
Und schon lernen wir Ann kennen, gerade Mitte 20, aber weiß Gott nicht gerade in rosarote Watte gepackt. Mit 17 zum ersten Mal Mutter geworden, kurz darauf ein zweites Mal. Nicht einfach, doch der Lohn in Form zweier bezaubernder Töchter spricht für sich. Ihr Mann: arbeitslos. Ann geht nachts putzen, um die Familie einigermaßen zu versorgen. An ihrer Liebe zu ihm ändert aber auch das nichts. Anns Vater – im Knast. Ihre Mutter – wohnt nebenan und hasst niemanden speziell, sondern pauschal die ganze Welt, mal abgesehen von Barry Manilow. Wer hat behauptet, das Leben sei leicht?!

Trotzdem nimmt es Ann leicht, kümmert sich um alle, hilft hier, tröstet dort, tritt auch gern mal in Hintern. Sie vernachlässigt dabei nur einen Menschen: sich selbst. Eine Belohnung hat das Schicksal dafür nicht in petto, sondern eher einen höchst perfiden Winkelzug. Das grausame Wort „Krebs“. Im Endstadium. Unheilbar. Zwei Monate Frist, maximal. Ein Schock, aber für Ann nach wie vor kein Grund, sich gehen zu lassen, schließlich gibt es genau jetzt noch so viel zu tun! Die Kinder brauchen eine neue Mom, der Mann eine neue Frau – für beides empfiehlt sich doch die nette Nachbarin, oder? Mutti soll ein wenig Optimismus eingeimpft bekommen, die Versöhnung mit Dad steht auch noch aus, und endlich, in ihren letzten Tagen, tut Ann etwas für sich. Sie verliebt sich in Lee, den knuffigen Melancholiker, erlebt ein paar wunderschöne Stunden...

Regisseurin Isabel Coixet gebührt Dank, nämlich dafür, dass sie diese herzzerreißend traurige Geschichte, diesen Kampf gegen die tickende Uhr, diesen Neubeginn eines Lebens im Spiegel des drohenden Todes niemals in bleierne Depression abgleiten lässt. Natürlich gelingen Coixet extrem anrührende Szenen, etwa dann, als Ann ihren Töchtern Botschaften auf Cassetten hinterlässt. Aber dennoch haftet dem Geschehen stets eine fast spielerische Leichtigkeit an, verarbeitet Coixet neben diversen Reminiszenzen an Dramen der 50er auch immer bittersüßen Humor. Und trifft damit tiefer ins Mark als jede sülzige Weinerlichkeit. Coixet weiß und transportiert, dass am Fakt von Anns Tod nichts zu ändern ist, man auch als Zuschauer damit umgehen muss, Lamentieren nicht lohnt – also wendet sie lieber alle Energie dafür auf, ihrer Protagonistin unglaubliche Kraft zu schenken, während Ann es ihren Hinterbliebenen möglichst leicht machen will, das Dasein ohne sie. Ein Ansatz, der zynisch klingen mag, aus dem dieser Film aber letztlich seine Tiefenwirkung bezieht.

Zum Glück bleibt Coixet konsequent, in mehrerlei Hinsicht. Anns Tod? Wird nicht visualisiert, da er als Abbildung kaum von Bedeutung ist. Und auch das Finale, eine leise optimistische Studie in menschlicher Annäherung, könnte besser kaum gelungen sein. Im Sterben Anns feiert Coixet das Leben, ohne albern, pietätlos oder kitschig zu inszenieren, sie wahrt alle Grenzen – und rührt zu Tränen. Es ist die Unabwendbarkeit von Anns viel zu frühem Tod, nicht der Umstand an sich, welcher so traurig stimmt, obwohl in ihm indirekt sogar ein Sinn liegt.

Einige Worte noch zur Besetzung. Sarah Polley erweist sich nach Filmen wie „Das süße Jenseits“ endgültig als vielleicht fähigste Darstellerin ihrer Generation. Mimisch zurückhaltend, unaufdringlich im Gestus und mit diesen schrecklich vielsagenden Augen verleiht sie Ann unglaubliche Präsenz. Ex-„Blondie“ Deborah Harry als vom Leben enttäuschte Mutter schafft es, diese grantelnde Zicke anrührend darzustellen. Und Amanda Plummer sorgt schließlich für einige tragikomische Momente, welche einfach im Gedächtnis bleiben. Insgesamt gelingt es allen Darsteller/innen, so ungekünstelt und wahrhaftig zu agieren, dass man gar nicht anders kann als... weinen, zumindest im Finale.

Die deutsche DVD stammt von Universum und bietet ein wirklich gutes Bild (1.85:1 anamorph) sowie zwei Tonspuren (Deutsch/Englisch) in Dolby Digital 5.1, welche den eingeschränkten akustischen Möglichkeiten eines Dramas mehr als professionell begegnen und das Maximale herausholen. In Sachen Extras hält sich die Scheibe aber etwas bedeckt: Zwar haben es unter anderem Interviews und ein Making Of auf den Silberling geschafft, doch leider kann man dort keine Untertitel zuschalten. Was die Specials insofern im Nutzen einschränkt, da beispielsweise Isabel Coixet eine knappe halbe Stunde in ihrer Muttersprache Spanisch über den Film erzählt...
Abschließend ein Hinweis in eigener Sache: Da ich nächste Woche im Urlaub bin, gibt es das nächste Filmradar erst in 14 Tagen.
Bis dahin eine schöne Zeit wünscht
der Tino
-------------> Schreib einen Kommentar zu diesem Artikel <-------------
Sehr gut
geschrieben von Panoam 11.10.2007 um 11:51
aber denn kenn ich aus nem open-air sommer kino....
sehr traurig aber ich steh drauf kans euch nur empfehlen....
nicht diese übertriebene action-reizüberfluttung-love-story-drama-scheisse...