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Gestern habt ihr erfahren, was einen echten Heiden in Singapore so richtig auf die Palme bringen kann, wieso die Christen die schlimmsten Klingelputzer sind und wie man einen Bekehrungsabend überleben kann. The show must go on....



Doch wie sieht es jetzt in Tokio aus? Verfolgen mich die Christen auch hier? Wollen sie mich auch hier vor der Verdammung in der Unterwelt retten? Ja und nein. Denn es sind nicht wirklich die herkömmlichen Christen wie wir sie kennen, sondern eher Gruppierungen des Christentums. Doch fangen wir mal mit den aufdringlichsten an. Die Mormonen, welche ihrer Meinung nach auch Christen sind. Diese nämlich – auch wenn im Vergleich relativ zurückhaltend – klingeln zum einen immer wieder an der Haustür und sind auch bei Spaziergängen auf Straßenbeute aus. Und da mein Haus gleich gegenüber der Kirche ,Jesu Christi des Heiligen der letzten Tage’ steht, wäre ich natürlich ein ausgesprochen einfacher Fang. Die Betonung liegt natürlich auf wäre.
Seit Beginn meines Einzuges sehe ich den gehorsamen Mix aus Japanern und Amerikanern jeden Sonntag Morgen dem riesigen Gebäude entgegen strömen. Sie fahren die gleiche Art Jeep, tragen die gleiche Art von Klamotten und schleppen hinter sich eine Horde von Kindern her. Sechs oder sieben dieser kleinen Racker sind dabei keine Seltenheit. Da passt das schon mit dem Jeep. So fährt das erste Auto gegen 8 Uhr morgens auf den Parkplatz und das letzte verlässt den selben meist gegen 18 Uhr. Was sie dort die ganze Zeit über machen? Keine Ahnung. Anhand der überdimensionalen Satellitenschüssel nach zu urteilen, denke ich mal sie machen eine Liveschaltung nach Utah. Oder zur Osmond Familie. Ich weiß es nicht. Interessiert mich auch nicht. Allerdings scheinen sie im Moment dem Keksebacken gegenüber sehr verbunden zu sein. Die entfleuchenden Düfte sind schon sehr anziehend. Ich hoffe mal es ist der nahenden Weihnachtszeit wegen und nicht ein geheimer Plan ihrerseits. Doch auch wenn die Sonntage bis auf Parkprobleme immer friedlich verlaufen, scheint es unter den Mitgliedern immer wieder welche zu geben, die sich auf die Pirsch nach Frischfleisch machen. Und so klingelt es einmal die Woche an meiner Haustür. Sind es Japaner? Nein. Amerikaner! Junge Frauen/Mädels, die sich freundlich lächelnd, vorbereitet mit Infomaterial, Flyer und ihrer Bibelversion an die Nachbarn ran machen. „Hello, my name is Jessica and I’m coming from the Church of Jesus Christ of latter-day saints. I would like to talk to you and bring you closer to the teachings of Jesus.” Was bin ich froh dieses Bildschirmsystem für die Klingel zu haben. Du nimmst im Haus den Hörer ab, schaust auf den Bildschirm und entscheidest dann ob du reden willst oder nicht. Du kannst auch einfach auflegen. Geniale Erfindung! Und da ich die armen Zöglinge nicht vollkommen fertig machen will mit meinem Diskussionstalent, mach ich auch meist letzteres. „Sorry, I’m not religious“ bring ich kurz und knapp über die Lippen, bevor ich mich wieder an den Computer setze. Die Amerikaner mischen sich aber auch überall ein! Und wie so oft, scheinen sie das Wort ‚aufgeben’ nicht in ihrem Repertoire zu haben. Woche für Woche geht das schon so. Was es ihnen gebracht hat? Sie haben mich neugierig gemacht. Ich hab mal nachgeforscht woran sie so glauben:
Bildung? Dafür sind sie. Je gebildeter, je gläubiger. Ok. Wenn sie meinen. Homosexualität? Dafür sind sie nicht. Sie möchten ihnen helfen, dieses entweder zu unterdrücken oder darüber hinwegzuhelfen. Super.
Abtreibung? Nur bei Vergewaltigung oder medizinischem Mutterproblem. Aber auch nur nach Meinungseinholung des örtlichen Priestertumführers, der im Gebet mit Gott erfährt, ob er einverstanden ist. Jippee, das Gespräch möchte ich hören.
Missbrauch/Misshandlung? Da haben sie was dagegen. Keiner der das tut, ist der Kirche würdig. Ob der vom FBI verhaftete Warren Jeffs davon wusste?
Frauen und Priestertum? Niemals. Warum? Weil der Herr es so eingerichtet hat. So einfach ist das.
Polygamie? Angeblich sind sie strikt dagegen. Doch es gibt ja Ausnahmen. Denn Gott hat seinem Volk zu verschiedenen Zeiten geboten, die Mehrehe zu praktizieren. Dem ‚Erfinder’ Joseph Smith und seinen engsten Vertrauten zum Beispiel. Da schreiben die doch glatt auf der Webseite, dass es diesen Auserkorenen nicht leicht fiel die Mehrehe einzugehen, sie aber natürlich dem Wunsch gehorchten. Angeblich soll Polygamie ja nicht mehr gelehrt werden. Das bring mal einer denen in ganz Utah bei.



Haben sie mich bekehrt? Nee! Natürlich nicht. Das fehlt mir noch, das sich hier irgendeine Tussi als zweite Frau meines Mannes vorstellt. Da schwingt ja wohl wieder der Kuchenteig-Knetroller. Genauso wenig würde ich meinen besten Freund wegen seiner homosexuellen Neigung meiden. Ich schmeiß doch nicht 30 Jahre Freundschaft über den Haufen, nur weil irgendeiner das sagt. Und was wollen die denn mit dem Verbot von Tabak, Alkohol, Kaffee, Schwarztee und unerlaubter Drogen? Was vor allem sind unerlaubte Drogen? Welche sind bei denen denn erlaubt? Dieser Joseph Smith scheint ja wohl ein ganz witziger Kerl gewesen zu sein. Wie kommt es denn, dass diese Menschen immer von Gott hören? Diktiert er ihnen diese Gesetze in einer Nacht? Hatte der vielleicht unerlaubte Drogen genommen? Ach ich vergaß, ihm wurde ja auch die Polygamie aufgezwungen...



Die andere immer wiederkehrende Christengruppe, die sich in letzter Zeit häufig in meinem Briefkasten mit Flyern bemerkbar macht, nennt sich ‚The Family International’. Wie viele unterschiedliche Christen gibt es denn? Diese für mich neue Organisation, stammt mal wieder aus dem Kopf eines amerikanischen Pastors namens David Berg. Man nannte ihn auch ‚Vater David’ oder ‚Moses David’. Die meisten aber einfach nur ‚Dad’. Ernsthaft! 1968 ereilte ihn aus unerklärten Gründen das Wort Gottes. Sein Auftrag? Geh nach Kalifornien und lehre die Hippies. Unerlaubte Drogen sag ich nur. Auf jeden Fall ist auch seine „Kirchengemeinde“ auf neue Zöglinge aus. Ihr Glauben? Theoretisch Gottes Wort für alle hörbar zu machen und Liebe zu verteilen. Ihre Methoden? Die Bibel wörtlich zu nehmen. Es gab demnach keine Eiszeit und keine Evolution. Warum auch. Science ist ja Schwachsinn. In Kommunen zusammenzuleben ist ein Muss, Kinder ausziehen zu lassen verboten, Kinder in öffentliche Schulen zu schicken auch. Gesetze werden nämlich nur dann befolgt, wenn sie nicht mit ihrem Glauben kollidieren. Einen Fokus auf Juden haben sie auch. Ach ja, sie singen auch. Ganz viel sogar. Auch für Geld. Und DVDs und CDs produzieren sie auch. Kannste gern kaufen. Oh mei. Doch das beste von allem ist, das wir dem Ende nah sind. Ganz doll sogar. Sie können uns auch Zeichen dafür geben. Beweise. Wie die aussehen? Das haben sie auf einem ganz fetzigen A 5 Ökopapier in kleinster blauer Schrift festgehalten. So nämlich: „One major final sign of the very end that is yet to be fulfilled & that many prophets have predicted, is the rise of a powerful one world government, led by a bestial dictator who will actually be fully possessed by Satan himself… the world will turn to this false messiah to save them when their economy crashes & the threat of nuclear war forces them to unit…he will come upon the world scene with a 7 year agreement and promise them world peace and religious freedom…but halfway through his reign he will break his promise… at this time he will place an idol, an image of himself in the rebuilt jewish temple in Jerusalem, which will probably be an amazing super computer robot, as it will speak and somehow even cause those who refuse to worship to be killed… it will be the time of great tribulation… during this time most countries will not use paper money anymore…the antichrist government is going to set up a new one world credit system in which everyone who is part of his satanic kingdom will be branded with a credit number in their hand or forehead…all of god’s children will refuse this number… entire nations will rebel at this point and fight wars against the antichrist…towards the end of the antichrist reign he will destroy with fire Babylon the great whore, a final judgement which sounds like an atomic first strike that destroys America in one hour…at the end of that darkest night, jesus Christ returns himself to rescue his children and will say ‘come up’…the lord will then take all followers in his heavenly space city floating towards the earth…this beautiful pyramid-shaped city of gold is a gigantic 1500 mildes high, wide and long with plenty of room … are you ready for the end… you can get ready by praying only these words…we love you and would be happy to send you more info if you’ll write us at the address…



Na hoffentlich kriegen sie es noch bevor alles vorbei ist. Aber ist es nicht schön wie sehr sie uns alle warnen. Besonders vor dem bösen Kreditkartensystem? Ehrlich gesagt hätte ich gern schon mal diese Nummer vorab, die Karte rumzuschleppen würde ja dann wohl wegfallen. Wie sieht’s denn mit dem Konto aus? Fragen, die wieder mal keiner beantwortet! Auf jeden Fall stehen da recht utopische Dinge drin, bei denen ich des Öfteren laut lachen musste. Aber auch wenn ich dem gegenüber lustig entgegenstehe, tun mir diese viele Menschen leid, die wirklich ernsthafte Probleme mit sich und der Welt haben, und denen diese Prediger plötzlich wie aus dem Nichts gegenüber stehen und ihnen freundlich Hilfe aus der Misere anbieten. Die ganze Angelegenheit wirkt wie ein Spinnennetz, in dem man erst gefangen und dann langsam eingewickelt wird, bis zu aller letzt das große Tier zum Stoß ansetzt. Traurig. Na ja, ich kann sie ja nicht alle retten. Aber wie auch immer, Fakt ist mich verfolgen sie auch hier. Da war’s in Deutschland sicherer. Kriegen werden sie mich aber sicher nie. Keiner von ihnen. Weder die Mormonen noch die Family Leute. Für mich gibt’s nur eines: Es lebe der eigene Wille!

(jeannine)

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Sehr schön

geschrieben von Anonymous
am 14.11.2006 um 11:10
Ich bin selbst Bischof einer deutschen Mormonengemeinde und über die Google Alerts auf Deinen Beitrag aufmerksam geworden. Üblicherweise erhalte ich nur Alerts aus Zeitungen und war etwas verwundert. Ich finde Dein Statement sehr gut geschrieben und muss Dir widerwillig sogar zustimmen, was meine eigene Glaubensgemeinschaft angeht. Die Sache mit dem freien Willen geht leider vielen religiösen Menschen im Laufe der Zeit immer mehr verloren, das ist auch in meiner Kirche stark zu spüren.
Vielen Dank für Deine erfrischende Sichtweise.
Gruß

Frank

Tja!

geschrieben von Rene
am 15.11.2006 um 04:21
Mir geht's eigentlich wie dem Frank: Über Yahoo ist Dein Blog auf meinen Schirm geflattert. Ich finde allerdings nicht, daß ich da irgendwie zustimmen müßte, was Du so über Mormonen schreibst.

Laß mich mal kurz zusammenfassen:

Wenn Du nicht willst, daß die Missionare regelmäßig an Deiner Türe läuten, dann sag ihnen einfach, daß Du keinen Kontakt wünschst, und das war's. Wir achten den freien Willen hoch genug, daß die Missionare (das sind die jungen Leutchen nämlich) ein Buch führen, in dem sie auch verzeichnen, wer in Ruhe gelassen werden will!

Sonntagsversammlungen dauern im Schnitt drei Stunden. Wenn von 8 bis 18 Uhr Leute im Gemeindehaus sind, dann sind das i.d.R zwei bis drei Gemeinden zu je 120 aktiven Mitgliedern. Die Satellitenschüssel ist im Schnitt 2 bis 4 Mal im Jahr in Verwendung.

Bildung und Abtreibung hast Du richtig erfaßt.
Polygamie: Es gab eine Zeit, nämlich von den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts bis etwa 1890, da war Polygamie die Regel. Darüber zu diskutieren, wie das für die Leutchen damals war oder nicht, das ist müßig, denn wir waren beide nicht dabei, und Du bist sicher nicht daran interessiert, die vorhandenen Tagebücher zu lesen. Daher wirst Du das, was ich sage, hier nicht gelten lassen, und wir werden wohl übereinkommen müssen, unterschiedlicher Meinung zu sein.

Du vermischst hier aber mit wahrer Begeisterung die "Kirche Jesu Christ der Heiligen der Letzten Tage" und fundamentalistische Splittergruppen, wie zum Beispiel Warren Jeffs "Fundamentalistische Kirche Jesu Christ der Heiligen der Letzten Tage". Schon Jeffs Großvater ist aus der "Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage" ausgeschlossen worden, weil er auch nach 1890 polygame Ehen schloß. Warren Jeffs war selbst nie Mitglied der "Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage". Wir haben's "denen in Utah" gesagt, aber manche wollten halt nicht hören! Und jedes Mitglied der "KJCdHLT", das lehrt, dass wir heute Polygamie haben sollen, ratzfatz ausgeschlossen. Du als Frau magst nicht daran denken, daß Dein Partner noch 'ne andere haben könnte. Kann ich verstehen. Und ich finde, daß EINE Familie zu erhalten (ich hab 4 Kinder) voll ausreicht. Ich meine, irgendwie muß man sich das doch auch LEISTEN können. Ist nämlich gar nicht so einfach, was wohl der Grund sein wird, warum die Mormonen in Deiner Gegend alle das gleiche Auto fahren: Ab 8 Personen ist die Auswahl nicht mehr so doll, vorallem, wenn man Geld verdienen muß und es nicht einfach geerbt hat. Und da reden wir noch gar nicht von der emotionalen Seite einer Familie. Dann muß man noch sagen, wer meine Frau kennt, kann nicht ernsthaft glauben, daß ich jemals polygam werden könnte, und zu guter letzt: Wer will schon mehr als eine Schwiegermutter?? ;-)

"Unerlaubte Drogen": Wie Du vielleicht weißt, heißen im Englischen nicht nur die Dinger "drugs", die bei uns Drogen heißen, sondern es handelt sich um einen Sammelbegriff für Drogen, Tees, Nahrungsmittelergänzungmittel, Medikamente etc. Ähnlich wie es in good old Austria eine "Drogerie" gibt, in der man eben nicht Gras, Koks und ähnliches kriegt, sondern Tees etc. Daher muß man unterscheiden, zwischen "drugs" und "forbidden drugs". Und das Verbot von Rausch-, Sucht- und manchen Genußmitteln hat zwei wesentliche Gründe: Sucht schränkt den freien Willen massiv ein, und bei einer Gruppe, die an göttliche Offenbarung glaubt, kommt bald mal wer auf den Gedanken, daß man sich diese ansäuft, ankifft oder sonstiges. Wer aber stocknüchtern ist, der kann entweder echte Offenbarung erlebt haben, oder verrückt sein.

Nun, sicher hab ich an Deiner Meinung über uns Mormonen nix geändert. Aber wie heißt's so schön? Never ruin a good story with facts.

Mach's gut

Rene

Lieber Rene

geschrieben von Anonymous
am 16.11.2006 um 11:02
Ich freue mich ja, dass Du meinem Artikel so viel Begeisterung schenkst, aber nun wollen wir mal nicht vergessen, den eigenen Meinungen freien Lauf lassen zu wollen.
Wie Du wahrscheinlich noch nicht ganz bemerkt hast, wohne ich im Ausland. Mein Blickwinkel richtet sich daher auch voll und ganz auf die mir gegenueber ein- und ausgehenden Mormonen. Wenn ihr das in Deutschland besser haltet - gut fuer Euch! Aber ich will jetzt mal nicht auf alle Dinge eingehen, die Du an meiner Sichtweise bemaengelst. Auch wuerde der Platz nicht unbedingt ausreichen, um hier Diskussionen zu fuehren. Letztendlich sind wir einfach unterschiedlicher Meinung was Religion betrifft. Aber vielleicht solltest Du Dich ab und zu mal mit Reportagen auseinandersetzen, die das Thema Mormonen in den USA beinhalten. Wie sagt man so schoen - Fakten, Fakten, Fakten.

Jeannine


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