
Ehrlich gesagt, wollte ich erst gar nicht. Mit den sinkenden Temperaturen fühle ich mich nämlich in Tokio pudelwohl. Bei 20 Grad, blauem Himmel und strahlendem Sonnenschein ist das ja auch nicht schwer. Nicht das ich mich weigere, das Land kennen zu lernen, aber mit einem Ausflug sind auch immer recht viele langatmige Vorbereitungen verbunden. Speziell dann, wenn man ins Nirgendwo fährt und sich selbst verpflegen muss. Zu viert. Mit zwei Hunden. Alle in einem Auto. So wie wir. Doch man will ja nicht dumm zugrunde gehen und sollte schließlich das Gastland kennen lernen. So willigte ich also ein, einen Wochenendtrip nach Nikko zu unternehmen.

Nikko, um es mal mit einem Autofahrerhirn zu sagen, liegt ca. 3 Stunden Fahrt und 130 km nördlich von Tokio. Eine Richtung, die ich bis jetzt noch nicht ein einziges Mal eingeschlagen hatte. Genauso wenig wie mein Freund, der Tage zuvor bereits von nichts anderem mehr reden konnte als mal wegzufahren. Für jemanden, der 12 Stunden am Tag arbeitet, eine willkommene und wie ich schnell bemerkte auch dringend nötige Erholung.
Freitag den 13. war es dann soweit. Ich packte was das Zeug hielt. Eine große Tasche für uns mit herbstwarmen Klamotten, Toilettries, Laptop, VCD’s und Spielen - 3 große Tüten für die Hunde mit Essen, Ablenk-Leckereien, Shampoo, Handtücher, Spielzeug, Piepiematten, Bürsten, Laufgitter und Zeckenzange – und eine Kühltasche mit Miracoli, Apfelschnaps und Schokolade. Zwei Uhr Nachtmittags ertönte dann nur ein kurzes hastiges Hupen vor dem Haus und schwuppdiwupp saßen wir schon grinsend im Gefährt. Doch unsere Reise sollte uns erstmal Richtung Innenstadt führen, denn zwei Personen fehlten ja noch. Und als die sich dann ins Auto quetschten und ihr Gepäck verstaut hatten, mussten wir notgedrungenermaßen erstmal zum Supermarkt einkaufen fahren. Von Miracoli, Schnaps und Schokolade, wie ich erfuhr, konnten die anderen drei nämlich nicht leben. Na so was aber auch. So schnappten wir uns 2 Wagen, durchforsteten den Laden und quetschten noch mal alles von Brot und Eiern über Wurst und Grillfleisch bis hin zu Wein und Cola in den Gepäckraum. Eine Arbeit, die nur jemand verrichten kann, der Geschick besitzt. Dann aber, um 16 Uhr, knallte endlich die letzte Tür zu und das Navigationssystem wurde in Gang gesetzt. Los ging’s.

Ich hatte das Gefühl, es dauerte länger aus Tokio rauszufahren, als zum eigentlichen Ort zu kommen. Die Stadt nahm und nahm kein Ende. Aber zumindest wird einem mal ausdrücklich bewusst wie groß sich dieser Teil in dem man die nächsten Jahre verbringen wird eigentlich wirklich ist. Dreizehn Millionen Menschen müssen ja auch irgendwo hin. Doch dann befanden wir uns endlich auf der eigentlichen Strecke, dem Land sozusagen, und folgten immer gehorsam der Stimme aus dem kleinen Bildschirm. Ich nenn sie mal Anita. Und Anita sollte man wirklich streng folgen, denn ohne sie ist man definitiv aufgeschmissen. Das – wie so oft schon zuvor – merkten wir auch wieder als wir die mit Toll-Gebühren teure Autobahn verließen und uns durch das Dunkel der Nacht kämpften. Rechts und links nur Wald, Straßenschilder komplett in japanisch (logisch) und teilweise weit und breit kein Haus. Unsere Wege führten in die Berge. Hätten wir nicht auf Anita gehört, sondern uns auf die Zeichnung eines Kollegen, der eine Woche zuvor die Reise unternahm, verlassen, wären wir wahrscheinlich heute noch nicht da. Es ist ja auch nicht so, dass man jemanden nach dem Weg fragen kann, nicht wahr?! Doch Anita machte ihre Sache gewissenhaft und führte uns an ein Schild, welches wiederum auf eine Strasse in den Wald hinwies. The Woodmans Village. Unser Quartier für die nächsten fast 48 Stunden.

The Woodmans Village, um es einmal auf den Punkt zu bringen, sind 6 Holzhütten mitten im Wald. Man ist umzingelt von dichten Bäumen, ungemähtem Gras, lautlosen Tieren und einem plätschernden Fluss. Sonst – liebe Freunde – ist da nichts. Muss es auch nicht, schließlich wollten wir uns ja alle erholen. Geführt wird dieses holzige Dorf von einem netten japanisch/amerikanischen Pärchen. Gott sei Dank. Englisch.
Unsere gemietete Hütte nannte sich ‚Harvest House’. Eine zweistöckige offen angelegte Unterkunft mit Wohnzimmer, zweckvoll eingerichteter Küche, 30er Jahre Ofen, 3-teiligem Badezimmer (Dusche, Waschbecken und Klo getrennt), japanisch sprechendem TV und großflächig angelegtem Holzfußboden der als Grossraumschlafzimmer diente. Eine Bleibe, nichts für Prada Handtaschen Trägerinnen die ihren Komfort suchen, aber eine Bleibe die an den Mann in den Bergen erinnert und die durch das nicht übersehbare Holz speziell an Herbsttagen sehr gemütlich ist. Da ich keine Prada Tasche besitze, zumindest keine echte, muss ich kaum erwähnen – mir gefiels. Es war einfach aber zweckgerecht. So schafften wir unsere Besitztümer in Küche und Schlafzimmer, schlüpften in etwas gemütlicheres und versuchten krampfhaft die Bude auf angenehme Temperaturen zu bekommen. Eine nicht einfache Angelegenheit, wenn man keine Ahnung hat wie man diesen Klassiker von Ofen in Gang bekommt. Doch wir fanden unter der Treppe eine Art von Ölradiator der im Handumdrehen unser Zittern unterließ.
Auf der ersten Etage machte ich mich dann an das Bettenbeziehen. Und mit Bettenbeziehen meine ich eine Matte auf dem Boden, über der eine dünne Schaumstoffmatte lag, die wiederum mit einem Laken eingewickelt wurde, auf der ein Kopfkissen lag und welche dann noch lapidar mit einem Comforter versehen wurde. Eine Angelegenheit von ca. 3 Minuten. Nicht unbedingt Hilton Hotel Stil aber gut genug zum schlafen. Ratzefatz waren alle 4 Schlafmatten hergerichtet und wir konnten uns unserem Magen widmen. Zu dieser Uhrzeit wurde es nämlich Zeit den Grill anzuschmeißen, den wir für das Wochenende zu einem Preis von ca. 10 Euro gemietet hatten. Schnell kauften wir beim Eigentümer noch Holz für 4 Euro und an war das Ding. Auf der Terrasse. Wir hatten aber auch alles dabei. Hähnchen, Steak, Lamm, Kräuterbrot, Kartoffeln, Ketchup, Tomaten etc. Alles was dein hungriges Herz begehrt. Mampf, mampf. Zu guter letzt widmeten wir uns einem netten Pokerspiel mit Wein, Schnaps und Bier und fielen danach zuerst ziemlich lautlos ins Bett. Und mit zuerst, meine ich ohne jaulen und ohne schnarchen. Denn die Hunde waren nicht ganz davon überzeugt in unbekannter Umgebung im Dunkeln und dann noch im Käfig von mir getrennt ihre Nacht zu verbringen. So musste also – verbotenerweise – der Käfig eine Etage höher an mein Bett gestellt werden, meine Hand an den Käfig und nach ca. 20 Minuten beruhigte sich auch der letzte Vierfüßer. Doch das hieß natürlich nicht, dass ich meine Ruhe hatte. Wie aus dem Nichts ertönten ungeahnte nervenaufreibende Laute aus dem Mund unserer Mitschläfer 3 Meter weiter. Alle im gleichen Raum ist eben nicht so einfach. Fängt einer an zu schnarchen, schnarchen kurze Zeit später alle drei. Nun ist es einfach meinem Freund in die Seite zu schlagen doch die anderen? Fakt ist, ich schlief wohl irgendwann übermüdet ein, bekam nicht mal das starke Erdbeben um 6 Uhr morgens mit, stand aber als erste wieder um 7 Uhr auf um die Hunde auf ihre Bahn des Pinkelns zu bringen. Die wiederum standen 30 Minuten später überschüttet mit Kletten und Dreck wieder vor der Tür, hechelten nach Wasser und hatten eine ausgiebige Dusche nötig.

Als ich dann meine zweite Tasse Kaffee in den Becher goss schlummerten die Nächteversauer immer noch tief unter ihrem Comforter. Na, nur zwei von ihnen, denn mein Freund hatte Kohldampf und richtete sich bereits Spiegeleier, Speck und Bagel her. Der Geruch von bratenden Spiegeleiern schien sie aus ihren Gemächern zu locken, denn überraschenderweise stoppte das Schnarchen abrupt und sie saßen schneller am Tisch als ich Guten Morgen sagen konnte.
Einige Zeit später machten wir uns samt Hunde auf Exkursionsreise. Und da kam Anita wieder zum Einsatz. Vom Eigentümer ausgestattet mit Infomaterial suchten wir so ungefähr auf dem Navibildschirm nach einem See. Und da gibt es viele in dieser Gegend. Doch da wir keinerlei Adresse zum Eintippen hatten, mussten wir eben raten. Und außerdem, ist ja auch egal wohin. Zurück kommen wir immer, schauen wir mal was es so gibt. Unser mit brechwürdigen Terpentinen ausgelegtes Ziel? Lake Chuzenji.
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(flo)
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Dogs
geschrieben von Anonymousam 23.10.2006 um 08:39