das musikalische Talent dazu hat er sowieso. Möglicherweise ist er einer der Musiker, die ein neues Zeitalter in der Musikindustrie einleiten. Dies bezieht sich sowohl auf seinen Verlauf, den seine Karriere nahm als auch auf sein musikalisches Verständnis.
Auch wenn CuDis Musikstil der Hip Hop-Ecke zugeordnet wird, reicht sein musikalischer Horizont weit darüber hinaus. Die Beats, die er pickt, enthalten oft nicht nur Elemente aus dem Hip Hop und R'n'B, sondern fast genauso oft welche aus Pop, Rock, Electro, Dance, Uptempo usw. Zudem singt er oft mehr als dass er rappt, wobei es sich bei seinem Gesang auch oft nicht um das handelt, was man unter richtigem Gesang versteht. Oft summt und nuschelt CuDi mit leider und ruhiger Stimme auf seinen Songs. Seine Texte handeln oft von sehr persönlichen Dingen, ohne dass es kitschig wird. Seine Musik klingt verträumt, ohne dass sie langweilig klingt oder nicht ernst genug wirkt. Man merkt deutlich, dass er einer dieser Musikliebhaber ist, die mit verschiedenen Genres aufgewachsen sind und sich nur schwer in eine Schublade stecken lassen wollen. Er ist einer derjenigen, die Musik in erster Linie durch die großen Massenmedien wie das Radio, das Fernsehen und vor allem das Internet kennen gelernt haben. Was ihn und auch viele seiner Fans auszeichnet, ist allerdings, dass er sich nicht mit allein mit dem vernügt, was er vorgesetzt und vorgekaut bekommt. Er sucht selbstständig nach neuen, musikalische Ufern, die ihm zusagen, und lässt diese Einflüsse in seine eigene Musik mit einfließen. Für Hip Hopper mit einer klassischen Ansicht, wie Rapmusik zu klingen hat, mag dies grauenhaft klingen. Für Leute wie Kid CuDi ist es jedenfalls ein Alptraum, den gängigen Normen zu entsprechen und sich somit seiner eigenen, persönlichen sowie künstlerischen Entwicklung im Weg zu stehen. Wegen Leuten wie ihm gewinnt Hip Hop neue Facetten, die überlebenswichtig für diese Musikkultur sind, wenn sie auch in zukunft relevant bleiben will.
Nun hat sein Internethype fast schon unmenschliche Erwartungen an sein Debutalbum ausgelöst, erst recht, wenn man betrachtet, was für eine zurückhaltende, bescheidene und schüchterne Person KiD CuDi ist. Er wirkt alles andere als abgehoben, vermutlich scheint er sich auch seiner Situation nicht vollständig bewusst zu sein. Schließlich ist er gerade mal 25 Jahre alt und kann es immer noch nicht glauben, was er da jetzt alles schon erreicht hat. Dennch scheint er sich sehr bewusst zu sein, was er im Studio macht und sein erstes Album kann sich wirlich sehen lassen.
Zuerst muss gesagt werden, dass es ein Konzeptalbum ist, aufgeteilt in 5 Akte. CuDi selbst bezeichnet das Album als den Film zu seiner Fernsehserie, die seine Mixtapes bilden. Das Album erzählt den Verlauf eines Abends bis zum nächsten Morgen und beginnt selbst damit, dass er einschläft, Somit spiegelt dieses Album alles wieder, was ihn eigentlich und sich in seinen Träumen abspielt: Ärger mit Frauen, Existenzängste, Selbstzweifel, schlechte Erinnerungen und vieles mehr. manche Songs haben sogar in Klammern "Nightmare" stehen. Im Verlauf des Albums scheinen die Grenzen zwischen Fiktion und Realität zu verwischen. Das heißt, dass manche Dinge vielleicht so überdramatisch dargestellt werden, wie sie in Wirklichkeit gar nicht sind. Das Album hat auch durchgehend eine sehr verträumte und melancholische Atmosphäre, die perfekt zu nächtlichen Aktivitäten passt. Der Albumtitel ist also von daher nicht von ungefähr gewählt. CuDi schlüpft auf dem Album in die Rolle des notorischen Außenseiters, der das Gefühl hat, nicht in diese Welt und ihre gängigen Normen zu passen. Er ist eben der Mann auf dem Mond, der dort alleine sein Dasein fristet und zusehen muss, wie die Welt sich ohne ihn weiterdreht. Der Mond an sich ist ja auch schon ein Symbol für Dinge wie Romantik oder Sehnsucht und diese Begriffe sind auch Themen auf dem Album. Dennoch scheint er aus eben dieser Situation, allein zu sein Kraft zu schöpfen, weil er dabei merkt, dass er etwas besonderes und einzigartiges ist. Diese Erkenntnis kommt auch am Ende des Albums auf. Doch gehen wir erst einmal Schritt für Schritt vor.
Der erste Akt namens "The end of day" beginnt, wie gesagt, mit dem Einschlafen, nämlich dem als Intro fungierenden "In my dreams (Cudder anthem)". Der Beat des Songs ist extrem langsam und erweckt mit seinen verträumten Sounds, seinem schlafliedähnlichen Gesang und seinen Zeitlupendrums wirklich das Bild, dass da jemand gerade, völlig müde und erschöpft vom Tagesgeschehen, jeden Moment die Augen schließt und einschläft. Dabei wird CuDi bewusst, dass er in seinen Träumen scheinbar tun und lassen kann, was er will und sich somit von seinen Problemen abkenken kann:
"I can have anything and everything I ever wanted/ yeah, I can thin of anything and everything I ever needed/ right here in my dreams/ Everything is a okay/ I don't worry 'bout anything/ 'cause everyday, everyday is sunny"
Man muss jedoch kein Hellseher sein, dass das ganze anders verlaufen wird, denn unverhofft kommt oft. Auf "Soundtrack 2 my life" kommen im verschiedene Kindheitserinnerungen in den Sinn, die nicht immer schön waren. Der Beat stammt, wie der erste Song, von Emile Haynie und sorgt für eine schön melodiöse und zugleich tanzbare Unterlage für diesen persönlichen Song:
"No sitcom could teach Scott 'bout the dram'/ or even explain the troubles that haunted my mom/ on christmas time, my mom christmas grind/ got the most of what I wanted , how'd you do it, mom? huh?/.../ A independent, older sister kept me fly when she could/ but they all didn't see the little sadness in me/"
"I've got some issues that nobody can see/ and all these emotions are pouring out of me/ I bring them to the light for you, it's only right/ this is the soundtrack to my life"
"The moon will illuminate the room/ and son, I'm consumed by my doom/.../I live in a cocoon opposite of Cancun/ where it's never sunny, the dark side of the moon"
"I am happy, that's just the saddest lie"
Zudem rappt er dort über seine Familie und über das, was CuDi macht, wenn ihn diese Erinnerungen, vorzugsweise nachts, einholen. Der Text ist somit sehr persönlich, ehrlich und gleichzeitig bildlich. Dieser Song ist CuDi wirklich sehr gut gelungen!
Ein weiteres Highlights ist "Solo Dolo", mit dem der 2. Akt namens "Rise of the night terrors" heißt. Der Song ist sehr minimalistisch gehalten, CuDi singt oft nur noch irgendwelche Satzfetzen und Worte über diese Stringkompsition von Emile Haynie
"Why must it feel so wrong/ when I try to do right?/.../When I'm closing my eyes, I 'm Mister Solo Dolo"
Auf "Heart of a lion (Kid CuDi theme music)" spricht CuDi sich schließlich selbst Mut zu, um über all diese Zweifel hnwegzukommen. Mit einem mantraartigen Flow arbeitet er sich auf dem monotonen Pianobeat vor und wirkt hier und da in seinem Bestreben, Mut zu fassen, dennoch etwas verunsichert:
"When I recollect how it used to be like David and Goliath/ Kinda like me and the devil tryna rip out my soul"
"At the end of the day, day/ I'm walking with a heart of a lion"
"I can't see ahead of me, so I move in stealth/ Hide and seek within a dream I seem to glide above my horror"
Dieses leichte Gefühl an Optimismus und Selbstvertrauen wird jedoch in dem nachfolgenden Song "My world" gleich wieder zerschmettert. Dort erzählt er von seinem Dasein als Außenseiter, als er ein Jugendlicher war und den Mädchen zu freakig erschien, wie er seine Jobs der Musik wegen alle aufgegeben hat und dass er sich von vielen Menschen bis heute unterschätzt fühlt. Danach folgt das ja schon sehr bekannte "Day n nite", dass auch bei mir schon vor Albumrelease rauf- und runterlief und weltweit die Charts stürmte. Hiermit wird der 3. Akt namens "Taking a trip" eingeleitet. Dieser Song ist einfach mordsmäßig geil und ansteckend! Diese Melodie, dieser Gesang, dieser Text und dieses "What?" im Hintergrund, einfach nur hammer! Die Melodie des Beats soll CuDi ja nach eigenen Angaben ja während einer seiner Nachtschichten in einem seiner ungeliebten Jobs in sein iPhone eingegeben haben. Dieses Gefühl der nächtlichen Unruhe kenne ich auch nur zu gut.
"Day and night/ I toss and turn, I kepp stress in my mind, mind/ I look for peace, but see, I don't attain/ why I need for keeps, this silly game we play, play/.../Madness the magnet keeps attracting me, me/ I try to run, but see, I'm not that fast/ I think I'm first, but surely finish last"
"Day and night/ the lonley stroner seems to free his mind at night/ He's all alone through the day and night"
"The girl he wants don't seems to want him too/ It seems the feelings that she had are trough"
Der dazugehörige, ebenfalls bekannte Crookers-Remix ist ebenfalls als Bonustrack auf dem Album vorhanden. Hier finde ich aber, dass die hinzugefügten Sounds in der Hook etwas dissonant zum Gesang sind, auch wenn sie dieselbe Töne wie die ursprüngliche Melodie haben. Das Original gefällt mir besser.
Dass CuDi einerseits so traurige und persönliche Songs macht und die andererseits aber doch so schön klingen und sogar teilweise einen gewissen tanzbaren Touch haben, macht ihn zu etwas ganz besonderem.
Dann folgt das von Kanye West gelacete "Sky might fall", das auch schon vor Albumrelease für Begeisterung sorgte. Auch hier beweist sich CuDi als fantasievoller und talentierter Lyricist:
"Take what you need from the valley of the hope/ where even if you drown you'll be be floating higher up/ and can say bye, bye, bye/ sky might be falling, but remember you can fly, high"
der 4. Akt "Stuck" beginnt mit dem mit coolen E-Gitarren-Riffs versehenen "Alive". Hier bezeichnet sich CuDi als ein werwolfartiges Monster, das dazu verflucht ist, die für ihn passende Frau zu finden, damit diese seinen Fluch brechen kann. Zugleich ist genießt er es aber auch, sich an den Frauen zu berauschen, die er zwar bekommt, aber die seinen Fluch nicht brechen und seinen Durst nach mehr Frauen nicht stillen können. Dieser innere Konflikt beschäftigt ihn und das drückt der Song aus:
"Everytime the moon shines, I become alive"
"I smell her scent and I know I will find her soon, soon, soon/ the one to come and free me from this fate"
"A sexy lady whose pure/ she has the cure / and I hope she can find the man within the beast/ and I hope she saves me from the curse I have to be"
"Make her say" feat. Common und Kanye West, der den Song auch produziert hat, enthält Vocalsamples aus dem Song "Pokerface" von Lord ääääh, ich meine Lady Gaga, was mir persönlich schnell auf den Sack geht, da ich den Song von ihr schon fast nich mehr hören kann. Ich finde ihren Song schon gut, aber man kennt ihn schon zu gut. Der Song von CuDi scheint auch als nächste Single vorgesehen zu sein, was ich jetz eher weniger gut finde. Für mich ist dies eine der schwächeren Nummern, da es hier um das altbewährte Groupiethema geht, was wir im Hip Hop schon zu oft hatten.
Auf "Pursuit of happiness" fängt das Album an, fröhlicher zu werden und allmählich merkt man, dass CuDi am Ende seiner nächtlichen Reise ankommt. Der folgende 5. und zugleich letzte Akt "A new beginning" verdeutlicht dies noch mehr. Zuerst kommt das von dem deutschen (!) Produzenten Crada gebaute "Hyyerr" feat. Chip the Ripper. Hier geht es ums Kiffen, was ja auch eines der Klischeethemen von Rapmusik ist. Der schön langsame und entspannte Beat und die Lässigkeit, die CuDi und Chip hier an den Tag legen, können aber dennoch überzeugen. Mit "Up, up away" ist der Mann auf dem Mond dann auch am Ende seiner Reise angekommen und diesen Song kann man mit seiner Gitarrenmelodie getrost als sehr gut gemachten Popsong bezeichnen. Hier überwindet CuDi endlich all seine Zweifel und Ängste und gelangt zu der Erkenntnis, dass er all seine Probleme jederzeit auch regeln und somit überwinden kann:
"Those happy thoughts in my head/ I'm feeling like I'm Peter Pan, minus the tights and the fairies/ Happy to see how far I've come to the same place/ It began my dreams imagination/ perfectly at peace so I move along a bit higher"
"I can take care of my mom and my little niece Zuri/ so sing along little mama/ You ain't gotta worry 'bout no drama, no/ I provide for friends and fam and fans/ a Cleveland city grinder man/.../ The key is hope, I never let a motherfucker break me, dog"
Hier wird CuDi sich auch seiner Situation bewusst, in der er sich als Künstler befindet. Er hat einen Hype, hat viele Leute, die ihm zuhören und die ihn mögen und somit kann er gar nicht so flasch liegen mit dem, was er so tut. Jetzt liegt es an ihm, etwas daraus zu machen.
KiD CuDi wirkt auf seinem Album sehr sympathisch und trotz Hypes alles andere als abgehoben. Dadurch, dass er sich als nicht perfekter Mensch mit einigen Schwächen präsentiert, können sich viele Leute automatisch mit ihm identifizieren. Hier hat man das Gefühl, dass CuDi einen wirklich mit auf seinen Trip nimmt und mit einem selbst dabei spricht. Hinzu kommt sein musikalisch ausgezeichneter Geschmack sowie sein Mut, auch mal gewisse stilistische Grenzen zu überschreiten und Innovationen zuzulassen, ohne dass das Ganze sich unausgereift anhört oder aufgesetzt klingt, nur um eine breitere Masse zu erreichen. Somit könnte dieses Album zu einem Klassiker für einen neuen, futuristischen Hip Hop-Sound werden, der gerade Fuß fasst. Es mag sein, dass er nun zu einem neuen Star am Hip Hop Himmel wird, auch wenn er weder vom Aussehen und Benehmen noch der Musik her dem gängigen, klischeehaften Bild eines Rappers entspricht. Er singt ja sogar hauptsächlich auf diesem Album. Rappassagen sind eher die Ausnahme. Trotzdem braucht Hip Hop Leute wie ihn, denn jede Musikrichtung muss sich zwangsweise weiterentwickeln, um immer noch wichtig zu sein. CuDi ist nur einer von vielen, die genauso denken und Musik machen wie er, es werden noch viele folgen. Wir können also gespannt sein, was und alles noch erwartet. Es wird auf jeden Fall alles andere als langweilig werden.
Wertung: 5 von 6 Punkten
Props aus den USA.
Danke für eure Meinungen! ;)
Gibst dir echt Mühe, weiter so.