Ich begrüße alle Leser und entschuldige mich für den Ausfall vorige Woche – Euer Tino wurde ein Opfer des Telekom-Streiks. Kein Techniker war zu erreichen, um meinen zusammengebrochenen DSL-Anschluss wieder zu richten. Zum Ausgleich gibt es diesmal ein Stück Weltliteratur!

Den wenigsten Menschen dürfte der Name „Choderlos de Laclos“ etwas sagen, was nicht verwundert, weil der Mann literarisch bloß unbedeutendes Zeug geschrieben hat. Mit einer Ausnahme, nämlich „Gefährliche Liebschaften“ (1782 anonym veröffentlicht). Wer auch damit nichts anfangen kann: Dabei handelt es sich um einen Briefroman, in dem eine Vielzahl Personen schriftlich miteinander kommuniziert. Hauptsächlich geht es darum, dass die Marquise de Merteuil (eine hoch angesehene Adlige, nach außen das Sinnbild der perfekten Frau, innerlich aber eine verdorbene Seele, die andere Menschen nur zum Spaß zerstört) sich an einem ehemaligen Liebhaber rächen will, welcher Cecile de Volanges (eine völlig naive 15jährige Klosterschülerin aus gutem Hause) zu heiraten gedenkt. Zu diesem Zweck soll der Vicomte de Valmont (seines Zeichens verrufener Frauenheld) Cecile verführen und möglichst schwängern – was für ein Skandal! Doch dem Vicomte erscheint dies zu leicht. Er will Herausforderungen und glaubt, selbige in Madame de Tourvel (ein lichter Engel, tugendhaft bis unter den Haarschopf und glücklich verheiratet) zu finden. Sie möchte er verführen, ihre Wertvorstellungen ad absurdum führen, ihre Moral zerstören. Nun beginnt ein zynisches Spiel um Begierde, Lüge, Betrug, Liebe und Verstellung, welches im Finale – natürlich – ausschließlich Verlierer kennt.

Das Ganze wird, wie gesagt, in Briefform präsentiert, was dem Leser die Möglichkeit gibt, sowohl das äußere Gehabe als auch die inneren Beweggründe und Wahrheiten zu kennen. Während beispielsweise der Vicomte die Tugend der Madame ausnutzt, um sich ihr zu nähern, spricht er im Briefwechsel mit der Marquise ganz andere Worte. Insgesamt ein geniales, zynisch-entlarvendes Abbild des französischen Adels kurz vor der Revolution, eine messerscharfe Analyse menschlicher Befindlichkeiten und nicht zuletzt ein literarisch unglaublich wertvolles Buch, da jede einzelne Person ihren ganz eigenen Stil schreibt. Nicht zuletzt aber ebenso eine cineastische Unmöglichkeit. Wie soll man der Vorlage gerecht werden, ohne die (Brief-)Form völlig aufzubrechen?
Vielleicht gehört „
Gefährliche Liebschaften
“ gerade deshalb zu den oft adaptierten Werken der Weltliteratur. Die erste Verfilmung anno 1959 geriet wegen der vorgeblichen Freizügigkeit (dabei waren alle Liebesszenen stark verdunkelt!) noch zum Skandal. 1988 schuf Stephen Frears mit seiner Version ein zeitloses Meisterwerk, welches sich eng an den Roman hielt, teils gar Passagen übernahm, aber trotzdem zum eigenen Stil fand. Und mit Glenn Close, John Malkovich, Michelle Pfeiffer, Uma Thurman sowie Keanu Reeves punktete. Ehrlich – einer der besten Filme aller Zeiten! Dagegen blamierte sich kurze Zeit später Milos Forman mit „
Valmont
“, trotz Annette Bening als Marquise de Merteuil. 1994 gab es dann noch eine kaum beachtete und ebenso wenig nennenswerte US-Verfilmung, bis fünf Jahre später das klassische Werk als „
Eiskalte Engel
“ eine neuerliche Reinkarnation erlebte. Diesmal erfrischt im Teenie-Gewand, aber trotzdem erstaunlich gut gelungen. Schließlich entstand 2003 noch eine TV-Mini-Serie, mit Catherine Deneuve, Rupert Everett, Nastassja Kinski, Leelee Sobieski und Danielle Darrieux prominent besetzt, aber eben auf Fernsehniveau. Schließlich reduzierte Heiner Müller mit seinem Theaterstück „Quartett“ (1981) den Roman auf das Allernotwendigste, den Kern – wer die Gelegenheit bekommt, eine Inszenierung dessen zu erleben, sollte nicht zögern.

Nun könnte man meinen, der Stoff sei am Ende angekommen, es gäbe keinerlei neue Facetten mehr. Doch weit gefehlt! Denn ebenfalls 2003 drückte ein südkoreanischer Regisseur der Vorlage seinen ganz eigenen Stempel auf, weitgehend unbekannt als „Untold Scandal“. Handlungstechnisch entspricht das Geschehen dem Original, und auch sonst bleibt das Skript erstaunlich dicht an de Laclos’ Text. Selbst der Prolog wurde – mit leichten Änderungen, sinngemäß jedoch treffend – übernommen. Natürlich spielt sich aber alles in Korea ab, was zu interessanten Anpassungen führt. Wo in Frears’ Beitrag beispielsweise gelangweilt Bridge gespielt wird, frönen hier die Protagonisten einer ausufernden Teezeremonie. Der Effekt ist gleich, die Atmosphäre passt sich hingegen ihrer Umgebung an. Interessant zudem, dass gerade diese asiatische Variante stärker als alle anderen Verfilmungen vor ihr den erotischen Aspekt der Geschichte betont und kaum mit nackter, aber höchst ästhetisch präsentierter Haut geizt. Zwei wichtige Gründe, wieso „Untold Scandal“ es immer noch schafft, sich als anders, neu und frisch zu präsentieren, selbst wenn man alle bisherigen Adaptionen schon kennt. Eigentlich unnötig zu erwähnen, dass hier zudem ein wahrer Bilderrausch auf die Leinwand gebannt wurde, ein pompöses, superb gefilmtes Mekka für die Sinne, woran auch der großartige Soundtrack Anteil trägt.

Da verzeiht man locker, dass „
Untold Scandal
“ mit 124 Minuten insgesamt etwas zu lang geriet, manche Passage schon mehr Biss vertragen hätte – leider wurden die Zynismen der Vorlage teils arg zensiert – oder einige Szenen dann doch in unfreiwillige Komik abdriften, beispielsweise das Martial-Arts-Segment. So gut es passt, so holprig ist es nämlich inszeniert. Aber egal, denn insgesamt schafft es dieser sehr sehenswerte Film tatsächlich, sich von allen Vorgängern abzuheben, dem Stoff neues Leben einzuhauchen. Gerade deshalb, weil er sich häufig von de Laclos’ Roman entfernt und eben eigene Wege geht, aber dennoch die gleiche Richtung einschlägt. Speziell Lady Sooks (entspricht Madame de Tourvel) Schicksal beziehungsweise dessen Erfüllung wurde niemals schockierender und anrührender inszeniert – Stichwort „Eis“...
Und jetzt die beste Nachricht: Heimlich, still und leise hat das Label e-m-s im Februar diesen Jahres eine deutsche DVD von „
Untold Scandal
“ veröffentlicht! Das anamorphe 1.85:1-Bild ist absolut gelungen und toppt den Transfer der Südkorea-Scheibe um Längen – großes Kompliment an e-m-s. Auch die beiden Tonspuren in Dolby Digital 5.1 (Deutsch und Koreanisch) gehen in Ordnung, wenn man sich mit der professionellen, aber etwas gewöhnungsbedürftigen Synchronisation (so verfügt gerade Lady Sook über eine zu „alte“, reife Stimme) angefreundet hat. Extras sucht man, abgesehen vom Trailer, zwar vergebens, doch als Ausgleich steckt die Amarayhülle in einem netten Schuber und wird die DVD ungeachtet ihrer Jugend vielerorts bereits für weniger als zehn Euro angeboten. Zugreifen!
Erotisch-entlarvende Stunden wünscht
Tino------------->
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Willkommen, liebe Leser. Nachdem in der letzten Woche
Strange Circus auf dem Programm stand, begeben wir uns diesmal erneut in die Manege. Allerdings gilt es, dafür die Zeit entschlossen zurück zu drehen. Und zwar ein ganzes Stück, hin zum Jahr 1932.
Regisseur Tod Browning hatte gerade
Dracula
mit Bela Lugosi in der Hauptrolle abgedreht, die erste von unzähligen Verfilmungen und nach wie vor die beste. Ein echter Meilenstein des Horrorkinos, bis heute unerreicht. Doch Browning ruhte sich nicht auf seinen Lorbeeren aus, sondern fasste ein für damalige Verhältnisse ganz heißes Eisen an, nämlich „Freaks“. Der Film rankt sich um eine der damals sehr beliebten „Monstrositäten-Shows“, welche von Stadt zu Stadt tingelten und dem sensationshungrigen Publikum gegen ein kleines Entgelt bedauernswerte, entstellte Menschen zeigten. „Den Mann ohne Unterleib“ etwa (ein Torso ohne Gliedmaßen), vielleicht auch „die bärtige Dame“, siamesische Zwillinge, missgebildete „Nadelköpfe“ oder „das lebende Skelett“ (ein extrem dürrer Mann). Ausgestoßene, Verachtete, am Rand der Gesellschaft Stehende, die nur der Belustigung oder dem wohligen Schauer dienten, nicht als menschliche Individuen wahrgenommen, sondern als „Freaks“ bezeichnet wurden. Einige von ihnen engagierte Browning, einst selbst als Schlangenmensch tätig, für sein Werk. Und spann um sie eine Geschichte, die 1932 zum Skandal geriet.

Neben den erwähnten von Mutter Natur benachteiligten Zirkusleuten spielen zwei „normale“ Menschen die Hauptrolle, zunächst mal Cleopatra, die schöne Trapezartistin. Sie wird von Liliputaner Hans verehrt, was seiner ebenfalls kleinwüchsigen Freundin Frieda nicht nur Kummer macht, sondern auch in die Katastrophe führt. Cleopatra findet Hans nämlich abstoßend, aber stachelt ihn trotzdem immer weiter an, ihr den Hof zu machen, weil sie so allerlei Geschenke bekommt und dazu noch Frieda leiden sehen kann. Eines Tages erbt Hans eine größere Summe – und Cleopatra schmiedet einen Plan, welcher über die anfängliche kaltherzige Gier hinausgeht. Sie will Hans heiraten, ihn dann gemeinsam mit Hercules, dem Kraftmenschen, aus dem Weg räumen und als seine Witwe das Erbe einstreichen. Nun endlich verbünden sich die anderen „Freaks“ und nehmen grausame Rache...

So weit, so krass. Man stelle sich jetzt gedanklich vor, wie diese Geschichte 1932 gewirkt haben muss: Entstellte, Abnormale, Missgeburten, die nicht nur Gefühle haben, sondern sie auch offen zeigen? Die zusammenhalten, sich als humane Wesen entpuppen? Noch dazu zwei ganz normale Menschen, welche sich in ihren abstoßenden Charakteren als die wahren Monstren entpuppen? Sympathieebenen, völlig verdreht? Und dann auch noch das wirklich unter die Haut kriechende, wenn auch nur gerechte Finale? Nein, das ging – natürlich – absolut nicht! Folgerichtig musste Browning eine schier endlose Odyssee hinnehmen, ständig kürzen, entfernen, rauswerfen. Es hagelte Verbote und Schnittauflagen, am Ende blieb von der ursprünglichen Version kaum mehr als ein Rumpf von gerade mal 60 Minuten Länge übrig.

Selbst der Verleih wusste damals nichts mit dem skandalösen Werk anzufangen und erdachte kontraproduktive (weil der öffentlichen Meinung folgende und somit der eigentlichen Intention gar nicht entsprechende) Werbezeilen wie „Can a fully grown Man truly love a MIDGET?“, „The Love Story of a SIREN, a GIANT and a DWARF!“ oder „The strangest... the most startling human Story ever screened... Are you afraid to believe what your Eyes see?” Kein Wunder, dass “Freaks” nach und nach dem Vergessen zum Opfer fiel. Immerhin haben sich seitdem die Zeiten zumindest so weit geändert, dass Brownings Meisterwerk endlich auch als solches angesehen wird. Anno 1994 nahm das Amerikanische Filmarchiv „Freaks“ in die Liste der schützenswerten Filmschätze auf, um den Klassiker der Nachwelt zu erhalten – ein weiser Entschluss, selbst wenn man vermutlich niemals die absolut ungekürzte Originalfassung sehen darf.
Mittlerweile ist sogar eine deutsche DVD erschienen
, wofür Warner Home Video Dank gebührt. Und das gleich in mehrfacher Hinsicht: Zunächst einmal kann das (4:3-Voll-)Bild bei objektiver Betrachtung sicher nicht vom Hocker reißen. Bedenkt man jedoch das Alter des Materials und dessen Reise durch unzählige staubige Archive, darf man mit dem Gebotenen tatsächlich sehr zufrieden sein. Ähnliches gilt für den Ton. Dieser liegt in Englisch Mono 1.0 vor (optionale Untertitel sind in diversen Sprachen vorhanden), rauscht hörbar und neigt teils zu Verzerrungen, bildet Dialoge jedoch stets klar ab. Beim Bonusmaterial übertrifft sich die DVD schließlich selbst – zur Erinerung: Wir haben es mit einem Film des Jahres 1932 zu tun! Die Extras starten mit einem Prolog, welcher „Freaks“ damals im Kino vorangestellt wurde und der theoretisch für Toleranz und Verständnis wirbt. Praktisch bewirken ein extrem betroffener Grundtenor sowie fragwürdige Aussagen wie (sinngemäß) „Da die moderne Medizin Missbildungen ausrottet, gibt es nie mehr solch einen Film“ fast schon das Gegenteil. Trotzdem filmhistorisch sehr interessant. Ein weiteres Feature widmet sich ausschließlich dem originalen Ende in allen seinen Entwicklungsstufen – genial. Eine Art Making Of bekommt man dann mit „The Sideshow Cinema“, und zwar erstaunliche 63 Minuten lang. Und zum guten Schluss spricht Filmhistoriker David Skal noch einen extrem spannenden, filmlangen Audiokommentar, der allerdings nicht untertitelt wurde. Dennoch: Diese Ausstattung lässt praktisch keine Wünsche offen und sollte als zusätzliches Argument dafür verstanden sein, sich „Freaks“ unbedingt anzuschauen.
Aufrüttelnde, nachdenkliche, unter die Haut fahrende Blicke über den Tellerrand wünscht
TinoWeitere Infos:„Freaks“ auf Wikipedia„Freaks“ auf IMDB„Freaks“ Info-Page------------->
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Es gibt Neuerungen beim Filmradar: Erstens bitte ich alle Leser unter 18 Jahren, auf die Lektüre diesmal zu verzichten, weil ein (uiuiuiuiui!) „Erwachsenenfilm“ zur Rezension steht. Und zweitens spreche ich diesmal keine klare Empfehlung aus, sondern weise lediglich auf ein Werk hin, dessen potenzieller Wert sich aus der Kontroverse darum ergibt.

Wir befinden uns im titelgebenden „Strange Circus“, welcher sich später noch als Manege des Schreckens entpuppen wird. Ein übergewichtiger Transvestit namens „Sad Song“ begrüßt das erwartungsfrohe Publikum und stimmt sogleich eine Elegie an. Diese stellt uns Taeko vor, eine überaus erfolgreiche Schriftstellerin, an den Rollstuhl gefesselt und sozusagen die Muse des Grausamen und Abartigen. Ihr neues Buch dreht sich um Mitsuko, ein gerade mal zwölfjähriges Mädchen, seit langer Zeit Inzestopfer des Vaters. Als wäre dieser Umstand nicht schon schlimm genug, gibt sich der perverse Mann nicht damit zufrieden, seine Tochter permanent zu vergewaltigen, sondern sucht nach immer furchtbareren Erniedrigungen. Die Abartigkeit seiner diesbezüglichen Bemühungen kennt keine Grenzen, schließlich kommt sogar ein Cellokasten ins furchtbare Spiel. Abwechselnd müssen Mitsuko und ihre Mutter darin Platz nehmen, dann zuschauen, wie der Vater Sex mit der jeweils anderen hat. Das Mädchen kann es irgendwann nicht mehr ertragen, flieht psychisch aus ihrem misshandelten Körper, nimmt gedanklich die Stelle der Mutter ein. Dem Kreislauf aus Gewalt und Tod kann sie damit jedoch nicht entkommen, in Rückblenden strebt der Roman auf seinen unausweichlichen, blutrünstigen Höhepunkt zu. Und es stellt sich die Frage, ob Mitsuko tatsächlich nur eine fiktive Figur ist...

Bekanntlich kennen gerade japanische Filme wenige Tabus, mal abgesehen von verpixelten Geschlechtsteilen. Vor allem in Sachen expliziter Gewaltdarstellung gehen sie häufig sogar über ein gesundes Maß hinaus – und werden dafür weltweit verehrt. Entsprechend muss man sich nicht wundern, wenn in „Strange Circus“ von Anfang an eine morbide Stimmung herrscht, verstörende Visualisierungen regieren, Ströme von Blut fließen, Wände schleimig tropfen, man teils visuell tatsächlich angeekelt wird. So weit, so okay. Auch der Ansatz, unablässig die Frage nach Schein oder Sein zu stellen, wobei sich ständig Wahrnehmungsebenen verwischen, die Zeitrechnung fröhlich hin und her hoppelt, Allegorien kommen und gehen oder Identitäten komplett verschwimmen, birgt großes Potenzial. In keinem Film der letzten Zeit wurde „die Wahrheit“ dermaßen stark als subjektiv interpretierbares Mysterium entlarvt, und das ist wirklich gut so. Sperrig, aufwühlend, fordernd, verwirrend, faszinierend könnte man das nennen.

Allerdings sei nicht verschwiegen, dass der geradezu verkrampft durchgezogene Ansatz, im Traum die Wirklichkeit (und umgekehrt) zu suchen, auf Dauer schon etwas ermüdet, szenenweise gar nervt. Viel schwerer wiegen jedoch die schrägen Akkorde in dieser Symphonie des Schreckens, von denen es leider zu viele gibt. So muss man grundsätzlich akzeptieren, dass ausgerechnet ein extrem diffiziles Thema wie Kindesmissbrauch herhält, um den obigen Anspruch umzusetzen, was letztlich einen arg fragwürdigen Eindruck hinterlässt. Dies umso mehr, weil es sich „Strange Circus“ schließlich auch noch leicht genug macht, das Inzestopfer zur gefährlichen Psychopathin mutieren zu lassen, was zu allem Überfluss in Goreszenen mündet, welche rein gar nichts zur Handlung beitragen, sondern lediglich als blutige Schauwerte fungieren. Womit ein generelles Problem identifiziert wäre: Wenn die Kamera zu lange, zu explizit, zu detailverliebt auf nackter Haut oder abgetrennten Körperteilen verweilt, wenn sich selbst verstümmelnde Menschen als reine Anschauungsobjekte dienen, dann geht der Anspruch flöten – übrig bleibt billigster Voyeurismus. Höchste Fragwürdigkeit also auch an dieser Stelle.

Was ist „Strange Circus“ letzten Endes nun eigentlich? Ein widerwärtiges Machwerk, welches Sex, Gewalt und Tod um ihrer selbst willen ausschlachtet? Eine zutiefst melancholische Meditation über verletzte Seelen? Ein packendes Psychogramm? Ein purer Albtraum? Eine verstörende Abhandlung bezüglich Schein und Sein? Oder nichtssagender, aufgeblasen-abstoßender Kunstschwurbel? Man befrage fünf Zuschauer und bekomme vermutlich fünf unterschiedliche Meinungen. Es gilt also noch mehr als so schon, sich seine eigene Meinung zu bilden.

Möglich machen es in diesem Fall die Label Rapid Eye Movies/Al!ve, welche „Strange Circus“ ungeschnitten mit einem „Keine Jugendfreigabe“-Siegel veröffentlichten. Bezüglich der technischen Qualität kann ich nichts sagen, vermute aber, dass der anamorphe 1.85:1–Bildtransfer unter den üblichen Problemen einer NTSC-zu-PAL-Wandlung leidet. Soundtechnisch gibt es sowohl den Originalton als auch die deutsche Synchronisation in Dolby Digital 5.1 auf die Ohren, was bei diesem klangtechnisch ebenfalls verstörenden Film einigen Sinn macht. In Sachen Extras muss man sich dafür mit dem Trailer und einem Making Of begnügen, wobei die Lauflänge seitens Rapid Eye Movies allerdings mit beeindruckenden 75 Minuten angegeben wird. Das lohnt sich also scheinbar!
Starke Nerven wünscht
TinoWeitere Infos:"Strange Circus" IMDB-Page "Strange Circus" Trailer"Strange Circus" auf DVD kaufen ------------->
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Diesmal habe ich eine ganz besondere Perle ausgegraben, liebe Leser. Wie sonst könnte es wohl sein, dass ein ganzes Heer namhafter Darsteller – wenn auch meist der zweiten Riege – freudig ihre Namen unter Verträge setzten, welche sie zur Mitwirkung an einem Film namens „I woke up early the Day I died“ berechtigten?
Konkret hätten wir da: Billy Zane, die Hitchcock-Ikone Tippi Hedren, Ron Perlman, Christina Ricci, Will Patton, Summer Phoenix (die Schwester von River), Tara Reid, John Ritter, Steven Weber, Ex-Madonna-Liebchen Sandra Bernhard, die Mittlerweile-Trash-Urmutter Karen Black, Leif Garrett, Nicolette Sheridan, die unvergessene „Catwoman“ Eartha Kitt sowie Ex-„Vampira“ Maila Nurmi – um wirklich nur die berühmteren Stars zu nennen. Das ist doch was, oder?! Und wenn man sich jetzt noch vorstellt, dass die meisten von ihnen im Filmverlauf gar schräge Tode sterben, klopft das Cineastenherz doch gleich viel schneller. Richten wir das Filmradar also auf „I woke up early the Day I died“.

Angeblich hat Ed Wood, als schlechtester Regisseur aller Zeiten gerühmt, das Drehbuch geschrieben, konnte es aber selbst nicht mehr verfilmen. Keine Ahnung, ob das stimmt. Aber mit Blick auf das Ergebnis könnte diese Anekdote durchaus der Wahrheit entsprechen, denn was wir hier haben, ist ein Film, der so herzerweichend trashig ist (und dabei einen Heidenspaß macht!) wie die besten respektive miesesten von Woods Werken. Wie der Filmkenner außerdem weiß, hatten Eds für ungefähr 25 Cents verpflichtete Darsteller oft so ihre Schwierigkeiten damit, auch nur einen einzigen Satz relativ fehlerlos zu sprechen. Was erklären würde, wieso es sich bei „I woke up...“ um einen STUMMFILM handelt!

Die Handlung ist schnell erzählt: Nachdem er eine Krankenschwester außer Gefecht gesetzt und ihre Kluft geklaut hat, flieht Billy Zane als Insasse einer Nervenheilanstalt aus dem Gemäuer der Heilung. Irgendwo treibt er sogar eine blonde Perücke auf, die Verkleidung ist also perfekt, niemand bemerkt etwas, als die androgyne Schwester auf High Heels (ein göttlicher Anblick) flüchtet. Einen kurzen Klamottentausch später ist Billy wieder ganz Kerl und überfällt ein Kreditbüro, was die ersten Leichen nach sich zieht. Schreikomisch übrigens, weil ja ohne Dialog und dermaßen überagiert, dass es schon weh tut. Später verliert unser Antiheld dann aber seine Beute, ausgerechnet auf einem Friedhof. Die nun folgende Suche führt zu allerlei Menschen (siehe obige Besetzungsliste), welche zur falschen Zeit am falschen Ort, namentlich auf einer Beerdigung, waren. Viele von ihnen fallen dem Psychopathen zum Opfer...

All das ist tatsächlich so doof, wie es klingt. Aber wenn Billy Zane schweigend den Psychopathen gibt und sein Talent zum Overacting so richtig ausspielt, möchte man teilweise brüllen vor Lachen. Viel mehr Spaß macht es jedoch, alle Anspielungen und Reminiszenzen zu sichten, zu erkennen und zu würdigen. So lässt sich beispielsweise Tippi Hedren gleich doppelt dazu herab, ihren Ex-Meister Alfred Hitchcock beziehungsweise zwei seiner Filme zu zitieren. Und das, obwohl sie in beiden nicht mitgewirkt hat (wen es interessiert: neben dem verdächtig nach „Psycho“ klingenden Score dieser Sequenz gibt es eine überdeutliche Anspielung auf „Vertigo“)! Schön beispielsweise auch, Maila Nurmi mal wieder auf dem Bildschirm zu haben, Ed Woods „Vampira“, die in seinem Klassiker „Plan 9 aus dem Weltall“ eine wichtige Rolle spielte, sich aber schon damals jeden Text verbat, weil ihr der Auftritt so peinlich war. Und und und. Ein Partyfilm erster Kajüte, über den man gar nicht viel sagen kann – anschauen!

Leider wären wir da bei der schlechten Nachricht angelangt. Da die produzierende Firma kurz nach Abschluss der Dreharbeiten pleite ging (wen wunderts?), ist der Film weltweit praktisch nie erschienen. Es gilt also, das aktuelle Fernsehprogramm zu durchforsten, vielleicht erbarmt sich ja mal ein gnädiger Sender, das schrille Werk irgendwann nachts auszustrahlen. Premiere hatte ihn zumindest schon mehrfach im Programm. Alternativ kann der interessierte Käufer Ebay & Co. durchforsten oder sich auf Trödelmärkten/Filmbörsen durch sämtliche Stände wühlen. Das rührige Label Kinowelt hat nämlich anno dazumal eine VHS des Streifens veröffentlicht – die einzige weltweit! Vielleicht liegt ein Exemplar ja noch irgendwo herum. Und möglicherweise lässt sich Kinowelt ja auch zu einer DVD-Veröffentlichung hinreißen, wenn nur genügend Leute nachfragen?! Meine diesbezügliche Mail ist dem Kundenservice jedenfalls schon zugegangen, weil das Video neulich auf Grund zu häufiger Nutzung den weiteren Dienst versagte...
Bis nächste Woche verbleibt
Tino------------->
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Ja, liebe Leser, es ist wieder so weit: Tinos Filmradar wurde aktiviert, hat ein echtes Schätzchen entdeckt und den Fokus drauf gerichtet. Die Reise geht nach Frankreich, hin zu einem wilden Genre-Mix, der sich jeder Einordnung entzieht. Lernen wir also nun zwei "Intime Fremde" kennen.

Das kann durchaus passieren: Weil sich Anna in der Tür irrt, landet sie nicht beim Psychologen, sondern dem Steuerberater William. Die junge Frau, irgendwie etwas geheimnisumwittert, vertraut dem verknöcherten Bürokraten auf Grund besagten Irrtums ihre Eheprobleme an. William ist fasziniert, schließlich findet derartige zwischenmenschliche Aufregung in seinem öden Leben niemals statt. Oder schafft er es einfach nicht, Anna die Wahrheit zu sagen, sie zu brüskieren? Wie auch immer – ein neuer Termin wird gemacht, man sieht sich wieder, dringt tiefer hinter humane Fassaden vor. Bestens gehütete Geheimnisse schnuppern das Licht des Tages, zwischen Anna und William entsteht eine seltsame, vielleicht kranke Beziehung. Doch wer benutzt hier eigentlich wen?

Das ist die grundsätzliche Frage, welche sich hintergründig brodelnd durch den gesamten Film zieht. Durchschaut Anna tatsächlich nicht, dass William kein Psychiater ist? Warum kommt sie selbst nach Aufklärung des Irrtums wieder?! Gefällt es hier möglicherweise einem manipulativen Miststück, mit ihrem armen Opfer zu spielen, findet sie psychologische Befriedigung darin, den steifen Steuerfritzen von einem emotionalen Wechselbad ins nächste zu werfen? Oder benutzt sie als mentale Voyeurin Williams dankbar jede neue Information aufsaugende ausgedörrte humane Projektionsfläche zur geistigen Masturbation? Sollte es sich vielleicht doch um einen simplen Irrtum handeln, der zwei Menschen zusammenführt? Man wird es bis zum Ende – und eigentlich darüber hinaus – nicht wissen. Das daraus im Kopf des Betrachters entstehende unterschwellige Unheil war den US-Jugendschützern ein R-Rating wert, in Spanien hagelte es die Freigabe ab 18. Obwohl kein einziger Tropfen Blut fließt, kein Busen blitzt, kein wirklich obszönes Wort fällt, nichts. Allein der feuchten Hände wegen.

Und diese wird man tatsächlich bekommen, wenn man beobachtet, wie es hinter Sandrine Bonnaires schöner Stirn arbeitet, wie sie süffisant lächelt, das verletzte Mädchen gibt, sich dabei aber niemals in die Karten schauen lässt. Ihre Anna bleibt ein Schemen, nicht greifbar, abstoßend und anziehend zugleich, eine Hure im Gewand der Heiligen (was durchaus wörtlich zu verstehen ist, da die unauffälligen bis hässlichen Kostüme ihre potenzielle Unschuld und Naivität wunderbar unterstützen). Fabrice Luchini als William bleibt Bonnaire jedoch stets auf Augenhöhe und gibt einen wunderbaren emotional toten Spießer, der sich selbst erstaunt beim Erwachen sämtlicher Lebensgeister zusieht.

Aber das ist immer noch nicht alles, denn wie schon der Titel "Intime Fremde" andeutet, geht es im gesamten Werk um Gegensätzliches, Paradoxes, Zweideutigkeit, nicht Passendes. Weswegen man das grandiose Katz-und-Maus-oder-eben-doch-nicht-Spiel denn auch entschlossen als schweigsamen Dialogfilm titulieren muss. Klar, geredet wird jede Menge. Doch viel wichtiger ist, was zwischen den Zeilen liegt, den Andeutungen, Zurückhaltungen und –weisungen, dem Umschmeicheln, den Relativierungen. Stückchen für Stückchen fügen sich winzige Teile zu echten Figuren zusammen, schichtweise werden Charaktere gebildet, unter anderem durch doppelbödige Drehbuchzeilen vom Schlage: "Jeder Mensch, jeder von uns hätte gern eine Nummer". Sogar nach der letzten Einstellung bleiben Lücken, weiß man nicht genau, wer Anna und William eigentlich sind. Hinzu kommt, dass unsere beiden Protagonisten mit ihrem mysteriösen Ritual nicht bloß einander in Mitleidenschaft ziehen, sondern auch ihr jeweiliges Umfeld. Der völlig logische Fall eines offenen Kammerspiels.

Wundert sich da noch jemand darüber, gleichzeitig ein prüdes Erotikum zu sichten? Einerseits hätten wir nämlich Anna, wie sie im Sessel sitzt, laszive Rauchringe bläst, über das Sexuelle ihrer Ehe plaudert (oder, besser gesagt, es permanent andeutet), die Beine einen Tick zu verführerisch übereinander schlägt, vielsagend blickt. Und sich andererseits in die Kleider ihrer Großmutter hüllt, keinerlei weibliche Formen erahnen lässt, unablässig signalisiert, ein zartes Blümchen-rühr-mich-nicht-an zu sein. Für die todernste Komödie spricht darüber hinaus, dass der häufig aufblitzende Humor immer ungemütlich bleibt, teils gar verletzend wirkt. All das fängt die Kamera in eleganten, unaufgeregten Bildern ein, denen man allerdings das Brodeln im Stillen ansieht. Sie wabert träge durch die Kanzlei, streift hier Annas maskenhaftes Gesicht, kriecht durch den völligen menschlichen Stillstand von Williams Existenz, fängt kurz sein schiefes Lächeln ein, steigt an der hoffnungslos spießigen Inneneinrichtung hoch. Und sucht dabei stets nach der Finsternis, unterstützt durch einen Score, dessen wohliger Klang unvermutet von hinterhältigen Spitzen attackiert wird. So ruhig "Intime Fremde" scheinen mag, so viele Stromschnellen und Untiefen zeigen sich auf dem Weg zum Finale. Merke: "Es ist zu Ende, wenn es zu Ende ist. Diese halb geöffnete Tür zum weiblichen Geheimnis ist schwer wieder zu verschließen." Dem kann man nichts hinzufügen – außer dem Fazit, dass die vorliegende Gratwanderung zwischen "maléfique" und "magnifique", zwischen den Genres, zwischen surrealer Traumwandlung und schnöder Realität schon jetzt zu den modernen Klassikern des französischen Films zählt und hoffentlich auf DVD mehr Aufmerksamkeit findet als seinerzeit im Kino.

Apropos: Die deutsche Scheibe ist von Universum erschienen und bietet so einiges, primär ein überdurchschnittlich gutes Bild (2.35:1 anamorph). Auch der Sound – Deutsch und Französisch jeweils in Dolby Digital 5.1 – weiß ob seiner Lebendigkeit zu gefallen, wobei man angesichts der Dialoglastigkeit aber natürlich keine Klanggewitter erwarten sollte. In Sachen Extras steht schließlich Qualität vor Quantität: eine Trailershow, ein kurzer Abriss zum Produktionsdesign sowie ein Audiokommentar des Regisseurs zu ausgewählten Szenen sind nicht gerade umwerfend viel. Dafür erweist sich erwähnter Kommentar aber als überaus interessant und detailliert.
Allen neugierig Gewordenen erneut viel Spaß beim Film wünscht
TinoWeiteres Infomaterial:Offizielle Homepage Trailer “Intime Fremde” [REAL] Trailer “Intime Fremde” [WMV]IMDB-Seite zu "Intime Fremde"Umfrage:
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Diese Kolumne, meine sehr geschätzten Leser, soll bekanntlich so ziemlich alle Facetten des Filmbusiness abdecken. Ob es gelingt, weiß ich nicht, kann es nur hoffen. In jedem Fall nehme ich mir heute mal ganz einfach frei und fröne der puren Unterhaltung. Lehnt Euch zurück, erwartet wenige Hintergründe oder gar spektakuläre Aussagen.
Stars sind ja bekanntlich auch bloß Menschen und als solche sehr kommunikativ veranlagt. Banales, Witziges, Dämliches, Erschreckendes,... es gibt so vieles, was jeden Tag in Interviews zur Sprache kommt. Und weil Euer Tino auch ein Unterhaltungsjunkie ist, habe ich ganz einfach mal ein paar Zitate ausgewählt, um sie hier darnieder zu schreiben. Macht Euch selbst ein Bild, wie so mancher Promi tickt...

Da hätten wir zunächst mal Brooke Shields, die von Mutter Natur offensichtlich mit beeindruckender Beobachtungsgabe gesegnet wurde: “Smoking kills. If you’re killed, you’ve lost a very important part of your life.” Christian Bale dagegen nähert sich dem Thema “Töten” auf ganz andere Weise an. Die Geburt seiner Tochter hat da einiges ausgelöst: „Viele Eltern fühlen, dass sie für ihre Kinder jemanden umbringen würden. Da ist etwas, das einen darauf vorbereitet zu töten, um zu verhindern, dass Tränen über das Gesicht deines Kindes laufen.“ Aaron Eckhardt wiederum glänzte neulich mit profundem Wissen über seine Kleidung: „Mein Anzug ist von Gucci. Und gemacht ist er aus - Material.“

Kommen wir zu John Travolta, der über eine fatale Verwechslung berichtet: “Es ist ungefähr 25 Jahre her, wir waren in Las Vegas und meine Schwester hatte einen Körper wie Sophia Loren zu ihren besten Zeiten. Sie trug ein T-Shirt mit dem Aufdruck 'Travolta', weil wir dort bei einem Wohltätigkeitsturnier waren. Da geht ein Typ aus New York an ihr vorbei, liest den Namen, der quer über ihre Brust steht, schaut ihr ins Gesicht und sagt: 'Du bist John Travolta.' Und sie antwortet: 'Ja, ich bin es. Ich hatte in letzter Zeit 'ne Menge Probleme.' Er hat wirklich geglaubt, dass ich einiges an mir habe machen lassen.“ Madonna dagegen scheint mit sich selbst einigermaßen zufrieden zu sein, steckt sich jedoch hohe Ziele: „Ich möchte so sein wie Gandhi, Martin Luther King und John Lennon - aber ich möchte am Leben bleiben.“

Julie Delpy kann Woody Allens Ansicht, eine Beziehung sei erst gut, wenn man nicht für sie arbeiten müsse, nicht teilen: „Das klingt zwar witzig, aber ich stimme ihm da absolut nicht zu. Ich glaube schon, dass man daran arbeiten muss, außer vielleicht, wenn man die Entscheidung trifft, mit seiner Quasi-Adoptivtochter Sex zu haben“. Autsch! Das nächste Zitat stammt von Drew Barrymore: „Ich möchte mit einem Auto durch Irland fahren, parken, mir die Kleider vom Leib reißen, um dann nackt durch die Weizenfelder zu rennen!“ Das freut den männlichen Leser. Jennifer Love Hewitt steht hingegen nicht ganz so zu ihrem Körper: „Es gibt hundert andere Teile meines Körpers, die mich völlig verunsichern und von denen ich nicht möchte, dass über sie gesprochen wird. Wenn sie sich also auf den Busen konzentrieren, finde ich das bestens.“

Über einen wenig charmanten Gatten scheint Cate Blanchett zu verfügen: „Bevor ich heute früh losging, sagte er, 'Du sieht fantastisch aus. So angezogen erinnerst du mich an jemanden.' Ich fragte, 'Oh, wirklich? An wen?' Ich wartete auf so ein riesiges Kompliment. Er dachte einen Moment nach und sagte: 'Burt Reynolds.“ Es hätte aber noch schlimmer kommen können, wenn sie mit Sylvester Stallone verheiratet wäre: „Du brauchst eine vernünftige und reife Frau, während du dich wie ein Kind benimmst. Du hast Spaß, treibst Blödsinn, und sie schmeißt den Haushalt und kümmert sich um alles. Die perfekte Aufteilung also.“ Oder Tom Cruise: „Meine Frau muss sehr aktiv sein, weil ich viel reise. Außerdem muss sie meinen Anweisungen folgen können.“ Da weiß Sharon Stone: „Frauen sind vielleicht in der Lage, einen Orgasmus vorzutäuschen. Männer können das mit ganzen Beziehungen.“ Und Rupert Everett ergänzt: „Schwule und Frauen haben eins gemeinsam: Sie werden unsichtbar, wenn sie älter als 42 sind.“

Das Alter ist für viele Promis ein echtes Problem, wie beispielsweise Jessica Simpsons Spruch beweist: „23 ist alt. Es ist fast 25 - und das ist fast wie Mitte Zwanzig.“ Besonders hart trifft es den, der mit einer älteren Partnerin zusammen ist und sich ständig mit Fragen der Machart „Schatz, wie sehe ich aus?“ konfrontiert sieht. Ashton Kutcher kann ein Lied davon singen: „Wenn du zu schnell antwortest, heißt das, du hast nicht richtig hingeschaut. Wenn du zu lange zögerst, bedeutet es, dass du es nicht leiden kannst. Es ist also, egal, was du sagst, immer falsch. Deshalb trinke ich jetzt einfach viel und das hilft.“ Hmmmm... Tipp an die Frauen: am besten gar nix anziehen! Pamela Anderson kennt die Vorzüge: „Ich ziehe mich so gerne aus, weil ich mich nackt viel schlanker fühle. Kleidung lässt dich fett aussehen - sie wirkt wie eine zusätzliche Schicht.“ Und Dolly Buster weiß um die wichtigen Unterschiede: „Es gibt Frauen, die nackt sind, und es gibt Frauen, die ausgezogen sind.“ Andererseits ist Jugend auch irgendwie doof, glaubt man Kirsten Dunst: „In meinem Alter wechselt man so oft seine Meinung, dass man sich schwer tut, sich daran zu erinnern, was man da gerade gemeint hat. Man darf das alles nicht zu ernst nehmen.“

Gerade Schauspielerinnen neigen dazu, sich von ihren Rollen sehr vereinnahmen zu lassen. Helen Mirren beispielsweise gesteht nach ihrem Erfolg als „Die Queen“: „Immer wenn ich jetzt ein Bild von der Queen sehe, denke ich instinktiv: ‚Oh, da ist ja wieder ein Bild von mir’.“ Und Naomi Watts jammert: „Ich hab's satt, dauernd diese dunklen, grauenhaften Rollen zu spielen. Ich will einen dicken Scheck, also gebt mir einfach 'ne Rolle in einer blöden Liebeskomödie!“ Ganz andere Sorgen plagen dagegen Scarlett Johansson; sie möchte nicht auf ihr Äußeres reduziert werden. Nachdem Johansson zur „Sexiest Woman Alive“ gekürt wurde, brachte sie diesen Wunsch deutlich zum Ausdruck: „Was ist mit meinem Gehirn, meinem Herzen, meinen Nieren und meiner Gallenblase?“ Nun, vielleicht kann ja ein Chirurg diese Frage beantworten... Als Herzblatt erweist sich dagegen Lindsay Lohan, deren normaler Tagesablauf völlig unspektakulär ausschaut: „Es geht um fünf Uhr morgens mit einer kleinen Wanderung durch 'Runyon Canyon' los, um den Sonnenaufgang zu beobachten. Dann gehe ich raus, um die Paparazzi zu finden. Ich gehe runter zum Robertson Boulevard, suche sie, finde sie und bringe ihnen Essen.“ Wie lieb.

Zum guten Schluss noch zwei Zitate von Damen, die man weiß Gott nicht als Filmstars ansehen kann. Dennoch gehören diese Sprüche einfach hier hinein. Der erste, weil er so viel... Weisheit... enthält – er stammt von Miss Alabama Heather Whitestone und wurde 1994 geprägt, während des Miss USA-Ausscheids:
„Question: ‘If you could live forever, would you and why?’
Answer: ‘I would not live forever, because we should not live forever, because if we were supposed to live forever, then we would live forever, but we cannot live forever, which is why I would not live forever.’”
Und zum schlechten Schluss noch ein ziemlich altes Zitat von Mariah Carey. Viele kennen es bereits, mir fehlen immer noch die Worte angesichts dieser hohlen Gedankenblase. Quasi als mahnendes Denkmal in Ignoranz, Dummheit, Arroganz und menschenverachtender Selbstverliebtheit hier Miss Carey: “Whenever I watch TV and see those poor starving kids all over the world, I can’t help but cry. I mean I’d love to be skinny like that, but not with all those flies and death and stuff.”
Ohne Worte verbleibt
Tino------------->
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Wie der aufmerksame Leser weiß, schlägt mein kleines Herz durchaus für den Horrorfilm. Darüber hinaus darf das Blutgesudel, die jeweilige Eingeweide-Orgie neben dem Magen gern auch etwas den Verstand ansprechen. Ein entsprechendes Beispiel wäre „Saw“. Nichtsdestotrotz kann man alles im Leben übertreiben, was mich zum Thema der heutigen Kolumne bringt. Vorher muss aber wieder mal aus rechtlichen Gründen folgender Hinweis stehen: Nachfolgend nenne ich die Titel einiger Horrorfilme, welche in Deutschland teilweise indiziert oder sogar beschlagnahmt sind. Dies ist unter keinen Umständen als Werbung für die betreffenden Werke zu verstehen, sondern dient ausschließlich journalistischen Zwecken! So. Los geht es.

Vielleicht kam ja alles mit George A. Romeros Klassiker „Die Nacht der lebenden Toten“ so richtig ins Rollen: Nach der Uraufführung 1968 leerte die Kritik unisono sämtliche verfügbaren Schmutzkübel über dem „primitiven Machwerk“, nur um einige Jahre später in jähe Lobpreisungen zu verfallen. Der Umstand, dass ein Farbiger als Einziger die nächtliche Zombie-Attacke überlebt, dann jedoch von weißen „Säuberungstruppen“ erschossen wird, welche ihn ebenfalls für einen Untoten halten, führte nun zu der Annahme, Romero hätte damit ein Zeichen gegen Rassismus setzen wollen. Wie groß war wohl die Enttäuschung, als der Meister selbst verlauten ließ, dies sei niemals beabsichtigt gewesen, die Hautfarbe des Schauspielers purer Zufall...

Es steht ganz klar außer Frage: Das Kino wird immer Spiegel gesellschaftlicher Befindlichkeiten sein. Ebenso muss sich jeder Mensch mit seinen vielfältigen Ängsten herumschlagen, was per se am besten funktioniert, indem man sie zumindest ansatzweise begründet. Und natürlich ruft allein die bloße Existenz des Horrorfilms profundes Unbehagen hervor - wie kann nur jemand Freude daran haben, Mord und Blut in zumeist sehr graphischer Weise zu zeigen, mit der größten aller Urängste zu spielen, nämlich der vor dem Tod? Da bedarf es einer Argumentation, sei sie plausibel oder nicht: „Halloween“-Killer Michael Myers trug immer seine fesche Maske, weil er das gesichtslose Böse repräsentiert, somit für jeden Zuschauer sozusagen „offen“ bleibt und den persönlichen oder auch politischen Feind verkörpern, als mentale Projektionsfläche individuellen Schreckens fungieren kann. Jason Voorhees meuchelte in so manchem „Freitag der 13.“-Auswuchs Teenies und gab auf diesem Weg der No-Future-Haltung Jugendlicher ein brutales Gesicht. Alle Gruselschinken, in denen irgendwelches Getier Amok läuft, mahnen zur bewussteren Wahrnehmung der Umwelt et cetera. Schön und gut, aber ist es nötig, deshalb gleich in rasende Interpretationswut zu verfallen? Sollte man sich eventuell „Wrong Turn“ als hintergründige Lobpreisung von Familie und Häuslichkeit vorstellen, um die ganze Dimension zu ergründen? Schließlich wären die Opfer ja noch am Leben, wenn sie nur auf ihren Camping-Trip verzichtet hätten, brav daheim geblieben wären!

Als geradezu leuchtendes Beispiel erweist sich ebenfalls „Jeepers Creepers 2“; beileibe keine Genre-Revolution, trotzdem clever gemacht und von intensiver Wirkung. Umgehend meldeten sich Stimmen zu Wort, der Creeper sei eine Metapher für destruktive Homosexualität. Ach so? Damit wir das richtig verstehen: Weil also Päderast Victor Salva wegen seiner Neigung psychischen und juristischen Repressalien unterlag, erdenkt er diese Bestie, welche in periodischen Abständen Erdenbürger mampft, um das eigene Überleben zu sichern?! Auch eine Form von Aufarbeitung... Selbst falls solche Theorie stimmt, lief die potenziell ausbaufähige Figur des Creepers mit ihrem zweiten Auftritt Gefahr, an übermäßiger Deutung frühzeitig künstlerisch zu sterben. Was dann ja auch geschah, ein weiteres Sequel ist nicht in Sicht, obwohl der zumindest ganz nette finanzielle Erfolg (35 Millionen Dollar Einspiel allein in den USA, Budget lag bei 25 Millionen, nicht berücksichtigt die Einnahmen aus dem DVD-Geschäft) dafür sprach.
Unsere Gegenwart mag mit großer Unsicherheit behaftet sein; dennoch gehört die Kirche ins Dorf. Sonst kommt möglicherweise ein pfiffiger Verleih auf die tolle Idee, angesichts der immer mal wieder aufkommenden und bestimmt auch in Zukunft nicht sonderlich lange auf sich warten lassenden Diskussion zur Nullrunde den betagten Direct-To-Video-Trash „Rabid Grannies“ jetzt verspätet in die (Programm-)Kinos zu werfen. Plötzlich könnte dann nämlich die hoffnungslos dämliche Handlung (zwei alte Schachteln mutieren unter dämonischem Einfluß zu finsteren Teufelsweibern und schlachten die zwecks Familienfeier gerade vollzählig anwesende Sippschaft dahin) im grellen sozialkritischen Scheinwerferlicht stehen (zwei Bilderbuch-Omis verfallen dem Wahnsinn, weil sie aufgrund ihrer kargen, nicht erhöhten Rente ins finanzielle Nirgendwo abzurutschen drohen, was im schockierenden Blutbad mündet). Entsetzlich, fürwahr.

Tatsächlich stellt unsere Fähigkeit des Denkens und Fühlens gleichermaßen den größten Segen wie Fluch dar. Es gibt genügend cineastische Meisterstücke, in denen sie gut aufgehoben, weil sinnstiftend, ist; der Horrorfilm verliert indes durch derartig zerklärende Analyse der Furcht seine Daseinsberechtigung und wir ein wichtiges existenzielles Triebwerk, was schon Mark Twain wusste: „Mut bedeutet, der Angst zu widerstehen, sie zu bewältigen – nicht aber, keine Angst zu haben.“
Gänsehäute ohne zu viele Interpretationsflächen wünscht
Tino------------->
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Zugegeben: Ich war nie der Typ Mensch, der sich sämtliche Wände mit Postern seines Lieblingsstars tapeziert, jeden Schritt der verehrten Person verfolgt und selbst den kleinsten Nachrichtenfetzen in ein Poesiealbum klebt. Dennoch gab es in meiner Jugend einen Star, den ich vergötterte, dem ich jeden miesen Film verzieh und in dessen Leben ich mich träumte.

Ältere Leser werden sich noch an sie erinnern – Michelle Pfeiffer. Dem jüngeren Publikum wohl eher unbekannt, war Frau Pfeiffer einer der ganz großen Stars im Hollywood der 1990er. War. Denn es gilt, sich von ihr zu verabschieden, von der Frau, über die Modepapst Blackwell einst sagte: „Sie ist die Garbo der Neunziger Jahre.“ Mit schwerem Herzen möchte ich dies nun tun; wer mag, begleite mich auf meinem harten Weg. Halten wir deshalb zunächst die äußerlichen Fakten fest: Belle Michelle sah verdammt gut aus, eine echte Schönheit, liebreizend, blond, zerbrechlich. Und trotzdem geheimnisvoll, mysteriös, mit einigen Karten in der Hinterhand. Eben eine echte Diva, aber – laut Aussagen von Kollegen und Journalisten – auch der netteste Mensch auf dieser Welt.

Dabei sieht es anfangs gar nicht danach aus, schließlich schafft sie ihren großen Durchbruch als eiskalte, dauerkoksende Schlampe in „Scarface“. Eine Rolle, welche ihr bösen Ärger mit dem Herrn Papa einbringt, der empfiehlt, sie möge sich doch „gleich eine Matratze auf den Rücken binden lassen“. Das prägt. Und so zeichnet sich ein Trend ab: Michelle wählt in der Folge ausschließlich Parts, mit denen sie zum öffentlichen Liebling avanciert, beispielsweise als tragisch endender Filmstar „Natica Jackson“, an ihrer verbotenen Liebe dahinsiechender Inbegriff der Tugend in „Gefährliche Liebschaften“ oder vom Leben enttäuschte Kellnerin („Frankie & Johnny“). Der absolute Karrierehöhepunkt folgt, als sie in „Die fabelhaften Baker Boys“ eine schauspielerische Tour de Force abliefert, nebenbei gar singt. Michelle bekommt so ziemlich jeden denkbaren Preis, nur der sicher geglaubte Oscar geht – aus Altersgründen – an Jessica Tandy.

Seitdem ist Pfeiffer DER Star überhaupt. Mit „Love Field“ erobert sie, die blonde Amerikanerin, sogar die konservativen Berliner Filmfestspiele im Sturm und erhält den Silbernen Bären als Beste Darstellerin. Ein beachtlicher Erfolg, wenn man an die Schwierigkeiten denkt, mit denen dieser Streifen zu kämpfen hatte; fast wäre er nie in die Kinos gekommen, lag ewig auf Eis. Noch triumphaler ihr Auftritt in „Batmans Rückkehr“ – als Catwoman stiehlt sie allen anderen glatt die Show. Doch es zeigen sich erste Risse im Pfeifferschen Universum. So wird sie zwar von Martin Scorsese persönlich als Protagonistin für sein Sittenbild „Zeit der Unschuld“ erwählt; doch sie sieht alt aus, verbraucht, irgendwie elend. Was ist passiert? Nach dem Ende ihrer ersten Ehe munkelt man schon lange von Affären mit unter anderem John Malkovich und Michael Keaton, doch Michelle schweigt eisig. Selbst ihre beste Freundin Cher, sonst nicht gerade wenig redselig, weiß von nichts. Sollen einzelne Passagen in Michelle-Interviews á la „Es ist ein weitverbreiteter Irrtum, dass schöne Menschen nicht verletzt und nie verlassen werden“ den Schleier etwas lüften, steckt hinter der attraktiven Fassade gar ein zutiefst einsamer Star? Sieht man ihr einfach nur den Schmerz an?

1993 wird sich einiges ändern: Pfeiffer adoptiert ein Baby, um es allein zu erziehen (O-Ton: „Kinder kann man sich auch zulegen, ohne sich an die übliche Vater-Mutter-Kind-Konstellation zu halten“). Ein Entschluss, welcher die Presse in wahre Ekstase versetzt, hinzu kommt die schwarze Hautfarbe des Säuglings.Über Nacht gilt Michelle als so etwas wie eine emanzipierte Heldin. Deswegen liegt es mir natürlich auch fern, dem nachvollziehbaren Wunsch nach Familie Kalkül zu unterstellen... Wichtiger jedoch: Die Neu-Mama tut nun so ziemlich alles, um ihren Charakterdarstellerinnen-Status zu zerstören, versinkt immer mehr im Morast finanziell zwar erfolgreicher (so ein Kind will ja auch essen, gell!), künstlerisch jedoch erschreckend banaler Belanglosigkeit. Politisch fast unerträglich korrekte, steril-kalkulierte Gruselwerke wie „Aus nächster Nähe“ oder „Dangerous Minds“ jagen einander. Ist es billige Koketterie oder herbe Vorahnung, sie da sagen zu hören: „Ich wette, in ein paar Jahren will mich niemand mehr sehen“? Wir wissen es nicht. Leider spricht sie damit jedoch die Wahrheit; der Name Pfeiffer garantiert spätestens seit Ende der 90er weder volle Kassen noch gelungene Filme. 1998 versucht Michelle, das Ruder herumzureißen, spielt mit den ebenbürtigen Aktricen Jessica Lange und Jennifer Jason Leigh in „Tausend Morgen“, gibt alles, stirbt herzzerreißend. Es hilft nichts – ein Flop.

Die Jahrtausendwende findet dann eine ganz neue Michelle vor: zum zweiten Mal verheiratet, mit einem Sohn gesegnet. Und als Darstellerin im Psychohorror „Schatten der Wahrheit“. Da kann man sich nur wundern, schließlich ist Pfeiffer als Gewaltgegnerin bekannt, die aus eben diesem Grund einst die Hauptrolle in „Das Schweigen der Lämmer“ ausschlug. Immerhin beschert ihr der Grusler neben einem Achtungserfolg eine weitere sterile Heuler-Rolle in „Ich bin Sam“. Schließlich zückt sie aber einen echten Trumpf und spielt in einem kleinen Part ganz groß auf: Ihre geniale „Weißer Oleander“-Performance als psychopathisches Muttertier lässt aufhorchen! Und stellt die Frage, wer Pfeiffer eigentlich ist: eine kalte Pragmatikerin? Eine Darstellerin, die man respektieren sollte, weil sie immer tat, was sie gerade als richtig erachtete? Ein zweiflerisches kleines Mädel, welches nun endlich genug Kraft fand, sich davon zu lösen, Everybody’s Darling sein zu müssen? Oder doch eine völlig chaotische Seele, die nirgends ihren Platz findet? Michelle sagt selbst: „Ich denke, letztlich dreht sich alles um das innere Gleichgewicht, und ich glaube, man kann daran arbeiten, dieses Gleichgewicht zu finden.“ Hmmmm... Klingt gut, doch so richtig nimmt man ihr das nicht ab. Nach einer erneut brillanten Leistung als Stimme der bösen Meeresgöttin Eris im Animations-Abenteuer „Sindbad“ wird es still um Pfeiffer. Das war 2003. Sie zieht sich zurück (um besagtes inneres Gleichgewicht zu suchen?), schlägt Rollen aus, so zum Beispiel die Weiße Hexe in „Die Chroniken von Narnia“. Keine öffentlichen Auftritte, Michelle mutiert zum vergessenen Star. Doch 2007 dreht sie wieder voll auf, startet ihr Comeback! Allein – mit welchen Filmen...

Zunächst wäre da „I could never be your Woman“, eine Schnulze unter der Regie von Amy Heckerling. Bedeutet: ein Liebesfilmchen wie tausend andere. Als nächstes hätten wir „Hairspray“, das Remake des Klassikers von John Waters. Während das Original ein echter Trash-Knüller war, muss man hier das Schlimmste befürchten. Zum einen kann das ach so saubere Hollywood den subversiven Ätz-Witz eines Waters niemals übertragen, das Ganze droht also zur weichgespülten Nullnummer zu verkommen. Und zum anderen passt dieser Film ganz einfach nicht mehr in die heutige Zeit. Schade eigentlich. Zuletzt wäre da noch „Stardust“, ein Romantik-Action-Fantasy-Dingens, welches sich selbst wie folgt beschreibt: „In a countryside town bordering on a magical land, a young man makes a promise to his beloved that he'll retrieve a fallen star by venturing into the magical realm.” Ähm… Ohne Worte. Hinzu kommt, dass erste Bilder aus den genannten Werken eine Michelle zeigen, die zwar immer noch schön ist, aber ihr Feuer verloren hat. Das Leuchten in den Augen fehlt, das Lächeln wirkt verkrampft. Nein, Michelle, Du hast Deinen Zenit ganz offensichtlich überschritten und hättest aufhören sollen, als noch Zeit dazu war. Ich werde mir jedenfalls freiwillig keinen dieser drei neuen Streifen anschauen und nehme schweren Herzens Abschied von meinem Jugendidol. Lebe wohl, Michelle.
Es trauert
Tino------------->
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Man mag es kaum glauben, aber auch Euer guter alter Tino war einmal jung... voller Hoffnung... mit Illusionen, Träumen und Zielen... dem Tatendrang erlegen. Lang ist das her. Mittlerweile sehe ich meinem Körper nur noch beim Verfall und meinen Träumen beim Davonfliegen zu. Dennoch oder gerade deshalb kann ich verstehen, wenn andere Menschen ihre Ziele anpacken – und sich dabei brutal verheben.

Ganz konkret soll es diesmal um den Drehbuchautor an sich gehen. Ein undankbarer Job. Wenn man nicht gerade Joe Eszterhas heißt und das Skript zu „Basic Instinct“ verfasst hat, kennt einen kein Schwein. Man reißt sich den Allerwertesten auf, bringt eine möglichst neue Handlung zu Papier, entwirft Figuren, legt ihnen Dialoge in den Mund – und muss schließlich sehen, was andere daraus machen. Konkret Regisseure und Darsteller, also Leute, die im gleißenden Rampenlicht stehen, während man selbst ein Schattendasein führt. Mit viel Glück wird man mal für den Oscar nominiert, aber den individuellen Bekanntheitsgrad erhöht so etwas kaum. Ich vollziehe also absolut nach, wenn brillante Autoren irgendwann den Rappel kriegen und der Meinung sind, auch mal den Regiestuhl besetzen zu müssen. Allein anno 2007, unserem noch jungen Filmjahr, war dies schon 2x der Fall. Leider gingen aber beide Versuche in die Hose, weil das Schreiben eines Drehbuches eben anders funktioniert als das Inszenieren eines Films.

Da wäre zunächst mal Steven Zaillian, also der Mann, welcher als Skriptautor von „Schindlers Liste“ doch zu einigem Ruhm kam. Nun gingen seitdem schon ein paar Jährchen ins Land, und Mister Zaillian produzierte mit Drehbüchern wie „Die Dolmetscherin“ oder gar „Hannibal“ nichts wirklich Nennenswertes mehr. Was also tun? Richtig: ein Regiedebüt starten! Zu diesem Zweck ging Zaillian auf Nummer sicher und entschied sich für das Remake eines Klassikers, nämlich „All the King’s Men“ (in Deutschland: „Der Mann, der herrschen wollte“), wiederum basierend auf einem Bestseller. Konnte da etwas schief gehen? Zaillian rief also, und jede Menge Stars setzten freudig ihre Unterschriften unter Verträge: Sean Penn, Jude Law, Anthony Hopkins, Kate Winslet, Mark Ruffalo, Patricia Clarkson (ersetzte Meryl Streep), James Gandolfini, Kathy Baker,... Nein, da konnte nix schief gehen! Ergo schrieb Zaillian schnell noch das Skript und nahm das Regiezepter in die Hand. Womit alles schief ging.

Um mal ganz kurz die Hauptschwächen zu nennen: Während das Original schauspielerische Brillanz durchwehte (zwei Darsteller-Oscars!), spielt hier das per se großartige Ensemble schlecht geführt und wenig überzeugend einfach so vor sich hin. Kalte Distanz beherrscht nahezu jede Szene, Konflikte werden nicht visualisiert, sondern in endlos-dröhnenden Diskussionen schlicht zerredet. Selbst die zwischendurch immer wieder heraufbeschworene Armut muss man sich selbst hinzudenken, da Zaillian voller Rücksicht darauf verzichtet, sie zu zeigen. Erschwerend kommt schließlich hinzu, dass James Horner, der Filmkomponist des Teufels, immer noch keine Zurückhaltung gelernt hat: Der Mann trompetet, paukt und klampft wie gewohnt schier um sein Leben. Letztlich ähnelt Zaillians Regiedebüt einem Hund, welcher bedrohlich knurrt, aber nie beißt. Zu mild und nichtssagend wirkt seine intendierte Kritik am System, zu nostalgisch-hübsch gefilmt scheint das kaum in einen zeitlichen Kontext gesetzte Ambiente, zu uninteressant bleiben die handelnden Charaktere. Unter dem Strich steht ein zweistündiger Demagogiekurs mit Kaugummi-Struktur, dem man als spektakuläre Aussage entnimmt, dass bei passender Gelegenheit jede Seele korrumpierbar ist. Bissel wenig. Entsprechend wurde das Werk in den USA seitens der Kritik selten einmütig verrissen und lief hierzulande im Januar als „Das Spiel der Macht“ nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Fall 2 betrifft Richard LaGravenese, genialer Autor solcher Perlen wie „No Panic“ oder „König der Fischer“. Mit „Wachgeküsst“ gab er bereits Ende der 90er sein Regiedebüt, verzichtete dann aber auf weitere Inszenierungen. Bis jetzt. Und weil es nicht schon wieder eine Schnulze sein sollte, ging auch er auf Nummer sicher. La Gravenese entschied sich für einen Stoff, der nicht nur politisch äußerst korrekt ist, sondern auch auf wahren Ereignissen basiert, was ja immer gut ist. Auch er verließ sich auf die Power fähiger Darsteller, namentlich Hilary Swank (doppelt Oscar-prämiert), Imelda Staunton (für „Vera Drake“ in Venedig als Beste Darstellerin prämiert) und Scott Glenn (der „Das Schweigen der Lämmer“-Killer). Also etwas weniger als Zaillian, aber immer noch Güteklasse A. Und was kam am Ende dabei raus?

Die herzerweichende Geschichte der Lehrerin Erin Gruswell, welche für ihren ersten Job in eine Ghetto-Schule geschickt, zuerst von den Kids tyrannisiert und dann vergöttert wird. Konkret sieht das so aus: Hilary Swank läuft in schrecklich spießigen Blusen durchs Bild, labert pathetischen Schwachsinn, lässt sich von den Kids (welche sich gern gegenseitig abschlachten) böse anmachen und gewinnt dann ihr Vertrauen, indem sie ihnen Tagebücher schenkt. Dort schreiben die Jugendlichen alles nieder, was sie bewegt. Später zieht Erin Vergleiche zwischen dem Leben auf der Straße und dem Holocaust, gibt den Schülern „Das Tagebuch der Anne Frank“ zu lesen und nähert sich ihnen so immer weiter an. Derweil versuchen alle anderen Lehrer, ihre Bemühungen zu sabotieren – Erin kämpft als Lichtgestalt gegen den finsteren Drachen des Systems. Wie sehr sie sich dabei selbst verändert, ihren Mann brüskiert, kommt kaum heraus. Letztlich haben wir nichts weiter als den lichten Engel Erin, der durch Klischees und übles Pathos watet, Langeweile verbreitet und mit Durchhalteparolen um sich wirft. Erinnert sich noch jemand an „Dangerous Minds“? In einer ähnlich grottigen Liga spielt dieser Film namens „Freedom Writers“. Zu sehen ist er ab dem 5. April in unseren Kinos.

Zwei fähige Autoren, zwei Regie-Versuche, zwei schreckliche Ergebnisse, ähnliche Fehler. Bitte, liebe Herren Drehbuchschreiber, wenn Sie schon aus dem Korsett ausbrechen wollen, dann mit Mut und Individualität! Ansonsten sollte man eben bei seinen Leisten bleiben...
Trotzdem weiterhin die Daumen für gelungenere Traumverwirklichungen drückt
Tino------------->
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Denn heute geht es um „Robert Altman’s Last Radio Show“, den letzten Film des genialen,
leider am 20.11.2006 verstorbenen Regisseurs. Sein Vermächtnis quasi. Er dürfte es geahnt haben; schließlich war Altman schwer krank, sein Tod leider keine Überraschung. Was bleibt also?
Auf jeden Fall sein zwiespältigstes, ungewöhnlichstes, am schwersten einzuordnendes Werk. Dies ist grundsätzlich nicht schlecht, doch selbst bei objektiver Betrachtung stechen einige Dornen ins Zuschauerauge. Starten wir demnach, bei aller Verehrung für den Meister und immer noch währender Trauer ob seines Ablebens, mit den Schwächen von „A Prairie Home Companion“, wie der weitaus treffendere, unaufdringlichere Originaltitel lautet.

Da wären zunächst einmal zwei fürchterliche Besetzungsfehler. Altman, der sonst immer extrem großen Wert auf hohe Schauspielkunst legte und sie aus seinen Darstellern auch herauskitzelte, lässt sich dazu herab, Lindsay Lohan eine Rolle zu geben! Und noch schlimmer: nicht als vielleicht passendes Blondchen oder naiven Teenie, nein. Er setzt Lohan einfach eine Hornbrille auf, und dann gibt sie das intellektuelle, vom Weltschmerz verzehrte, dem Suizid zugeneigte Mädchen. Sorry, aber wer schluckt denn das?! Zweitens wäre Kevin Kline negativ zu nennen, da seine veräußerlichte, selbstgefällige Komik nun gar nicht zu Altmans stillem Humor passen will. Alle anderen Akteure (unter anderem Meryl Streep, Lily Tomlin, Woody Harrelson, Tommy Lee Jones, Virginia Madsen sowie John C. Reilly) schlüpfen allerdings perfekt in ihre jeweiligen Charaktere.

Leider kann die Einfühlung in verschiedene Figuren aber nur recht begrenzt stattfinden, weil die Handlung es nicht hergibt. Grundsätzlich geht es eben „bloß“ darum, hinter die Kulissen der allerletzten Sendung einer Radio Show zu schauen, welche abgesetzt werden soll. Heißt: Man erinnert sich an gute oder schlechte alte Zeiten, reißt ein paar Witze, ist traurig – und singt viel, ungefähr die Hälfte der gesamten Laufzeit. Meryl Streep überrascht dabei durch Stimmgewalt, Lindsay Lohan verdient ja sowieso ihre Brötchen damit, und das Duo Harrelson/Reilly könnte demnächst in Country machen. Wer also gern Lieder über Jesus, schmutzige Jokes, Beziehungen oder auch Werbesongs hören mag, liegt hier genau richtig. Musikhasser sollten den Kinosaal dagegen weiträumig umrunden. Altmans beißender Zynismus, sein entlarvender Witz zeigt sich nirgends; höchstens im von Tommy Lee Jones gewohnt grimmig gegebenen „Axeman“. Doch das ist ein bisschen wenig.

Weitere Fragen bleiben offen: Wieso hat es Altman plötzlich nötig, mit Furz-Gags zu arbeiten? Warum vertraut er angesichts der deutlich melancholischen Atmosphäre nicht auf die Kraft des anfangs ertönenden, herzzerreißenden 30er-Jahre-Scores? Weshalb muss die geheimnisvolle Femme fatale in Weiß (Virginia Madsen stiehlt allen anderen glatt die Show) bei ihrem schwebenden Gang durch die Kulissen immer wieder völlig unnötige Dinge tun oder sagen – man denke an den öden Pinguin-Gag oder ihr verzweifeltes Suchen nach dem Wort „Mayonnaise“ als Bestandteil eines dargebotenen Eiersalates? War es wirklich nötig, alle Beteiligten permanent durcheinander reden zu lassen, wenn sie gar nicht viel zu sagen haben (was im Original das Verständnis zudem deutlich erschwert)? Manchmal drängt sich der Gedanke auf, Altman habe seine Akteure ganz einfach improvisieren lassen und am Ende ganz einfach das Brauchbare extrahiert, um über seinen nicht gerade packenden Mittelteil zu kommen.

Doch genug der Kritik; denn letzten Endes verströmt „A Prairie Home Companion“ einen ganz eigenen Zauber, dem man sich nur schwer, eigentlich gar nicht, entziehen kann. Wie bereits angemerkt, beherrscht zwar deutliche Melancholie die Szenerie, liegt über allem der schwere Abschied von einer Show, welche für alle Beteiligten mehr war als ein Mittel zum Geld verdienen. Sehr viel mehr. Dennoch ist dieser Film auch eine Ode an das Leben, an das Weitermachen. Die Show muss nicht nur irgendwie weitergehen, sie soll es auch – egal, wie. Altman gelingt diesbezüglich eine perfekte Balance zwischen Tragik und Komik, er gleitet weder in Larmoyanz noch billige Durchhalte-Parolen ab. Besonders die beiden Johnson-Schwestern, vielleicht ein wenig desillusioniert, eventuell etwas zu lebenserfahren, aber Stehaufmännchen vor dem Herrn, wachsen schon ans Herz. Anrührend ebenfalls ein verliebtes Paar im späten Herbst seines Lebens – Liebe findet eben immer ihren Weg.

Darüber hinaus verwischen nicht nur am Ende die Grenzen zwischen Schein und Sein. Schon lange vorher hat ein Todesengel die Szenerie betreten, eine traurige Lichtgestalt, welche Seelen zur letzten Ruhe führt, gleichzeitig aber auch Leben nimmt und für alle Beteiligten zum potenziellen Erfüller ihres Herzenswunsches werden könnte. Mit dieser Figur hat Altman ein wahres Meisterstück erschaffen – er feiert die Dualität von Leben und Tod, Hoffnung und Verlust, Neubeginn und Abschied. Vielleicht ist das Auftauchen besagten Todesengels ein Zufall, nichts als ein brillanter dramaturgischer Kniff, aber es scheint, als habe der schon lange erkrankte Altman auch seinen eigenen Frieden gemacht und dies zum Ausdruck gebracht.

Bliebe schlussendlich zu sagen, dass der größte Erzähler des amerikanischen Kinos hier eindeutig von seinen gewohnten, schwindelerregend hohen Standards abweicht, woran man sich erst einmal gewöhnen muss. Und sicherlich ist „A Prairie Home Companion“ auch kaum sein bestes Werk geworden. Dafür aber, wie der Verleih treffend bemerkt, sein zärtlichster Film. Und als solcher tatsächlich ein Vermächtnis.
Tino------------->
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"Auf jeden Fall sollte Hollywood aber die Finger von Themen lassen, die es einfach nicht versteht. Und so finde zumindest ich es absolut erschreckend, dass jetzt allen Ernstes eine Neuauflage von 'Das Leben der Anderen' annonciert wurde." - Tino Socaly
Aufmerksame Leser werden merken, dass ich das heutige Kolumnenthema bereits an anderer Stelle verbraten habe. Aber Euer alter Tino ist nun mal leider jemand, der immer bis zuletzt diskutiert, analysiert und interpretiert. Darum: Vorhang auf für Runde 2!
Wieder mal geht es um den Remake-Wahn Hollywoods. Es ist kein Geheimnis, dass der Traumfabrik schon seit Ewigkeiten die Ideen ausgegangen sind, weshalb grundsätzlich so ungefähr 13 Filme in unterschiedlichen Varianten immer neu gedreht werden. Aber da es ja auch noch ein paar wirklich kreative Filmländer gibt – Südkorea in erster Linie, dahinter mit einigem Abstand Frankreich, Japan teilweise auch -, bei denen man sich… nun ja… Inspiration holen kann, schweift der amerikanische Produzentenblick immer öfter über den großen Teich. Was dabei herauskommt, ist aber leider meistens indiskutabler Schrott.

Da werden Klassiker der eigenen Filmindustrie verhunzt ("Botschafter der Angst" -> "Der Manchurian Kandidat"), gnadenlos gruselige Schocker zu billigen Ausstattungs- und CGI-Orgien reduziert ("The Grudge"), oder echtes Terrorkino ersteht als gähnend langweiliges, aber schön ekelhaftes Blutbad wieder auf ("Texas Chainsaw Massacre"). Vielschichtig verschachtelte Meisterwerke, im Original elegant, herzzerreißend, zynisch, ehrlich oder alles auf einmal, mutieren zu glatten, weichgespülten, substanzlosen Nullnummern ("L'Appartement" -> "Sehnsüchtig"). Im allerschlimmsten Fall bekommt das Remake gar den ureigenen amerikanischen Stempel aufgedrückt, beispielsweise ein neues Ende. Denn nichts, aber auch wirklich GAR NICHTS, geht über ein Happy End, selbst wenn das Original ein solches konsequent umschiffte ("The Vanishing" -> "Spurlos"). Sorry, aber da kriege ich den großen Brechreiz.

In diesem Jahr wurde nun sogar ein Remake in den wichtigsten Oscar-Kategorien Bester Film, Beste Regie und Bestes Skript geehrt, ungeachtet seiner Schwächen. Klar, die Gründe liegen auf der Hand, Scorsese war eben einfach dran. Aber dennoch: Remakes sind endgültig salonfähig geworden. Dagegen kann man etwas haben oder auch nicht. Auf jeden Fall sollte Hollywood aber die Finger von Themen lassen, die es einfach nicht versteht. Und so finde zumindest ich es absolut erschreckend, dass jetzt allen Ernstes eine Neuauflage von "Das Leben der Anderen" annonciert wurde. Wir rekapitulieren mal kurz: Es handelt sich um ein Kammerspiel ohne jede Action. Es agieren echte Menschen, keine schablonenhaften Abziehbilder aus der Figuren-Stanz-Presse. Grundsätzlich haben wir es handlungstechnisch mit der jüngeren deutschen Vergangenheit zu tun, also etwas, worüber man im fernen Amerika vielleicht in Geschichtsbüchern liest oder großen, staunenden Auges per Fernsehen unterrichtet wird. Und schließlich handelt es sich um ein politisches Lehrstück jenseits aller Pathos-, Schmonzetten- oder ganz simpel Brachial-Dialog-Zeilen. Insgesamt also einen Film, den Hollywood nur völlig gegen die Wand fahren kann.

Da mag sich "Das Leben der Anderen"-Macher Florian Henckel von Donnersmarck (cooler Name, BTW) noch so sehr Sidney Pollack als Regisseur wünschen und naiv träumen, "beratend tätig zu sein". Das Ding geht in die Hose, falls es denn wirklich entsteht, was ich per Nachtgebet schon seit Tagen zu verhindern suche. Und mal davon weg, um endlich zum Punkt zu kommen: Wie anmaßend muss man als US-Produzent eigentlich sein? Einen Film über etwas zu drehen, von dem man nun weiß Gott keine Ahnung hat?! Sollte das vielleicht der neueste Schrei werden, die individuelle Sicht, das persönliche "Lieschen Müller stellt sich mal was vor und beglückt die Welt mit ihrem geistigen Erguss"-Syndrom? Da hätte ich doch gleich mal ein paar andere Vorschläge, um die lahmende deutsche Filmindustrie ein wenig anzukurbeln! Wie wäre es damit: Doris Dörrie dreht demnächst ihre ganz eigene Version von "Platoon". Volker Schlöndorff erfindet "Pretty Woman" neu, natürlich als dreistündiges Dokumentar-Drama. Sönke Wortmann arbeitet "Endstation Sehnsucht" zur spritzigen Komödie um. Wim Wenders nimmt sich "Natural Born Killers" zur Brust. Und Roland Emmerich lässt es bei seiner ureigenen "Manche mögen's heiß"-Version so richtig krachen – steckt ja schließlich auch ein Mafia-Thriller drin.
Mir fällt dazu bloß ein Titel ein: "…denn sie wissen nicht, was sie tun".
(Tino)------------->
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Okay. Alle bitte räuspern... schnell noch was trinken... und dann im Chor: „WIR SIND OSCAR!“ Fein gemacht. Scheinbar gab es am Montag nichts Wichtigeres, wurde doch diese Meldung zumindest in den hiesigen Lokalnachrichten noch vor der grausamen Ermordung eines Kindes platziert. Kein Kommentar. Aber ein Rückblick auf die Oscars 2006.

Und zwar in der Reihenfolge der letzten Kolumne, in der ich ja ein paar Vorhersagen traf. Ergo beginnen wir mit dem Besten Hauptdarsteller, Forest Whitaker. Nicht unbedingt mein Favorit, aber okay. Ich orakelte bekanntlich, dass Leonardo DiCaprio die Trophäe bekommen würde, und Fakt ist: Nachdem Leo sowohl beim vorgeblich wichtigsten Filmpreis der Welt als auch den Golden Globes (dort sogar doppelt!) übergangen wurde, kann er demnächst spielen, was immer er will, und wird den Goldjungen trotzdem kriegen. Als Nebendarsteller gewann überraschend Alan Arkin. Wer ihn allerdings gesehen und mit früher verglichen hat, ahnt den Grund. Oh Gott, der Mann sieht halbtot aus! Eine Ehrung aus Mitleid, steht zu vermuten. Schlecht für Eddie Murphy, den Favoriten.

Helen Mirrens Auszeichnung als Beste Darstellerin war klar wie Kloßbrühe, ihre Rede dagegen ziemlich schwach. Auch Jennifer Hudsons Ehrung (Beste Nebendarstellerin) lag auf der Hand. Und ich muss zugeben: Hudsons ehrliche Freude hat mich schon berührt. Weiter geht es mit noch mehr sicheren Bänken: Dass Martin Scorsese für „The Departed“ gewinnen würde, daran gab es wohl niemals einen Zweifel, obwohl er für seine Verhältnisse einen recht schwachen Film zusammengezimmert hat, noch dazu ein Remake. Na ja, er war halt dran. Allerdings schien Marty selbst nicht sonderlich begeistert zu sein; vielleicht hätte er den Award auch lieber für ein starkes Werk bekommen...

So. Als nächstes steht die Filmmusik auf der Liste. Natürlich hat es Philip Glass der Vorhersage gemäß nicht gerissen. Aber ich bin dennoch extrem überrascht, denn Thomas Newman wurde ebenfalls übergangen, trotz seiner nunmehr siebten (!) erfolglosen Nominierung. Und so darf ich mich selbst zitieren: „Wenn es noch einen Hauch Gerechtigkeit gibt, trägt immerhin das Komponisten-Trio von ‚Babel’ den Preis nach Hause...“ – gut! Wirklich erstaunt war ich zudem darüber, dass keiner der drei „Dreamgirls“-Songs prämiert wurde, sondern Melissa Etheridge. Ist die nicht lesbisch, also nach Hollywood-Altherren-Jury-Maßstab „pfui“?!

Dann hätten wir den schwierigen Fall des Drehbuches. Ich hatte „The Departed“ eigentlich nur Chancen eingeräumt, weil es eben an der Zeit ist, Scorsese umfassend zu bauchpinseln, aber dass das Ding tatsächlich gewinnt... Wir erinnern uns: Es handelt sich um ein Remake, dessen Ende auch noch weichgespült wurde. Darüber hinaus sollte gerade in Hollywood bekannt sein, dass Scorsese seine drei Hauptdarsteller bat, am Skript zu feilen, woraufhin Jack Nicholson das Ganze fast komplett umschrieb. Dafür einen Oscar?! Ich schweige still. Freue mich aber über die Ehrung für „Little Miss Sunshine“, obwohl sie auf Kosten von „Pan’s Labyrinth“ ging! Schön, wenn Mut noch belohnt wird.

Was die technischen Aspekte betrifft, sind zumindest zwei meiner Wünsche („...hätte aber gern eine Ehrung für [...] das Make-up von ‚Pan’s Labyrinth’ sowie die visuellen Effekte des ‚Pirates of the Caribbean’-Sequels...“) in Erfüllung gegangen. Okay. Und jetzt der Fremdsprachige Film. Schimpft mich einen unpatriotischen Idioten, aber ich finde die Ehrung für „Das Leben der Anderen“ ziemlich Panne und war genauso verdattert wie Cate Blanchett (gewohnt wunderschön) bei der Siegerverlesung. Mal ehrlich - es wird langsam peinlich. 2004: „Der Untergang“ (Drittes Reich -> Oscar-Nominierung). 2005: „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ (Drittes Reich -> Oscar-Nominierung). 2006: „Das Leben der Anderen“ (Stasi -> Oscar-Nominierung & Sieg). Der Rest der (Film-)Welt muss doch mittlerweile glauben, wir könnten nichts anderes, als unsere negative Vergangenheit aufzuarbeiten. Ich bin KEIN Antisemit, leugne nicht den Holocaust, stecke persönlich recht tief in der Materie, habe mehrfach Gedenkstätten, wie zum Beispiel Buchenwald, besucht. Aber als (wenn auch winziger, total unbedeutender) Teil der deutschen Filmindustrie nervt mich diese Einseitigkeit echt ab. Zumal wir mit „Der letzte Zug“ (Start war am 9.11.2006) und „Die Fälscher“ (voraussichtlich ab 22.3.2007) schon wieder den fließenden Übergang ins noch junge Kinojahr 2007 geschafft haben. Vergangenheitsbewältigung und flache Komödien – ist das deutsche Kino tatsächlich so armselig eingeschränkt?! Anyway. Was bleibt, wäre der Beste Film: „The Departed“. Ich verweise auf die obigen Ausführungen und hülle mich erneut in Schweigen.

Tja. Eine kurze, extrem subjektive Zusammenfassung muss wohl doch noch sein. Langweilig wars, ohne Feuer, ein Schaulaufen der manchmal offensichtlich schlecht gelaunten, ansonsten pferdebreit grinsenden Stars. Da konnte die gut aufgelegte, wenn auch zu zahme Ellen DeGeneres noch so bemüht für Stimmung sorgen. Positiv in Erinnerung bleibt mir dagegen Catherine Deneuve. Umgeben von rauschendsten Roben, Glitzerkram und Diamanten, kam Madame Deneuve in einem schlichten armfreien Oberteil daher, welches man auch gern zu Hause beim Putzen tragen könnte – und sah dennoch umwerfend stilvoll aus, brachte den Fernseher zum Leuchten. Das ist echter Star-Appeal! Im besten Sinne atemberaubend divenhaft auch Meryl Streep, die für einen kurzen Augenblick noch mal ihre meisterliche „Der Teufel trägt Prada“-Rolle spielte. Nur die blödsinnige Sonnenbrille störte den gelungenen Effekt. Und schließlich freue ich mich sehr, dass Hollywoods beste Cutterin, Thelma Schoonmaker, endlich wieder einmal zu Ehren kam – selbst wenn es leider nicht für eine ihrer besten Arbeiten war.

Ansonsten? Jede Menge Tiefpunkte, zusätzlich zu den bereits erwähnten. Es folgt eine Liste...
- „Pan’s Labyrinth“ hatte es weiß Gott nicht verdient, auf seine unbestreitbaren Schauwerte (Beste Ausstattung, Beste Maske, Beste Kamera) reduziert zu werden, ansonsten aber leer auszugehen.
- „Dreamgirls“ wurde arg brüskiert, bei acht Nominierungen sprangen nur zwei Preise heraus. Und nochmals: Ein Musikfilm (!), der sich trotz drei (!!) nominierter Gesangsstücke dem Titelsong einer Dokumentation (!!!) geschlagen geben muss... Das tut doch weh, vor allem dem Komponisten. Noch schlimmer erwischte es allerdings den brillanten „Babel“: sieben Nominierungen in mehrheitlich wichtigen Kategorien, eine lumpige Trophäe – für die Musik. Ein klarer Affront. So ähnlich wie bei „Blood Diamond“ – fünf Nominierungen, null Awards.
- Peter O’Toole ging auch mit seiner achten (!) Nominierung leer aus. In seinem Alter geht da wohl leider nicht mehr viel. Und Judi Dench war erst gar nicht anwesend, was ich sehr bedauerte. Vermutlich ahnte sie, dass „Tagebuch eines Skandals“ ungeachtet seiner (nicht nur darstellerischen) Brillanz und immerhin vier Nominierungen - alle in wichtigen Kategorien - letztlich bei einer fetten „0“ landen würde. War ja klar.
- „Eine unbequeme Wahrheit“ als Beste Dokumentation zu ehren, grenzt ans Lächerliche. Man nehme Al Gore, lasse ihn die alltägliche und jedem halbwegs gebildeten Menschen schon lange geläufige Klimakatastrophe (schmelzende Gletscher, globale Erwärmung, austrocknende Seen) per Diavortrag und sehr unterhaltsam darstellen. Nebenher darf der Mann sich selbst beweihräuchern, und am Ende kommen dann spektakuläre Erkenntnisse rum à la „Kaufen Sie Energiesparlampen! Nutzen Sie öffentliche Verkehrsmittel!“ Toll. So innovativ und aufklärend. Das ist Oscar-reif?!
- Pro7 hat es nicht mal geschafft, wie früher C-Promis (Susan Atwell und so) in den Werbepausen ein paar Worte sprechen zu lassen. Stattdessen durfte man sich von den immer gleichen Ausschnitten nominierter Filme berieseln lassen, was auf Dauer ganz schön nervte.

Den traurigen Tiefpunkt setzte allerdings eine Aktrice, die ich eigentlich sehr schätze, nämlich Nicole Kidman. Nicht nur, dass sie in einer Ganzkörper-Gesamt-Geschmacksverirrung aus schrecklichem Kleid, mieser Frisur und gruseligem Make-up auf der Bühne erschien, nein. Offensichtlich wollte sich Kidman auch dafür rächen, nur den unwichtigen (okay, die Nominierten sehen das anders) Preis für die Beste Ausstattung vergeben zu dürfen. Und so sprach sie, die in diesem Fall jedes Auge Beleidigende, auch noch die schon seit Jahren verpönte Floskel „And the Winner is...“. Schock! Es gibt doch keinen Gewinner, weil das bedeuten würde, die anderen verlieren! Sagt man nicht! Es heißt ganz neutral „And the Oscar goes to...“! Also, liebe Nicole, wenn das nicht tatsächlich ein Racheakt war (und du überhaupt noch mal eine Laudatio halten darfst), müssen wir das fleißig üben...
Es bietet sich an
Tino------------->
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Ich sehe... einen Mann... gülden schimmernd... mit einem Schwert... und recht unkenntlichen Gesichtszügen... ein Recke... oder? Aber nein, du bist es bloß – unser alter Freund Oscar! Das Teil, nach dem die gesamte Filmwelt giert, welches als höchste Auszeichnung gilt, für dessen Verleihung alljährlich Abermillionen zum Fenster rausgeworfen (und durch Werbepreise jenseits aller Realität wieder eingenommen) werden. Das größte Schaulaufen, die brachialste Selbstbeweihräucherung im Hollywood-Zirkus. Mit echter Würdigung erbrachter Leistungen hat der ganze Hype bekantlich schon lange nichts mehr zu tun... Aber weil ich eben trotzdem wieder hechelnd vor der Glotze hängen und die Nacht zum Tage machen werde, wage ich doch ganz spontan mal ein paar Prognosen – sowieso das Spannendste am ganzen Oscar-Theater.

Also, was hätten wir denn da?! Zunächst den Besten Hauptdarsteller. Mein persönlicher Favorit wäre ja Peter O’Toole, dicht gefolgt von Ryan Gosling. Beide sind jedoch chancenlos. Forest Whitaker macht das Rennen sicher auch nicht, obwohl er schon den Golden Globe für „The Last King of Scotland“ bekommen hat. Wer kennt denn schon Whitaker? Und möchten wir es Leonardo DiCaprio tatsächlich zumuten, nach „The Aviator“ ein zweites Mal gegen einen farbigen Darsteller zu verlieren?! Nö! Was gleichzeitig Will Smith und seine superklebrige Schmonzette „The Pursuit of Happiness“ alt aussehen lässt. Ergo tippe ich auf Leonardo, aus dem eben genannten Grund und seines Imagewandels wegen. Das mag die Jury eben gern. Bei der männlichen Nebenrolle sieht der Fall ganz ähnlich aus. Zieht man alle Unbekannten und – sorry – Abgehalfterten (Alan Arkin) oder sowieso schon per se nicht in Frage Kommenden (Mark Wahlberg) ab, bleibt nur Eddie Murphy. Seine erste echte Charakterrolle, das schreit geradezu nach einer Ehrung. Außerdem ist es ein kleiner Hautfarben-Ausgleich, siehe oben.

Weiter geht es mit den Damen, Hauptrolle. Penélope Cruz’ Nominierung ist ein zu vernachlässigender Gag, Kate Winslet war nicht stark genug, und Judi Dench kriegt als Britin maximal Preise für Nebenrollen, zumal „Notes on a Scandal“ zu sehr in die Psychothriller-Richtung geht. Kein besonders gern prämiertes Genre! Bleiben noch Helen „The Queen“ Mirren oder Meryl Streep. Ich persönlich könnte mich nicht entscheiden; zwei perfekte, atemberaubende Darbietungen, beides geniale Aktricen, wahre Ikonen. Aber Helen wird es wohl reißen, weil „The Devil Wears Prada“-Drachen Meryl ja schon zwei Statuetten hat und besagte Meisterleistung in einer flachen Liebeskomödie erbrachte. Eigentlich ein sicheres Ding – wenn Mirren nicht ihre Herkunft (Britin!) das Genick bricht. Was die Nebenrolle betrifft, eigentlich ein klarer Fall. Nach Abzug aller Newcomer und Zufallsnominierten hätten wir noch Cate Blanchett (meine Favoritin, aber ausgeschlossen, weil schon mit dem „Aviator“-Oscar auf Jahre hinaus gut versorgt) oder „Dreamgirl“ Jennifer Hudson, die Siegerin.

Wir nähern uns weitaus schwerer zu beurteilenden Kategorien. Beginnen wir mit der Regie. Obwohl das nun immer noch ganz simpel ist, denn Martin Scorsese wird es reißen. Nicht, weil „The Departed“ so ein besonders gut inszenierter Film wäre, nein; der Mann ist ganz einfach dran. Punkt. Kommen wir daher zur Musik, meiner Lieblingssparte. Und da ist das große Chaos ausgebrochen, denn quasi alle sicher geglaubten Nominierungen traten nicht ein! Hans Zimmers „The Da Vinci Code“ (grauenvoll, aber exakt so mainstreamig wie gewünscht), Philip Glass „The Illusionist“ (magisch!), Alexandre Desplats „The Painted Veil“ (großartig!),... niemand hat es geschafft. Angesichts der jetzigen Auswahl drücke ich Philip Glass für „Notes on a Scandal“ sämtliche Daumen und Zehen, aber ich weiß, es ist vergebens. Glass ist ganz einfach zu einzigartig in seinen Kompositionen, zu experimentell, schlicht zu gut und wird deswegen stets übergangen. Wenn es noch einen Hauch Gerechtigkeit gibt, trägt immerhin das Komponisten-Trio von „Babel“ den Preis nach Hause; wahrscheinlicher ist jedoch, dass dem üblichen Verdächtigen Thomas Newman („The Good German“) das Männlein nach bislang sechs erfolglosen Nominierungen nachgeworfen wird. Er ist eben auch so langsam mal dran. Soweit es den Song betrifft, kann man schon von einer Farce sprechen. Drei Nominierungen für „Dreamgirls“, das ist sicher wie das Amen in der Kirche. Welches der Trällerstücke nun ausgezeichnet wird, ist eigentlich Jacke.

Was bleibt noch? Ach ja – Drehbuch! Schwiiierig. Zunächst das adaptierte Skript: „Borat“ fällt raus (zu gewagt), „Notes on a Scandal“ (siehe oben, zu thrillermäßig) und „Children of Men“ (zu düster) ebenfalls. „Little Children“ hat gute Chancen, dicht gefolgt von „The Departed“, obwohl Letzterer ein Remake und als solches PFUI! ist. Und nun das Originalbuch: „The Queen“ (viel zu britisch und damit thematisch sperrig) ist ebenso chancenlos wie „Little Miss Sunshine“ (zu subversiv) und „Pan’s Labyrinth“ (einfach zu gut im Sinne von ‚zu abseits aller Normen’). „Babel“ könnte was werden, wenn nicht „Letters from Iwo Jima“ einen Trostpreis bekommt.

Puh, wir sind fast durch. In den technischen Kategorien kenne ich mich nicht so aus und lasse sie weg, hätte aber gern eine Ehrung für die Kameraführung bei „Black Dahlia“, das Make-up von „Pan’s Labyrinth“ sowie die visuellen Effekte des „Pirates of the Caribbean“-Sequels. Schnell zum Fremdsprachigen Film: Deutschland wird es trotz Nominierung für „Das Leben der anderen“ nicht packen. Was juckt die Academy ein Stasi-Film? Und mal nebenbei: Wieso wurde eigentlich „Volver“, ein echtes Almodóvar-Meisterwerk, nicht nominiert?! Na ja, was solls... Dokumentarfilm, Animationsfilm et cetera lasse ich ebenfalls außen vor, da ich keines der nominierten Werke kenne. Bleibt noch der Beste Film 2006! Jaaa... „Little Miss Sunshine“ muss – ungeachtet seiner Qualität – schon froh über die Nominierung sein. „Letters from Iwo Jima“ hat als Kriegs-Aufarbeitung aus japanischer Sicht keine Chance und zählt eher als Alibi-Nominierung, um Eastwoods Doppelregie „Iwo Jima“ + „Flags of our Fathers“ zu ehren. „The Queen“? Nö. Ein Film über das britische Königshaus kriegt definitiv keinen Academy Award. Bleiben „The Departed“ oder „Babel“. Ersterer hat als Remake wenig Chancen und dürfte sowieso nur nominiert worden sein, um Scorsese ein bisschen den Bauch zu pinseln. Aber der hat ja seinen Regie-Preis schon weg, also ist die Sache klar. „Babel“! Recht so!

Ehe hier böse Postings kommen: Das ist allein meine subjektive Sicht, die keinen Anspruch auf Richtigkeit (auch des damit verbundenen Gedankengutes) erhebt. Außerdem hoffe ich in vielen Fällen wirklich sehr, mich zu irren – vielleicht wird dieses Jahr doch mal wieder etwas mehr echte Qualität prämiert...
Tino------------->
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Weil diese Kolumne ja logischerweise eine ziemlich subjektive Sache ist, muss ich mal wieder nur aus meiner Sicht sprechen. Diesmal geht es (aufmerksame Leser des Titels ahnen es bereits) um Jigsaw, unseren Lieblingskiller aus der „Saw“-Trilogie.

Als anno dazumal der erste Teil in die Kinos kommen sollte, versprach ich mir nach dem US-Hype ein hübsch blutrünstiges Stück Splatter, vorzugsweise ohne Sinn und Verstand. So weit es den roten Saft betrifft, wurde ich auch nicht enttäuscht, wie der Horrorfreund weiß. Aber es gab da noch diese Subebene, das perfide Spiel mit menschlichen Befindlichkeiten, das intelligente Fragen „Und... was würden SIE tun?“ Dies war nicht ganz das Erwartete, hinterließ aber zumindest bei mir mächtig Eindruck. Wie freute ich mich da, als eine Fortsetzung angekündigt ward. Und im Gegensatz zur großen Masse, welche irgendwie bloß auf die drastischen Scheußlichkeiten abzustellen schien, mochte ich das Sequel ebenfalls. Natürlich ist es teilweise fragwürdig; man denke an die Verbrennungsszene. Klar geht es einen deutlichen Schritt weiter, was die Visualisierung von Brutalitäten betrifft. Auch die Auflösung könnte deutlich besser sein. Aber hat denn niemand die andere Ebene gesehen? Unglaublich fiese Hiebe in diverse psychische Weichteile à la „Ich bin Krebspatient. Sie können mir nicht noch mehr Schmerzen zufügen“ gehört? Bemerkt, wie sehr hier der menschlichen Natur ein Spiegel vorgehalten wird, wenn auch auf brachiale Holzhammer-Weise? Die lustvoll verdrehte Frage nach ausgelutscht-banalen Kategorisierungen wie „gut“ oder „böse“ vernommen? Bin ich hier allein auf freier Flur?

Wie auch immer. Nun ist er da, der dritte Teil. Ab heute kann man im Kino erleben, wie die Story weitergeht. Okay, meiner Meinung nach ein per se völlig unnötiger Aufguss, da keine wirklich wichtigen Fragen offen geblieben waren. Und die vielleicht noch im Raum stehenden Details kann man sich selbst zusammenreimen, man muss ja nicht alles auf dem Silbertablett serviert kriegen. Aber egal. Betrachten wir das zweite Sequel einfach als blutige Bonusrunde und wenden uns seinen Qualitäten zu, falls es diese denn gibt. Hingewiesen sei auf mögliche Spoiler im Folgetext; Lesen auf eigene Gefahr!

Also. Wer schon „Saw 2“ zu hart an der Grenze fand, sei gewarnt – diesmal gibt es keine Regulationsmittel im Sinne des nie allgemeingültig definierten guten Geschmacks, im Gegenteil. Zersplitterte Knochen (noch im umgebenden Fleisch), verätzte Haut, eine Schädelöffnung (durchaus deutlich), die überdeutliche Hommage an „Hellraiser“, verweste Tierkadaver als entscheidendes Spieldetail,... Es gibt kein Halten mehr. Hier soll noch mehr Blut fließen, und das passiert reichlich, bis hin zum Widerwärtigen. Weil der geneigte Genrefan damit aber nicht abzuspeisen ist, wird anfangs auch gleich ein ganzer Leichenberg aufgetürmt, was dann doch ziemlich sinnlos erscheint. Bis endlich Jigsaw himself eingreift, scheint das Ganze ergo keinerlei Zweck zu verfolgen.

Dann wird es aber tatsächlich interessant, weil hier erneut kein Standard-Slasher auf seine Entdeckung wartet, sondern Regie und Buch den Zuschauer erneut am Kragen packen. Diesmal geht es um das nicht ganz unwichtige und weit gefächerte Themengebiet „Schuld und Sühne“, inklusive verbundener Facetten wie „Rache und Vergebung“. Aufbereitet als as usual hundsgemeine, extrem drastische sowie gnadenlose Reflexion, haben wir quasi das ekelhafteste Drama der Welt. Leigh Whanell, Autor aller Teile, sollte man wohl dringend im Auge behalten, möglicherweise einen fähigen Psychiater empfehlen. Nicht nur, dass der Mann einen überdeutlichen Hang zum Perfiden besitzt, er scheint sich darüber hinaus auch mit existenziellen Dingen zu beschäftigen, nur um zum Ergebnis zu gelangen, dass die Menschheit an sich völlig verkommen ist.

Weil dies keine richtige Rezension, sondern lediglich ein Statement sein soll, ziehe ich mal ein subjektives Fazit: Aus Handlungssicht völlig unnötig, bietet „Saw 3“ einerseits jede Menge Steigerungen in Sachen visuelle Gewaltdarstellungen, erweitert den eingeschlagenen Weg, zur Auseinandersetzung mit humanem (Fehl-)Verhalten zu zwingen, aber zusätzlich um ein weiteres Stück. Insofern hat das Sequel den Qualitätscheck also bestanden. Nichtsdestotrotz höre ich bereits die negativen Stimmen, welche ausschließlich von „Geschmacksverirrung“ und „krankem Mist“ reden...
Trotzdem bei seiner Meinung bleibt
Tino------------->
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Neulich in der Videothek meines Vertrauens: Die Hütte ist aus ungeklärter Ursache voll. Ich drängele mich an den Regalen mit den – restlos verliehenen – Neuheiten vorbei, werfe einen Blick in Richtung Computerspiele und (welcher Kerl tut das nicht?) inspiziere in der Porno-Abteilung ein paar Cover. Und jetzt, liebe Männer, mache ich nur für Euch einen völlig sinnlosen Absatz und bin wie Ihr gespannt, mit welchem Foto einer leicht bekleideten Schönen unser Reviewnator Flo die Lücke füllen wird...

Zurück zum Thema. Schließlich suche ich einen Film aus und begebe mich damit zum Tresen. Dahinter steht meine Lieblingsmitarbeiterin, eine leicht alternative Schwarzhaarige, deren Lippe ein Piercing ziert. Wir begrüßen uns, das Mädel reißt einen Joke und macht sich dann auf, die erwählte DVD zu holen. Wenige Augenblicke später wirft sie einen Blick drauf; Erbleichen ist die Folge. Man sieht deutlich, wie in ihr Loyalität (Chef) und Menschlichkeit (Stammkunden) kämpfen, bis schließlich die Menschlichkeit gewinnt. Meine Favoritin richtet einen flackernden Blick auf sowie das Wort an mich: „Willst du dir den WIRKLICH ausleihen? Der ist...“ Ihre Stimme bricht, ein Ausdruck echter Qual steigt in die hübschen dunklen Augen vor mir. Ich beruhige das liebreizende Wesen mittels der Aussage, darauf zu hoffen, eine richtig schlechte Wahl getroffen zu haben. Dieser Hinweis verwirrt und führt erst zu Schweigen, dann gezuckten Schultern. Ich bedanke mich und trage die Trophäe nach Hause.

Tja, was habe ich mir da wohl ausgeliehen? Es war... „BloodRayne“! Von uns’ Uwe Boll! Dem Menschen, der in diversen Internetforen als schlechtester Regisseur aller Zeiten gehandelt wird! Und an genau diesem Punkt wird es Zeit für den guten alten Tino, der schon so ziemlich alles gesehen hat, eine gewaltige Lanze zu brechen. Natürlich ist die Geschichte der blutigen Rayne eine sinnfreie welche. Klar habe ich mich bei manchem schwachsinnigen Dialog vor Lachen auf dem Boden gekugelt. Ohne Frage stellt man sich unter „darstellerischem Talent“ ganz andere Dinge vor, als sie hier geboten werden – wobei es auch wieder eine echte Leistung ist, Leute wie Geraldine Chaplin oder Ben Kingsley überhaupt zu rekrutieren und dann zu derart miesem Chargieren zu treiben. Zweifellos hat Olaf Ittenbach schon wesentlich annehmbarere Splatter-Effekte fabriziert. Ich streite zudem nicht ab, dass die Schwertkämpfe in ihrer gruseligen Plumpheit zum Schreien komisch aussehen, was ein unbeholfener Schnitt noch verstärkt. Und und und...

Aber dennoch! Immerhin gelingt es Boll, hier einen unterhaltsamen, sinnfreien Vampir-Heuler auf die Leinwand zu bringen, der gar nicht mal so billig ausschaut, im Gegenteil sogar recht intensives Mittelalter-Flair verbreitet, schöne Musik im Raum verteilt und bei Abschalten des Gehirns ganz einfach Laune macht. Nicht mehr, nicht weniger. Deshalb verstehe ich zwar, wenn Spielefans good ol’ Uwe verteufeln, denn auch „Alone in the Dark“ hatte mit dem Game so ziemlich nichts mehr zu tun. Alle anderen, vor allem Kritiker, dürfen aber schon etwas objektiver an die Sache herangehen. Manchmal scheint mir nämlich, hier zieht der Spruch „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht“. Will heißen: Alles, was von Uwe Boll kommt, ist schon mal auf Grund seiner Herkunft als übler Dreck abzustempeln. Bitte, liebe Leute, lasst mal die Kirche im Dorf! Und noch eines: Ich fand bei aller Unlogik, dümmlichen Worthülsen und Fehlbesetzungen (Tara Reid als Wissenschaftlerin? Gröööl!) auch „Alone in the Dark“ gar nicht mal schlecht. Dämlich, trashig, unterhaltsam – exakt das, was zu erwarten war, wenn man nicht unbedingt auf der „Vergewaltigung der Games“-Schiene reiten will.

Scheinbar liegt solche Verallgemeinerung dem Menschen allerdings im Blut, den Medien sowieso. Nehmen wir beispielsweise auch mal Madonna. Okay, die Frau sollte definitiv nicht schauspielern, sondern besser singen. Oder, mit Blick auf ihre jüngsten diesbezüglichen kreativen Ergüsse, dem Business am besten ganz den muskulösen Rücken kehren, in aller Herren Länder unschuldige Kinder adoptieren und zum Glück dann bloß noch zu Hause im Trainingsanzug durch die Botanik hirschen. Egal. Nichtsdestotrotz ist es kaum gerechtfertigt, Madonna eine Goldene Ehren-Himbeere als „Schlechtester Darstellerin des Jahrhunderts“ zu verleihen. Ja, sie spielt durchschnittlich bis ziemlich schlecht, aber es gibt definitiv wirklich noch übler agierende Leinwand-Schätzchen. Das gleiche Prinzip wie bei Boll: Wir bashen aus lauter Spaß an der Freude. Und das kann ja wohl nicht im Sinne des Erfinders, Kinos oder sonstwem sein. Nicht wahr?
Etwas mehr Objektivität wünscht sich deshalb
Tino------------->
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Das neue Jahr, in welches Ihr hoffentlich alle gut und ohne Blessuren hineingerutscht seid, hat nun auch schon seine ersten Tage auf dem Buckel. Die guten Vorsätze sind vergessen, man hat zum Beispiel längst wieder Zigaretten gekauft und wird allerorts mit spöttischen Blicken sowie hilfreichen Erinnerungen à la „Aber wolltest du diesmal nicht WIRKLICH aufhören?!“ bedacht. Der Alltag geht seinen gewohnten Gang, Chefs drängeln, Kinder quengeln. Also alles wie gewohnt.

Dennoch steht das Kino – zum Glück – auch 2007 nicht still. Zwar könnte man dies manchmal meinen, da sich einiges wohl nie ändern wird, speziell aus deutscher Sicht. Unter anderem erwartet uns mit „Das wahre Leben“ mal wieder ein typisch teutonisches Leinwandgebräu. Will heißen: Wir nehmen ein Problem, beispielsweise Arbeitslosigkeit. Weil selbiges für sich allein noch nicht funktioniert, blasen wir es bis ins Unendliche auf und fügen ein paar weitere Schwierigkeiten, Traumata et cetera hinzu. Damit das Ganze schön aussagekräftig wird, dehnen wir es auf rund zwei Stunden aus und lassen Katja Riemann die Hauptrolle spielen. Am Ende wissen alle Zuschauer, wie grausam schlecht das Leben, die Liebe, die Familie, eben die Welt ganz allgemein sind, schleichen deprimiert aus dem Kinosaal und dürfen sich so richtig im Selbstmitleid suhlen. Die Deutschen: ein Jammervolk? Gemessen an dem, was unsere Filmindustrie momentan großteils so fabriziert, liegt diese Vermutung leider nahe. Doch gute Nachricht! Es geht auch anders! Innovationen! Tolle Ideen! Abgebaute Schranken! Ich höre ein leise gerauntes „Häh?“ und erkläre.

Es war einmal der schreikomische Animationsfilm „Die Rotkäppchen-Verschwörung“. Es war darüber hinaus einmal der deutsche Verleih Kinowelt, welcher das gute Stück in die hiesigen Lichtspielhäuser brachte. Und zwar nicht einfach so, sondern unter dem geheimnisvollen Motto „Mit den Augen hören, mit den Ohren sehen“. Verwirrung pur? Keine Angst, dahinter steckt nix Mystisches. Namentlich eine wirklich super Idee – zwecks Abbau von Schranken zeigen ausgewählte Kinos „Die Rotkäppchen-Verschwörung“ sowohl für Blinde als auch Hörgeschädigte. Das Projekt nennt sich „Barrierefreies Kino“ und stellt eine Zusammenarbeit von Kinowelt, Titelbild, DTS Digital Entertainment, dem Bayerischen Rundfunk sowie Hörfilm e.V. dar. Praktisch läuft die Vorführung unter Einsatz des Systems „DTS Access“, was bedeutet, dass Untertitel auf die Leinwand projiziert werden. Darüber hinaus können an der Kasse Kopfhörer ausgeliehen werden, mittels derer man parallel zum Filmton eine Audiodeskription für Blinde hört (dafür zeichnet der Bayerische Blinden- und Sehbehindertenbund verantwortlich).

Ausgewählte Lichtspieltheater in Leipzig, Augsburg, Karlsruhe, Aalen und Marburg bieten in allen Vorstellungen die optionale Hörfilmfassung an. Zusätzlich gibt es spezielle Termine, bei denen die Version mit Untertiteln zum Einsatz kommt. Natürlich könnte man als zynischer Mensch jetzt primär auf wirtschaftliche Aspekte verweisen. Aber ich finde, das neue Kinojahr hätte nicht besser starten können als mit dem obigen Projekt. Schranken abbauen, Barrieren niederreißen, neue Horizonte eröffnen... Bleibt zu hoffen, dass sich in näherer Zukunft noch mehr als die bislang 17 bundesweiten Kinos dazu entschließen, Teil dieser guten Idee zu werden.
In diesem Sinne verbleibt mit optimistischem Zukunftsblick
Tino------------->
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Was war 2006 denn nun eigentlich für ein Jahr?! Ein seltsames. Einige Höhen, zu viele Tiefen. Menschen aus meinem Umfeld sind zu früh gestorben, dafür wurden andere neu in diese Welt geboren. Massig schlaflose Nächte mit bohrenden Gedanken. Die sprichwörtliche große Liebe gefunden und aus Sturheit fast wieder verloren. Selbsterkenntnisse positiver und negativer Art. Manche Ziele erreicht, andere als unmöglich abgehakt. Nun endgültig zum Kettenraucher geworden. Und natürlich jede Menge Filme. Darum folgt zum Ausklang jetzt ein völlig subjektiver, ungeordneter, unvollständiger Rückblick auf das Kinojahr 2006.

Wir wissen jetzt: Meryl Streep hat sich nur so lange durch den Hollywood-Dschungel gekämpft, weil sie ahnte, dass die Altersrolle in „Der Teufel trägt Prada“ die ihres Lebens sein würde. Dagegen hat Julianne Moore mit „Das Gesicht der Wahrheit“ richtig tief in die Schüssel gegriffen. Sony erkannte es, cancelte den deutschen Kinostart kurzfristig und verramscht das grausliche Machwerk nun direkt auf DVD. Der Tod Robert Altmans hat eine Lücke in die Filmwelt gerissen, welche sich niemals wieder schließen wird. Dafür meldete sich Stephen Frears zurück, musste aber einen herben Misserfolg („Lady Henderson präsentiert“) verkraften. Hoffen wir, dass „The Queen“ besser läuft.

Schwule Cowboys wurden mit „Brokeback Mountain“ auch jenseits des Pornofilms plötzlich salonfähig. Zum Oscar für den besten Film hat es dennoch nicht gereicht, denn der ging überraschend, aber vollkommen berechtigt an das brillante Episoden-Puzzle „L.A. Crash“. Was Universum zum Anlass nahm, neben der DVD-Erstauflage jetzt noch ein schniekes Steelbook mit dem Director’s Cut zu veröffentlichen. Überhaupt wird man das Gefühl nicht los, die Labels würden bloß noch Geld scheffeln wollen – nicht nur Fox oder Warner bringen Erfolgsfilme als x-te Pressung in hübschen Metal Cases heraus. Wer schon eine der ungefähr 15 vorherigen Versionen besitzt, ärgert sich entweder schwarz oder greift erneut tief in die Tasche.

Der deutsche Film glänzte, von wenigen Ausnahmen mal abgesehen, weder durch Erfolg noch Originalität, was logisch ist, wenn teutonische Regisseure allzu offensichtlich nach amerikanischen Vorbildern schielen („The House is Burning“, „Open Water 2“). Tom Tykwer hat mit „Das Parfum“ einen meiner Lieblingsromane cineastisch verhunzt. Dafür darf Alexandra Maria Lara immer noch auf der großen Leinwand ganz traurig gucken, was tierisch nervt. Neil Jordan enttäuschte dann doch mit dem für seine Verhältnisse irgendwie schwächelnden „Breakfast on Pluto“, Isabel Coixet lief nach ihrem Meisterwerk „Mein Leben ohne mich“ im direkten Vergleich mit „Das geheime Leben der Worte“ auch bloß zu verhaltener Form auf, und Sofia Coppola schrieb in „Marie Antoinette“ fragwürdigerweise mal eben die Geschichte neu.

Immerhin konnte man sich auf die großen Diven verlassen. Die zauberhafte Monica Bellucci fragte anrührend: „Wie sehr liebst du mich?“, während Isabelle Huppert im neuen Chabrol „Geheime Staatsaffären“ sowie als „Gabrielle“ zu begeistern wusste. Leider kam man aber am mimischen Niemandsland Nicolas Cage nicht vorbei; gleich vier Streifen waren zu ertragen („Weather Man“, „Lord of War“, „World Trade Center“, „Wicker Man“). Sharon Stone schaufelte sich mit „Basic Instinct 2“ endgültig selbst ein frühes Silikon-Grab, Adam Sandler versuchte es etwas ernsthafter („Klick“), Björk spielte die Hauptrolle im abgründigen Rätsel „Drawing Restraint 9“, und der vorerst letzte Bond... na ja.

Obwohl es auch ein Jahr der Remake-Schwemme war, gab es dennoch Neuerungen zu verzeichnen. Bollywood entfernte sich mit „Rang De Basanti“ vom Herzschmerz, grellen Farben, permanenten Gesängen und Tänzen, um politisch zu werden. Im Gegenzug verlor Japan temporär sein Händchen für die gelungene Umsetzung von Tabuthemen und verärgerte durch den nur pseudo-intelligenten Inzest-Albtraum „Strange Circus“. Mit dreijähriger Verspätung fand endlich „The Saddest Music of the World“ den Weg auf hiesige Leinwände. Woody Allen lieferte seine grundsolide Thriller-Comedy „Scoop“ ab und kitzelte darin enormes komisches Potenzial aus dem aktuell schönsten Nachwuchstalent (oder der talentiertesten Nachwuchsschönheit?) Scarlett Johansson. Pedro Almodóvar festigte seinen Ruf mit dem genial tragikomischen „Volver“, während „Die zweite Hälfte der Nacht“ als schönste Liebeserklärung an das Kino überhaupt gelten darf. Während Schundfilme wie „Hostel“ oder „The Hills have Eyes“ Gewalt zum Selbstzweck zeigten, bewies die ebenso blutrünstige wie schreikomische Horrorkomödie „Severance“, dass es anders geht. Schließlich löste sich Felicity Huffman mittels ihrer atemberaubenden „Transamerica“-Performance nicht nur vom schauspielerischen Korsett der verzweifelten Serien-Hausfrau, sondern etablierte zudem einen neuen Standard für Gefühlsausbrüche im Film. Weg von zwei rausgepressten Alibi-Tränchen, hin zum buchstäblichen Rotz-und-Wasser-Heulen. Den verdienten Oscar gab es dafür allerdings nicht, weil ihn Everybody’s Darling Reese Witherspoon bekam. Immerhin wurde Philip Seymour „Capote“ Hoffman geehrt.
So weit, so gut oder schlecht. Magie, Vielfalt, Emotionen, neue Wege, Aufregendes, Anrührendes, Deprimierendes, Ärgerliches, Mieses, Fieses, Chaotisches, Tragisches, Schönes, Lustiges, Abstoßendes. Eben das ganz normale Leben, bloß im Lichtspielhaus des Vertrauens komprimiert und dem Zuschauer übereignet. Da sage noch mal irgendwer, das Kino sei tot...
Einen guten Rutsch hinein in das hoffentlich ebenso vielfältige und polarisierende Kinojahr 2007 wünscht
Tino------------->
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Mag sein, dass man mich als Zyniker beschimpfen muss. Möglich auch, dass ich mir einen neuen Freundeskreis nebst Familie(n) suchen sollte. Denkbar zudem, dass meine liebsten Angehörigen aus dem All auf die Erde gebeamt wurden. Dennoch: Wenn ich daran denke oder so höre, wie das bevorstehende Weihnachtsfest in den meisten Familien abläuft, ereilt mich der große Grusel.

Es ist die einzige Zeit im Jahr, in der Onkel Heinz, das auf Grund eines niemals näher spezifizierten Fehltrittes verhasste, ignorierte und verschwiegene sprichwörtliche schwarze Schaf, zum geselligen Weihnachtsessen eingeladen wird. Natürlich spricht niemand darüber, was Heinz’ Absturz in die Isolation verursacht hat, damals, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Stattdessen freuen sich alle ein Loch in den Bauch darüber, „wie gut du aussiehst, Heinz“ und bemerken optimistisch stimmende Dinge à la „du hast zugenommen, oder?“ Will Heinz seinen Fehltritt zur Sprache bringen, die Sache gar klären, wird ihm konsequent über den Mund gefahren, denn „das Essen ist fertig!“ Dem armen Mann steht ein weiteres einsames Jahr bevor.

Dampft dann die Gans auf dem Tisch und hat man die „Reichst du mir bitte mal die Klöße/den Rotkohl/die Gabel/was auch immer?!“-Orgie hinter sich, rührt Großtante Gudrun versonnen in ihrer Soße. Von der zitternden Gastgeberin darauf angesprochen, ob das Essen nicht schmecken würde, beruhigt Gudrun: „Nein, mein Kind. Es ist nur so... Die Farbe dieser Soße erinnert mich an den eitrigen Ausschlag, den ich jetzt seit drei Wochen im Lendenbereich habe.“ Das Stichwort für Cousine Gerda, welche die Chance nutzt, zwischen zwei Bissen von ihrem nässenden Ekzem zu berichten. Doch das kann die 18jährige Nichte locker toppen, denn nichts geht über einen Scheidenpilz.

Etwas später, den männlichen Anwesenden ist mittlerweile speiübel, wird der Berg Geschirr in die Küche geschleppt, wo der Herr des Hauses erst mal einen beherzten Anranzer kriegt. Die neue Spülmaschine bedeutet schließlich nicht, dass „du dich immer ums Abwaschen drücken kannst“, schon gar nicht bei diesen Mengen, und außerdem muss das gute Porzellan ja mit der Hand geputzt werden. Man(n) fühlt sich ungerecht behandelt und fragt sich darum laut, wieso eigentlich „deine Schwester, dieses Miststück, jedes Jahr eingeladen wird?!“ Die Hausherrin weiß darauf keine Antwort, aber Blut ist nun mal dicker als Abwaschwasser, ergo stellt frau sich mit aller Macht auf die schwesterliche Seite und straft Männe die ganzen Feiertage über mit Schweigen. Sex? Vergiss es, du „unsensibler Klotz“! Was bleibt dem Gestraften anderes übrig, als mit Schwager Helmut die Whisky-Buddel zu leeren, was die eh angespannte Situation total verhärtet.

Während sich die maskuline Fraktion dem Alkohol hingibt, finden sich im Eck die Weibchen zusammen. Nach einer kurzen Einführungsplauderei über „deine zauberhaften Deckchen“ und der interessierten Frage, ob „diese Gourmet-Kekse TATSÄCHLICH selbst gebacken sind“, spricht man vermehrt dem Sherry zu. Folge: Die Zungen lösen sich ebenso wie sich Hemmungen abbauen. Urplötzlich ist Schwiegermutter Helga der Meinung, sie wolle darüber reden, „was du und du und du damals zur Freundin meiner Großnichte gesagt habt. Ihr wisst schon, DAMALS!“ Das trübe Erinnerungsvermögen der Beschuldigten führt zu einer haarkleinen Wiederholung der fatalen Worte, natürlich aus Helgas Sicht und entsprechend subjektiv gefärbt. Das per se klärende Gespräch endet in zoologischen Betrachtungen („Blöde Kuh! – Alte Schnepfe! – Aufdringliche Gans!“) sowie Frontenbildung.

Mittlerweile haben sich also diverse Splittergruppen im Raum verteilt, die Stimmung ist ebenso verkrampft wie die Gesichtszüge. Aus alter Gewohnheit beziehungsweise Tradition macht man jedoch gute Miene zum bösen Spiel und beschert sich. Auch keine gute Idee, denn „vielleicht kannst du mir nächstes Jahr mal keine Topflappen häkeln“, und außerdem „habe ich dir doch extra gesagt, dass ich keine Socken mehr brauche!“ Auch die bislang schweigsam-geduldige bessere Hälfte rastet jetzt aus, weil sie diese Goldohrringe nun gar nicht toll findet. Schließlich ist sie gerade auf ihrem spirituellen Trip und wäre viel erfreuter über aztekische Ohrgehänge gewesen. Und hätte man „zugehört, nur dieses eine Mal“, dann hätte man das auch gewusst! Weil selbst Oma, die Seele von Mensch, nun verstohlen mordlüsterne Blicke auf die Geflügelschere wirft, beendet man den Abend schleunigst und versichert sich: „Im nächsten Jahr wird alles anders!“

Tut es aber nicht. Nie. Nimmer. Auf keinen Fall. Die Alternative besteht darin, sich allein vor den Fernseher zu setzen, wahlweise fröhliche Volksmusikexzesse, Klingel-Bingel-Bimm-Schnulzen-Sendungen oder (auf den Privaten) krachlederne Action-Movies zu schauen. Oder... Man geht ins Kino. Viele Lichtspielhäuser der großen Städte bieten Feiertagsvorstellungen an, darüber hinaus ziehen manche Verleiher ihre Donnerstags-Starttermine vor, aktuell auf den 27.12. diesen Jahres. Vielleicht ist das nicht ganz im Sinne des Weihnachtsfestes, aber zusammen mit anderen Geschädigten im Kinosaal sitzen, sich Illusionen hingeben, die Magie des Films erleben... Warum denn nicht?! Kino ist – wie so oft – die Rettung und Lösung für alles.
Besinnlich-erholsame Feiertage, welcher Art und wo auch immer, wünscht Euch
Tino------------->
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Wie sich der regelmäßige Leser dieser Kolumne erinnert, ging es vor nicht allzu langer Zeit um die Namen, welche Stars ihren Kindern verpassen. Nettes Thema, dachte sich Euer Tino, und lässt deswegen nun Runde 2 folgen. Für einen Text im gewohnten Stil reicht allerdings momentan die Zeit nicht aus; Vorweihnachtsstress, Arbeit und so, Ihr wisst schon. Deswegen gibt es heute kurz und knackig... ein Quiz.
Nachfolgend liste ich 14 Pseudonyme berühmter Schauspieler/innen auf, darunter dann ihre realen Namen, natürlich willkürlich durcheinander gewürfelt. In der Hoffnung, die Zuordnung macht Euch Spaß. Die ersten drei Leser, die 12 der 14 Zuordungen richtig haben, bekommen jeweils ein kleines Nikolausgeschenk vom Reviewnator Blog. Die Preise für den ersten bis dritten Platz könnt ihr euch weiter unten anschauen.
Mitraten, eure Antwort an
reviewnator@googlemail.com schicken und fette Preise mitnehmen!
Natürlich werden am Ende die Gewinner in einem Post des Reviewnators nochmals offiziell bekannt gegeben. Good Luck.
(1) - Alan Alda (A) - Sara Stina Hedberg
(2) - Omar Sharif (B) - Winona Laura Horowitz
(3) - Michael Keaton (C) - Norma Jean Mortensen
(4) - Marilyn Monroe (D) - Jennifer Anastassakis
(5) - Veronica Lake (E) - Caryn Elaine Johnson
(6) - Anne Bancroft (F) - Alphonso Joseph D’Abruzzo
(7) - Cary Grant (G) - Anna Maria Louise Italiano
(8) - Zarah Leander (H) - Michael Shalhoub
(9) - Carmen Electra (I) - Constance Frances Marie Ockleman
(10) - Jennifer Aniston (J) - Margaret Mary Emily Anne Hyra
(11) - Meg Ryan (K) - Allen Stewart Konigsberg
(12) - Whoopi Goldberg (L) - Michael John Douglas
(13) - Winona Ryder (M) - Archibald Alexander Leach
(14) - Woody Allen (N) - Tara Leigh Patrick
Hier die Preise:
Es heißt, der Mensch definiere sich über seine Taten, nicht Worte. Hat man es mit einem Regisseur zu tun, bedeutet dies grundsätzlich Betrachtung seiner Filme, denn die wenigsten Zuschauer dürften das Vergnügen haben, beispielsweise Steven Spielberg persönlich zu kennen. Eigentlich müsste sich darum in der heutigen Kolumne alles um Werke wie "M*A*S*H", "Short Cuts", "Gosford Park" oder "The Player" drehen. Doch sie sprechen für sich, jedes einzelne von ihnen ein Meisterwerk, unvergessen und unnachahmlich. Es lohnt kaum, noch überflüssige Worte zu verlieren, um ihren Schöpfer Robert Altman zu porträtieren. Deshalb nähert sich Euer trauriger Tino tatsächlich über den verbalen Weg, um die Person Altmans wenigstens ein Stück weit zu erkennen.

Schnöde Biographien gibt es wie Sand am Meer, bei Interesse sei folgerichtig eine kurze Internet-Recherche empfohlen. Wer aber war nun der Mann, dem Schauspielerin Helen Mirren eine "sehr idiosynkratische Art, Regie zu führen" bescheinigte? Offensichtlich ein jenseits allen Star-Gehabes arbeitender, bescheidener Filmemacher, welcher sein Verhältnis zu Hollywood kurz mit " We're not against each other. They sell shoes and I make gloves" beschrieb und die Frage nach seinem vorgeblichen Kultstatus ironisch abbügelte: "What is a cult? It just means not enough people to make a minority."

Egal, ob Kriegssatire, Kriminalstück im Stile Agatha Christies oder einfach nur Zustandsbeschreibung des Lebens einiger Großstädter: Altmans Filme sind einerseits extrem verschieden, andererseits aber stets beißend sarkastische Spiegelbilder gesellschaftlicher Miss- und Umstände. Sie weisen meist Überlänge auf und vereinen ein ausuferndes Ensemble. Schließlich gäbe es auch nach dem Abspann noch so vieles zu erzählen, wie Altman fast bedauernd beschrieb: "Mr. and Mrs. Smith get married, they have problems, they get back together and they live happily ever after. End of the movie. Two weeks later, he kills her, grinds her body up, feeds it to his girlfriend who dies of ptomaine poisoning, and her husband is prosecuted and sent to the electric chair for it - but here's our own little story with the happy ending. What is an ending? There's no such thing. Death is the only ending." Die unendliche Geschichte des menschlichen Lebens mit allen Höhen und Tiefen, Fehlern und Entscheidungen war Altmans Thema, welches sich lediglich in immer neue Gewänder kleidete. Denn "what I'm looking for is occurrence, truthful human behavior. We've got a kind of road map, and we're making it up as we travel along."

Vielleicht war es dieser ganz besondere Blick auf die Dinge, der Stars und Sternchen um eine Minirolle in seinen Filmen praktisch Schlange stehen ließ. Möglicherweise wollten sie aber auch die besondere Zusammenarbeit und Atmosphäre am Set genießen. Es ist kein Geheimnis, dass Altman seine Darsteller verehrte und – im Gegensatz zu anderen Regisseuren – entsprechend gut behandelte, "weil ich Schauspieler wirklich liebe und für das Herzstück eines jeden Films halte. Ohne sie gibt es keinen Film. Und jedes noch so gute Drehbuch ist immer zunächst zweidimensional - erst durch die Schauspieler bekommt es die entscheidende dritte Dimension. Ich versuche mich sehr in Schauspieler einzufühlen und ihnen jede Art von Unsicherheit oder Misstrauen zu nehmen. Nur so ist doch entspanntes und kreatives Arbeiten überhaupt erst möglich." Sie dankten es ihm mit hervorragenden Leistungen, mutigen Szenen, eingegangenen Risiken. Man denke beispielsweise an Julianne Moores einzige Nacktszene – zu sehen in "Short Cuts". Exemplarisch zudem, wie sehr Altman sich in Interviews hinter beziehungsweise bescheiden sogar unter seine Mimen stellte: "Es macht einfach keinen Spaß mehr mit dieser Meryl (Streep – d.V.). Die braucht mich überhaupt nicht. Ist ihr völlig egal, ob ich im Raum bin oder nicht. Sie macht, was ihr gerade einfällt. Bin völlig überflüssig. Wenn sie wenigstens arrogant wäre, unausstehlich jammern würde... Stattdessen ist sie furchtbar nett! Meryl gehört einfach zum Besten, was wir in Amerika haben. Eine unserer größten Schauspielerinnen."

Spricht so ein Regisseur, der Frauen hasste, wie viele Kritiker immer glaubten, der Welt mitteilen zu müssen? Und war solch ein Mann nicht nur fast ein halbes Jahrhundert mit seiner dritten Gattin Kathryn verheiratet, sondern zollte ihr auch bei jeder nur möglichen Gelegenheit Tribut: "Sie hätte den Oscar eher verdient als ich. Mit ihr verbringe ich die meiste Zeit. Wir sind seit... warten Sie mal, seit... 45 Jahren verheiratet! Ich komme ohne sie nicht aus. Brauche ihre Unterstützung, die sie mir nie versagt hat. Nein, sie verzweifelt, sie ist genauso am Boden zerstört wie ich, wenn wir die ersten Kritiken lesen und man uns gerade verrissen hat. Dann steht sie auf, macht mir Frühstück"? Ein Mann, der wusste: "Wisdom and love have nothing to do with one another. Wisdom is staying alive, survival. You're wise if you don't stick your finger in the light plug. Love - you'll stick your finger in anything"? Der geneigte Leser bilde sich eine eigene Meinung.

Schließlich war sich Altman aber auch genau des Business' bewusst, in welchem er arbeitete, und kannte dessen Veränderungen: "Everything can also be shown so quickly in the home - which means that the people who go to movie theaters are teenagers who just want to get away from home. The audience has changed and the content has changed to suit that audience. But, even if I'll be an outdated item very shortly, I intend to carry on as long as I can." Gemäß der Devise: "Filmmaking is a chance to live many lifetimes." Aber leider war Altman eben auch bloß ein Mensch und als solcher an sein einziges irdisches Leben gebunden. Man mag es als Zufall ansehen, dass in seinem letzten Film "A Prairie Companion" am Ende der leibhaftige Tod auftaucht. Eventuell war es jedoch auch eine Vorahnung Altmans, der sein Leben der Arbeit und somit der hohen Filmkunst gewidmet hatte – "Retirement? You're talking about death, right?" –, dabei aber stets sämtliche Lorbeeren von sich wies: " Everything I've learned has come from watching other directors: Bergman, Fellini, Kurosawa, Huston and Renoir."

Am 20. November 2006 verstarb Altman in Los Angeles. Und mit ihm neben dem cineastischen Genie ein faszinierender Charakter, welcher in den obigen Zeilen nicht einmal ansatzweise gewürdigt werden konnte. Es trauert
Tino------------->
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