
Wie der aufmerksame Leser weiß, ist Yokohama der Ort an dem vor einem Jahr meine Möbel und Kartons das wilde Meer verließen und auf hochpolierte Trucks des Umzugsunternehmens verladen wurden. Ja, Yokohama ist der Umschlaghafen Japans. Eine Stadt, die nur wenige Kilometer von Tokyo entfernt liegt und wenn man so will für das heutige Japan verantwortlich ist. Für die Weltmetropole. Und das, obwohl die Stadt mal nichts weiter war als ein ganz kleines Fischerdorf.

Wie im Buch ‘Gai-jin’ von James Clavell so schön beschrieben, hielten die Japaner vor noch nicht allzu langer Zeit gar nichts von der Grenzenöffnung. Sie waren ein Volk für sich, ließen keinen rein und keinen raus, bauten noch nicht einmal Schiffe und hatten so etwas wie ein Gesetz der nationalen Abgeschiedenheit mit so gut wie keinem Kontakt zu jeglicher westlicher Zivilisation. Doch ein ziemlich beharrender amerikanischer Kommodore namens Matthew Perry ließ sich 1853 nicht mehr so einfach zurückweisen und positionierte seine kampflustige Fregatte in der Nähe des heutigen Tokyos um mit den Japanern Geschäfte zu machen. Immer schon misstrauisch anderen gegenüber, schickten diese ihn jedoch nach Nagasaki, dem einzigen offenen Hafen Japans, der limitierten Austausch mit Holländern pflegte. Wie die geschäftstüchtigen (und blutrünstigen) Amerikaner aber so sind, weigerte sich Perry natürlich und drohte sogleich mit zerstörendem Angriff, wenn man ihn nicht an Land lassen und sämtliche Häfen Japans öffnen würde. Die Japanische Regierung, wütend aber logisch denkend, willigte somit ein ihn zumindest an Land willkommen zu heißen und den Brief mit Forderungen von US Präsident Fillmore entgegenzunehmen. Kurze Rede, langer Sinn – Perry zog später noch einmal mit mehr Schiffen vor Japans Küste auf, jagte den Einwohnern somit einen ordentlichen Schrecken ein und voila am 2. Juni 1859 eröffnete Yokohama seinen neu erbauten internationalen Hafen allzeitbereit für den friedlichen Austausch von Waren. Und somit veränderte sich Japan auch. Denn jede westliche Influenz kann ja auch seine gute Seiten haben. Und so kamen demnach Zeitungen ins Land, Straßenkämpfer, Eisenbahnen usw. All das, worauf das heute moderne Japan aufgebaut ist.

Und nun wollte ich diese historische Stadt, dessen Straßen mir schon aus dem X-Box Racing Spiel und Godzilla bekannt waren, einmal mit eigenen Augen sehen. Das Flair kennen lernen und mir ein Bild über die Einwohner machen. Sind sie genauso hip und trendy wie in Tokyo? Verläuft das Leben dort in genau dem gleichen rasenden Raster zwischen U-Bahn, Starbucks und Büro? Sieht man auch dort einen Mix aus frustrierenden Betonkloppern und erholenden Grünflächen? Nee! In Yokohama ist alles anders. Und das ist erstaunlich wenn man bedenkt, dass man auf der 45 Minuten Autofahrt noch nicht einmal eine wirkliche Trennlinie zwischen diesen beiden Städten erkennen kann.
Yokohama ist im Gegensatz zur Hauptstadt wesentlich übersichtlicher. Ich finde sie sogar ruhiger, relaxter und historisch gesehen viel japanischer als das westlich orientierte Tokyo. Zum einen, wirkt die Stadt großflächiger. Das heißt, nicht einmal habe ich mich auf über- und untereinander gebauten engen Straßenbahnen gefunden und Leuten direkt in die Fenster schauen können. Auch befand ich mich nie mit 50 sondern nur mit höchstens 5 anderen Leuten an der Ampel stehend. Dinge, die schon einmal nicht beklemmend sind. Dann gab es auch kaum Stau, kaum Drängeleien und auch keine mir ins Gesicht springende Werbung irgendeiner Produktkette. Alles ist in Yokohama viel viel ruhiger als in Tokyo. Aber das Flair Yokohamas ist, was diese Stadt wirklich ausmacht. Man erkennt den Einfluss früherer westlicher Eindringlinge noch. Ich sah z. B. Gebäude, die an das New York oder London um 1900 erinnerten, restaurierte alte schwarze Schiffe auf der Promenade stehen und – wenn wir schon bei Promenade sind – massenweise Maler, Musiker und Familien auf der Grünfläche vor dem Wasser lungern. Eine für mich doch sehr beruhigende Atmosphäre. Vor allem aber sah man selten Weiße. Der einzige Ort, an dem man ab und zu mal einem Bleichgesicht über den Weg lief war – Chinatown. Eines der in der Welt mit beeindruckenden übergroßen rot angemalten Eingangstoren in jeder Himmelsrichtung. Allerdings muss ich sagen, dass mir das Chinatown absolut gar nicht gefallen hat. Zum einen besteht es aus sage und schreibe 90 Prozent Essensmöglichkeiten. Viel zu viel für meinen Geschmack. Und zum anderen kann man in den sporadisch zu findenden Shops nur Schei... kaufen. Da bin ich ehrlich gesagt von Singapore was ganz anderes gewohnt. Trotz alledem sieht es aber wunderschön aus. Sogar der ins Auge stechende bunte Tempel mit Drachen etc. war beeindruckend groß.

An Sehenswürdigkeiten hat Yokohama natürlich so einiges zu bieten. Abgesehen von massenweise für mich sinnvollen und sinnlosen Museen, sehr spaßigen Freizeitparks, historischen Gebäuden, Tempeln etc. vor allem aber auch einen interessanten Friedhof. Die Yokohama Foreign General Cementery. Eine Grabstelle für ca. 4,500 Menschen aus mehr als 40 Ländern, für die – mal wieder – Kommodore Perry verantwortlich ist. Das heißt natürlich nicht, dass er all diese auf dem Gewissen hat. Nein, so schlimm war er ja auch nicht. Aber im Jahre 1854, als Perry mit seinem Geschwader vor der Küste Japans stand und krampfhaft verhandelte, starb einer seiner Soldaten. Robert Williams, 24 Jahre alt. Perry verlangte (!) demnach ein Stück Land als Beerdingungsstelle für Amerikaner (er wusste wohl dass die Angelegenheit eine Weile dauern würde) und somit wurde die Foreign General Cementery ins Leben gerufen. Ein relativ kleines hügeliges Stück Erde, welches direkt aufs Meer blickt. Doch das Öffnen des Hafens, die Ankunft von Ausländern und Desaster wie die Weltkriege und Erdbeben, ließen Williams (inzwischen woanders beerdigt) nicht lange allein dort liegen. Inzwischen befinden sich dort nämlich so einige Nationalitäten, ob Amerikaner, Briten, Franzosen, Italiener oder Deutsche. Jeder Grabstein erzählt seine eigene Geschichte, sein eigenes Drama. Und oft erzählt auch die Widmung so einiges über das Leben der dort verstorbenen Person. Häufig kann man nämlich feststellen, dass der jeweilige Ausländer sich scheinbar eine einheimische Japanerin zur Frau nahm, Kinder in die Welt setzte und sie dann zur damaligen Zeit wahrscheinlich mit Schande allein ließ. Andere Zeiten, andere Sitten. So fand ich es äußerst interessant mir die massiven Eingravierungen Meter für Meter durchzulesen. Das ist der Stoff, aus dem gute Filme sind. Kriegsfilme zumindest.
Letztendlich war es ein gelungener Ausflug, bei dem ich mal wieder dazugelernt habe. Und da der Sommer sich ja jetzt in Japan so richtig breit macht, freue ich mich schon auf einen Folgebesuch im Yokohama Sea Paradise. Yay!
(flo)
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Jepp !
geschrieben von Bobby.Kato.Sonam 22.05.2007 um 10:12