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Es gibt Neuerungen beim Filmradar: Erstens bitte ich alle Leser unter 18 Jahren, auf die Lektüre diesmal zu verzichten, weil ein (uiuiuiuiui!) „Erwachsenenfilm“ zur Rezension steht. Und zweitens spreche ich diesmal keine klare Empfehlung aus, sondern weise lediglich auf ein Werk hin, dessen potenzieller Wert sich aus der Kontroverse darum ergibt.



Wir befinden uns im titelgebenden „Strange Circus“, welcher sich später noch als Manege des Schreckens entpuppen wird. Ein übergewichtiger Transvestit namens „Sad Song“ begrüßt das erwartungsfrohe Publikum und stimmt sogleich eine Elegie an. Diese stellt uns Taeko vor, eine überaus erfolgreiche Schriftstellerin, an den Rollstuhl gefesselt und sozusagen die Muse des Grausamen und Abartigen. Ihr neues Buch dreht sich um Mitsuko, ein gerade mal zwölfjähriges Mädchen, seit langer Zeit Inzestopfer des Vaters. Als wäre dieser Umstand nicht schon schlimm genug, gibt sich der perverse Mann nicht damit zufrieden, seine Tochter permanent zu vergewaltigen, sondern sucht nach immer furchtbareren Erniedrigungen. Die Abartigkeit seiner diesbezüglichen Bemühungen kennt keine Grenzen, schließlich kommt sogar ein Cellokasten ins furchtbare Spiel. Abwechselnd müssen Mitsuko und ihre Mutter darin Platz nehmen, dann zuschauen, wie der Vater Sex mit der jeweils anderen hat. Das Mädchen kann es irgendwann nicht mehr ertragen, flieht psychisch aus ihrem misshandelten Körper, nimmt gedanklich die Stelle der Mutter ein. Dem Kreislauf aus Gewalt und Tod kann sie damit jedoch nicht entkommen, in Rückblenden strebt der Roman auf seinen unausweichlichen, blutrünstigen Höhepunkt zu. Und es stellt sich die Frage, ob Mitsuko tatsächlich nur eine fiktive Figur ist...



Bekanntlich kennen gerade japanische Filme wenige Tabus, mal abgesehen von verpixelten Geschlechtsteilen. Vor allem in Sachen expliziter Gewaltdarstellung gehen sie häufig sogar über ein gesundes Maß hinaus – und werden dafür weltweit verehrt. Entsprechend muss man sich nicht wundern, wenn in „Strange Circus“ von Anfang an eine morbide Stimmung herrscht, verstörende Visualisierungen regieren, Ströme von Blut fließen, Wände schleimig tropfen, man teils visuell tatsächlich angeekelt wird. So weit, so okay. Auch der Ansatz, unablässig die Frage nach Schein oder Sein zu stellen, wobei sich ständig Wahrnehmungsebenen verwischen, die Zeitrechnung fröhlich hin und her hoppelt, Allegorien kommen und gehen oder Identitäten komplett verschwimmen, birgt großes Potenzial. In keinem Film der letzten Zeit wurde „die Wahrheit“ dermaßen stark als subjektiv interpretierbares Mysterium entlarvt, und das ist wirklich gut so. Sperrig, aufwühlend, fordernd, verwirrend, faszinierend könnte man das nennen.



Allerdings sei nicht verschwiegen, dass der geradezu verkrampft durchgezogene Ansatz, im Traum die Wirklichkeit (und umgekehrt) zu suchen, auf Dauer schon etwas ermüdet, szenenweise gar nervt. Viel schwerer wiegen jedoch die schrägen Akkorde in dieser Symphonie des Schreckens, von denen es leider zu viele gibt. So muss man grundsätzlich akzeptieren, dass ausgerechnet ein extrem diffiziles Thema wie Kindesmissbrauch herhält, um den obigen Anspruch umzusetzen, was letztlich einen arg fragwürdigen Eindruck hinterlässt. Dies umso mehr, weil es sich „Strange Circus“ schließlich auch noch leicht genug macht, das Inzestopfer zur gefährlichen Psychopathin mutieren zu lassen, was zu allem Überfluss in Goreszenen mündet, welche rein gar nichts zur Handlung beitragen, sondern lediglich als blutige Schauwerte fungieren. Womit ein generelles Problem identifiziert wäre: Wenn die Kamera zu lange, zu explizit, zu detailverliebt auf nackter Haut oder abgetrennten Körperteilen verweilt, wenn sich selbst verstümmelnde Menschen als reine Anschauungsobjekte dienen, dann geht der Anspruch flöten – übrig bleibt billigster Voyeurismus. Höchste Fragwürdigkeit also auch an dieser Stelle.



Was ist „Strange Circus“ letzten Endes nun eigentlich? Ein widerwärtiges Machwerk, welches Sex, Gewalt und Tod um ihrer selbst willen ausschlachtet? Eine zutiefst melancholische Meditation über verletzte Seelen? Ein packendes Psychogramm? Ein purer Albtraum? Eine verstörende Abhandlung bezüglich Schein und Sein? Oder nichtssagender, aufgeblasen-abstoßender Kunstschwurbel? Man befrage fünf Zuschauer und bekomme vermutlich fünf unterschiedliche Meinungen. Es gilt also noch mehr als so schon, sich seine eigene Meinung zu bilden.



Möglich machen es in diesem Fall die Label Rapid Eye Movies/Al!ve, welche „Strange Circus“ ungeschnitten mit einem „Keine Jugendfreigabe“-Siegel veröffentlichten. Bezüglich der technischen Qualität kann ich nichts sagen, vermute aber, dass der anamorphe 1.85:1–Bildtransfer unter den üblichen Problemen einer NTSC-zu-PAL-Wandlung leidet. Soundtechnisch gibt es sowohl den Originalton als auch die deutsche Synchronisation in Dolby Digital 5.1 auf die Ohren, was bei diesem klangtechnisch ebenfalls verstörenden Film einigen Sinn macht. In Sachen Extras muss man sich dafür mit dem Trailer und einem Making Of begnügen, wobei die Lauflänge seitens Rapid Eye Movies allerdings mit beeindruckenden 75 Minuten angegeben wird. Das lohnt sich also scheinbar!

Starke Nerven wünscht

Tino

Weitere Infos:

"Strange Circus" IMDB-Page
"Strange Circus" Trailer
"Strange Circus" auf DVD kaufen


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