Der Reviewnator Blog - Hier ist der Name noch Programm. Ob Filmreviews, Künstler-Vorstellungen, Kolumnen oder einfach nur Gossip. Knallhart recherchiert präsentiert dir das ständig wachsende Team neue Artikel, die vor allem eins sind: echt. Ohne Skrupel, ohne Rücksicht auf Verluste.
Besser Reviewnator.
Durchforste ich diese Woche bei meiner allmorgendlichen Online-Lektüre die japanischen Nachrichten, springen mir tagtäglich neue schockierende Zahlen ins Gesicht. Zahlen, die mit jedem Sonnenaufgang auf die stets steigende Anzahl der Toten, Verletzten und Vermissten aufmerksam machen.
In Japan herrscht zurzeit ‚Obon’. Das Festival der Toten und verstorbenen Ahnen, welche – nach buddhistischem Glauben – einmal im Jahr zur Erde zurückkehren und ihre Familien aufsuchen. Eine ca. ein-wöchige Zeitspanne, bei der traditionell Laternen an den Häusern hängen, Tänze aufgeführt, Gräber besucht und an allen möglichen Tempeln Essen für die (zurückkehrenden) Toten angeboten werden. Wie man sich vorstellen kann, bei den hiesigen 90 Millionen Buddhisten ein ziemlich wichtiges Ereignis. Selbst, wenn es kein offizieller Feiertag ist. Gerade deshalb haben es sich die Japaner wahrscheinlich auch zu Eigen gemacht, ihren für sie wichtigen Glauben mit dem wohlverdienten Spaß zu kombinieren. Urlaub.
Ich als inzwischen eingesessene Hausfrau habe ja – theoretisch – jeden Tag Urlaub. Das werden zumindest die meisten behaupten, die meinen derzeitigen Tagesablauf hören. Gut, jedem seine Meinung. Und verglichen mit meinem früheren Job stimmt das wohl auch. Nichtsdestotrotz finden es aber auch die gelangweilten Hausfrauen ab und zu mal sehr entspannend, ihrem Nichtstun zu Hause zu entkommen und mit einem Nichtstun am Meer einzutauschen. Genauso, wie die oftmals nah am Nervenzusammenbruch stehenden Brotgewinner es bevorzugen ihren steifen Anzug gegen die lockere Shorts auszuwechseln. Bei täglichen 35 Grad im Schatten (das ist echter japanischer Sommer!) zwischen Betonklötzern und abgasreichen Vierrädern ja wohl nachvollziehbar. Und so war unsere gemeinsame Entscheidung von einem Tag zum anderen schnell gefasst. Raus aus der Stadt und rein in die Natur. Wir wollten und mussten unbedingt an’s Meer. Die Wahl nach Ibaraki zu fahren, fiel uns eigentlich nicht sonderlich schwer. Die gemietete Unterkunft ist ein Haus mit Selbstverpflegung – das heißt man ist ungestört und nicht an Regeln gebunden; die Besitzerin ist deutsch - das heißt es wird sauber und ordentlich sein; die Autofahrt beträgt nur 1 ½ Stunden – das heißt man kann auch schnell wieder zurück wenn’s einem nicht gefällt oder dauerregnet; die Entfernung zum Strand beträgt nur 100 Meter – das heißt man muss nicht lange laufen; und der Preis war billig – kein wenn und aber. So machten wir uns letzten Freitag zu sechst und mit drei Hunden auf zum ‚Studio Nada Ocean Cottage’ nach Kashima-City in der Ibaraki Prefecture, Region Kanto. Und ja, die Hausfrau ist immer diejenige, die alles planen und buchen muss.
Am gelb gestrichenen Holzhaus so gegen 22 Uhr angekommen, besichtigten wir erst einmal unsere Behausung auf der ersten Etage. Mit dem Rauschen der unsichtbaren Wellen im Hintergrund, der angemessenen Terrasse und der relativ großzügig angelegten Schlafmöglichkeiten war schnell klar, dass wir es wohl nicht besser hätten treffen können. Hocherfreut und geschafft aber mit dem Blick auf die kommenden erholsamen Tage hieß es demnach relativ zügig – Flaschen und Gläser raus, wir trinken einen unter freiem Himmel! Und das haben die ein oder anderen (wie immer) wohl auch etwas übertrieben. Ich sollte es mir zumindest zur Regel machen zum Wasser zu greifen, wenn ich meine Zigarette nur noch mit einem zugegekniffenen Auge anmachen kann. Soweit ich mich aber erinnern kann, war der Sonnenaufgang um 5 Uhr noch sehr schön. Mit dem Alkohol im Blut, war allerdings am nächsten Morgen/Mittag das Verlangen nach Toast und Marmelade ziemlich gering. So zerrten die verschiedensten Körper eher nach kräftigendem robusten Essen statt nach traditionellem Frühstück. Für manch einen hieß das natürlich McDonalds und für die anderen Yakitori, Tomkatsu oder Teriyaki Chicken. Alles – erstaunlicherweise - sogar im Ort erhältlich. Und dabei dachte ich schon in einer plumpen Dorf-Einöde gelandet zu sein. Aus Erfahrung ist das nämlich nicht immer so. Oft ist man bei Selbstverpflegung wirklich auf seine Mitbringsel angewiesen. Vor allem dann, wenn der Urlaubsort (noch) nicht sehr populär ist.
Und populär ist Kashima/Ibaraki unter den Touristen nun wirklich noch nicht. Zumindest schließe ich darauf, wenn bei wiederholten Strandbesuchen außer den Wassersport Begeisterten Einheimischen niemand diesen Ort aufzusuchen schien. Natürlich gut für uns, die mit ein paar Planschtätigkeiten und ungeübten Bodyboardversuchen vollkommen zufrieden waren. Schlecht aber für diejenigen, die dachten dort das zweite Ibiza oder Mallorca zu finden. So sah man am Strand zwar tief gebräunte Surfer auf die nächste Welle warten, Muttis mit ihren Kindern Burgen bauen und Opis auf den Felssteinen die Angel rauswerfen, dafür aber keine Modepüppis, platzgierige Familien oder bienenanziehende Imbissbuden. Alles war zen-ruhig und entspannt. Man könnte sogar sagen, auf 5 km Strand kamen 100 Leute. Demnach waren die Autos der Wasserratten auch direkt am/auf dem Strand geparkt. Es war ja schließlich Platz. Überall! Und ganz ehrlich gesagt, gibt einem das auch irgendwie ein gewisses Gefühl von Freiheit. Von Unbedarftheit. Wir haben es nämlich ein einziges Mal sogar selbst gemacht. Als wir vom Supermarkt kalte Getränke geholt haben. Durch die Dünen direkt an den Strand. Wir parkten 20 Meter vom Wasser und setzten uns nach dem Baden in den offenen Kofferraum unseres Jeeps. Zur Chill out Musik von was weiß ich wem, beobachteten wir ganz einfach nur die sich immer wieder riesig aufbauenden Wellen während ein Japaner mit seinem Wrangler am Wasser vorbeiheizte. Ein Gefühl wie im Film. Und absoluter Gegensatz zu dem, was ich früher mal an der Ostsee/Nordsee erlebte.
Irgendwann aber geht jeder Urlaub einmal zu Ende. Leider. Und so machten wir uns am Montag bei weiter vorherrschender Hitzewelle schweren Herzens aber erholt wieder auf die Reise ins heimische und zurzeit wie leer gefegte Tokyo. In die Metropole, die für uns das ganze Jahr über sowohl beengend klein als auch beängstigend groß wirken kann und in der wir trotz allem mehr als glücklich sind. Und wie sehr das Glück wohl auf unserer Seite ist, wurde mir am nächsten Morgen wieder beim Durchklicken der lokalen Nachrichten bewusst. Denn während wir uns genüsslich die Gehirnzellen aus dem Kopf tranken, das saftige Fleisch in uns hineinstopften und hin und wieder den kühlen Pazifik genossen, liefen an gleichen und anderen Teilen des Landes ganz andere Szenen ab von denen wir absolut gar nichts mitbekamen. Szenen, die uns genauso hätten passieren können und doch nicht betrafen. Was ich nämlich las waren Polizeiberichte, bei denen Menschen manchmal nicht weit von uns entweder von hohen Wellen ins Dunkel des Meeres gezogen wurden oder von Bergen in die weite Tiefe fielen. Ganze 27 Bewohner Japans, alt und jung, verunglückten tödlich an nur einem Wochenende. Manche sind sogar immer noch nicht auffindbar. Viele der Autoritäten hierzulande nennen diese Vorkommnisse tragisch und furchtbar. Ich nenne sie der horrenden Anzahl nach darüberhinaus sogar ironisch - wenn man Obon bedenkt...
Meine Güte, wie die Zeit vergeht. Kaum schaut man sich um und schwupps – schon ist es Sommer. Blauer Himmel, 25 Grad und herrliche Gemütsstimmung prägen jetzt unseren Alltag. Logisch, dass man in dieser Zeit auch gern mal was unternimmt, oder? Wie wär’s daher mit einen Ausflug nach Yokohama?
Wie der aufmerksame Leser weiß, ist Yokohama der Ort an dem vor einem Jahr meine Möbel und Kartons das wilde Meer verließen und auf hochpolierte Trucks des Umzugsunternehmens verladen wurden. Ja, Yokohama ist der Umschlaghafen Japans. Eine Stadt, die nur wenige Kilometer von Tokyo entfernt liegt und wenn man so will für das heutige Japan verantwortlich ist. Für die Weltmetropole. Und das, obwohl die Stadt mal nichts weiter war als ein ganz kleines Fischerdorf.
Wie im Buch ‘Gai-jin’ von James Clavell so schön beschrieben, hielten die Japaner vor noch nicht allzu langer Zeit gar nichts von der Grenzenöffnung. Sie waren ein Volk für sich, ließen keinen rein und keinen raus, bauten noch nicht einmal Schiffe und hatten so etwas wie ein Gesetz der nationalen Abgeschiedenheit mit so gut wie keinem Kontakt zu jeglicher westlicher Zivilisation. Doch ein ziemlich beharrender amerikanischer Kommodore namens Matthew Perry ließ sich 1853 nicht mehr so einfach zurückweisen und positionierte seine kampflustige Fregatte in der Nähe des heutigen Tokyos um mit den Japanern Geschäfte zu machen. Immer schon misstrauisch anderen gegenüber, schickten diese ihn jedoch nach Nagasaki, dem einzigen offenen Hafen Japans, der limitierten Austausch mit Holländern pflegte. Wie die geschäftstüchtigen (und blutrünstigen) Amerikaner aber so sind, weigerte sich Perry natürlich und drohte sogleich mit zerstörendem Angriff, wenn man ihn nicht an Land lassen und sämtliche Häfen Japans öffnen würde. Die Japanische Regierung, wütend aber logisch denkend, willigte somit ein ihn zumindest an Land willkommen zu heißen und den Brief mit Forderungen von US Präsident Fillmore entgegenzunehmen. Kurze Rede, langer Sinn – Perry zog später noch einmal mit mehr Schiffen vor Japans Küste auf, jagte den Einwohnern somit einen ordentlichen Schrecken ein und voila am 2. Juni 1859 eröffnete Yokohama seinen neu erbauten internationalen Hafen allzeitbereit für den friedlichen Austausch von Waren. Und somit veränderte sich Japan auch. Denn jede westliche Influenz kann ja auch seine gute Seiten haben. Und so kamen demnach Zeitungen ins Land, Straßenkämpfer, Eisenbahnen usw. All das, worauf das heute moderne Japan aufgebaut ist.
Und nun wollte ich diese historische Stadt, dessen Straßen mir schon aus dem X-Box Racing Spiel und Godzilla bekannt waren, einmal mit eigenen Augen sehen. Das Flair kennen lernen und mir ein Bild über die Einwohner machen. Sind sie genauso hip und trendy wie in Tokyo? Verläuft das Leben dort in genau dem gleichen rasenden Raster zwischen U-Bahn, Starbucks und Büro? Sieht man auch dort einen Mix aus frustrierenden Betonkloppern und erholenden Grünflächen? Nee! In Yokohama ist alles anders. Und das ist erstaunlich wenn man bedenkt, dass man auf der 45 Minuten Autofahrt noch nicht einmal eine wirkliche Trennlinie zwischen diesen beiden Städten erkennen kann. Yokohama ist im Gegensatz zur Hauptstadt wesentlich übersichtlicher. Ich finde sie sogar ruhiger, relaxter und historisch gesehen viel japanischer als das westlich orientierte Tokyo. Zum einen, wirkt die Stadt großflächiger. Das heißt, nicht einmal habe ich mich auf über- und untereinander gebauten engen Straßenbahnen gefunden und Leuten direkt in die Fenster schauen können. Auch befand ich mich nie mit 50 sondern nur mit höchstens 5 anderen Leuten an der Ampel stehend. Dinge, die schon einmal nicht beklemmend sind. Dann gab es auch kaum Stau, kaum Drängeleien und auch keine mir ins Gesicht springende Werbung irgendeiner Produktkette. Alles ist in Yokohama viel viel ruhiger als in Tokyo. Aber das Flair Yokohamas ist, was diese Stadt wirklich ausmacht. Man erkennt den Einfluss früherer westlicher Eindringlinge noch. Ich sah z. B. Gebäude, die an das New York oder London um 1900 erinnerten, restaurierte alte schwarze Schiffe auf der Promenade stehen und – wenn wir schon bei Promenade sind – massenweise Maler, Musiker und Familien auf der Grünfläche vor dem Wasser lungern. Eine für mich doch sehr beruhigende Atmosphäre. Vor allem aber sah man selten Weiße. Der einzige Ort, an dem man ab und zu mal einem Bleichgesicht über den Weg lief war – Chinatown. Eines der in der Welt mit beeindruckenden übergroßen rot angemalten Eingangstoren in jeder Himmelsrichtung. Allerdings muss ich sagen, dass mir das Chinatown absolut gar nicht gefallen hat. Zum einen besteht es aus sage und schreibe 90 Prozent Essensmöglichkeiten. Viel zu viel für meinen Geschmack. Und zum anderen kann man in den sporadisch zu findenden Shops nur Schei... kaufen. Da bin ich ehrlich gesagt von Singapore was ganz anderes gewohnt. Trotz alledem sieht es aber wunderschön aus. Sogar der ins Auge stechende bunte Tempel mit Drachen etc. war beeindruckend groß.
An Sehenswürdigkeiten hat Yokohama natürlich so einiges zu bieten. Abgesehen von massenweise für mich sinnvollen und sinnlosen Museen, sehr spaßigen Freizeitparks, historischen Gebäuden, Tempeln etc. vor allem aber auch einen interessanten Friedhof. Die Yokohama Foreign General Cementery. Eine Grabstelle für ca. 4,500 Menschen aus mehr als 40 Ländern, für die – mal wieder – Kommodore Perry verantwortlich ist. Das heißt natürlich nicht, dass er all diese auf dem Gewissen hat. Nein, so schlimm war er ja auch nicht. Aber im Jahre 1854, als Perry mit seinem Geschwader vor der Küste Japans stand und krampfhaft verhandelte, starb einer seiner Soldaten. Robert Williams, 24 Jahre alt. Perry verlangte (!) demnach ein Stück Land als Beerdingungsstelle für Amerikaner (er wusste wohl dass die Angelegenheit eine Weile dauern würde) und somit wurde die Foreign General Cementery ins Leben gerufen. Ein relativ kleines hügeliges Stück Erde, welches direkt aufs Meer blickt. Doch das Öffnen des Hafens, die Ankunft von Ausländern und Desaster wie die Weltkriege und Erdbeben, ließen Williams (inzwischen woanders beerdigt) nicht lange allein dort liegen. Inzwischen befinden sich dort nämlich so einige Nationalitäten, ob Amerikaner, Briten, Franzosen, Italiener oder Deutsche. Jeder Grabstein erzählt seine eigene Geschichte, sein eigenes Drama. Und oft erzählt auch die Widmung so einiges über das Leben der dort verstorbenen Person. Häufig kann man nämlich feststellen, dass der jeweilige Ausländer sich scheinbar eine einheimische Japanerin zur Frau nahm, Kinder in die Welt setzte und sie dann zur damaligen Zeit wahrscheinlich mit Schande allein ließ. Andere Zeiten, andere Sitten. So fand ich es äußerst interessant mir die massiven Eingravierungen Meter für Meter durchzulesen. Das ist der Stoff, aus dem gute Filme sind. Kriegsfilme zumindest.
Letztendlich war es ein gelungener Ausflug, bei dem ich mal wieder dazugelernt habe. Und da der Sommer sich ja jetzt in Japan so richtig breit macht, freue ich mich schon auf einen Folgebesuch im Yokohama Sea Paradise. Yay!
Japans Gesetze nun, lehnen sich an die deutsche Rechtssprechung an. Zumindest größtenteils, denn auch in Japan ist die Todesstrafe legal. Fast 80 % der Bevölkerung unterstützen sogar diese Maßnahme. Allerdings geht man hierzulande mit dieser Strafe wohl etwas gelassener um. Schaut man sich nämlich Statistiken dazu an, findet man heraus, das sich zur Zeit ‘nur’ 93 Menschen in Todeszellen befinden. Und das im Jahre 2006 “nur” 4 Japaner den Galgen fanden. Auch verhängt man die Todesstrafe inzwischen nur noch an Kriminelle, die – abgesehen von Drogenbesitz - entweder mehrere Morde begingen oder die im Zusammenhang mit Vergewaltigung oder Raub mordeten. Hört sich für mich nachvollziehbar an. Da sollte eine mögliche Fehlerquote nicht existieren. Was allerdings ein wenig an die emotionale Grenze stößt, ist das Verfahren. Zum einen erfährt der zu Hängende von der Ausführung wirklich erst am Morgen seines Todestages und zum anderen werden die jeweiligen Verwandten erst nach der Exekution über das Ableben des Familienmitgliedes unterrichtet. Das heißt, jegliche Abschiedsnahme ist einfach nicht möglich. Doch wie auch schon in Singapore, so ist auch in Japan die Todesstrafe vorgeschrieben, wenn man bestimmte reine Mengen von bestimmten Drogen besitzt. Ein einziger Verstoß hierbei reicht vollkommen aus. 30 Gramm Kokain, 15 Gramm Heroin, 500 Gramm Cannabis oder 200 Gramm Haschisch. Darüberhinaus können Menschen auch nur allein bei einem positiven Blut- oder Urintest verurteilt werden. Speziell Amerikaner singen zur Zeit in “Sing-Sing” davon ein Lied.
Die Japaner sind im Kampf gegen Drogen ziemlich aggressiv. Manch einem fällt das bereits bei der Ankunft am Flughafen auf, wenn Schäferhunde plötzlich schnüffelnd um’s Gepäck schleichen, anderen wenn im Briefkasten kaputte Postumschläge liegen. Besonders Pakete, DHL und Fedex Sendungen können Grund für eine nähere Betrachtung sein. Meine Pakete - und meine Familie ist unheimlich um meine Versorgung mit deutschen Medikamenten, Milka Schokolade und reichlich Knorr/Maggie Tüten-Puder-Soßen-Hilfen bemüht – scheinen schon des Öfteren einer Kontrolle unterlegen zu haben. Nicht das etwas fehlte, aber wer so häufig wie ich von der Heimat beglückt wird, erregt wohl die japanische Neugier. Und das ist kein Wunder, da viele hauptsächlich Amerikaner hier ihre Drogen per Post zugestellt bekamen.
Doch im Vergleich zu anderen zivilisierten Ländern der Welt, hat Japan scheinbar ein äußerst einmaliges Strafverfolgungssystem. Die Staatsanwaltschaft klagt den Kriminellen nämlich nur nach unterschriebenem Geständnis an. Und diese Geständnisse kommen ja meist nach langen Verhören zustande. Klar. Wir kennen’s ja aus Filmen und wer weiß welche Druckmaßnahmen man anbringt. Insgesamt 99 % aller Verhafteten kommen so in’s Gefängnis. Unterschreibt man allerdings nicht, und da haben wir das eine übrig gebliebene Prozent, wird man auch nicht angeklagt. Mir stellt sich hierbei die logische Frage – warum überhaupt unterschreiben? Aber ich glaube das liegt an der stolzen Mentalität der hiesigen Einwohner. Gesicht und vor allem Ehre bewahren, ist hier noch ganz groß. Bewundernswert, dass Menschen noch die Konsequenzen für ihre Taten tragen wollen. Na Miss Hilton? Da kannste noch was lernen ! Doch abgesehen von der Todesstrafe gibt es in Japan insgesamt 5 Grundsatzstrafen: Gefängnisstrafe, Arbeitsgefängnis, Geldstrafe, Haftstrafe (bis zu 30 Tagen) und geringe Geldstrafe (bis ca. 70 EUR). Kritik findet das Land allerdings in Bezug auf die Bestrafung hinsichtlich Vergewaltigung. Ganze 3 Jahre ist hier die Norm, obwohl 15 in Theorie dafür angewendet werden können. Deutschland hat dafür sogar nur ein Mindestmass von 2 Jahren. Als Frau hätte ich hier noch so einige “punishments” vorzuschlagen… Nichtsdestotrotz ist Japan immernoch weltweit eines der Länder mit den geringsten Straftaten wenn man die Einwohnerzahl bedenkt. Es scheint mir sogar, als ob Ausländer hierzulande mehr Straftaten begehen als Einheimische. Egal welcher Art. Japaner sind einfach ehrlicher. Ehrenhafter. Wenn zum Beispiel in der U-Bahn oder im Taxi Handtaschen liegengelassen werden, findet man diese entweder auch noch nach 2 Stunden am gleichen Ort wieder oder ein Finder gibt sie ab und man bekommt diese unversehrt nach Hause zugestellt. Wenn man sich bei Starbucks befindet und auf Tischen sowohl Portemonaie als auch teuren Apple Laptop stehen sieht, brauch der Besitzer keine Angst vor dem Stehlen seiner Eigentümer zu haben. Er kann gut und gerne auf die Toilette gehen und findet sein Hab und Gut unangetastet wieder. Wo in Deutschland würde so etwas vorkommen? Ich bin jedes Mal fasziniert darüber.
Genauso aber scheint das Gerechtigkeitsbewusstsein hier in Japan wesentlich höher zu sein als anderswo in der Welt. So hörte ich bereits von Fällen des “U-Bahn-Grabschens”, bei denen der Täter von anderen Mitfahrern festgehalten und an der nächsten Station aus der Bahn geworfen wurde, nur um dann von wartenden Polizisten in Verwahrsam genommen zu werden. Hurray! Bei solch oftmals engen Mitfahrbedingungen eine super Sache finde ich. Laut Gesetz kann man für solch eine Tat sogar mit 6 Monaten Arbeitsgefängnis bestraft werden. Aber das Polizeisystem in Japan ist auch eines der interessantesten. So sieht man nicht nur die normalen Polizeiautos umherfahren, sondern findet auch an jeder dritten Straße eine sogenannte Polizei Box, genannt ‘Koban’. Das sind ganz kleine “Büros” mit meist 3 Polizisten und häufig die erste Anlaufstelle der allgemeinen Öffentlichkeit. Diese Kobans sind rund um die Uhr besetzt, ausgestattet mit Schlaf- und Essmöglichkeiten und gelten als Basispunkt für “Fuß- und Fahrradpolizisten”. Zur Sicherheit der Anwohner betreiben diese Koban-Polizisten auch zweimal jährlich einen Tür zu Tür Besuch, bei dem sie die Daten der jeweiligen Bewohner eines Hauses/einer Wohnung inkl. Alter, Beruf, Geschäftsadresse, Autonummer, zu benachrichtigende Verwandte in Notfällen etc. aufnehmen. Freiwillig natürlich. Hierbei gilt besondere Aufmerksamkeit den alleinstehenden Personen, welche eventuelle stärkerer Obacht bedürfen. Genauso aber werden auch von Geschäften Fragebögen ausgefüllt, bei denen wiederum besonders auf Spätarbeitende Acht gegeben wird. Dies kann natürlich von dem ein oder anderen als Verstoß gegen die Privatsphäre gesehen werden, ist für mich in Japan aber ehrlich gesagt eine hervorragende Vorsichtsmaßnahme, da ich den Japanern wirkliche Besorgnis abnehme. In Deutschland hätte ich damit schon eher meine Probleme. Wenn ich bedenke wie oft irgendein Idiot bei mir Telefonterror betrieb…
Letztendlich muss ich sagen, mich bisher sowohl in Singapore als auch in Japan äußerst sicher gefühlt zu haben. Wie auch in Deutschland, so muss ich mich auch hier an die jeweiligen Regeln und Gesetze halten. Und das ist nicht wirklich schwer, sondern sogar ziemlich logisch. Wer allerdings in vollem Bewusstsein gegen diese verstößt, der ist selber schuld. Unwissenheit schützt vor Strafe nicht, heisst es zwar so schön, aber keiner kann auch nur im geringsten behaupten nicht vor Strafen gewarnt worden zu sein. Alles was man wissen muss befindet sich schließlich schon auf den auszufüllenden “Immigration Cards”! Auf jeden Fall hinsichtlich Drogen…
Im Ausland zu leben, heißt oftmals auch sich an andere Regeln des jeweiligen Landes zu gewöhnen. Speziell dann, wenn die Konsequenz des Regelverstoßes eventuell “Capital Punishment” zur Folge hat. Die Haltung ‘No Risk, no Fun’ sollte hier demnach absolut vermieden werden…
Während meiner Zeit in Singapore sind mir schon einmal die Augen geöffnet worden wie es wäre, eine bedeutende Zeit meines Lebens hinter Gittern zu verbringen. Damals wurde mir beim Mittagessen mit einem Kollegen mein Portemonaie vom Tisch geklaut. Ein arbeitsloser Gastarbeiter aus Borneo machte sich schnellen Schrittes damit davon, nur um Sekunden später sowohl von meinem Kollegen als auch von einem zufällig an Ort und Stelle befindlichen Verkehrspolizisten überwältigt zu werden. Mehrere Männer in Blau (statt deutschem grün) folgten keine 5 Minuten später mit Handschellen und Schlagstock. Eine Szene, die sich in meinem Gehirn regelrecht eingebrannt hat. Nicht zu vergessen, das der Kriminelle inzwischen auf dem Boden lag, mir von seinem Elend erzählte und mein Herz erweichte. Er tat mir Leid. Nun darf man nicht vergessen, Singapore ist mehr oder weniger ein Polizeistaat. Uns stolz noch dazu. Demnach sind die Hüter des Gesetzes auch außerordentlich strikt was Verstöße innerhalb ihres Insellandes betrifft. “I won’t press charges” meinerseits akzeptierten sie demnach auch nicht. Und die Konsequenz für mich? Eine Zeugenaussage vor Gericht.
Eines Morgens gegen 9 Uhr war die Verhandlung angesetzt. Ich erschien. Musste ich auch, denn die Strafe für’s Nichterscheinen wäre Gefängnis. So teilte man mir vor Betreten des Saales auch schon mal mit, dass ich mich bei Überschreiten der Türschwelle vor dem Richter zu verneigen hätte. Genauso, wie bei Verlassen des Saales. Da ich ein wenig Probleme mit solchen Authoritätsregeln habe und sie für Übertrieben halte, waren meine Verbeugungen auch nicht im angeforderten 90 Grad Winkel. Doch einige Zeit später wurde die Verhandlung eröffnet. Im Massenabfertigungsstil. Wer nämlich hereingeführt wurde, waren ca. 10 Gefangene. Einer davon war mein Klauer. Doch bevor man zu ihm kam, befasste man sich in harschem Ton mit einem 22-jährigen Singapore-Chinesen. Sein Vorwurf? Illegaler Besitz von pornographischem Material. CDs. Das entsprechende Gesetz – und es ist kein Scherz – lautet nämlich: man darf pornographisches Material erwerben, aber nicht besitzen. Beim Verlesen seiner Strafe schluchzte er wie ein kleines Kind. 5 Jahre Knast wenn ich mich richtig erinnere. Dann kam eine ratzekahl geschorene junge Frau in Handschellen in den Saal. Sie wurde bei einer Routineüberprüfung mit einem Schraubenzieher in der Handtasche erwischt. Laut dem Richter, eine Waffe, welche sie wahrscheinlich beabsichtigte zu nutzen. Minority Report anyone? Doch irgendwann verlas man auch die Strafe meines Bornesen. Einige Jahre Gefängnis inklusive mehrerer Stockhiebe. Und Stockhiebe mit einem Bambusrohr folgen meist entweder auf die Füße oder auf den Hintern. Nach und nach. Heute zwei, dann lässt man die aufgeplatzte Haut verheilen, um sie Wochen später mit weiteren Hieben wieder bluten zu lassen. Höchstens 24 Hiebe dürfen verhängt werden. Nicht jeder hat das überlebt. Barbarisch nicht wahr, aber Gang und Gebe in den unterirdischen Gefängnissen Singapores. Und er kann froh sein, nicht gehängt worden zu sein. In Singapore ist die Todesstrafe nämlich kein ungeschriebenes Gesetz. Nein. Und das sollte jedem – wenn man vor ein paar Jahren die internationalen Nachrichten verfolgte – speziell im Hinblick der jungen Deutschen namens Julia Bohl noch im Gedächtnis sein. Sie war damals im März 2002 zusammen mit ihrem malayischen Freund und einem Bekannten wegen Besitzes von 687 Gramm Cannabis verhaftet und verurteilt worden. Zum Zeitpunkt der Festnahme/Urteilsaussprechung wohnte ich ja noch in Singapore und ich kann sagen, diese Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer unter den Ausländern. Zum einen, weil viele Frau Bohl kannten und mit ihr vorher dort zur Schule gingen, und zum anderen aus Neugier. Denn alles über 500 g heisst automatisch Todesstrafe. Eine Angelegenheit, die Julia Bohl hätte wissen müssen, da sie in Singapore aufwuchs. Doch ihre Rettung vor dem Hängen war damals ein Laborbericht der zeigte, das lediglich 281 Gramm reines Cannabis waren. Jede Menge unter 330 g bedingen “nur” einen Gefängnisaufenthalt von mindestens 5 Jahren. Und dabei muss ich sagen, das so einige eher außenpolitische Aktionen der deutschen Regierung statt exaktem Laborbericht vermuteten. Singapore hat nämlich in Realität kein Problem damit auch Ausländer hinzurichten, die sich nicht an die nicht schwer einzuhaltenden Regeln halten. Zwischen 1999 und 2004 betraf das ganze 37 Nicht-Singapuris. Und jährlich werden in Singapore zwischen 70 – 80 Menschen exekutiert (bei 4 Millionen Einwohner). Davon mal abgesehen, über Julia’s zwei Kompanen hatte man nie wieder etwas gehört…
“Guilty until proven innocent” heisst die Rechtssprechung in Singapore. In Deutschland ist es umgekehrt. Auch die Todesstrafe gibt es schon seit über 50 Jahren nicht mehr. Auf der anderen Seite, die Rechtssprechung in deutschen Gerichten lässt manchmal auch zu wünschen übrig. Nur fünfzehn Jahre Haft bei 9-fachem Babymord mit Aussicht auf ein noch milderes Urteil? Nur 9 Jahre bei vorsätzlichem Ehrenmord? Mir erscheint das recht milde. Jedenfalls habe ich ein Problem damit jemandem auf der Straße zu begegnen, der seine Schwester auf dem Gewissen hat. Und wahrscheinlich noch wegen guter Führung schon nach 4 Jahren aus dem Knast entlassen wurde. Wo ist da die Gerechtigkeit? Was sagt das über den Wert eines Menschenlebens aus?
Als ich es mir im Skiurlaub auf der Tatamimatte gemütlich machte und den Fernseher einschaltete, wurde mir von einer Minute zur anderen klar – noch nie in meinem Leben habe ich solch verrücktes Programm gesehen. Und das ist schon ein starkes Stück wenn man bedenkt, dass ich eine Suchtglotzerin bin.
Egal in welchem Land ich mich befinde und egal in welcher Situation. Würde man fürs TV kucken bezahlt werden, wäre ich schon lange Milliardär. Mehrfacher. Darum konnte ich meine eigene Dummheit auch kaum nachvollziehen, noch nie dem wirklich japanischen Fernsehen irgendwelche Achtung geschenkt zu haben. Traurig, wenn ich bedenke hier schon seit fast einem ganzen Jahr zu wohnen. Verständlich aber, wenn man tagtäglich nicht die Storyline eines Filmes erraten möchte. So abonnierten wir damals ein zusammengestelltes Paket von “4th Media” über den Anbieter Plala. Der Vorteil? Sämtliche “Ami” Kanäle wie Star Movies, StarWorld, Movie Plus, AXN, Fox, CNN, Discovery etc. in sowohl englischer als auch japanischer Sprache. Der Nachteil? Bis auf ein paar hauptsächlich (Kriegs-)Spielfilme kaum authentisches japanisches Fernsehen. Die Konsequenz? Ich lachte erst einmal lauthals los, als ich mir morgens um 9 Uhr die lokalen Nachrichten reinzog.
Abgesehen von den vielen bunten Schriftzügen über dem Bild und dem beeindruckenden 70-er Jahre Flair der hiesigen Nachrichten, muss man nämlich wissen, Japaner mögen die Visualisierung. Egal zu welchem Thema. Und diese Visualisierung wird in den Nachrichten meist mit übergroßen Karteikarten durchgeführt. Nachdem nämlich der Nachrichtensprecher dem Zuschauer kurz und bündig von einem schweren Busunfall in Yokohama erzählte und ein kleines Video dies auch bestätigte, zeigten mehrere im Studio befindliche Personen mit Zeigestöcken nacheinander auf übergroße pappähnliche Karten auf einem Flippchart. Große bunte Charts in augengefährdenden Bonbon Farben sollen nämlich dem Wissbegierigen die Schwere der Situation noch deutlicher machen. Und dabei werden die unterschiedlichsten Studien angebracht. Wie oft dort schon ein Unfall passierte. Unter welchen Umständen. Wie viele Leute bei Unfällen ums Leben kamen. Wie viele Autos schrottreif gefahren wurden. Wie viele Männer und Frauen beteiligt waren. Der prozentuale Anstieg/Abstieg etc. Alles natürlich mit klebbaren Hilfsmitteln, die aussehen als hätte eine Kindergartentruppe gerade ihre Freizeitbeschäftigung abgegeben. Erstaunlich, wenn man die modernen Techniken des Landes bedenkt.
Doch auch wenn die Nachrichten bildmäßig ziemlich interessant waren, irgendwann wurde es langweilig. Immer das gleiche eben. Und so sah ich ein hervorragend kitschiges Schulmädchen Drama, eine Doku mit einer scheinbar wahllos auf einer Insel umherirrenden Frau auf der Suche nach irgendwas, ein Kriegsdrama um eine heute erwachsene Frau mit Rückblick auf ihr hartes Aufwachsen, ein Fremdgehdrama und – eine Gameshow. Und die, die sind von keinem Land der Welt aufkaufbar. Die funktionieren nur in Japan. Nicht mal Deutschland mit seinem manchmal fragwürdigen Geschmack würde sich an solch ein Format wagen. Warum? Weil Japaner eine ganz besondere Art von Humor haben. Einen, den man entweder gar nicht versteht und für verrückt und ekelhaft hält, oder über den man trotzdem lachen muss, selbst wenn er unter die Gürtellinie geht. Ich, ich zähle mich zu letzterem. Einer Gattung, die so schnell nichts aus der Bahn wirft. Deshalb saß ich auch wie gebannt vor der Flimmerkiste als mal wieder unfassbare Bilder japanischer Unterhaltung meinen Nachmittag versüßten.
Über Jahre schon haben die populären japanischen Gameshows wettkampfwillige Kandidaten mit kleinen Grausamkeiten ihre Preise gewinnen lassen. Grausamkeiten, die von Jahr zu Jahr immer sadistischer und unfallträchtiger wurden. Deshalb hatte sich die Regierung auch irgendwann zu Wort gemeldet und den schlimmsten Shows einen Riegel vorgeschoben. Trotzdem, was man selbst heute noch sieht gleicht einem Mix aus Jackass, Zirkus, Bühnenstück, versteckte Kamera und Softporno. Man kann demnach auch nicht sagen, Japaner wären eintönig und in irgendeiner Weise prüde. Niemals!!! So sind sie natürlich auch ziemlich einfallsreich was die Belustigung angeht. Und dabei ist das Prinzip relativ einfach. Zum Beispiel: Fünf Kandidaten – eine Aufgabe. Kann einer diese nicht lösen, bekommt er eine Strafe. Oder: 5 Kandidaten – ein Preis. Wer am längsten eine bestimmte Tortur aushält gewinnt. Dabei gibt es unendliche Möglichkeiten die Sache so unangenehm wie möglich zu gestalten. Wer es zum Beispiel etwas härter mag, der erfreut sich dabei wahrscheinlich an Bikini tragenden Mädels, die in kochend heißem Wasser sitzen müssen. Vielleicht mag derjenige dann auch den am heißen Auspuff gehaltenen blanken Männerhintern. Burn baby burn! Wer es etwas leichter angehen will, der lacht über den überall (!) mit Honig eingeriebenen Typen und die an ihm leckenden Hunde. Manch einer mag auch eher den psychologischen Terror, bei dem jemand dabei zusehen muss wie seine Freundin angemacht und zum Sex verführt wird. Doch was definitiv jedes zumindest Männerherz höher schlagen lässt, sind die ab und zu gesendeten ‚money shots’. Leicht bekleidete Frauen, die gegeneinander in körperlich anstrengenden Disziplinen (Klimmzüge, Push-ups usw.) antreten und irgendwann vollkommen kaputt zusammenbrechen. Auf einer Glasscheibe. Beine breit, Brust halb raushängend etc. Und diese Einstellungen werden natürlich in Zeitlupe wiederholt. Immer und immer wieder. Youtube hat da so einiges an Material anzubieten... Kann man sich also vorstellen, solche Sachen in Deutschland ohne Protest auf ProSieben oder RTL zu sehen? Witzig, grausam und nackt? Ich glaube nicht.
Vielleicht eher aber wären die Variety/Comedy Shows etwas. Denn die sind im Gegensatz zu unseren verstaubten Sketchen a la Versteckte Kamera wirklich lustig. Für denjenigen wieder nackt und peinlich, aber lustig. Und solange es die Japaner freut, ist doch alles in Ordnung. Es lebe der menschliche Körper!
Gestern hat Jeannine bereits über die Fahrt in die japanischen Berge, die überraschend weiße Schneepracht und die Suche nach einer Unterkunft berichtet. Nun geht das Abenteuer "weißes Japan" weiter...
Um 11 Uhr erst zum Rental Shop zu gehen, war wahrscheinlich nicht die beste Idee. Schon gar nicht an Chinese New Year, bei dem sich jeder asiatische Feiertagsurlauber der umliegenden chinesisch geprägten Länder wohl in Hakuba befindet. So dauerte es auch unangenehm lange für einige von uns, das entsprechende Wintersportmaterial zu mieten. Doch nachdem dann endlich jeder auch seinen letzten Stock hatte, begaben wir uns zu Fuß zum nächstliegenden Lift. Unser Gebiet? Happo-one. Ein schneebedecktes Terrain für 4.600 Yen am Tag (ca. 30 Euro) mit 27 Lifts, 13 Pisten, wobei der längste 8 km ist. Mein Hang war ‘M’. Ein gutes Gebiet für Snowboard-Anfänger (mich) mit einem 10 – 18 Grad Gefälle. Also rauf auf den Lift und hoch.
Das ist schon so eine Sache mit dem Snowboard fahren. Wakeboard, das kann ich. Inklusive Tricks. Snowboard? Das muss mir erst einer richtig beibringen. Und das fängt schon mit dem Abstieg an. Wie kommt man denn vom Lift runter? Nicht ganz einfach mit einem freischwingendem Bein. Um mich herum? Profis, oder zumindest welche die wissen wie es geht. Husch – schon wieder einer an dir vorbeigesaust. Und bumm – schon wieder nach vorne übergeknallt. Das mit den Wendungen hatte ich einfach nicht raus. Ist ja auch klar. Jetzt zumindest. Beim Wakeboarding fährt man mit Oberkörper nach vorn, beim Snowboarden seitwärts. Das ganze meinem Körper beizubringen brauchte eine Weile. Mehrere Stunden um genau zu sein. Und während ich mehr Zeit im statt auf dem Schnee verbrachte, frohlockte der Rest der Bagage mit ihren Skiern auf was weiß ich wie vielen Metern höher rum. Man sprach dabei von Halfpipes, Panorama Ausblick, McDonalds, Musik und Sonnenterrassen. Eine Höhe, die ich mir mit den limitierten Snowbardfähigkeiten definitiv nicht zutraute. Aber was soll’s. Um so mehr konnte ich mich selbst trainieren und anderen zuschauen. Und mit anderen, meine ich nicht nur die, die es können, sondern auch die, die dort zur Modenschau waren. Ob man’s glaubt oder nicht, es gibt doch sage und schreibe genügend junge Japanerinnen, die scheinbar annehmen dort den Mann ihrer Träume zu finden. Nicht ganz abwegig wenn man die Internationalität dort betrachtet. Aber voll geschminkt und mit riesigen Ohrringen die Piste runterzurutschen finde ich schon ein wenig übertrieben. Noch dazu, die konnten weniger als ich! Zum einen sitzen sie ewig Zeiten mit ihrem Hintern im kalten Schnee, telefonieren und rauchen sich einen ab, und zum anderen bewegen sie sich mehr lachend als könnend 5 Meter, schmeißen sich hin und wedeln mit dem Haar. Hallo? Ach, wer bin ich schon um über sie zu urteilen, nicht wahr? Wer weiß, was sie von mir dachten. Aber interessant war’s allemal.
Als sich dann irgendwann alle wieder zum Haus gesellten, wurde es draußen natürlich schon dunkel. Jeder war mehr oder weniger recht abgekämpft. Und so lag es für die Männer des Hauses auf der Hand, ein Onsen aufzusuchen. Wie schon mal erwähnt – die heiße Quelle aus dem Berg. Und bei solch monströsen „japanischen Alpen“ gibt’s natürlich viele dergleichen. Vor allem in der populären Nagano Gegend. Zwei Stunden und ein ausgiebiges Spagetti Abendessen später, standen natürlich auch wieder die Flaschen und Spiele auf dem Tisch. Klar, wir hätten auch in die Kneipe, Clubs oder auf Winterspaziergänge gehen können. Aber der Alkohol war nun mal schon im Haus! Und so vergnügten wir uns das erste Mal in dieser Runde mit Taboo. Und das ist super wenn man Pärchen gegen Pärchen spielt. Was man da alles über Leute herausfinden kann. Nimmt man zum Beispiel mal das Wort „Sport”. Wenn ich es nicht mit ‘Gym’ oder ähnlichem beschreiben darf, dann weiß mein Freund mit ‘was ich machen will aber zu faul bin’ sofort was ich meine. Soweit, so gut. Wenn aber das Wort „Kopfschmerzen“ vorkommt, und einer seinem Mann nach ein paar Schnäpsen mit den Worten ‚hab ich heute morgen zu dir gesagt als du wolltest’ erklärt, dann ist das für Leute, die sich nicht wirklich gut kennen, schon lustig. Eventuell auch etwas peinlich. Und so spielten, lachten, drohten und tranken wir was das Zeug hielt. Natürlich nicht ganz ohne Zwischenfälle. Denn der noch sehr junge Dackel meinte heute wäre Selbstbedienung und fraß sich unbeaufsichtigt eine wahnsinnige Wampe an. Und das führte irgendwann zu krampfhaften Entleerungen – mehreren Entleerungen – in Haufen - unter dem Tisch. Uuuhhh der Geruch... Doch Gott sei Dank war’s der Hund, denn bei ersten Schnüffelattacken vermutete jeder erstmal sein Gegenüber. Huh, Glück gehabt. Peinlichkeiten vermieden!
Am Sonntag Morgen war für zwei von uns der Ausflug dann auch schon beendet. Sie machten sich bereits auf den langen Weg nach Tokio. Mein Freund und ich, auf den kurzen Weg in eine neue Herberge. Und die anderen zwei? Die rannten für die letzten paar Stunden gleich wieder auf die Piste. Doch die neue Herberge, die wir gebucht hatten, war keinesfalls mit dem Aurinko Haus zu vergleichen. Abgesehen von den zuvor erwähnten nicht vorhandenen Annehmlichkeiten war diese nämlich auch nicht besonders sauber. Und das fing mit einem aus Hundehaar übersäten Teppich an und ging bis zu einem ekelhaft aussehenden Toaster. Letzterer sah demnach logischerweise auch kein einziges Stück Brot! Buuaah. Ekelhaft. Doch mit dem Beiseite schieben des Teppichs, einem Staubsauger und einem selbst hergerichteten Schlafgemach auf dem Fußboden vor dem Fernseher, ging das schon. Zumindest für zwei weitere Nächte. Und da mein Freund und ich dann ab 17 Uhr wieder ganz alleine waren, konnten wir auch jetzt tun und lassen wie es uns gefällt. Zum Beispiel konnten wir uns ins Auto setzen und zum ‚Hakuba 47’ Resort fahren. Denn da fand zu diesem Zeitpunkt ein Festival statt. Bestehend aus allerlei Essereien, super cool gebauten Iglos und lustigen Schneespektakeln. Genauso wie wir uns einfach nur ohne viel Worte vor den Fernseher legen konnten. Und das, das war richtig lustig. Zumal ich feststellte bisher gar kein richtiges japanisches Fernsehen gesehen zu haben. Was ich habe ist ja mehr die internationale Version zu Hause. Hier aber, ist alles typisch japanisch. Sozusagen ARD und ZDF statt ProSieben und RTL. Doch dazu nächstes Mal mehr...
Letztendlich war der Ausflug wieder einmal sein ganzes Geld wert. Der Winter in Japan ist schon was feines. Und Schneeliebhaber kommen – auch bei einem niederschlagsmiesen Jahr – immer noch voll auf ihre Kosten. Die Anzahl an Ressorts, Unterkünften und Unterhaltung ist einfach unschlagbar. Um so froher bin ich, die für uns wohl bisher fantastischste Unterkunft mit dem Aurinko Haus gefunden zu haben. Denn das ist das ganze Jahr über buchbar. Und so ist es für mich ganz klar, bei bald wieder sommerlichen Temperaturen das „Grüne Angebot“ nutzen zu wollen. Nämlich Paragliding, Wakeboarding und Wild Water Rafting. In Japan ist für jeden was dabei!
Letztens, als wir in Tokio bereits schon 15 Grad Celsius hatten, fassten wir uns alle mal mit der flachen Hand ganz schnell an den Kopf. Verdammt. Jeder von uns war wohl so mit sich selbst beschäftigt, dass wir mal wieder die Zeit vergaßen. Mitte Februar! Wir wollten doch Ski fahren gehen!!!
Es ist doch immer wieder das gleiche. Erst redet man ausgiebig darüber, freut sich schon tierisch und macht massenweise Pläne... Doch fängt man nach seinem Weihnachtsurlaub erst einmal wieder an in seinen hektischen Arbeitsrhythmus zu versinken, fliegen besagte Pläne schnurstracks aus dem Fenster. Von einer Arbeitsminute auf die andere sozusagen. Doch die für diese Jahreszeit unüblich warmen Temperaturen und das Skispringen auf dem Sportkanal erinnerten uns wieder an unser Vorhaben. Und da ich mit dem tippen auf der Tastatur schneller bin als irgendeiner überhaupt nachdenken kann, machte ich mich natürlich auch schnell über das Internet her.
Skifahren in Japan ist, um es mit einem Wort zu beschreiben, genial. Hier gibt’s den besten Schnee und die besten Ski Ressorts. Sogar so viele, dass man wirklich Mühe hat sich eines auszusuchen. Bei über 600 Ressorts ja auch kein Wunder! Und das verläuft sich von Hokkaido ganz oben im Norden bis hin zu Miyazaki ganz im Süden. Schneesportbegeisterte fühlen sich dabei logischerweise wie ein Kind im Candy Shop. Doch da wir nun vorhatten, aus erwähntem Arbeitsdruck nur ein verlängertes Wochenende zwischen Skiern und Snowboards zu verbringen, entschieden wir uns für Hakuba. Eines der beliebtesten und mit 4 Stunden Autofahrt auch nicht ganz so weit von Tokio entfernten Ressorts Japans.
Hakuba sollte jedem eigentlich noch ein Begriff sein. Und wenn das keinem etwas sagt, dann tut’s vielleicht Nagano. Die Region, in der 1998 die Olympischen Winterspiele ausgetragen wurden und die man hierzulande die Japanischen Alpen nennt. Massenweise E-Mails und Telefonanrufe später, packten wir also eines Freitag Nachmittages sämtlichen Kram in unser Auto und fuhren los. Und das, das dauerte. Denn wir verbrachten mehr Zeit in Tokio als uns lieb war. Stau, Stau und nochmals Stau. Selbst Anita, unsere Stimme aus dem Navigationssystem, war schon gestresst und brachte so einige Straßen durcheinander. Auf der Autobahn Stunden später lief dann aber alles wie geschmiert. Und vor allem, es wurde mit jedem gefahrenen Kilometer kälter. Sogar so sehr, dass selbst die Hunde bei einer Pinkelpause an der Raststätte anfingen zu frieren. Allerdings wussten sie noch nicht was auf sie später zukommen würde...
Ich hatte ja die Wetterberichte für Hakuba schon Tage zuvor eindringlich studiert. Schließlich will man ja wissen, wie viel Schnee auf einen wartet. Und da ich vor 2 Jahren schon mal an genau der gleichen Stelle war und im Tal zwischen 2,50 m hohen weißen Bergen verschwand, schien mir das auch wichtig. Schon allein der eventuell gefährlichen Autofahrt wegen. Um so erschrockener war ich, als 20 km vor unserer gemieteten Unterkunft immer noch keine einzige Flocke in Sicht war. Wo verdammt noch mal waren denn die angekündigten 1,50 m Schnee? Das hätte mir noch gefehlt. In den Skiurlaub fahren und keinen Schnee haben! Doch sage und schreibe 8 km vor Zielort machten sich so langsam einige weiße Flecke neben der Straße bemerkbar. Und als wir dann voll bepackt endlich vor unserem Urlaubshaus standen, versank ich auch mit meinen Schuhen. Gott sei Dank.
Um zu sechst (3 Pärchen) und mit drei Hunden (meine 2 + 1 Dackel) ein schönes Wochenende verbringen zu können, bedarf es schon so seinen Vorsichtsmaßnahmen. Hunde, auch wenn sie noch so klein sind, werden eben aufgrund eventueller Verunreinigungen nicht immer gern beherbergt. So verbrachte ich dementsprechend auch genügend Zeit damit, eine geeignete Unterkunft für uns alle zu finden. Doch ein wenig schleimen und das Versprechen von Adleraugen ließen den australischen Besitzer unseres gemieteten Urlaubshauses mal ein Auge zudrücken. Zu meinem Erstaunen. Denn im Gegensatz zu den mir verweigerten Hotels und Pensionen, war dieses Holzhaus mit Selbstverpflegung (mal wieder) ein Juwel unter den Unterkünften. Genannt Aurinko Log Cabin, war es ausgestattet mit drei Schlafzimmern (2 Tatami und 1 Bett), einer modern eingerichteten Küche, einem Ess-/Wohnzimmer mit TV, DVD, Musikanlage und einem super schönen Bad mit sogar - Jacuzzi. Vor allem aber war es sauber. Hervorragend geputzt sauber.
Viele Leute sind meistens absolut überrascht zu hören, dass Japan atemberaubende Winterlandschaften hat. Genau wie unsere Freunde, die nach einer durchzechten Nacht mit Wodka, Schnaps und Uno-Kartenspiel beim Blick aus dem Fenster erstmal ins Staunen gerieten. So richtig sah man das ja auch nicht in der Nacht vorher. Klar, wir befanden uns genau gegenüber einer gut besuchten Kneipe in der Nähe eines großen Hotels. Aber von den schneebedeckten Bäumen, den hängenden Eiszapfen und den riesigen Bergen im Hintergrund war im Dunkeln nichts zu erkennen. Jedoch muss ich sagen, relativ enttäuscht gewesen zu sein. Wobei, wundern sollte es mich auch nicht. Global Warming scheint eben auch vor Japan nicht halt zu machen. Und, auch wenn ich die mir bekannten meterhohen Schneeberge vermisste, gab ich mich mit sagen wir mal 40 cm Weiß im Tal zufrieden. Ein, wenn ich das jetzt mal so sagen kann, scheinbar schlechtes Schnee-Jahr für Japan, welches wesentlich mehr Niederschlag zu der Jahreszeit gewohnt ist. Aber wutscht. In Berlin liegt schließlich gar kein Schnee! Und so machten wir uns nach dem Frühstück auf zum Mieten von Equipment. Ich brauchte ein Snowboard.
Friedrich Wilhelm Albert Victor von Preußen. So hieß er bei uns. Der Kaiser Wilhelm der II. Der letzte den wir hatten. Eine Figur, die zu seiner Zeit gleichermaßen geliebt und gehasst wurde und ein Sinnbild für die deutsche Monarchie darstellte. Er war Nachfahr des alten Fritz, Enkel Kaiser Wilhelms des I. und auch Enkel Queen Victorias von England. Zuhause in prunkvollen Schlössern, ritt er majestätisch hoch zu Ross über die Straßen Berlins und kümmerte sich aufopferungsvoll um die Politik und das Wohlsein seines Landes. Na ja, so gut er konnte jedenfalls mit Bismarck im Rücken.
Doch mit seinem Tod 1941 assoziiert man heute das Aussterben der deutschen Monarchie. Der Monarchie wohlgemerkt, denn wir haben ja immer noch irgendwelche unerzogenen schirmschlagenden Prinzennachkommen unter uns. Fakt ist, Deutschlands existierender Adel ist gerade mal so noch eine Spalte in der Klatschzeitung wert. Wenn überhaupt. Da gibt es kein ‚es lebe hoch’ mehr, keine Paraden unter den Linden, keine pompösen Hochzeitsübertragungen – nichts. Absolut gar nichts. Sie werden viel zu oft zur mediengeilen Witzfigur statt zur geachteten Respektperson. Ganz im Gegensatz natürlich zum benachbarten Teil Europas bei denen die dazugehörigen Blaublüter noch zumindest als Repräsentant des eigenen Landes hoch im Kurs stehen. Dabei ist es egal ob sie Queen Elisabeth, König Karl Gustav oder König Juan Carlos heißen. Europas Adel – wohlbemerkt mit deutschem Blut in den Adern - winkt man gern von weitem zu. Komischerweise auch von Deutschland aus. Doch schaut man mal an Europa vorbei, sieht man die gut betuchten Kronenträger sogar im Rest der Welt noch stark vertreten von Untertanen bejubelt. Herrscher Hamad Ibn Isa Al Khalifa von Bahrain, König Abdullah der II. von Jordanien und König Rama IX. Bhumibol Adulyadej der Große in Thailand ließ sich nämlich auch nicht unterkriegen. Und gewährt man noch dazu einen Blick nach Japan, wen sieht man dann da? Seine Majestäten den Kaiser Akihito und die Kaiserin Michiko.
Begibt man sich mal auf die Reise durch tausende von Internetseiten findet man schnell heraus, dass Japan bereits seit 1500 Jahren von Kaisern regiert wird. Alle sogar abstammend von ein und derselben Familie. Natürlich waren auch sie über die Zeit mehr symbolisch als führend zu betrachten, nichtsdestotrotz aber wurde jeder einzelne von ihnen aufs höchste respektiert und geachtet. Und das ist auch heute mit Akihito noch so, der 1989 zu Japans 125. Kaiser gekrönt wurde. Eine Aufgabe, bei der er zwar keine effektive politische Macht, jedoch aber immer noch wichtigen traditionellen, repräsentativen und zeremoniellen Charakter inne hat.
Seit bereits 49 Jahren verheiratet mit Kaiserin Michiko, der ersten bürgerlichen Kaiserin Japans, haben sie zusammen drei Kinder. Kronprinz Naruhito, Prinz Akishino und Prinzessin Sayako. Gott sei Dank kam die Kaiserin damals aus einer, selbst wenn bürglich, doch recht prominenten industriellen und akademischen Familie. Demnach hatte das Volk nämlich auch kein Problem mit ihr. Ja ja, da muss man schon vorsichtig sein. Alle Macht dem Volke. Und nichts ist schlimmer als von gerade dem verachtet zu werden. Zusammen wohnen sie – wie es sich für Adlige gehört – natürlich in einem Schloss. Dem Imperial Palace in Tokio. Mitten im Herzen der Hauptstadt, umgeben von weitläufigen Parks, tiefen Burggräben und massiven Steinwänden. Nur einen kurzen Weg von der Tokio Station entfernt. Und, obwohl dem Volk so nah, trotzdem nicht einfach so betretbar. Logisch. Ist ja schließlich die kaiserliche Familie. Queen Elisabeth frühstückt ja auch nicht mit dem Fleischer aus Sheffield an der Fensterscheibe klebend. Allerdings kann man bis auf einige Ausnahmen das ganze Jahr über zumindest den Imperial Palace East Garden besuchen. Der ist nämlich für jeden zugängig. Befindet man sich dann rein zufällig aber zum Jahreswechsel in Tokio, hat man was den neugierigen Palastfreund betrifft, einen so genannten Fünfer im Lotto erwischt. Dann nämlich öffnet die Familie doch ihre schweren Eisentore und lächelt winkend vom Balkon herunter. Mehrere Stunden lang. Am Kaisergeburtstag, dem 23.12., und für Neujahrsgrüße am 02.01. Eine Veranstaltung zu der extra Tausende von Besucher anreisen.
Kaiser Akihito nun, auch Heisei-Kaiser genannt, sitzt aber nun nicht dumm und dusselig in seinen Gemächern und trinkt Reisschnaps. Nein. Als Kaiser ist er nämlich auch derzeitiger Tenno, was soviel bedeutet wie oberster Priester des Shinto. Dadurch muss er u.a. auch den Ministerpräsidenten und den Präsidenten des obersten Gerichtshofes ernennen, alle möglichen Gesetze verkünden, das Parlament einberufen, Auszeichnungen verleihen usw. Symbolisch natürlich. Neben seinen vielen anderen Aufgaben ein nicht schlecht geplanter Terminkalender.
Gerade aber weil alles nur symbolisch ist – mehr oder weniger – beeindruckt mich dann doch immer wieder dieser Respekt vor den Regeln, die Befolgung der Gesetze, die man so im Laufe der Jahrhunderte für solch Adlige aufgestellt hat. Nehmen wir z. B. mal Prinzessin Sayako. Als einzige Tochter des Kaisers hatte sie 2005 einen Bürgerlichen geheiratet. Normalerweise ja kein Problem. Theoretisch. Aber im Gegensatz zu europäischen Blaublüterinnen gehört sie somit nicht mehr zur kaiserlichen Familie und musste durch ihre Eheschließung allein sogar ihren Titel abgeben. Sie wurde sozusagen zur Bürgerlichen wie Schmitt-Schulze und aus dem Palast „verdammt“. Angeblich, so das Gesetz, muss nämlich jede in die Kaiserfamilie geborene Frau nach der Hochzeit mit einem Bürgerlichen, abtreten. Und da es in Japan kaum noch adlige Männer im heiratsfähigen Alter gibt – es sei denn sie schaut zu ihren nächsten Verwandten was ja pfui ist - blieb ihr wohl auch nur ein Bürgerlicher übrig. Das heißt, ich könnte nächste Woche neben ihr in der U-Bahn sitzen. Eine recht gewöhnungsbedürftige Angelegenheit für Sayako, die 36 Jahre lang doch ein eher sehr von der Umwelt abgeschottetes und vor allem luxuriöses Palastleben führte. Es wurde daher berichtet, sie hätte selbst das Einkaufen im Supermarkt praktizieren müssen. Wow! Der Palast aber verkaufte die Angelegenheit so: durch die Hochzeit hat die Prinzessin jetzt die Möglichkeit, mit dem Volk zu interagieren. Na super! Welch Herausforderung. Doch besonders der Verlust ihres Adelstitels – was seit fast 50 Jahren nicht mehr der Fall war – kreierte einen Aufschrei unter dem inzwischen modernen Volk Japans. Man sprach hierbei von einem chauvinistischen System, was ja auch stimmt. Denn wäre die Situation andersherum gewesen, wäre das nicht vorgekommen. Ist es ja auch nicht, schließlich sind beide Söhne mit aus bürgerlichem Hause – wenn auch höchst angesehen - abstammenden Frauen verheiratet.
Doch die Besteigung des ältesten Throns der Welt, des Chrysanthemum Throns, ist ja bisher eh den Frauen verweigert worden. Das bringt mich auch gleich zum zweiten Problem der Kaiserfamilie. Zu Kronprinz Naruhito. Als erster Sohn des Kaisers ist er ja nun mal Nachfolger. Ob er will oder nicht. Sein Problem liegt aber in seiner eigenen Kindesschar, die sich bisher ‚leider’ einfach nur auf ein einziges Mädchen begnügt. Kein Junge! Und da liegt der Knoten. Um nämlich seine eigene Nachfolge zu sichern, hätte er einen kleinen Japaner zeugen müssen. Denn auch wenn seine kleine süße Aiko vom Volk heiß geliebt wird, so hat als Mädchen kein Recht auf die Thronfolge und wird zwecks mangelnder Heiratskandidaten genau wie ihre Tante Sayako enden. Bürgerlich. Ein weiterer Anhaltspunkt fürs Volk, Foul Play zu brüllen, was darin resultierte, bisherige Gesetze überprüfen zu müssen. Man arbeitete an einer Gesetzesänderung! Yay! Emanzipation! Gleichberechtigung! Es lebe das Volk! Doch genau dieses Volk zusammen mit der Regierung verstummte dann leider wieder im September 2006, als die Frau des zweiten Sohnes des Kaisers -mit 40, wer konnte das denn wissen - einen Jungen zur Welt brachte und die weitere Thronfolge sicherte. Prinz Hisahito, der jetzt laut bestehendem Gesetz der Dritte im Rang um den Thron ist. Nach dem Kronprinzen und plötzlich seinem eigenen Vater. Ein Schlag ins Gesicht für Kronprinzessin Masako, die mit ihren 43 Jahren wohl den Glauben an eine weitere Schwangerschaft verloren hat und dem öffentlichen Druck nach einem Jungen gesundheitlich nicht mehr stand hält. Bleibt nur zu hoffen, dass die Gleichberechtigung weitere Schritte vorwärts macht. Und dass Aiko nicht von der Prinzessin zum Aschenputtel wird. Aber was geht’s mich an, ne? Ich krieg ja nur was von peinlichen mediengeilen Foffis und Xenias im eigenen Land mit. Wenn ich ganz ehrlich bin – Gott sei Dank gibt’s keinen zu besteigenden Thron in Deutschland mehr. Puuh, Glück gehabt...
Das Jahr hat mal wieder sein unaufhaltsames Ende gefunden. Ob nun Berlin, New York, Rio oder Tokyo – jeder hat in seiner Zeitzone ein Glas Sekt erhoben, Freunden zugeprostet, von Neujahrsvorsätzen gequasselt und dem glitzernden lauten Feuerwerk hinterher geschaut. Jeder. Oder?
Silvester ist nämlich für mich nicht mehr ganz was es mal war. Während ich mich vor 10 Jahren noch sexy angezogenen habe, meine Tüte teures Knallzeug schnappte und von Party zu Party zog, erlebte ich dieses Jahr mal wieder ein wohl mehr geruhsames Mitternachtsspektakel. Ein paar Stunden mit Freunden, Raclette und einem witzigen Film – zu Hause. Langweilig sagen die einen, kaum zu glauben die anderen, und normal sage ich. Denn seitdem ich mich in Asien befinde habe ich nicht ein einziges vernünftiges Partysilvester erlebt. Wenn ich an meinen ersten Jahreswechsel in Singapore denke, lache ich noch heute. Meine Güte, was fanden wir das toll. Um 20 Uhr. Draußen waren 30 Grad, es war sternenklarer Himmel, wir hatten mit Freunden und Besuch ein Wahnsinns Essen auf dem Dach hergerichtet, soffen was das Zeug hielt, spielten Spiele und warteten auf 24 Uhr. Auf das große Feuerwerk. Wir zählten runter... 4...3...2...1...und starrten. Starrten und starrten. In die Luft. Nichts. Absolut gar nichts. Stellte sich raus, das Jahre zuvor mal ein Wohnhaus durch eine Silvesterrakete mit ein paar Leuten drin abbrannte. Und wie man erahnen kann – es folgte das Verbot von sämtlichem Silvesterfeuerwerk. Zumindest was den Verkauf an den Inselbewohner betrifft. Von daher wurde Silvester zu einem herkömmlichen „Partytag“, denn ganz ehrlich - Silvester ohne Raketen am Himmel ist kein richtiges Silvester. Und mit Partytag meine ich einen Tag zu Hause, denn wer nicht mitten in der Stadt wohnt, kommt auch nicht in die Stadt. Stau!!! Nun war ich deshalb auch mal gespannt wie das erste Mal in Japan abläuft. Sind massenweise Leute auf der Straße? Gibt’s Feuerwerk? Was geht ab? Ach ja...
Silvester oder ‚shogatsu’/’oshogatsu’ wie es hier genannt wird‚ ist in Japan wohl der bedeutendste Feiertag des ganzen Jahres. Traditionsgerecht, lässt man um Mitternacht alle Unannehmlichkeiten der letzten 365 Tage zurück und macht einen komplett neuen Anfang. Ganz im Sinne von „what happened in the last year, stays in the last year“. Der Japaner beginnt einen vollkommen neuen Start. Allerdings im Gegensatz zu uns, die diesen Partytag eigentlich mehr mit ebenso besoffenen lallenden Freunden begehen, feiert der Japaner Silvester/Neujahr mit der Familie. Bis zum 03.01. Man könnte daher sagen, was für uns Weihnachten, ist für den Japaner Silvester. Und wie bei uns für Weihnachten, so werden hierzu für Silvester auch die Wohnlichkeiten akribisch geputzt, die Häuser und Eingänge mit seltsamen Ornamenten aus Kiefer und Bamboo dekoriert (sieht ein wenig wie Voodoo Zeug aus) und die Tempel mit erhobenen Feuerstellen ausgerichtet. Interessant ne?
In der Tradition der Japaner liegt aber vor allem auch der Besuch eines Shrines oder Tempels im Plan. Am besten genau um Mitternacht, wenn die massiven Gongs das neue Jahr einläuten. Die großen Shrine wie z. B. der Meiji, ziehen zu der Zeit meist Millionen von Besucher an. Aber auch kleinere Tempel wie der bei uns um die Ecke lässt sich nicht lumpen. Denn das konnte ich mit eigenen Augen sehen als wir vollgefuttert um 23:50 Uhr unseren Film pausierten und mit einer Flasche Champagner unterm Arm 200 Meter weiter an unserem kleinen Teich in Senzoku-Ike zogen. Ich war natürlich gespannt, wie die ganze Angelegenheit am dortigen Mini-Shrine so abläuft. Das es kein Feuerwerk gibt, war mir inzwischen schon bewusst. Eigentlich auch egal. Bin’s ja gewohnt. Aber prosten sich alle zu? Liegen sich Fremde in den Armen? Gibt’s was zu essen? Mal wieder Fragen über Fragen. Um die Ecke gebogen wussten wir aber schon – alles sehr japanisch. Wir sahen nämlich ich glaube ca. 500 oder 600 Leute in Schlangen vor den Toris des Tempels anstehen. Ganz ordentlich in Reih und Glied, ohne drängeln oder knurren wartete jeder Gläubige auf seine Chance 100 Yen in die Gitter zu werfen, einmal in die Hände zu klatschen, sich zu verbeugen, seinen Wunsch fürs neue Jahr in sich zu murmeln, wieder zwei mal in die Hände zu klatschen und sich nochmals respektvoll zu verbeugen. Alles ganz buddhistisch und ehrlich gesagt schön. Danach, hab ich mir sagen lassen, quatscht man so rum, trinkt heißen Glühwein und geht seiner Wege. Warum ich mir das nur hab sagen lassen? Weil ich – ganz deutsch – keine Warteschlangen mag. Jedenfalls nicht welche, wo ich 2 Stunden brauche um zum Zug zu kommen. Und dann noch als Nicht-Buddhist. So beobachteten wir mal einfach nur die Sache. Mehr das Anstehen. Und was macht der Deutsche dann? Er köpft erstmal seine Flasche Schampus, stellt sich ganz nah an einen der großen warmen Feuertöpfe, umarmt seine Freunde, grummelt leise „happy new year“ und macht Fotos. Massenweise Fotos. Genauso wie die Japaner (heimlich) von uns welche machten. Denn wer weiß, ob man das noch mal sieht. Wer weiß wo es einen nächstes Jahr hinverschlägt. Und wer weiß ob es die Gesundheit mit einem auch die nächsten 365 Tage gut meint. Und die will man natürlich nicht aufs äußerste strapazieren. Also entkommt man demnach der klirrenden Kälte auch ganz schnell wieder und sucht nach 20 Minuten zitternd wieder den heimischen Herd auf. Die Heizung.
Kurze Zeit später, wenn die Gäste verabschiedet und die Küche wieder sauber ist, lässt man sich zu guter letzt noch genüsslich und nüchtern ins wohlverdiente Bett fallen. Und weil’s so schön gemütlich ist, verschläft man auch gleich den bedeutenden ersten Sonnenaufgang (hatsu-hinode). Den hätte ich mir nämlich traditionell ansehen sollen. Zumindest wenn ich ein wirklich frohes 2007 haben möchte. Denn im japanischen steht der 1. Januar und wie man ihn verbringt als Repräsentant für alle Tage des neuen Jahres. Er soll in einem sauberen Haus voller Glück und frei von Stress, Ärger und Arbeit verbracht werden. Ich würde sagen 3 von 5 ist doch schon mal nicht schlecht für den Anfang oder? In diesem Sinne „Frohes Neues Jahr“.
Irgendwann ist er da, der Heilige Abend. Der Tag an dem die Christen dieser Welt Jesus’ Geburt feiern. Na ja, sagen wir mal die angebliche Geburt, denn laut dem Discovery Channel fand die ja wohl an einem ganz anderen Tag statt. Aber wurscht, wir wollen ja nicht streiten. Für mich als „Heidin“ ist’s jedenfalls der Tag, an dem die Kinder mit einem Affenzahn um den leuchtenden Baum rennen, sich die Familie mit Gänsebraten vollstopft, dabei alte peinliche Geschichten rausholt, bei wiederholtem Einschenken von Schierker Feuerschnaps lacht und streitet, und sich dann zu guter letzt freudig das neueste Parfüm und den Otto Katalog Pullover schenkt. Alles im Sinne von Friede-Freude-Eierkuchen. Einfach ein Tag an dem die Familie meist aus aller ‚Hergottsecken’ zusammenkommt und so tut als ob. Oder in meinem Fall: ein Tag, an dem ich meine Familie anrufe, Frohe Weihnachten wünsche und meinem Bruder per E-Mail Bilder meiner stolz geschmückten Wohnung zuschicke. Jawohl, in den fast acht Jahren deutscher Abwesenheit verbrachte ich sage und schreibe nur 2 mal das ‚Fest der Liebe’ in der Heimat. Und weil’s wesentlich stressfreier ist, hatte ich auch dieses Jahr nicht vor, meine vier japanischen Wände zu verlassen.
Interessant ist es schon, wenn man das erste Mal in einem relativ unbekannten Land seine Weihnachtsfeiertage verbringt. Abgesehen davon, dass man merkt wie viel man doch von seinen Eltern mitbekommen hat bezüglich Traditionen, hat man zum einen nämlich auch endlich wieder Quality Time mit seinem Partner (Urlaub gibt’s auch hier), und zum anderen, werden einem die hierzulande üblichen Bräuche deutlich näher gebracht. Wenn es sie denn gibt, heißt es. Und die variieren ein wenig vom gewohnten Deutschen...
Weihnachten wurde den Japanern zum ersten Mal im 16. Jahrhundert von irgendwelchen einreisenden christlichen Europäern vorgestellt. Angeblich waren’s Portugiesen. Sie brachten neumodische Waffen, die Japaner fanden’s toll und erlaubten so den Missionären ihre Predigten. Allerdings scheinen die Einheimischen das aufgrund des herrschenden Buddhismus und Schintoismus nur mit einem „aha“ so hingenommen zu haben. Ala ok, whatever, quatsch doch.... Nicht das sie nicht einige Leute überzeugen konnten, aber das Land ist riesig und die Japaner eigenbrötlerisch (lest mal das Buch ‚Gai-jin’ von James Clavell). Mit dem Wunsch nach Geschenken jedoch, verbreitete sich irgendwann in den letzten Jahrzehnten auch unser all so geliebter Weihnachtsbrauch. Und ich meine wirklich nur Geschenke, nicht Glaube, denn auch heutzutage nennen sich nur ca. 1 % der Bevölkerung Christen. So sah man scheinbar in unzähligen Santa Clause Filmen wie man die Häuser schmückt, was leckeres zu essen macht und sich gegenseitig die tollsten Dinge kauft. Weihnachten, auch wenn’s hier kein offizieller Feiertag ist, wurde somit und ist jetzt äußerst populär. Ein kommerzieller Feiertag sozusagen. Schaut man sich in den Kaufhäusern um, wundert es einen auch nicht. Es blinkt was das Zeug hält, Menschenmassen suchen nach dem Neuesten vom Neuesten und Jingle Bells hängt mir schon zum Halse raus.
Doch wie immer auf dieser Welt, schaut man traditionsgerecht leider nicht nach Europa sondern nach Amerika. So ist das Weihnachtsessen hier nicht Ente oder Gans, sondern Truthahn. So gibt’s statt Klöße, Kartoffelbrei. Statt Rotkohl/Grünkohl gibt’s Preiselbeeren. Und statt Alkohol zum Nachtisch gibt’s hier amerikanische fette Erdbeertorte mit gaaaaannnnzzzz viel Schlagsahne. Die, so hab ich gehört, wird vom Chef des Haushaltes (Papi) auf dem Weg nach Hause besorgt. Tja, die Aufgabenverteilung. Oh, und der Weihnachtstag ist logischerweise der 25. nicht der 24.12. Aber das ist ja auch nichts neues. Hello England!
Ja, die Japaner sind große Fans von Feierlichkeiten. Sie machen gern alles mit. Da kommt es natürlich auch ganz gelegen, dass der 23.12. der Geburtstag des Kaisers ist. Man feiert eben über Tage. Witzig ist auch, das aufgrund einer brillanten KFC Marketingstrategie einige Japaner glauben, wir feiern mit Hähnchen. Die brachten das „Christmas Chicken“ auf den Markt, was sogar zu Vorbestellungen führt. Unfassbar. Anstehen bei KFC für das Weihnachtsmahl!
Doch das ist natürlich noch lange nicht alles. Weihnachten ist – dank der vielen schnulzigen Filme – in Japan auch eine Zeit der Romantik. Der Versprechungen. Eine Art zweiter Valentinstag. Paare reservieren einen Platz im schicken Restaurant, Jungs sagen mit einer Karte ‚hey, ich mag dich’ und wenn’s richtig gut läuft freut sich Tiffany’s über den Verkauf von Verlobungsringen zu dieser Zeit am meisten. Ja man sollte als Mann vorsichtig sein was den Dezember betrifft. Eine Einladung hier den Heiligabend mit einer netten Frau zu verbringen, sagt mehr aus als man annehmen könnte. Allerdings sind dann die meisten Geschenke mehr im Rahmen von Plüschbären, Halstüchern und Blumen. Oh, wie süß.
Das einzige was ich recht gleich zum Deutschen fand waren die Firmenpartys. Die Feiern, die man zum Ausklang organisiert. Weihnachtsfeiern. Die gibt’s in Deutschland sowohl für die Kindergartenkinder als auch für die Firmenmitarbeiter. Hierzulande aber heißen sie ‚Bonenkai Parties’ (= vergiss das Jahr Party) und werden den ganzen Dezember über mit Kollegen, Mitarbeitern und Geschäftsfreunden gehalten. Mein Lebensgefährte hat auch schon zweimal an solch einer Veranstaltung teilgenommen. Sie gehen üblicherweise von 19 bis 22 Uhr, beinhalten eine Rede des Geschäftsführers, ein paar kitschige Spiele und ein Firmengeschenk. Ob er allerdings den ganzen Stress und die elendigen Diskussionen vom letzten Jahr vergessen lassen kann, wage ich zu bezweifeln. Deutsch bleibt Deutsch!
Unser Weihnachtsfest war daher auch recht deutsch. Entenbraten, Klöße, Rotkohl, Schnaps und ein paar Geschenke. Alles hinter einer Kulisse von echt wirkendem Tannenbaum, flackernden Kerzen und Frank Sinatra Christmas CDs. Es waren Feiertage mit Freunde in unserem Haus. Ein geruhsames und erholendes Fest. So wie es sein sollte.
Im ersten Teil des "Peinliche Weihnachten"-Artikels habt ihr erfahren, wie man so verrückt sein, den Weihnachtsbaum bereits am ersten Advent aufbauen kann und wie man auf ehemalige Arbeitskollegen reinfällt, die einem unerwartete Geschenke machen. Der zweite Teil birgt noch mehr Tücken. Second Round's on Jeannine...
Doch das dumm und dusselig fühlen nahm nach Verlassen des Supermarktes leider noch kein Ende. Denn mein Fahrrad war plötzlich zugeparkt. Und wie das eben so ist, fällt eines, fallen alle. Demnach versuchte ich krampfhaft wie beim Mikado spielen mein Gefährt ohne wackeln und kippen herauszuziehen. Meine Arme und Hände waren überall gleichzeitig. Kurze Zeit später, huuh, geschafft. Und gleich kam das nächste Problem. Da stand ich nämlich nun. Mit zwei vollen Tüten und einer 12-er Packung Eiern. Alles sorgfältig schon im Fahrradkorb verstaut, machte ich eine kurze Fußbewegung um den Ständer wieder in die Waagerechte zu bewegen und – nichts tat sich. Das Ding hing fest. Nun ja, das letzte Mal als ich ein eigenes Fahrrad hatte knickte man den Ständer nur zur Seite. Was mir natürlich mal wieder keiner vorher sagte war, dass mein abgestandenes japanisches Fahrrad eine Ständersicherung hat. Es hakt irgendwo ein! Danke, lieber ehemaliger Arbeitskollege. Nun versuch mal einer sich bei vollem Fahrradkorb mit Eiern runterzubeugen und das Teil zu lockern, denn so oft ich auch mit dem Fuß gegenschlug – es löste sich nichts! Absolut gar nichts. Und dann stehst du wieder da. Traust dich nicht dich umzuschauen. Willst nicht auffallen. Du hast das Gefühl der größte Idiot in ganz Tokio zu sein. Beobachtet zu werden. Fahrrad fahren kann doch schließlich jeder. Dein Kopf hängt, deine Gedanken schwirren, du suchst nach Ideen und findest – einen netten Japaner. In Japan gibt’s nämlich wirklich für jede noch so winzige Angelegenheit Angestellte. So auch am Supermarkt. Wie ich herausfand gibt es doch tatsächlich einen Mann der sich um die parkenden Fahrräder kümmert. Fällt eines um – ist er da. Und hast du ein Problem mit dem Ständer – ist er auch da. So machte er einen kurzen Griff und voila, mein Problem war gelöst. Die sind alle so herrlich zuvorkommend und nett. Also dann, aufgesessen und ab ging’s. Nach Hause.
Und da ich ja aufpasste was er machte, dachte ich mir es sei auch kein Problem noch mal kurz am Tierladen anzuhalten und Shampoo zu kaufen. Was ich auch tat. Abgesessen, Ständer raus, eingekauft, Ständer rein.... Ständer rein..... Ständer rein!!! Logisch, wenn ich es versuche, geht das verdammte Ding wieder nicht. Und wie sah ich aus? Dämlich. Die dumme weiße Frau steht im Weg und kann nicht mal einen Fahrradständer einklappen! Und das an einem vielbelaufenen Fussgängerüberweg. Yay! Doch auch diesmal schickte mir der Weihnachtsmann eine kleine Elfe vorbei. Nämlich in Form einer Mitarbeiterin des Tierladens. Ein gekonnter Tritt ihrerseits und voila, das Ding war wieder waagerecht. Warum geht das nicht, wenn ich das mache? Peinlich berührt, machte ich mich so schnell es ging aus dem Staub und übte in der Garage was? Ständertreten!
Mein vorheriger Elan war nun definitiv nicht mehr ganz so stark. Man könnte sogar sagen, ich hatte zu Hause keinen besonderen Drang mehr Kekse zu backen. War irgendwie nicht mein Tag. Es war inzwischen auch Abendbrotzeit, mir war kalt und ich wollte mich viel lieber eher vom langweiligen Fernsehprogramm berieseln lassen statt in der Küche zu stehen. Soweit war das auch ein guter Plan, wenn da nicht am Telefon einer nach seinen langersehnten Keksen fragen würde. Mein Freund. Der rief mich nämlich vom Büro aus an. Also gut, dachte ich mir. Lass ich mich eben breitschlagen und fing gleich an die ein oder andere Tüte und Flasche auf ihren Inhalt zu überprüfen. Gut, mache ich schnell mal eben eine Art Schokoladen/ Nusskekse. Wer isst das nicht gerne, ne? Was ich aber vergaß bei der ganze Sache von wegen eben mal schnell, war die japanische Stromversorgung. Und die beträgt hierzulande 120 Volt. Mein mitgebrachter Mixer hat aber 240 Volt. Und 240 Volt hat bei mir nur eine einzige Steckdose. Nämlich die in der Waschküche. Sagen wir mal so, bequem war es nicht seinen Teig zwischen Waschmaschine, Trockner und Wischmopp zu rühren. Martha Stewart hätte einen Herzinfarkt bekommen. Doch irgendwann verschwand das Blech dann im Ofen. Und später dann im Müll. Denn wer die Dinger nicht gerne essen wollte war ich. Meine hundert Mal gemachten knusprig aussehenden Bilderbuch Schokokekse glichen nämlich mehr oder weniger verbrannten muffinähnlichgroßen Briketts. Ob ich mich dabei auch zu dämlich anstellte? Wahrscheinlich. Denn ich vergaß den japanisch/amerikanischen Ofen. Andere Gradzahlen...
Nun haben wir doch tatsächlich schon Mitte Dezember. Die letzten Tage des Jahres. Die Temperaturen sind schlagartig auf 5 Grad gefallen, die Bäume haben ihre prächtigen Blätter verloren und der dicke Schaal und die wollige Mütze fanden bereits wieder ihren Weg zum Garderobenständer. Doch abgesehen davon, was ist das besondere an diesen letzten Tagen? Richtig. Wie aus dem Nichts erscheinen seit einiger Zeit plötzlich überall blinkende Lichter und aufmunternde Trällermusik. Als ob jemand den Schalter angemacht hat. Ja! Wo du gehst und stehst wird dir deutlich klar gemacht - es ist Weihnachten! Na zumindest bald.
Bei mir, auch wenn mich jetzt massenweise Leute belächeln werden, fängt die Weihnachtszeit schon am 1. Advent an. Und das heißt nicht nur lapidar eine Kerze beim Gesteck anzuzünden. Nee. Bei mir steht an diesem besagten Sonntag schon der Weihnachtsbaum komplett mit Lichterkette, Kugeln und was da sonst noch so alles dran baumeln sollte. Warum? Weil erstens, Weihnachten für mich die schönste Zeit des Jahres ist und immer viel zu schnell vorbeigeht, und zweitens, ich ehrlich gesagt sonst nicht in die dazugehörige Stimmung komme. Hört sich verrückt an, ich weiß. Meine Eltern stellen den Baum auch erst am 24.12. auf. Unsere selbst erfundene Sitte aber ist ein Resultat aus Singapur Zeiten. Versucht mal einer bei 30 Grad im Schatten im Bikini in Weihnachtslaune zu kommen! So haben wir das jetzt eben einfach beibehalten. Da gibt’s schon vorher ein paar Mal Entenbraten, da werden abends im ganzen Haus die Kerzen angezündet und ganz wichtig, da werden so oft es geht Weihnachtsfilme angesehen. Ich find das einfach schön. Gemütlich. Ja wenn ich’s nicht besser wüsste, würde ich auch noch nach dem Weihnachtsmann Ausschau halten. Das Kind in mir! Was aber auch noch ein ganz wichtiger Bestandteil an Weihnachten ist, sind Kekse. Ho Ho Ho! Lecker Kekse, lecker Geruch, lecker Mampferei – alles natürlich von Grund auf selbst gebacken. Und was braucht man dazu? Wie sich herausstellt, massenweise unterschiedliche Zutaten. Je nach Rezept eben. So dachte ich mir eines Nachmittages mal ganz schnell zum nächsten Supermarkt zu fahren, dabei mein ‚neues’ abgestaubtes japanisches Fahrrad auszuprobieren und die leckersten Zutaten nach Hause bringen, die man in der näheren Umgebung so finden kann. Mein Ziel? Der ‚Olympic’. Mit Vermerk, ein großer aber japanischer Supermarkt.
Als ich aus der Garage fuhr fühlte ich mich noch richtig gut. Voller Elan und Tatendrang. Doch schon nach dem ersten Hügel wurde mir klar – ich bin eine verweichlichte eingesessene Autofahrerin. Meine Güte was taten mir die Oberschenkel weh. Wie lange saß ich denn nicht mehr auf dem Fahrrad? Ich muss dazu sagen, das wir dieses Ding von einem ehemaligen Arbeitskollegen geschenkt bekamen als der sich wieder Richtung Deutschland bewegte. Damals wunderte ich mich, warum er es nicht mitnahm. Heute bin ich fest davon überzeugt – wegen der Bremsen. In meiner Zeit gab’s dafür nämlich einen Rücktritt. Heute? Eine rechte Handbremse fürs leichte Bremsen und eine linke Handbremse falls du vorhast Tricks mit dem Hinterrad zu üben. So zumindest kam es mir vor als ich bergab entschied langsamer zu radeln. Eine recht interessante Fahrweise. Nichtsdestotrotz, ich kam irgendwann an. Total kaputt, schweißgebadet und mit einem röchelnden Asthma. Denn neben besagter Anstrengung, kann Fahrradfahren in Tokio sogar lebensgefährlich sein. Die kommen doch tatsächlich ungebremst von jeder Seite und zischen wie von der Tarantel gestochen mit einem Affentempo an dir vorbei. Und auch wenn alles ein wenig dangerous war, verlief es zumindest ohne Unfall. Allerdings nicht ohne Probleme und Peinlichkeiten. Denn als ich ankam, tat sich mir schon die erste Frage auf. Wo parken? In Japan bekommst du nämlich fürs Falschparken deines Gaules nicht nur einen Strafzettel, da kann es sogar bis zur in Kettenlegung oder auch polizeilicher Verwahrnehmung kommen. Des Fahrrades meine ich. Eine Angelegenheit, die ich des lieben Geldes wegen natürlich vermeiden wollte. Um so schwieriger wurde es, als ich hundert Zweiräder am Supermarkt sah. Man muss nämlich wissen, der Supermarkt verkauft auch Fahrräder. Viele Fahrräder. Und da ich zwischen Verkauf und Parken keine erkennbare Trennlinie sah, wollte ich meines ja nicht gleich zum Verkauf anbieten, versteht sich. Aber dem Weihnachtsmann sei Dank, einer der Raser stoppte abrupt, stieg ab und zeigte mir so den offiziellen Parkplatz. Huuuh, noch mal Glück gehabt. Wenn man nicht genau weiß was man machen soll kommt man sich schon ein wenig dämlich vor...
Doch im Laden selbst, kam ich mir genauso blöd vor. Ich rannte nämlich von einem Gang zum anderen um die erforderlichen Zutaten zu finden. Und das, obwohl ich dort schon zigmal einkaufen war. Mit dem Auto sei erwähnt. Allerdings ist es ein himmelweiter Unterschied zwischen klar erkennbaren Kartoffeln, Hähnchen und Tomaten zu Vanille Essenz, Butter und Karamellsauce. Denn auch wenn ich mir vorstellen könnte, dass das in der Miniflasche eventuell Vanille Essenz sein könnte, weiß ich es nicht genau. Ich kann’s ja nicht lesen. So könnte genauso Butter gleich Margarine sein und Karamellsauce Honig. Was tut man also? Man kauft mehr oder weniger alles ein was zum Thema Backen gehört, sogar zweifach, und hofft, dass dann zu Hause irgendwie schon das richtige dabei sein wird. Auf gut Glück eben. Wie immer. An der Kasse sieht man dann noch schnell eine Packung mit Schokokeksen, nimmt an es sei schon eine fertige Backmischung, und wird dann später zu Hause feststellen – fertige Kekse. Na ja, so ist man wieder einmal eine Erfahrung reicher.
Gestern hat sich Jeannine gefragt, ob Terroristen nur Eco-Class fliegen und ihr wurdet Zeugen typisch deutscher Unhöflichkeit. Im zweiten Teil des "Heimat"-Atikels wird die Unfreundlichkeit nun ausgebaut und durch typisch deutsche Verständnislosigkeit ergänzt. Read on!
Manchmal frage ich mich, wie ich früher war. Genauso unfreundlich? Genauso verbissen? Erschreckend, denn scheinbar brauch ich nur sage und schreibe 10 Minuten um mich wieder an den Tonfall zu gewöhnen. Und auch dementsprechend zu reagieren. Wie heißt es so schön? Wie man es in den Wald hineinruft, so schallt es hinaus. Doch dann ging es Richtung Berlin. Endlich. Und am Ende meiner Reise fand ich auch jemanden, der mir trotz Fieber mit offenen Armen lächelnd in die Augen schaute – mein Bruder.
Zwei Tage später machte ich mich auf den Weg zu meinen Eltern und damit verbunden meine große erweiterte Familie samt Großeltern, Tanten, Onkels und Cousins. Die wohnen nämlich alle in einer Straße. Es sollte ein Überraschungsbesuch zum Geburtstag meiner ziemlich rüstigen 73-jährigen Oma werden, von dem bis auf meine Eltern logischerweise keiner wusste. Und nachdem sich die komplette Familie bereits zum Kaffee an den Tisch setzte, tauchte ich dann plötzlich auch in der Tür auf. „Tataaaaa, wo ist denn meine Tasse Kaffee?“ sagte ich grinsend mit dem Geschenk in der Hand. Und wie das eben so ist – uuuhhhh, aaahhhh, was machst du denn hier.... uuuhhhh aaaahhh... das ist ja ne Überraschung....uuuhh ahhh. Soweit so gut, richtig? Doch besagte Überraschung hielt scheinbar nicht lange an. Zehn Minuten später bombardierte man mich schon von allen Seiten. Nicht etwa mit Fragen über mein neues Leben in Japan. Nein, wieso denn? Wäre ja langweilig. Ich musste stattdessen Rede und Antwort stehen zu den Themen Heirat, Kinder, Job und Geld. Alle vier logischerweise nicht vorhanden. Und wenn das nicht schon genug an Redekunst bedürfte, müsste ich mir angeblich auch noch Gedanken um meinen Hintern machen. Ein Witz wenn man bedenkt, wie viel Torte den Weg zu ihren Mündern fand. Was für ein besinnlicher Nachmittag im Kreise deiner Lieben. Man glaubt gar nicht, wie lange man sich mit solchen Dingen auseinandersetzen kann. Und ich glaub gar nicht, das ich dafür geflogen bin.
Doch irgendwann ist man dann endlich mal beim Thema Japan angelangt. Und es werden Eindrücke ausgetauscht, die man von den Medien vor 50 Jahren vielfach ins Gehirn gepresst bekommen hat. Das dumme dabei ist, es scheint niemanden zu interessieren wie es wirklich ist. Hallo? Ich wohn da! So ist es ganz klar, dass man tagein tagaus nur Reis isst, die Häuser nicht aus festem Stein sind, Betten gar nicht existieren und alle nur auf dem Boden sitzen und sich von Geishas bedienen lassen. Natürlich. Genauso ist es. Ich habe meine Eltern damals aus Singapur auch mit einer Kokosnuss angerufen! Und meinen Kaffee heute morgen habe ich über der Feuerstelle heiß gemacht. Ich muss also kaum erwähnen, dass sich das Funkeln in meinen grünen Augen in knallrote Pupillen änderte. Doch jegliche Versuche Familie und Bekannte eines anderen zu belehren scheiterten kläglich. Was man im Fernsehen und bei Reportagen irgendwann mal gesehen hat, muss ja wohl stimmen. Demnach bin ich angeblich auch nicht ganz von Sinnen, im fernen Japan zu leben. Ich sollte daher lieber wieder nach Deutschland kommen. Da ist es schöner, sicherer und kultivierter. Oh mei... Wenn die wüssten, oder wenigstens zuhören würden! Und auch wenn mir diese Diskussionen kläglich gegen den Strich gingen, tat ich sie mit dem mittleren bis fortgeschrittenen Alter der Gesprächsteilnehmer ab. So dachte ich mir, jüngere Menschen sehen die Sache wahrscheinlich anders. Aufgeschlossener. Ohh, weit gefehlt. Denn auch bei einem netten Abendessen unter Freunden wurde mir mal wieder bewusst, wie eingefahren die meisten doch in ihrem Denken sind. Und wie wenig Toleranz man anderen Sitten gegenüber aufbringt. Um es kurz und deutlich zu machen - Japan kann angeblich nur Scheiße sein. Von der Freundlichkeit der Restaurantmitarbeiter will ich gar nicht erst reden. Service? Anyone? Demnach fiel es mir nach 10 Tagen auch nicht sonderlich schwer, wieder in den Flieger zu steigen. Ich wusste nämlich was ich hinter mir lasse. Unfreundlichkeit und Unverständnis.
Aber woran liegt es nun? War ich vor Jahren genauso unfreundlich meinen Mitmenschen gegenüber? Habe auch ich damals anderen Ländern mit so viel Unverständnis gegenübergestanden? Vielleicht. Ich bin mir da nicht mehr so sicher, denn ich glaube ich dachte auch mal das alle Chinesen den ganzen Tag lang mit einem Pott Reis auf dem Kopf und dem Fahrrad durch die Gegend radeln. Da muss ich wohl eine alte Reportage in schwarz/weiß gesehen haben... Wie auch immer, Gründe für das erwähnte individuelle Verhalten gibt’s wohl en masse. Und das man darüber bis auf Messers Schneide diskutieren kann, ist auch klar. Gründe für mein heutiges Verhalten und meine Ansichten verdanke ich aber wahrscheinlich nur dem Leben im Ausland. Denn hier zeigt man mir tagtäglich, das es auch anders geht. Man muss bestimmte Sachen nicht immer mögen, aber man sollte sie akzeptieren und respektieren. Vor allem aber sollten die Worte „Bitte“ und „Danke“ nicht aus dem Vokabular verschwinden. Denn das tut weh. Dafür gibt es keine Entschuldigung. Also, liebe Freunde, Verwandte und Bekannte – ein Schritt über Deutschlands Grenzen kann manchmal Wunder wirken!
Fast 7 ½ Jahre befinde ich mich nun schon außerhalb deutscher Gefilde. Eine ziemlich lange Zeit finde ich. Vor allem aber auch eine Zeit die prägt. Abgesehen von Charakter und Persönlichkeit nämlich vor allem Ansichten. Und gerade wie sehr mich das Ausland geprägt hat, konnte ich auch wieder merken, als ich gerade einen Heimatbesuch antrat. Einmal im Jahr unternehme ich nämlich diese endlos wirkende 12-stündige Reise ins „ferne“ Deutschland. Und dieser Aufenthalt hinterlässt manchmal seelische Spuren...
Da stand ich nun. Am Flughafen. Umgeben von tausenden von Menschen, die alle ihre Koffer schleppten, nervös auf die Uhr schauten und nicht wussten warum sie solange anstehen mussten. Klar – die neuen Flugbestimmungen mit durchsichtiger Plastiktüte und Flüssigkeitenbegrenzung haben es auch in die asiatische Welt geschafft. Was das hieß? Reisende der Economy Klasse stehen Stunden, Reisende der Business Klasse oder welche, die eine dieser Privilegien Karten (z. B. Senator Karte) haben, stehen 10 Minuten am Check-in Schalter. Der Witz dabei ist, dass die Koffer der Economy Leute fünf mal durchleuchtet und geöffnet werden, die der Business Menschen aber überhaupt nicht. Was denn, fliegen Terroristen nur Eco? Das ist genauso sinnlos wie das Plastikmesser und die Metallgabel beim Fliegeressen. Aber egal. Man regt sich ja nicht mehr auf. Muss man auch nicht, denn das japanische Bodenpersonal lief freundlich lächelnd und vor allem zuvorkommend und helfend durch die Gänge. Immer ausgerüstet mit großen Schildern auf denen mit selbsterklärenden Bildern den Fluggästen ihre Do’s and Dont’s klar gemacht wurden. Sozusagen werden somit jegliche aufkommende Sprachbarrieren aus dem Weg geräumt. Auf super nette Art und Weise. Genau schon wie damals in Singapur. Und diese Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit zog sich durch das ganze Gebäude. Die zieht sich sogar durch das ganze Land. Ganz anders aber sah das dann am Frankfurter Flughafen aus.
Als ich nämlich am EU-Schalter stand und darauf wartete meinen deutschen Pass vorzuzeigen, entwickelte ich mich in einen unfreiwilligen Beobachter einer für mich als Deutsche peinlichen Kommunikation. Das Opfer? Eine Französin. Der Täter? Ein sagen wir mal 35-jähriger Grenzmann in seinem kleinen Kabuff. Französin: „Excuse moi, oeh, whoere du i ave to go to get tu se information?” Grenzmann: “Da musst te da lang” Franzoesin: „Oeh, could you hoelp me. Please, oeh, which way du I ave tu go oeh” Grenzmann: “Geh da hinten lang. Ist rechts (zeigt nach links!). Da hinten eben“ Französin: „Oeh, oeh...“ Grenzmann: „Nächster!!!“ Innerlich schrie ich den Mann an. Sprich englisch! Sei freundlich! Du Arsch! Ich konnte nicht glauben, in welchem Ton er mit ihr umsprang. Und das noch in Deutsch. Sie gab sich soviel Mühe. Dabei dachte ich, dass die WM dem deutschen Bild half. War wohl ne Ausnahme. Doch scheinbar machen die Typen das mit allen so. Denn der nächste war ich. Ich: „Guten Morgen“ Er: --------------------- (Nichts, nur blankes starren) Er: „Kommen sie aus dem Urlaub“ Ich: „Nein, ich bin jetzt im Urlaub“ Er: „Immer noch Singapur?“ Ich: „Nee. Ich komm aus Japan“ Er: „Hmmh.... Nächster“
Meine Güte. Da kommt dir eine Stimmung entgegen! Der sitzt nicht länger da, als ich immer im Büro am Schreibtisch saß. Das einzige was er machen muss, ist Pässe kontrollieren. Keine übermäßig anstrengende körperliche Arbeit meiner Meinung nach. Ich wäre im Büro gefeuert worden...
Doch die Grenzer sind in ihrer Hilfsbereitschaft nicht allein. Da ich früher als erwartet ankam, wollte ich von einer älteren Bodenhostess wissen wann der nächste Flieger nach Berlin geht. Ihre flapsige Antwort? „Sie müssen doch wissen was sie gebucht haben.“ War das meine Frage? Nein! Aber sie schien auf Freundlichkeit generell allergisch zu sein. So folgte ein regelrechter Wortwechsel wie er nicht besser hätte sein können. Ich erkläre mich dabei auch zum klaren Sieger, denn irgendwann wurde ihr bewusst, dass mein Teenieaussehen mit Tracksuit, Nikes und Pferdeschwanz nicht zur Wortwahl passte. Zumindest verstummte sie bei folgendem Spruch: „Entschuldigung, aber kommen Blasen aus meinem Mund? Ich möchte wissen wann der nächste Flieger geht. Wenn ihnen die Kompetenz fehlt, teilen sie es mir bitte mit, dann suche ich mir jemand anderes der mehr von seinem Job versteht.“ Tja, Kleider machen wohl wirklich Leute.... Und wie man sich vorstellen kann, zog sich die Freundlichkeit der Mitarbeiter auch hier durch das ganze Gebäude. Wie ich später feststellte, wohl auch durchs ganze Land. Traurig. Kein Wunder das wir so einen schlechten Ruf im Rest der Welt haben.
Gestern habt ihr erfahren, was einen echten Heiden in Singapore so richtig auf die Palme bringen kann, wieso die Christen die schlimmsten Klingelputzer sind und wie man einen Bekehrungsabend überleben kann. The show must go on....
Doch wie sieht es jetzt in Tokio aus? Verfolgen mich die Christen auch hier? Wollen sie mich auch hier vor der Verdammung in der Unterwelt retten? Ja und nein. Denn es sind nicht wirklich die herkömmlichen Christen wie wir sie kennen, sondern eher Gruppierungen des Christentums. Doch fangen wir mal mit den aufdringlichsten an. Die Mormonen, welche ihrer Meinung nach auch Christen sind. Diese nämlich – auch wenn im Vergleich relativ zurückhaltend – klingeln zum einen immer wieder an der Haustür und sind auch bei Spaziergängen auf Straßenbeute aus. Und da mein Haus gleich gegenüber der Kirche ,Jesu Christi des Heiligen der letzten Tage’ steht, wäre ich natürlich ein ausgesprochen einfacher Fang. Die Betonung liegt natürlich auf wäre. Seit Beginn meines Einzuges sehe ich den gehorsamen Mix aus Japanern und Amerikanern jeden Sonntag Morgen dem riesigen Gebäude entgegen strömen. Sie fahren die gleiche Art Jeep, tragen die gleiche Art von Klamotten und schleppen hinter sich eine Horde von Kindern her. Sechs oder sieben dieser kleinen Racker sind dabei keine Seltenheit. Da passt das schon mit dem Jeep. So fährt das erste Auto gegen 8 Uhr morgens auf den Parkplatz und das letzte verlässt den selben meist gegen 18 Uhr. Was sie dort die ganze Zeit über machen? Keine Ahnung. Anhand der überdimensionalen Satellitenschüssel nach zu urteilen, denke ich mal sie machen eine Liveschaltung nach Utah. Oder zur Osmond Familie. Ich weiß es nicht. Interessiert mich auch nicht. Allerdings scheinen sie im Moment dem Keksebacken gegenüber sehr verbunden zu sein. Die entfleuchenden Düfte sind schon sehr anziehend. Ich hoffe mal es ist der nahenden Weihnachtszeit wegen und nicht ein geheimer Plan ihrerseits. Doch auch wenn die Sonntage bis auf Parkprobleme immer friedlich verlaufen, scheint es unter den Mitgliedern immer wieder welche zu geben, die sich auf die Pirsch nach Frischfleisch machen. Und so klingelt es einmal die Woche an meiner Haustür. Sind es Japaner? Nein. Amerikaner! Junge Frauen/Mädels, die sich freundlich lächelnd, vorbereitet mit Infomaterial, Flyer und ihrer Bibelversion an die Nachbarn ran machen. „Hello, my name is Jessica and I’m coming from the Church of Jesus Christ of latter-day saints. I would like to talk to you and bring you closer to the teachings of Jesus.” Was bin ich froh dieses Bildschirmsystem für die Klingel zu haben. Du nimmst im Haus den Hörer ab, schaust auf den Bildschirm und entscheidest dann ob du reden willst oder nicht. Du kannst auch einfach auflegen. Geniale Erfindung! Und da ich die armen Zöglinge nicht vollkommen fertig machen will mit meinem Diskussionstalent, mach ich auch meist letzteres. „Sorry, I’m not religious“ bring ich kurz und knapp über die Lippen, bevor ich mich wieder an den Computer setze. Die Amerikaner mischen sich aber auch überall ein! Und wie so oft, scheinen sie das Wort ‚aufgeben’ nicht in ihrem Repertoire zu haben. Woche für Woche geht das schon so. Was es ihnen gebracht hat? Sie haben mich neugierig gemacht. Ich hab mal nachgeforscht woran sie so glauben: Bildung? Dafür sind sie. Je gebildeter, je gläubiger. Ok. Wenn sie meinen. Homosexualität? Dafür sind sie nicht. Sie möchten ihnen helfen, dieses entweder zu unterdrücken oder darüber hinwegzuhelfen. Super. Abtreibung? Nur bei Vergewaltigung oder medizinischem Mutterproblem. Aber auch nur nach Meinungseinholung des örtlichen Priestertumführers, der im Gebet mit Gott erfährt, ob er einverstanden ist. Jippee, das Gespräch möchte ich hören. Missbrauch/Misshandlung? Da haben sie was dagegen. Keiner der das tut, ist der Kirche würdig. Ob der vom FBI verhaftete Warren Jeffs davon wusste? Frauen und Priestertum? Niemals. Warum? Weil der Herr es so eingerichtet hat. So einfach ist das. Polygamie? Angeblich sind sie strikt dagegen. Doch es gibt ja Ausnahmen. Denn Gott hat seinem Volk zu verschiedenen Zeiten geboten, die Mehrehe zu praktizieren. Dem ‚Erfinder’ Joseph Smith und seinen engsten Vertrauten zum Beispiel. Da schreiben die doch glatt auf der Webseite, dass es diesen Auserkorenen nicht leicht fiel die Mehrehe einzugehen, sie aber natürlich dem Wunsch gehorchten. Angeblich soll Polygamie ja nicht mehr gelehrt werden. Das bring mal einer denen in ganz Utah bei.
Haben sie mich bekehrt? Nee! Natürlich nicht. Das fehlt mir noch, das sich hier irgendeine Tussi als zweite Frau meines Mannes vorstellt. Da schwingt ja wohl wieder der Kuchenteig-Knetroller. Genauso wenig würde ich meinen besten Freund wegen seiner homosexuellen Neigung meiden. Ich schmeiß doch nicht 30 Jahre Freundschaft über den Haufen, nur weil irgendeiner das sagt. Und was wollen die denn mit dem Verbot von Tabak, Alkohol, Kaffee, Schwarztee und unerlaubter Drogen? Was vor allem sind unerlaubte Drogen? Welche sind bei denen denn erlaubt? Dieser Joseph Smith scheint ja wohl ein ganz witziger Kerl gewesen zu sein. Wie kommt es denn, dass diese Menschen immer von Gott hören? Diktiert er ihnen diese Gesetze in einer Nacht? Hatte der vielleicht unerlaubte Drogen genommen? Ach ich vergaß, ihm wurde ja auch die Polygamie aufgezwungen...
Die andere immer wiederkehrende Christengruppe, die sich in letzter Zeit häufig in meinem Briefkasten mit Flyern bemerkbar macht, nennt sich ‚The Family International’. Wie viele unterschiedliche Christen gibt es denn? Diese für mich neue Organisation, stammt mal wieder aus dem Kopf eines amerikanischen Pastors namens David Berg. Man nannte ihn auch ‚Vater David’ oder ‚Moses David’. Die meisten aber einfach nur ‚Dad’. Ernsthaft! 1968 ereilte ihn aus unerklärten Gründen das Wort Gottes. Sein Auftrag? Geh nach Kalifornien und lehre die Hippies. Unerlaubte Drogen sag ich nur. Auf jeden Fall ist auch seine „Kirchengemeinde“ auf neue Zöglinge aus. Ihr Glauben? Theoretisch Gottes Wort für alle hörbar zu machen und Liebe zu verteilen. Ihre Methoden? Die Bibel wörtlich zu nehmen. Es gab demnach keine Eiszeit und keine Evolution. Warum auch. Science ist ja Schwachsinn. In Kommunen zusammenzuleben ist ein Muss, Kinder ausziehen zu lassen verboten, Kinder in öffentliche Schulen zu schicken auch. Gesetze werden nämlich nur dann befolgt, wenn sie nicht mit ihrem Glauben kollidieren. Einen Fokus auf Juden haben sie auch. Ach ja, sie singen auch. Ganz viel sogar. Auch für Geld. Und DVDs und CDs produzieren sie auch. Kannste gern kaufen. Oh mei. Doch das beste von allem ist, das wir dem Ende nah sind. Ganz doll sogar. Sie können uns auch Zeichen dafür geben. Beweise. Wie die aussehen? Das haben sie auf einem ganz fetzigen A 5 Ökopapier in kleinster blauer Schrift festgehalten. So nämlich: „One major final sign of the very end that is yet to be fulfilled & that many prophets have predicted, is the rise of a powerful one world government, led by a bestial dictator who will actually be fully possessed by Satan himself… the world will turn to this false messiah to save them when their economy crashes & the threat of nuclear war forces them to unit…he will come upon the world scene with a 7 year agreement and promise them world peace and religious freedom…but halfway through his reign he will break his promise… at this time he will place an idol, an image of himself in the rebuilt jewish temple in Jerusalem, which will probably be an amazing super computer robot, as it will speak and somehow even cause those who refuse to worship to be killed… it will be the time of great tribulation… during this time most countries will not use paper money anymore…the antichrist government is going to set up a new one world credit system in which everyone who is part of his satanic kingdom will be branded with a credit number in their hand or forehead…all of god’s children will refuse this number… entire nations will rebel at this point and fight wars against the antichrist…towards the end of the antichrist reign he will destroy with fire Babylon the great whore, a final judgement which sounds like an atomic first strike that destroys America in one hour…at the end of that darkest night, jesus Christ returns himself to rescue his children and will say ‘come up’…the lord will then take all followers in his heavenly space city floating towards the earth…this beautiful pyramid-shaped city of gold is a gigantic 1500 mildes high, wide and long with plenty of room … are you ready for the end… you can get ready by praying only these words…we love you and would be happy to send you more info if you’ll write us at the address…
Na hoffentlich kriegen sie es noch bevor alles vorbei ist. Aber ist es nicht schön wie sehr sie uns alle warnen. Besonders vor dem bösen Kreditkartensystem? Ehrlich gesagt hätte ich gern schon mal diese Nummer vorab, die Karte rumzuschleppen würde ja dann wohl wegfallen. Wie sieht’s denn mit dem Konto aus? Fragen, die wieder mal keiner beantwortet! Auf jeden Fall stehen da recht utopische Dinge drin, bei denen ich des Öfteren laut lachen musste. Aber auch wenn ich dem gegenüber lustig entgegenstehe, tun mir diese viele Menschen leid, die wirklich ernsthafte Probleme mit sich und der Welt haben, und denen diese Prediger plötzlich wie aus dem Nichts gegenüber stehen und ihnen freundlich Hilfe aus der Misere anbieten. Die ganze Angelegenheit wirkt wie ein Spinnennetz, in dem man erst gefangen und dann langsam eingewickelt wird, bis zu aller letzt das große Tier zum Stoß ansetzt. Traurig. Na ja, ich kann sie ja nicht alle retten. Aber wie auch immer, Fakt ist mich verfolgen sie auch hier. Da war’s in Deutschland sicherer. Kriegen werden sie mich aber sicher nie. Keiner von ihnen. Weder die Mormonen noch die Family Leute. Für mich gibt’s nur eines: Es lebe der eigene Wille!
Heute ist mal wieder so ein Tag! Ein Tag an dem ich dem nächsten an der Haustür Klingelnden eins mit dem Kuchenteig-Knetroller über den Kopf geben möchte. Warum? Weil mir die religiösen Stalker auf den Keks gehen.
Ich weiß nicht wie es euch geht hinsichtlich Religion, aber ich bin eine dieser frei erzogenen Alles- und Nichtsglauber. Freethinker, wie man hierzulande so schön sagt. Ich halte nichts von der Kirche, sehe die Bibel als geschichtliches Dokument und nicht als Richtwert fürs Leben und führe gleiches wie es mir gefällt. Das heißt, ich lasse mich nicht in irgendeine religiöse Schublade pressen, sondern glaube an das was in meine Vorstellung passt. In meinem Fall ein kunterbunter Mix aus Heide, Buddhismus, Kosmos, Science und gutem alten normalen Menschenverstand. Wie man sich vorstellen kann, ein heutzutage explosives Thema, was den ein oder anderen Diskussionsteilnehmer schon einmal dazu veranlasste, mich in die Hölle zu verdammen. Denn Diskussionen dieser Art liebe ich unheimlich und kann mich daher des Öfteren einfach nicht mit meiner Meinung zurückhalten. Mir gehen die Sicherungen durch, wenn mir irgendeiner wieder einmal seinen Glauben aufzwingen will. Und dabei dachte ich, dass nach meiner Singapore-Ära das jetzt vorbei ist. Da lag ich wohl falsch...
Schon in Singapore, einem Land von dem behauptet wird es sei multi-religiös, versuchte man mich zu bekehren. Nicht etwa von den 40 % Buddhisten, nein. Die lassen einen tun und machen was man will ganz nach dem Motto ‚jedem das seine’. Auch nicht von den 14 % Muslims. Auch die interessierte nicht mein sündiges Leben, sondern sie kümmerten sich eher um ihre eigenen, in die sexistische Welt streuenden, Kinder. Es waren die 15 %, die sich scheinbar selbst die Aufgabe stellten, den Rest Singapores zum Untertan Gottes zu bewegen. Die Christen. Als Deutsche, abstammend vom mittleren Teil des Landes – noch dazu im Osten - in dem meiner Meinung nach nicht so ein Gefasel um deinen Glauben gemacht wird (wie in Bayern), nervenaufreibend. Und mal ehrlich, ich sehe Deutschland als einigstes Land der Welt, in dem Religion absolut keine Rolle spielt. Weder in Politik, Unterhaltung oder Schule. Wie gesagt, wir lassen Bayern mal raus. Um so schlimmer ist es, wenn dich plötzlich eine Religion auf ihre Seite ziehen will. Ein Beispiel gefällig? Hmmh, davon hab ich so viele... Meine damalige Arbeitskollegin, wie sagt man heute „born again Christian“, lud mich eines Tages zu einem kleinen Zusammentreffen mit Freunden ein. Nur ein netter Abend mit leckerem Essen, alkoholfreien Säften und super Gesprächen, sagte sie. Man nannte diesen Freitag Abend „Informationstag“. Und da ich nicht ganz blöde bin, wusste ich ja warum. Ich sollte mich mit anderen, die sich ebenfalls auf dem falschen Weg befinden, über den richtigen informieren. Einen Fehler ausbessern sozusagen. Aber da ich wusste, dass das bei mir fehlschlägt, ich aber unsagbar nett bin, machte ich das Spiel halt eben mit. Ich brauche nicht zu sagen, wie unangenehm mir die ganze Angelegenheit von vornherein war. Was nämlich zuerst mit einem wirklich leckeren Essen bunter asiatischer Cuisine anfing, endete im emotionalen Desaster. Aber gehen wir die Sache mal kategorisch durch:
‚Verschleppt’ in das Haus eines jungen Ehepaares mit 3 Kindern in einer reichen Gegend, welches zwar groß, aber kläglich und ohne jeglichen Stil eingerichtet war, kam ich mit meiner Arbeitskollegin so gegen 18:30 Uhr an. Vorbei an Luxuskarossen schlenderte ich auf Marmorfußböden der bereits wartenden „Gemeinde“ entgegen. Die vorgetäuschte Einführung „Liebe Freunde, das Essen ist angerichtet. Mixt euch, unterhaltet euch, freut euch und wir beginnen dann mit dem Unterhaltungsprogramm“ folgte kurze Zeit später. Die richtige Einführung „Liebe Gleichgesinnte, wir fangen jetzt an“ hörte ich nachdem man mich wie bei Hänsel und Gretel davonlauf-unfähig gesättigt hatte. Und so tat ich was alle machten. Ich begab mich mit den anderen ca. 40 Personen in ein Nebenzimmer – dem Kinozimmer – in dem schon eine Gitarre, Liederzettel, Händeklatschen, Hallelujah, Amen, Gebete, Geschichten usw. auf mich warteten. Kumbajah my lord… Doch das Drama, welches mich innerlich nach Hilfe schreien ließ, kam immer näher. Die Türen wurden geschlossen. Der Vorhang ging auf. Der Projektor lief und im Gleichtakt senkten sich die Köpfe der Anwesenden. Gefalltete Hände machten sich bemerkbar. Ein kurzes Rattern und Gestalten tummelten sich auf der Leinwand. Nein, es war nicht der neueste heimlich gebrannte Blockbuster aus China Town. Es war ein Motivationsfilm. Ein Motivationsfilm eines englischen Pfarrer/Pastor/Predigers, der mir mit seiner Lebensgeschichte persönlich mitteilte, das ich eine Lücke im Leben habe. Seine Worte gingen etwa so: „Everyone, every living person, will find out at some point that he has a hole in his life. We find out, that we are not happy. Not complete. We are not fulfilled in our life. We are searching to fill this unbelievable empty void. Now, in today’s world, we are trying to fill this void with a great job, a promotion, a big house, a dream vacation, a nice car, good friends. Or with a family. A wife, a husband and children. And even though this is all very nice and necessary, it’s only a quick solution. Because after a while, when the excitement is gone, we are still not fulfilled. We are still searching for more. There is this void you still have. And you don’t know what to do, how to fill this void. But let me tell you, the only person who can ever fill this void for you is God. He is the only reason for you to stop searching. To make you happy. He will give you everything you need, everything you are looking for...
Mein Kopf drehte sich. Zum einen vor Wut und zum anderen vor Verwirrung. Denn auch wenn die ganze Sippe es nicht zugeben will, dieser dämliche Prediger versucht doch glatt auf Scientology Art einem das Gehirn zu waschen. Das schlimme ist, in gewissem Sinne hatte er ja mit manchen Punkten recht. Aber das hat nichts mit Gott zu tun sondern mehr mit dem menschlichen Ehrgeiz. Man darf nur nicht vergessen nachzudenken und zu hinterfragen. Trotzdem, Vorträge dieser Art können so manch einen bekehren. So kann ich auch verstehen, dass labile Personen dieser Runde heute das Kreuz über dem Bett zu hängen haben, welches sie wiederum nicht aus Überzeugung, sondern eher aus Einschüchterung taten. Doch Sätze wie nur Gottes Weg, der Christen Weg ist der einzig wahre, alle anderen wären Sünder und wir müssen Gott gehorsam sein um die Lücken zu füllen, gingen mir ordentlich gegen den Strich. Der Montag danach? Ich schlug meiner Arbeitskollegin mit der flachen Hand auf die Stirn a la ‚ihr habt sie ja nicht alle’, was sie verständnisvoll aufnahm und meine immer noch lang anhaltende Freundschaft mit ihr nicht zerstörte. Sie ist nämlich ein herzensguter Mensch im wahrsten Sinne.
Doch Religion war in Singapore selbst an den unvorhergesehensten Plätzen zu finden. Taxen. Die Fahrer der 3 bekannten Unternehmen wurden nämlich – nach Beschwerden - auf einfühlsamste Weise hinsichtlich der Kunden geschult. Es sollte weniger gemuffelt werden und der auf dem Rücksitz befindlichen Person freundlich gegenüber getreten werden. Auch mit Small talk wie es hieß. Und dieser äußerte sich mit Fragen wie ‚wo kommst du her, wie alt bist du, wie lange bist du schon hier, wie gefällt dir das Land, bist du verheiratet usw.’. Da entsteht schon mal das ein oder andere Gespräch, auch wenn’s theoretisch darauf hinausläuft überprüft und teilweise, je nach Unmut, auch des Landes verwiesen zu werden. Aber wenn’s richtig gut läuft und man mit Singapore super zufrieden ist, kommt auch die Frage der Religion wieder auf. Bei meiner Antwort setzt dann auch gleich der Schock ein. Denn eine Person ohne jegliche Religion, ohne Zugehörigkeit, ohne Sinn im Leben – wie man mir mitteilte – wandert geradewegs auf die siebte Stufe der Hölle. Balthasar scheint mich auf der Liste ganz oben zu haben.
Doch diese sind nur einige von Tausenden von Beispielen die ich während meiner dortigen 7 Jahre erlebte. Und ich muss mich an dieser Stelle schon wieder einmal klar bremsen, denn die Emotionen schwingen immer mit. Und ich will hier auch klar sagen, dass dieses Thema nicht nur Asiaten betraf sondern auch von Europäern strikt ausgeübt wurde. Schon mal einen Holländer erlebt, der nach 3 Jobabsagen seine indonesische Freundin, die er über alles liebte, verließ weil er meinte Gott hat einen anderen Plan für ihn in scheinbar einem anderen Land? Meine Güte....
Gestern habt ihr im ERSTEN TEIL erfahren, was man alles auf eine Reise durchs japanische Hinterland mitnehmen sollte und wo man am besten und billigsten unterkommt. Nun geht die Tour weiter. Ladies & Gentlemen wenn Sie nun links aus dem Fenster schauen, sehen Sie den See Lake Chuzenji...
Lake Chuzenji war, wie ich herausfand, vor 20 000 Jahren ein Ergebnis eines Vulkanausbruches. Der Übeltäter? Mount Nantai. Der aus Lavagestein kreierte See hat einen Umfang von 25 km und ist an mancher Stelle 163 m tief. Die Geschichte besagt wohl folgendes: Ein Priester namens Shoto, der in Nikko die ‚Berganbetung’ populär machte, entdeckte Lake Chuzenji im Jahre 782, als er Mount Nantai bestieg. Zwei Jahre später errichteten er und seine Anhänger am See einen Tempel namens Jinguji. Seitdem besuchten Asketen diesen Ort und hielten die religiöse Handlung des ‚Funazenjou’ ab. Funazenjou bedeutet der Besuch der Asketen von heiligen Orten per Boot, die dazu ein ‘Sutra’ (Lehrrede) lesen. Von dem Moment an kamen mehr und mehr Menschen nach Nikko und beteten um Wunder.
Heute umgibt dieses Gebiet eine massenweise Ansammlung von Schreinen und demnach auch genügend Möglichkeiten zum essen, trinken und shoppen. Von Religion allein kann man nämlich nicht leben. Doch man kann, wie die Asketen damals, den See mit Booten befahren oder auch die abgewandelte Version der Schwanen-Tretboote nutzen. Doch zu unserem Zeitpunkt war starker Nebel mit einer Sichtweite von sagen wir mal 100 Metern. Das heißt, man kann gern losfahren, doch wird wohl ein paar Stunden darauf herumirren. Die andere Möglichkeit wäre noch um den See herumzuspazieren, doch mich bei 10 Grad für Stunden in die Kälte zu stürzen, danach war mich nun wirklich nicht. So machten wir nur einen kurzen Stopp an der Promenade, tranken im Freien heißen Kaffee aus der Dose (meine geliebten Automaten), atmeten tief durch und saßen kurzerhand wieder im Auto. Wohin? Richtung Ryuzu Wasserfall im Nikko National Park. Einer der drei schönsten Wasserfälle dieser Gegend und der Ort, an dem der Yukawa Fluss und der Lake Chuzenji aufeinander treffen.
Der Verkehr dorthin deutete auf eine Masse von Besuchern hin. Aber das störte uns nicht weiter. Heute waren auch wir die Touris. Eine Weile später parkten wir dann wieder für relativ billiges Geld unser Auto und folgten dem Geplätscher. Nach kurzem Drängen und starkem Leinenziehen, standen wir dann vor dem prächtigen 210 Meter Wasserfall Ryuzu. Ryuzu, auf japanisch Drachenkopf, leitet sich wohl ab aus dem Gestein, welches irgendwo wie ein Drachenkopf aussehen soll. Irgendwo lässt schon darauf hinweisen – obwohl ich eine blendende Fantasie besitze habe ich nichts dergleichen erkennen können. Aber egal. Nichtsdestotrotz war die Ansicht fantastisch. Ich stand umzingelt von anderen Begeisterten auf einer Plattform direkt vorm Fall. Überall Wald, gefärbt in tausend strahlenden Erdfarben (Herbstblüte), durchbrochen mit Wasser, welches sich aus dem Fall in kleine flussähnliche Strömungen verwandelte. Ruckzuck hatte ich meine Kamera in der Hand. Natürlich hatte ich schon andere Wasserfälle in z. B. Bali gesehen, doch ich bin immer wieder fasziniert von solch einem Anblick. Für mich strahlt ein Wasserfall Ruhe aus. Pure kräftige Natur. Auf der anderen Seite ließen die Japaner mir wieder keine Ruhe hinsichtlich meiner Hunde. Ich weiß ja, sie sind niedlich, wuschelig und zum kuscheln. Das heißt aber nicht, dass sie ständig an ihnen hängen müssen. Weiß einer eigentlich wie schwer es ist, Handtasche, Kamera und Hund gleichzeitig zu bedienen? Noch dazu am Wasser mit Fallmöglichkeiten, wobei einer meiner beiden manchmal auch etwas bissig ist? Es war nicht einfach alles unter Kontrolle zu halten, letztendlich aber machbar. Denn der einzige Ausweg hieß – Spaziergang. Und das taten wir alle dann auch. Auf einem 3 km langen angelegten Holzpfad durch die Natur um den Wasserfall herum. Für mich persönlich eine grenzenlose Erholung. Ich stapfte also mit meinen Boots und dem Finger auf dem Abzug hinter den anderen 3 + 2 hinterher. Was ich sah, waren Farben über Farben und interessant aussehende Krabbeltiere. Es ist schon komisch wie sehr man sich plötzlich wieder am Herbst und der Natur erfreuen kann. Allerdings habe ich Herbst auch schon ein paar Jahre nicht gesehen. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich im Oktober geboren bin. Auf irgendeine Art und Weise werde ich zu dieser Zeit immer äußerst melancholisch. I don’t know... I’m getting old…
Doch als wir wieder am Ausgangspunkt ankamen überraschte mich ein Japaner am Aschenbecher. „Guten Tag“ sagte eine Stimme neben mir. Oops? Jawohl, ein Japaner der deutsch spricht. In dem Moment dachte ich er spricht, wie eine Großzahl seiner Mitbürger, die üblichen Floskeln wie ‚Guten Tag’, ‚Auf Wiedersehen’, ‚Guten Appetit’ usw. Das mag für viele interessant sein, für mich aber Alltag. Japaner mögen nämlich Deutsche. Das mag an der Japanisch/Deutschen Geschichte des letzten Jahrhundertes liegen. Ihr wisst schon... Doch wie von der Tarantel gestochen verwickelte er mich in ein hervorragendes deutschsprachiges Gespräch. Er erzählte mir, dass er die Sprache per Kassetten und Bücher erlernte, er selbständig sei und ab und zu Deutschland besuchte um die Aussprache besser zu erlernen. Ich war erstaunt zum einen und unangenehm berührt zum anderen. Als Berlinerin habe ich nämlich so mein Problem mit Ausländern deutsch zu sprechen. Zum einen fühl ich mich im englischen dabei wohler und zum anderen muss ich durch meinen Dialekt sooooo langsam und deutlich sprechen, dass ich mich anhöre als sei ich vom anderen Stern. Ich kann schon hochdeutsch reden, doch bei Nicht-deutschen tu ich mich einfach schwerer. Trotzdem wurde mir wieder bewusst – du weißt niemals wer dich alles versteht.
Wieder zurück auf der Strasse entschlossen wir uns nach Hause zu fahren. Es war schon später Nachmittag und wir wussten nicht so genau wie lange es dauern würde, den Weg zur Hütte zu finden. Das alles schien auch ein guter Plan, bis mein Freund sich dazu entschloss off-road zu fahren. Männer scheinen immer ihr Auto testen zu wollen. Und in den Bergen hieß für ihn off-road? Ungesicherte Terpentinen (ohne Leitplanken) den Berg hinauf. Natürlich saß ich an der Seite des Abgrunds. Und je höher wir fuhren, um so dichter wurde der Nebel. Selbst das Navigationssystem hatte diese Straße nicht mehr im Computer und färbte das Hintergrundbild von blau auf rot. Rot heißt für mich „Danger“! Letztendlich wussten wir doch alle, dass dieser Weg – so abenteuerlich er auch sein mag – ins Nichts führte. Oder wie ich es hysterisch auf dem Rücksitz bemerkte: „Fährst du noch höher, klopfst du an der Pforte an und sagst ich komm später noch mal wieder!“ Bei 2127 Metern (das stand auf dem Schild) war gut und ich zwang alle wieder umzukehren. Vielleicht hatten sich meine Nerven dabei übernommen, denn auf dem Terpentinenweg zurück wurde mir schlecht. Vielleicht war es auch der viele Kaffee. Ein paar Gallenwürger später schmiss ich mich mit Kopfschmerzen auf die Matte und versuchte zu schlafen. Eine Absicht die sich als unmöglich herausstellte mit einem offenen Haus und 3 kräftigen Stimmen. Also gesellte ich mich wieder zu allen und wie schon am Vorabend gestaltete sich der Abend aus Grillen und Pokern.
Bis es natürlich wieder zum Thema Schlafen kam. Ich muss dazu sagen, das wir aus Gemütlichkeit ein paar Matten von oben ins Wohnzimmer schleppten. Ein großer Fehler. Nicht das wir da alle nächtigen wollten, aber auf dem Laptop Stromberg zu schauen, schien im Liegen wesentlich angenehmer als auf den harten Stühlen. Und so lagen wir alle 4 mit den Hunden vor dem Bildschirm. Ganze 2 Minuten dauerte es nur bis mal wieder der erste Laut entwich. Ganze 5 Minuten, bis der zweite anfing. Und nur 10 Minuten bis der dritte soweit war. Fünfzehn Minuten später schnarchte auch mein Hund. Und wer blieb übrig? Ich und Boomer. Dem ging die Sache nämlich genauso auf den Keks wie mir. Und noch eine Nacht so zu verbringen? Nee! Also weckte ich sie alle, schickte unsere zwei Freunde nach oben, gab meinem Freund seine Anti-Schnarch-Uhr (ja, die funktioniert sogar) und kuschelte mich bei einer neuen Folge Stromberg unter die Decke. Endlich Ruhe.
Der nächsten Morgen war schon der Tag der Abreise. Es wiederholte sich eigentlich alles vom Vortag. Sieben Uhr aufstehen, Hunde raus, Kaffee und Frühstück machen, andere mit Gerüche wecken und alles ganz langsam angehen lassen. Na ja, es wiederholte sich fast alles. Denn um 10 Uhr sollten wir eigentlich das Haus sauber und aufgeräumt (wie wir es vorfanden) verlassen haben. Doch damit waren die Eigentümer nicht ganz so streng. Wir konnten auf freundlicher Nachfrage alles sehr gelassen nehmen. Das hieß aber auch – putzen, putzen, putzen. Denn selbst wenn man später das Haus verlässt, muss es in grandiosem Zustand sein. Nichts mit Hotelservice und so. Da achteten sie nämlich sorgfältig drauf. Gesagt, getan. Um Punkt 12 waren wir zwei Frauen mit allem fertig und die Männer sorgten wieder für einen gut gepackten Kofferraum. Die Aufgabenteilung ist fantastisch, ne? Wie viel uns der Spaß kostete? 10 500 Yen pro Person für 2 Tage. Mit dem heutigen Umrechnungskurs sage und schreibe nur 35 Euro pro Nacht. Findet man für diesen Preis irgendwo ein solch großes Hotelzimmer? Nee! Natürlich nicht.
Doch dann war es wieder Zeit uns nach Anita zu richten. Ganze 2 ½ Stunden lang führte sie uns durch eine Tollkollektion nach der anderen und ich muss schon sagen, nach Tokio reinzufahren ist wesentlich teurer als raus. Das kostet einen noch mal ca. 40 Euro. Aber im Endeffekt war uns das wurscht. Mal abgesehen davon, dass wir keine andere Wahl hatten nach Hause zu kommen, wurde uns klar: das machen wir noch mal! Und dieses Mal länger. Denn so schön es auch war, was uns fehlte war ein kompletter Tag in dieser gemütlichen Hütte abseits jeden Trubels. Und das es viele viele Menschen nicht nur in Tokio sondern auch im Rest des Landes gibt, merkten wir auf den Straßen zu Genüge. Das Wort Stau existiert überall. Wir hätten noch einen ruhigen Nichtstutag gebraucht. Einen Tag, an dem man bei Ofenwärme am Fenster ein Buch liest, im Wald bei Kälte spazieren geht, nachmittags eine Tasse Kaffee zu Keksen trinkt und abends zum zischenden Wind gemütlich die Decke um die Füße wickelt. Ohne viel trara. Einfach ein Tag an dem man die Seele baumeln lässt. Das zumindest war unser Gedanke als wir abends in der Küche noch einmal die Reise reflektierten. Denn der stressige Montag nahte wieder mit schnellen Schritten. Gott sei Dank sind wir ja noch eine Weile hier. Und die Kontaktwebseite ist bei mir gespeichert. Was bleibt also übrig? Auf ein verlängertes Wochenende zu warten!
Nun habe ich in letzter Zeit so viele unterschiedliche Dinge mehr oder weniger hinsichtlich des Verhaltens der Japaner angesprochen, dass ich glaube es sei mal an der Zeit das Thema zu wechseln. Ein bisschen Abwechslung in die Kolumne bringen, kann ja nicht schlecht sein, oder. Und was gäbe es da besseres, als einen Ortswechsel? Immer nur Tokio ist ja auch nicht wirklich Japan. Das Land ist Japan. Von daher lasse ich heute die Hauptstadt einmal links liegen und entführe euch in die Berge. Denn da verbrachte ich mein letztes Wochenende.
Ehrlich gesagt, wollte ich erst gar nicht. Mit den sinkenden Temperaturen fühle ich mich nämlich in Tokio pudelwohl. Bei 20 Grad, blauem Himmel und strahlendem Sonnenschein ist das ja auch nicht schwer. Nicht das ich mich weigere, das Land kennen zu lernen, aber mit einem Ausflug sind auch immer recht viele langatmige Vorbereitungen verbunden. Speziell dann, wenn man ins Nirgendwo fährt und sich selbst verpflegen muss. Zu viert. Mit zwei Hunden. Alle in einem Auto. So wie wir. Doch man will ja nicht dumm zugrunde gehen und sollte schließlich das Gastland kennen lernen. So willigte ich also ein, einen Wochenendtrip nach Nikko zu unternehmen.
Nikko, um es mal mit einem Autofahrerhirn zu sagen, liegt ca. 3 Stunden Fahrt und 130 km nördlich von Tokio. Eine Richtung, die ich bis jetzt noch nicht ein einziges Mal eingeschlagen hatte. Genauso wenig wie mein Freund, der Tage zuvor bereits von nichts anderem mehr reden konnte als mal wegzufahren. Für jemanden, der 12 Stunden am Tag arbeitet, eine willkommene und wie ich schnell bemerkte auch dringend nötige Erholung. Freitag den 13. war es dann soweit. Ich packte was das Zeug hielt. Eine große Tasche für uns mit herbstwarmen Klamotten, Toilettries, Laptop, VCD’s und Spielen - 3 große Tüten für die Hunde mit Essen, Ablenk-Leckereien, Shampoo, Handtücher, Spielzeug, Piepiematten, Bürsten, Laufgitter und Zeckenzange – und eine Kühltasche mit Miracoli, Apfelschnaps und Schokolade. Zwei Uhr Nachtmittags ertönte dann nur ein kurzes hastiges Hupen vor dem Haus und schwuppdiwupp saßen wir schon grinsend im Gefährt. Doch unsere Reise sollte uns erstmal Richtung Innenstadt führen, denn zwei Personen fehlten ja noch. Und als die sich dann ins Auto quetschten und ihr Gepäck verstaut hatten, mussten wir notgedrungenermaßen erstmal zum Supermarkt einkaufen fahren. Von Miracoli, Schnaps und Schokolade, wie ich erfuhr, konnten die anderen drei nämlich nicht leben. Na so was aber auch. So schnappten wir uns 2 Wagen, durchforsteten den Laden und quetschten noch mal alles von Brot und Eiern über Wurst und Grillfleisch bis hin zu Wein und Cola in den Gepäckraum. Eine Arbeit, die nur jemand verrichten kann, der Geschick besitzt. Dann aber, um 16 Uhr, knallte endlich die letzte Tür zu und das Navigationssystem wurde in Gang gesetzt. Los ging’s.
Ich hatte das Gefühl, es dauerte länger aus Tokio rauszufahren, als zum eigentlichen Ort zu kommen. Die Stadt nahm und nahm kein Ende. Aber zumindest wird einem mal ausdrücklich bewusst wie groß sich dieser Teil in dem man die nächsten Jahre verbringen wird eigentlich wirklich ist. Dreizehn Millionen Menschen müssen ja auch irgendwo hin. Doch dann befanden wir uns endlich auf der eigentlichen Strecke, dem Land sozusagen, und folgten immer gehorsam der Stimme aus dem kleinen Bildschirm. Ich nenn sie mal Anita. Und Anita sollte man wirklich streng folgen, denn ohne sie ist man definitiv aufgeschmissen. Das – wie so oft schon zuvor – merkten wir auch wieder als wir die mit Toll-Gebühren teure Autobahn verließen und uns durch das Dunkel der Nacht kämpften. Rechts und links nur Wald, Straßenschilder komplett in japanisch (logisch) und teilweise weit und breit kein Haus. Unsere Wege führten in die Berge. Hätten wir nicht auf Anita gehört, sondern uns auf die Zeichnung eines Kollegen, der eine Woche zuvor die Reise unternahm, verlassen, wären wir wahrscheinlich heute noch nicht da. Es ist ja auch nicht so, dass man jemanden nach dem Weg fragen kann, nicht wahr?! Doch Anita machte ihre Sache gewissenhaft und führte uns an ein Schild, welches wiederum auf eine Strasse in den Wald hinwies. The Woodmans Village. Unser Quartier für die nächsten fast 48 Stunden.
The Woodmans Village, um es einmal auf den Punkt zu bringen, sind 6 Holzhütten mitten im Wald. Man ist umzingelt von dichten Bäumen, ungemähtem Gras, lautlosen Tieren und einem plätschernden Fluss. Sonst – liebe Freunde – ist da nichts. Muss es auch nicht, schließlich wollten wir uns ja alle erholen. Geführt wird dieses holzige Dorf von einem netten japanisch/amerikanischen Pärchen. Gott sei Dank. Englisch. Unsere gemietete Hütte nannte sich ‚Harvest House’. Eine zweistöckige offen angelegte Unterkunft mit Wohnzimmer, zweckvoll eingerichteter Küche, 30er Jahre Ofen, 3-teiligem Badezimmer (Dusche, Waschbecken und Klo getrennt), japanisch sprechendem TV und großflächig angelegtem Holzfußboden der als Grossraumschlafzimmer diente. Eine Bleibe, nichts für Prada Handtaschen Trägerinnen die ihren Komfort suchen, aber eine Bleibe die an den Mann in den Bergen erinnert und die durch das nicht übersehbare Holz speziell an Herbsttagen sehr gemütlich ist. Da ich keine Prada Tasche besitze, zumindest keine echte, muss ich kaum erwähnen – mir gefiels. Es war einfach aber zweckgerecht. So schafften wir unsere Besitztümer in Küche und Schlafzimmer, schlüpften in etwas gemütlicheres und versuchten krampfhaft die Bude auf angenehme Temperaturen zu bekommen. Eine nicht einfache Angelegenheit, wenn man keine Ahnung hat wie man diesen Klassiker von Ofen in Gang bekommt. Doch wir fanden unter der Treppe eine Art von Ölradiator der im Handumdrehen unser Zittern unterließ. Auf der ersten Etage machte ich mich dann an das Bettenbeziehen. Und mit Bettenbeziehen meine ich eine Matte auf dem Boden, über der eine dünne Schaumstoffmatte lag, die wiederum mit einem Laken eingewickelt wurde, auf der ein Kopfkissen lag und welche dann noch lapidar mit einem Comforter versehen wurde. Eine Angelegenheit von ca. 3 Minuten. Nicht unbedingt Hilton Hotel Stil aber gut genug zum schlafen. Ratzefatz waren alle 4 Schlafmatten hergerichtet und wir konnten uns unserem Magen widmen. Zu dieser Uhrzeit wurde es nämlich Zeit den Grill anzuschmeißen, den wir für das Wochenende zu einem Preis von ca. 10 Euro gemietet hatten. Schnell kauften wir beim Eigentümer noch Holz für 4 Euro und an war das Ding. Auf der Terrasse. Wir hatten aber auch alles dabei. Hähnchen, Steak, Lamm, Kräuterbrot, Kartoffeln, Ketchup, Tomaten etc. Alles was dein hungriges Herz begehrt. Mampf, mampf. Zu guter letzt widmeten wir uns einem netten Pokerspiel mit Wein, Schnaps und Bier und fielen danach zuerst ziemlich lautlos ins Bett. Und mit zuerst, meine ich ohne jaulen und ohne schnarchen. Denn die Hunde waren nicht ganz davon überzeugt in unbekannter Umgebung im Dunkeln und dann noch im Käfig von mir getrennt ihre Nacht zu verbringen. So musste also – verbotenerweise – der Käfig eine Etage höher an mein Bett gestellt werden, meine Hand an den Käfig und nach ca. 20 Minuten beruhigte sich auch der letzte Vierfüßer. Doch das hieß natürlich nicht, dass ich meine Ruhe hatte. Wie aus dem Nichts ertönten ungeahnte nervenaufreibende Laute aus dem Mund unserer Mitschläfer 3 Meter weiter. Alle im gleichen Raum ist eben nicht so einfach. Fängt einer an zu schnarchen, schnarchen kurze Zeit später alle drei. Nun ist es einfach meinem Freund in die Seite zu schlagen doch die anderen? Fakt ist, ich schlief wohl irgendwann übermüdet ein, bekam nicht mal das starke Erdbeben um 6 Uhr morgens mit, stand aber als erste wieder um 7 Uhr auf um die Hunde auf ihre Bahn des Pinkelns zu bringen. Die wiederum standen 30 Minuten später überschüttet mit Kletten und Dreck wieder vor der Tür, hechelten nach Wasser und hatten eine ausgiebige Dusche nötig.
Als ich dann meine zweite Tasse Kaffee in den Becher goss schlummerten die Nächteversauer immer noch tief unter ihrem Comforter. Na, nur zwei von ihnen, denn mein Freund hatte Kohldampf und richtete sich bereits Spiegeleier, Speck und Bagel her. Der Geruch von bratenden Spiegeleiern schien sie aus ihren Gemächern zu locken, denn überraschenderweise stoppte das Schnarchen abrupt und sie saßen schneller am Tisch als ich Guten Morgen sagen konnte. Einige Zeit später machten wir uns samt Hunde auf Exkursionsreise. Und da kam Anita wieder zum Einsatz. Vom Eigentümer ausgestattet mit Infomaterial suchten wir so ungefähr auf dem Navibildschirm nach einem See. Und da gibt es viele in dieser Gegend. Doch da wir keinerlei Adresse zum Eintippen hatten, mussten wir eben raten. Und außerdem, ist ja auch egal wohin. Zurück kommen wir immer, schauen wir mal was es so gibt. Unser mit brechwürdigen Terpentinen ausgelegtes Ziel? Lake Chuzenji.
Im gestrig veröffentlichten ERSTEN TEIL des großen J-Musik Artikels konntet ihr schon so manche Eigenart der japanischen Musikszene und deren Künstler aufschnappen. Hier folgt die Fortsetzung, viel Spaß beim Lesen...
Es gibt so einige große Stars in Japan. Ihnen, wie den Sumo Ringern, liegt das Volk zu Füssen. Meist sind es natürlich Rock Bands. Denn darauf stehen sie hier ohne Ende. Das sieht man auch wenn man die Strasse auf und ab läuft. Nur hängen die Fans vom Äußerlichen her in den 90’ern fest. Hautenge Jeans, Turnschuhe, Haare vorne kurz hinten lang und Armreifen die selbst Wolfgang Petry blass erscheinen lassen würden. Fehlt nur noch der Manta. Aber Mode ist generell in Japan ein Fall für sich. Ich glaub hier gibt es mehr Punks allein in Tokio als im kombinierten Rest der Welt. Die im Moment führenden Chart Topper sehen aber ganz anders aus. Nämlich weiblich. Ganz im Sinne von Beyonce, Jennifer Lopez und Britney Spears mit einem Schuss Christina Aguilera. Alles natürlich im Sinne von „Möchtegern“. Eine davon ist Amuro Namie. Eine 29-jährige, 1,58 m große und sage und schreibe 40 kg „schwere“ Japanerin. Na sagen wir mal ¾ Japanerin. Ihr Steckbrief besagt nämlich das sie zu 75 % Japanerin und 25 % Italienerin ist. Wie das zustande kam? Ihre Mutter ist halb/halb. Scheinbar immer wichtig zu äußern. Ich hab das gleiche Spiel schon in Singapore erlebt wo man mir plötzlich ihre internationalen Blutgruppen mitteilte. Die gehen vom Stammbaum her in die Zeit der Jäger und Sammler zurück. Namie widmet sich nun mehr oder weniger dem R&B und ich hab sie schon oft genug auf MTV Japan rumspringen sehen. Ihre Videos wie auch die Musik, sind meist eine Kopie ihrer amerikanischen Vorbilder. Das verkauft sich hier hervorragend. Doch mit ihren 40 kg und automatisch Strohhalm-ähnlichen Ärmchen und Beinchen zappelt sie sich auf der Bühne so einen ab, dass das bei mir zu Aggressionen führt. Ich möchte sie nur noch kräftig schütteln, denn bei dem Prinzessinnen Getue bekommst du immer nur ein jämmerliches „Aah“ und ich möchte ein starkes „Uuh“.
Die richtige Prinzessin des J-Pops ist aber wohl Hamasaki Ayumi. Im relativ gleichen Alter wie Namie, ist sie genannt als die einflussreichste aller Prinzessinnen. Das mag wohl aber auch an ihrem Charakter liegen. Ein bisschen stur mit dem Untertitel „mir doch scheiß egal, ich will aber“, gleicht sie zumindest dem was über die besten Diven der westlichen Welt geschrieben wird. Abgesehen von ihrem wieder mal kunterbunten Musikmix-Stil (Techno, Alternative, Trance, Rock), ist sie aber wohl seit 2000 die Fashionista unter den Japanerinnen. Jeder will so sein wie sie, jeder imitiert sie. Und das streckt sich wohl von übergroßen Sonnenbrillen und Fuchsschwänzen bis hin zu Fingernägeln. Und Fingernägel samt Nagellackfarbe und Artwork (gemalte Muster, Glitzersteine etc.) spielen eine verdammt große Rolle beim weiblichen Geschlecht Japans. Nichtsdestotrotz erinnern mich Ayumis Pressefotos immer an Softpornos. Alles ist wesentlich zu kurz, zu breitbeinig und der Gesichtsausdruck spiegelt „Ruf mich an!“ wieder. Sie, wie so viele hier, zählt zu den Sängerinnen, die super sexy rüberkommen wollen, was für Japan funktioniert, für Deutschland aber einer Paris Hilton gleichen würde. Wenn überhaupt.
Doch was wären Superstars ohne Rivalität. Ohne Zickenkämpfe. Ohne Drama. Das scheint wohl überall gleich zu sein. Ayumis Rivalin heißt Utada Hikaru. Ebenfalls eine R&B Größe, die ihre erste Single mit 12 aufnahm und im Gegensatz zu den anderen Schneckchen, sowohl die englische als auch die japanische Sprache hervorragend beherrscht. Sie veröffentlichte demnach auch Alben sowohl in japanisch als auch komplett in englisch. Englische Songs, das muss man dazu sagen, ist nicht automatisch das Rezept zum Erfolg. Im Gegenteil. Trotzdem, „Blow my whistle“, ein Duett das sie zusammen mit Foxy Brown aufnahm, ist Teil des ‚Rush Hour 2“ Soundtracks. Ihre Videos sind so unterschiedlich wie Tag und Nacht. Von cartoonisch kitschig bis schwarz/weiß ernst. Das heißt auch, sie versucht nicht nur die Amis nachzuahmen. Gott sei Dank.
Das aber wohl größte und interessanteste Phänomen für mich sind hier die Hip Hopper und Rapper. Eine Bewegung die nur durch den 1982-er Film „Wild Style“ entstand. Im Film sieht man die Geburt des Rap mit Legenden wie Grandmaster Flash, Rock Steady Crew und The Cold Crush Brothers. Beeindruckt von der Szene imitierten und präsentierten Straßenmusiker und rhythmusbegabte Japaner ihr Können im Yoyogi Park Tokyos. Und auch wenn es sprachlich etwas schwierig erscheint mit dem Street Slang, sie dichteten was das Zeug hielt. Ich nehme mal an, verstanden hat’s sowie keiner. M-Flo ist eine dieser Bands. Sie erhalten den ursprünglichen Hip Hop aufrecht. In gekonnter „You know what I mean“ Art mit seitlich gesetztem Basecap und übergroßen bunten Hosen, produzierten sie erfolgreiche Singles und Alben. Ihre Musik hat Rhythmus, ihre Texte mehr Englisch als Japanisch und ihre Videos sind drollig, das muss ich ihnen lassen. Ist witzig.
Aber mich immer wieder zum schmunzeln bringt ‚Heartsdales’. Die angeblichen „real bad female rapper“ Jewel und Rum. In Japan setzt man sie Lil’ Kim gleich. Ich seh das komplett anders. Fans nennen sie „Sistas“. Ich könnt brüllen. Klar, sie tragen Hotpants, haben lange Haare, sitzen auf Bikes und stolzieren durchs Bild. Arme Lil’ Kim. Denen fehlt die Oberweite. Aber ihre Musik ist zu ertragen. Manchmal sogar nicht schlecht. Ich hab nur komplett andere Vorstellungen zum Rap oder Hip Hop als die Japaner. Doch dann wiederum – ich bin eben kein Japaner. So, warum nun bei so vielen Stars, Sternchen und Talent in der japanischen Musikszene, schafft es keiner richtig berühmt im Rest der Welt zu werden? Die Japanerinnen sind äußerst attraktiv und regelrecht hübsch. Ihre Figuren gleichen den Barbiepuppen. Am Image kann es also nicht liegen. Die Hip Hopper und Rapper produzieren echten Rhythmus, ihre Kleidung stimmt (fast) und ihre Verse entstammen meist der englischen Sprache. Daran kann’s also auch nicht liegen.
Ich glaub es liegt zu vor allem am Verständnis was Hard Rock, Rock, Hip Hop und Rap wirklich bedeutet. Denn da ist bei mir ständig ein Fragezeichen im Gesicht. Sie können sich nicht mit ihren Vorbildern messen, was sie ständig in Angriff nehmen. Alles wird imitiert, von Rhythmus über Videos bis hin zur Garderobe. Doch das gibt’s zu oft schon in tausend Variationen sogar im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Jessica Simpson geht mir schon auf den Keks. Und dann ist da natürlich auch noch die Sprache und das Auftreten generell. Alles scheint so verniedlicht und überzogen zu sein. Und wie ich, wird wahrscheinlich auch jeder andere eher lachen als zum nächsten Laden für die CDs rennen. Nicht das die Künstler hier schlecht sind. Aber verkaufen werden sie sich außerhalb Asiens nicht wirklich. Wobei, was in Deutschland manchmal ein Hit wird, ist für mich unerklärbar. Ich denke da mal an dieses elendige ‚Schnappi’ Lied. What the hell.... Wie auch immer, die Gefahr bei Stefan Raab auf dem Knopf zu landen ist vielleicht größer. Vielleicht sind wir auch vom amerikanischen Markt schlechthin schon genug eingedeckt was Musik betrifft. Mein Geschmack ist die Musik hier jedenfalls nicht. Eher schlag ich mit dem Kopf gegen die Wand. Ich krieg Anfälle. Kaufen werde ich mir bestimmt keine der CDs. Aber lustig ist es allemal. Man sollte dem Raab den Tipp geben...
Beim letzten Mal wurde ich gefragt, wie es mit der japanischen Musikszene aussieht. Gibt es die japanischen Superstars? Als ich darüber nachdachte, muss ich zugeben, dass diese Frage ein hervorragendes Thema für den nächsten Artikel darstellte. Na dann will ich euch mal einen Blick in diese unbekannte Musikszene gewähren. In Japan, wie auch in allen anderen Ländern dieser Welt, gibt es viele Musikrichtungen. Da haben wir zum Beispiel den bösen Rap, den kitschigen Pop, den funky R&B, den kratzigen Jazz und die ‚Heidi komm zu Peter’ Volksmusik. Das sollten eigentlich die herausragendsten Stilrichtungen sein. Jedes Genre hat seine eigenen Stars, Charts, Awards und Fans. In Japan wiederum nennt sich nicht alles nur ein wenig anders, es ist auch anders. Und meist heißt anders auch kompliziert... Es gibt in Japan nämlich nur – wenn man so will – drei Stilrichtungen. J-Pop, Enka und Hogaku. J-Pop steht für alles populäre. Enka ist vergleichbar mit Volksmusik. Und Hogaku ist traditionelle japanische Musik.
J-Pop ist das Zuchttier der japanischen Musik. Es bedeutet populäre Musik, die sich zumindest vom Rhythmus her sehr an die westliche Musik anlehnt, bei der aber die Lyrics bis auf den englischen Refrain oder Catchphrasen in japanisch sind. Ein Beispiel, nicht ausgedacht, sondern wirklich vom Song ‘Forever Friends’ von Takeuchi Mariya, sieht so aus: “datte kare yori zutto furui tsukiai na no, sonna nakama eien no tomodachi itsu made mo tomodachi, eien no tomodachi, itsu made mo tomodachi I got help from my friends, I got help from my friends, Try to help from my friends, I got help from my friends”. “Try to help from my friends” ist, man sieht es schon, nicht unbedingt gutes Englisch, aber das scheint den Künstlern meist egal zu sein. Sie werden verstanden. Hauptsache englisch.
Da J-Pop für alles populäre steht, heißt das in Japan aber auch, dass im Gegensatz zu unserem Genre der herkömmlichen Popmusik zum J-Pop noch Anime Songs, Boybands, Girl Groups, Rock, Musik von Videospielen, Visual Kei und J-Urban gehören. Wie man sieht werden da (un)klare Unterschiede gemacht. Visual Kei, kurz erklärt, bedeuten männliche Bands, die mit Hilfe von dramatischen Kostümen, Make-up und Frisuren ihrem Auftritt stärkeren Ausdruck verleihen. Sie kommen mit dem ganzen Klimbim feminin rüber und ihre Fans sind grundsätzlich Teens. In Deutschland würde dazu Tokio Hotel gehören. J-Urban wiederum steht für J-HipHop, J-Rap, J-Soul und J-R&B. Stars des J-Pop sind – und ich hab’s in Singapore gesehen - auch sehr bekannt in anderen asiatischen Ländern.
Enka steht nun mehr für die japanische Volksmusik. Sie war ein Renner vor und nach dem 2. Weltkrieg und ist demnach auch heute noch bei der älteren Generation sehr populär und beliebt. Die Lieder – gesungen von Männlein und Weiblein - handeln im Grossen und Ganzen immer nur von der unglücklichen Liebe und der Nostalgie, wobei die Sängerinnen eigentlich grundsätzlich Kimono tragen. Zu guter letzt gibt es dann noch Hogaku, die traditionelle japanische Musik. Und wie schon zuvor, gibt es auch hier wieder Einteilungen. Die heißen Gagaku, Biwagaku, Nogaku, Sokyoku, Shakuhachi, Shamisenongaku und Minyo. Ich schwöre, ich hab mir nicht ein einziges Wort ausgedacht. Bis auf Minyo, was Folklore Lieder sind, geht es bei Hogaku hauptsächlich um Musik mit speziellen traditionellen Instrumenten wie z. B. die Hayashi-Flöte (Nogaku) oder das Shamisen (Gitarre mit nur 3 Seiten).
Doch ich widme mich mal – auch wenn Enka und Hogaku ganz interessant sein könnten (oder lustig) – dem J-Pop. Dem Präsidenten der japanischen Musikszene. Und hier, wie ihr ja inzwischen wisst, zählt eigentlich alles dazu was es auf dem Markt gibt. Und gerade weil alles dazugehört, ist es auch dementsprechend schwierig enormen und lang anhaltenden Erfolg zu haben. J-Pop heißt nämlich auch konstante Veränderung der Szene. Was heute populär, ist morgen schon alt. Das liegt hauptsächlich an der steigenden Anzahl veröffentlichter Songs. Meist schafft ein Künstler nur eine Alltagsfliege zu sein. Er/sie veröffentlicht ein Album, hat viele Hitsingles, verschwindet aber danach sofort wieder in der Versenkung weil sich der Geschmack so stark verändert hat. Janet Jackson sollte demnach auf die Knie fallen, kein Japaner zu sein und sich glücklich schätzen das sich die Leute noch für sie interessieren. Es ist unheimlich schwierig in Japan für längere Zeit populär zu sein. Aber die, die es schaffen sind die absoluten Stars. Einer davon ist ‚Dreams Come True’. Eine Band, die ihr Debüt im Jahre 1989 hatte und deren Musik sich aus Jazz, Rock, Pop, R&B, Techno und Funk zusammensetzt. Ein interessanter kunterbunter Mix und passend für Japan. Genauso wie ihre Webseite. Ihr Lead Mitglied, Masato Nakamura, auch wenn man’s ihm nicht ansieht, komponierte sogar die Musik für Sonic 1 und 2 des Sega Mega Drive. Und ihre Single „Eternity“ war Teil des amerikanischen Soundtracks für „The Swan Princess“. Gemessen wird man, wohl bemerkt wie jeder andere Künstler ob nun Film oder Musik, am Erfolg (Veröffentlichungen) in den USA. Jeder will es dort schaffen. Für ‚Dreams Come True’ ein Dream came true.
Viel mehr Erfolg aber – zumindest in den USA – haben die Bands „B’z“ und „SPITZ“. B’z ist eine, wenn nicht die populärste japanische Hard Rock Band. Komplett mit offenem Hemd, enger Jeans und grandiosen Gitarrensolos sind sie bereits seit 17 Jahren im Geschäft. Ihre Alben verkaufen sich schneller als die Brötchen in der dritten Welt. Sie sind die absolute Spitze der japanischen Musikszene. 2002 spielten sie sogar zusammen mit Aerosmith bei der Endveranstaltung der FIFA Weltmeisterschaft und noch im gleichen Jahr hatten sie ihr allererstes Konzert in den USA. Das schien sich rumgesprochen zu haben, denn 2003 hatten sie in den USA gleich mehrere Veranstaltungen. Da kann sich so manch ein Dieter Bohlen mit seinen jetzigen Schafen schon eine Scheibe von abschneiden. SPITZ, auch eine Rock Band, gibt es seit 1987. Ihre Stilrichtung gleicht ein wenig der der Beatles und wurde 1995 mit – ich glaub es kaum – ‚Robinson’ richtig berühmt. Einer ihrer bekanntesten Hits „Sora-mo-Teberu-Hazu“ wird heute noch bei Schulabschlussfeiern benutzt. Und viele andere sind Teil des Soundtracks für den Trickfilm „Honey and Clover“. Obwohl ich sagen muss Rock Band scheint ein sehr dehnbarer Begriff zu sein...