
Ob man nun Jürgen Klinsmann oder den Regisseur Sönke Wortmann als größeres Genie bezeichnen will, sei dahin gestellt. Fest steht aber, dass beide auf ihre ganz eigene Weise etwas wunderbares vollbracht haben. Klinsi wurde in zwei Monaten vom Buhmann zum Nationalheld. Sönke Wortmann dokumentierte zwei Monate lang die Abenteuergeschichte Fussball Weltmeisterschaft 2006 aus der Sicht der deutschen Nationalmannschaft - unverblümt und ohne Special Effects. Und dennoch, oder gerade deswegen steckt in jeder Szene Emotion in Reinform. Ob es die misslungene Urinprobe von Oliver Neuville, die bedauerliche Verletzung Michael Ballacks oder die Freundschaft zwischen Schweini und Poldi ist, als Zuschauer fühlt man stets mit und was noch viel wichtiger ist: Man fühlt sich wohl. Denn das gab es schon seit mindestens 10 Jahren im deutschen Fussball nicht mehr, dass man es einer Mannschaft so sehr angesehen hat, mit welchem Spaß und mit welcher Motivation sie sich von Spiel zu Spiel steigert. Zusammen mit Kameramann Frank Griebe ("Das Parfum") bringt Wortmann genau dieses Gefühl für fast zwei Stunden auf die Leinwand.

An dieser Stelle kommt normalerweise die inhaltliche Zusammenfassung des jeweiligen Films. Da jeder, der diese Filmkritik liest allerdings ein Stück Drehbuch mitgeschrieben hat, dürfte der Inhalt dieser Dokumentation hinlänglich bekannt sein. Zeitlich ist "Deutschland. Ein Sommermärchen" in einen zweimonatigen Rahmen gefasst. Alles beginnt mit dem Trainingslager auf Sardinien und endet mit der Überreichung der Bronze-Medallie an die drittbeste Fussball Mannschaft der Welt. Der einzige dramturigische Kniff des Regisseurs ist der Anfang des Films. Da sieht man 11 Spieler in einer Kabine sitzen. Torsten Frings laufen die Tränen über die Augen. Deutschland ist raus, Italien im Finale. Ansonsten werden die Ereignisse chronologisch erzählt.

Unvergessliche Momente gibt es dagegen immer wieder. Zum Beispiel als Jürgen Klinsmann die letzten Jahre der deutschen Fussball Nationalmannschaft nicht treffender beschreiben könnte: "Wir Deutschen wollen am liebsten das Erreichte festhalten und uns für neue Erfolge nicht so anstrengen wie früher." Sehr richtig Herr Klinsmann. Auch bezogen auf das deutsche Volk, die Politik, die Bildung und viele andere Bereiche. Klinsmann steht dabei gelassen am Fenster seines Hauses in Californien. Im Hintergrund ist zu sehen, wie sich die Wellen des Ozeans langsam gen Küste bewegen. Klinsmann ist in jeder Hinsicht ein Vorbild. Er hat alles erreicht, was er erreichen wollte, hat jeden motiviert, den er motivieren wollte und hat uns Deutschen gezeigt, wer wir sind. Zumindest 2 Monate lang. Im Grunde ist Sönke Wortmanns Film die Blaupause dessen.

"Deutschland. Ein Sommermärchen" gehört genauso zur WM-Geschichte, wie Lehmann ins Tor. Drei Monate nach dem größten Ereignis seit der Wiedervereinigung Deutschlands im Jahre 89 bringt Sönke Wortmann die Euphorie und Emotion der WM 2006 in einen greifbaren Rahmen, der aus dokumentarischem Holz geformt ist und sich trotzdem wie ein Thriller anfühlt. Selbst der härteste Fussball-Hater sollte sich ernsthaft überlegen, diesem Streifen eine Chance zu geben. Alleine schon aus dem Grund, mitreden zu können, wenn die eigenen Kinder in 15-20 Jahren mal fragen: "Du Papa, wie war das denn damals mit Klinsi, Schweini und Poldi? Dann kommt der Zeitpunkt an dem man sich im Ledersessel zurücklehnen, noch einen Whiskey einschütten und über die Ränder der Lesebrille hinweg blicken und sagen kann: "Damals wurde wahrlich Geschichte geschrieben!".

Genre: Dokumentation
Regie: Sönke Wortmann
Schauspieler: Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft
Laufzeit: 110 Minuten
Budget: 1,01 Mio Euro
Filmstart: 05.10.2006
Website: www.deutschlandeinsommermaerchen.kinowelt.de
IMDB-Link: www.imdb.com/title/tt0853060
(flo)
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Weiß gekachelte Banalität
geschrieben von Anonymousam 17.10.2006 um 11:41
kennen Sie schon meine NEWS vom 1. Oktober 2006 auf www.cord-bitter.de... oder den Artikel "Weiß gekachelte Banalität - Deutschland. Ein Sommermärchen oder warum ein Schwabe nicht als Führer taugt"? (siehe unten)
Als Coach, Medien- und Sportpsychologe bdp/asp kenne ich mich auch ganz gut in der (Pop-/Film-/TV-)Szene aus :-)
Grüße aus Berlin
Cord Bitter
ak - analyse & kritik - Zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 510 / 20.10.2006
Weiß gekachelte Banalität
"Deutschland. Ein Sommermärchen" oder warum ein Schwabe nicht als Führer taugt
War man nicht mit der Voreingenommenheit ins Kino gegangen, Sönke Wortmann zur "Leni Riefenstahl der Bundesrepublik" erklären zu wollen? In Erinnerung immer noch die obszöne Schlüsselstelle aus dem Standort-Propaganda-Film "Das Wunder von Bern": Der aus Kriegsgefangenschaft in "Russland" heimgekehrte Wehrmachtsvater hat gerade Filius' Kaninchen gekillt und der Familie zum Verzehr vorgesetzt - er wollte sich nach "unverschuldeter" Abwesenheit mal wieder nützlich machen. Der so um seinen Streichelzoo gebrachte Nachkriegsdeutsche sitzt weinend an einem Kanal, wo ihn die Mutter aufspürt und den Vater einfühlsam und stellvertretend für das gescheiterte Millionenheer von Welteroberern und Völkermördern als Opfer entschuldigt, schließlich habe Vater nichts für den Krieg gekonnt und habe dann ja auch in Gefangenschaft "genug gelitten". Da sei das bisschen Hasenschlachten doch ein Klacks dagegen ... Aber dann das.
"Deutschland. Ein Sommermärchen": Zwei lange Stunden geballte Langeweile, unambitioniertes Fußballgeschwalle und eine bis zum Exzess getriebene Redundanz der trostlos weiß gekachelten und grell erleuchteten Stadion-Kabinen vor den WM-Spielen der deutschen Nationalmannschaft. Das ist also dies Sommermärchen: der völlige Mangel an Humor und Intelligenz, das Fehlen selbst jeden filmischen Kniffs zur Hebung der Stimmung.
Im Dämmerlicht der luxuriösen Mannschaftshotels oder im lichten Gleißen der Stadion-Flure reihen sich endlose Nahaufnahmen Schwindel erregender Wackel-Kamera-Einstellungen, wo die Helden dieses blasse zwei Dutzend deutscher Fußballstrategen und -spieler sein soll, die dann ja auch nur den dritten Platz gemacht haben.
Und dann Jürgen Klinsmann: die immer wiederkehrende Situation kurz vor den WM-Spielen der deutschen Mannschaft. Klinsis Kerle, deren Gesichter uns im Laufe des WM-Zirkus' als nationale Ikonen ins Gehirn gebrannt wurden, sitzen stumpf da und glotzen leer vor sich hin, während ein peinlich um Charisma ringender Klinsmann seine Anfeuerungsreden schwäbelt. Und so schrecklich sich das Schwäbische auch anhört, es gibt etwas, das für diesen Dialekt spricht: Er eignet sich nicht wirklich, Begeisterungsstürme und Massenhysterie auszulösen.
Im Gegenteil: Wenn BRD-Filmer Wortmann diese Inszenierung zum fünften Mal und dann auch noch einmal vor dem Spiel um Platz drei in den Fokus nimmt, darf man getrost am filmischen Konzept und Verstand des Regisseurs und Ex-Fußballprofis zweifeln. Das ist einfach der Flachpfeiferei zu viel und wird dort zum Ärgernis, wo Klinsmann sich den Weg zum Pokal "von niemandem nehmen" lassen will, "schon gar nicht von den Polen", und das Kinopublikum wiehernd aufjauchzt ob dieser antipolnischen Grobheit. Derselbe Klinsmann, der in seiner kalifornischen Strandvilla irgendwas von deutscher Jammerei und internationalem Wettstreit schwafelt - vermutlich das neoliberale Kernstück dieser öden deutschen Selbstinszenierung ("Was können wir von Klinsi lernen?") - grunzt kurz etwas lauter, wenn seine "Männer" den Ecuadorianern "eins auf die Fresse geben sollen".
Völliger Mangel an Humor und Intelligenz
Zum nationalen Sommermärchen gehören zwar die Kanzlerin und der Präsident, die eine locker parlierend, der andere grinsend wie aufgeschlitzt, aber die Funktionäre des deutschen Fußballs gleiten höchstens mal wie Statisten durchs Bild: allenfalls im Vorbeischwenk mal Mumie Mayer-Vorfelder, aber kein Beckenbauer. Dafür versteckte Kritik an der "allmächtigen" FC-Bayern-Führungsriege aus dem Munde des erstaunlich flüssig formulierenden Jens Lehmann. Die Perspektive der einfachen, braven Kicker-Soldaten soll wohl eine grundehrliche, basisnahe "Unsere-Jungs"-Haltung suggerieren, welche sich volksnah absetzt von Bonzentum und korrupter Politik. Die Statements der anderen National-Kicker sind dann auch an Einfältigkeit und Stammelei selbst von den allfälligen hirnlosen Spieler-Befragungen nach Live-Übertragungen nicht zu toppen.
Der Film "Deutschland. Ein Sommermärchen", dessen Titel wohl als bewusste Umdrehung des Heineschen Wintermärchens gewählt wurde, erzählt nicht nur kein Märchen, er hat im Grunde nichts zu sagen, was darüber hinaus ginge, was WM-KonsumentInnen vor drei Monaten schon einmal durchgestanden haben. "Auch eine Niederlage kann großes Kino sein. Es ist hoch dramatisch, wenn man kurz vor Erreichen des großen Ziels scheitert", sagte Wortmann dem Spiegel und reklamiert für seine banale Nahaufnahme der deutschen Elf gleich das mächtige Prädikat "großes Kino".
Erweckungsmission fehlgeschlagen
Was hier aber grobkörnig über die Leinwand flimmert ist alles andere als großes Kino und kommt wie ein billiger Werbefilm für - ja: wofür eigentlich? - daher. Man muss schon ein ziemliches Maß an blinder Anhängerschaft an deutschem Gekicke mitbringen, um Wortmann klaglos zwei Stunden seines Lebens für diesen Mist bar jeder Dramatik zu schenken. Und diese zwei Stunden totgeschlagene Zeit sollen Wortmanns Destillat, mithin das "Best of", aus 100 Stunden Material sein!
Womöglich soll die Entspanntheit dieser zu neuer Normalität erwachten Groß-Nation gezeigt werden, diese Lässigkeit im Umgang mit "unserer" Fahne und dass "wir" es endlich geschafft haben, die Entpolitisierung und inhaltliche Entleerung zum abendfüllenden Kino-Ereignis für das ganze Volk zu machen. Und wenn dann auch noch Sportfreunde Stiller, der penetrante (im Hintergrund ständig hörbare) Xavier Naidoo sowie Formel-Eins-Heroe Michael Schuhmacher durchs Bild huschen und der "dunkle" Odonkor ebenso Fahne schwenkend wie Bundeswehr-SoldatInnen, PolizistInnen und PilotInnen ins Bild gesetzt wird, mag man ahnen, was hier für ein "Wir sind ein Volk"-Schwulst geplant war.
Aber dieser Vorsatz versinkt im stinklangweiligen, witz- und ideenlosen, langatmigen und schlecht gemachten Brei aus bierernster Mediokrität. Und das ist gut so: Mit diesem Streifen ist jedenfalls kein Nationalismus zu machen. Immerhin. Aber eben auch sonst nichts.
Friedrich C. Burschel