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Durchforste ich diese Woche bei meiner allmorgendlichen Online-Lektüre die japanischen Nachrichten, springen mir tagtäglich neue schockierende Zahlen ins Gesicht. Zahlen, die mit jedem Sonnenaufgang auf die stets steigende Anzahl der Toten, Verletzten und Vermissten aufmerksam machen.



In Japan herrscht zurzeit ‚Obon’. Das Festival der Toten und verstorbenen Ahnen, welche – nach buddhistischem Glauben – einmal im Jahr zur Erde zurückkehren und ihre Familien aufsuchen. Eine ca. ein-wöchige Zeitspanne, bei der traditionell Laternen an den Häusern hängen, Tänze aufgeführt, Gräber besucht und an allen möglichen Tempeln Essen für die (zurückkehrenden) Toten angeboten werden. Wie man sich vorstellen kann, bei den hiesigen 90 Millionen Buddhisten ein ziemlich wichtiges Ereignis. Selbst, wenn es kein offizieller Feiertag ist. Gerade deshalb haben es sich die Japaner wahrscheinlich auch zu Eigen gemacht, ihren für sie wichtigen Glauben mit dem wohlverdienten Spaß zu kombinieren. Urlaub.



Ich als inzwischen eingesessene Hausfrau habe ja – theoretisch – jeden Tag Urlaub. Das werden zumindest die meisten behaupten, die meinen derzeitigen Tagesablauf hören. Gut, jedem seine Meinung. Und verglichen mit meinem früheren Job stimmt das wohl auch. Nichtsdestotrotz finden es aber auch die gelangweilten Hausfrauen ab und zu mal sehr entspannend, ihrem Nichtstun zu Hause zu entkommen und mit einem Nichtstun am Meer einzutauschen. Genauso, wie die oftmals nah am Nervenzusammenbruch stehenden Brotgewinner es bevorzugen ihren steifen Anzug gegen die lockere Shorts auszuwechseln. Bei täglichen 35 Grad im Schatten (das ist echter japanischer Sommer!) zwischen Betonklötzern und abgasreichen Vierrädern ja wohl nachvollziehbar. Und so war unsere gemeinsame Entscheidung von einem Tag zum anderen schnell gefasst. Raus aus der Stadt und rein in die Natur. Wir wollten und mussten unbedingt an’s Meer. Die Wahl nach Ibaraki zu fahren, fiel uns eigentlich nicht sonderlich schwer. Die gemietete Unterkunft ist ein Haus mit Selbstverpflegung – das heißt man ist ungestört und nicht an Regeln gebunden; die Besitzerin ist deutsch - das heißt es wird sauber und ordentlich sein; die Autofahrt beträgt nur 1 ½ Stunden – das heißt man kann auch schnell wieder zurück wenn’s einem nicht gefällt oder dauerregnet; die Entfernung zum Strand beträgt nur 100 Meter – das heißt man muss nicht lange laufen; und der Preis war billig – kein wenn und aber. So machten wir uns letzten Freitag zu sechst und mit drei Hunden auf zum ‚Studio Nada Ocean Cottage’ nach Kashima-City in der Ibaraki Prefecture, Region Kanto. Und ja, die Hausfrau ist immer diejenige, die alles planen und buchen muss.



Am gelb gestrichenen Holzhaus so gegen 22 Uhr angekommen, besichtigten wir erst einmal unsere Behausung auf der ersten Etage. Mit dem Rauschen der unsichtbaren Wellen im Hintergrund, der angemessenen Terrasse und der relativ großzügig angelegten Schlafmöglichkeiten war schnell klar, dass wir es wohl nicht besser hätten treffen können. Hocherfreut und geschafft aber mit dem Blick auf die kommenden erholsamen Tage hieß es demnach relativ zügig – Flaschen und Gläser raus, wir trinken einen unter freiem Himmel! Und das haben die ein oder anderen (wie immer) wohl auch etwas übertrieben. Ich sollte es mir zumindest zur Regel machen zum Wasser zu greifen, wenn ich meine Zigarette nur noch mit einem zugegekniffenen Auge anmachen kann. Soweit ich mich aber erinnern kann, war der Sonnenaufgang um 5 Uhr noch sehr schön. Mit dem Alkohol im Blut, war allerdings am nächsten Morgen/Mittag das Verlangen nach Toast und Marmelade ziemlich gering. So zerrten die verschiedensten Körper eher nach kräftigendem robusten Essen statt nach traditionellem Frühstück. Für manch einen hieß das natürlich McDonalds und für die anderen Yakitori, Tomkatsu oder Teriyaki Chicken. Alles – erstaunlicherweise - sogar im Ort erhältlich. Und dabei dachte ich schon in einer plumpen Dorf-Einöde gelandet zu sein. Aus Erfahrung ist das nämlich nicht immer so. Oft ist man bei Selbstverpflegung wirklich auf seine Mitbringsel angewiesen. Vor allem dann, wenn der Urlaubsort (noch) nicht sehr populär ist.



Und populär ist Kashima/Ibaraki unter den Touristen nun wirklich noch nicht. Zumindest schließe ich darauf, wenn bei wiederholten Strandbesuchen außer den Wassersport Begeisterten Einheimischen niemand diesen Ort aufzusuchen schien. Natürlich gut für uns, die mit ein paar Planschtätigkeiten und ungeübten Bodyboardversuchen vollkommen zufrieden waren. Schlecht aber für diejenigen, die dachten dort das zweite Ibiza oder Mallorca zu finden. So sah man am Strand zwar tief gebräunte Surfer auf die nächste Welle warten, Muttis mit ihren Kindern Burgen bauen und Opis auf den Felssteinen die Angel rauswerfen, dafür aber keine Modepüppis, platzgierige Familien oder bienenanziehende Imbissbuden. Alles war zen-ruhig und entspannt. Man könnte sogar sagen, auf 5 km Strand kamen 100 Leute. Demnach waren die Autos der Wasserratten auch direkt am/auf dem Strand geparkt. Es war ja schließlich Platz. Überall! Und ganz ehrlich gesagt, gibt einem das auch irgendwie ein gewisses Gefühl von Freiheit. Von Unbedarftheit. Wir haben es nämlich ein einziges Mal sogar selbst gemacht. Als wir vom Supermarkt kalte Getränke geholt haben. Durch die Dünen direkt an den Strand. Wir parkten 20 Meter vom Wasser und setzten uns nach dem Baden in den offenen Kofferraum unseres Jeeps. Zur Chill out Musik von was weiß ich wem, beobachteten wir ganz einfach nur die sich immer wieder riesig aufbauenden Wellen während ein Japaner mit seinem Wrangler am Wasser vorbeiheizte. Ein Gefühl wie im Film. Und absoluter Gegensatz zu dem, was ich früher mal an der Ostsee/Nordsee erlebte.



Irgendwann aber geht jeder Urlaub einmal zu Ende. Leider. Und so machten wir uns am Montag bei weiter vorherrschender Hitzewelle schweren Herzens aber erholt wieder auf die Reise ins heimische und zurzeit wie leer gefegte Tokyo. In die Metropole, die für uns das ganze Jahr über sowohl beengend klein als auch beängstigend groß wirken kann und in der wir trotz allem mehr als glücklich sind. Und wie sehr das Glück wohl auf unserer Seite ist, wurde mir am nächsten Morgen wieder beim Durchklicken der lokalen Nachrichten bewusst. Denn während wir uns genüsslich die Gehirnzellen aus dem Kopf tranken, das saftige Fleisch in uns hineinstopften und hin und wieder den kühlen Pazifik genossen, liefen an gleichen und anderen Teilen des Landes ganz andere Szenen ab von denen wir absolut gar nichts mitbekamen. Szenen, die uns genauso hätten passieren können und doch nicht betrafen. Was ich nämlich las waren Polizeiberichte, bei denen Menschen manchmal nicht weit von uns entweder von hohen Wellen ins Dunkel des Meeres gezogen wurden oder von Bergen in die weite Tiefe fielen. Ganze 27 Bewohner Japans, alt und jung, verunglückten tödlich an nur einem Wochenende. Manche sind sogar immer noch nicht auffindbar. Viele der Autoritäten hierzulande nennen diese Vorkommnisse tragisch und furchtbar. Ich nenne sie der horrenden Anzahl nach darüberhinaus sogar ironisch - wenn man Obon bedenkt...

(jeannine)

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