| Falkenauge |
Falke: Jeyz Interview für rap4fame.de [Bozz-Music]
R4F: Ich habe vor langem auch eine Einzelhandelskaufmann Ausbildung gemacht [lacht]. Schwierig irgendwas zu machen, was man nicht will [lacht]. R4F: Ja, ich hatte auch keine Lust drauf. Aber letztendlich ist es gut für uns. Man weiß nie, wie es im Leben kommt und man kann so auf irgendwas zurückgreifen. R4F: Auf jeden Fall. Jonesmann wird ja ebenfalls auf deinem Mixtape vertreten sein. Ihr beiden wart vor langer Zeit Teil der Formation "Chabs". Wie hoch stehen heute die Chancen einer Chabs-Reunion? Ich habe vor kurzem gelesen, dass Jonesmann gar nicht mehr rappen will. Ich weiß nicht, ob es ein Gerücht ist. Ich habe es irgendwo mal gesagt bekommen und hielt das für ein Gerücht. Aber dann wurde ich von anderen Leuten wieder angesprochen. Auch bei mir im Forum haben die drüber geredet. Ich denke mal, dass er nicht mehr soviel rappen will. Der wollte sich mehr auf das Singen konzentrieren. Abgesehen davon, hat jetzt jeder seine Projekte, die er machen muss. Ich komme nicht mal mit meinem Zeug, das ich machen will, nach und bin jetzt schon an meinem zweiten Album dran, was im zweiten Quartal des nächsten Jahres kommen soll. Mit der Schließung von Bozz habe ich auch viel Stress. Ausschließen würde ich eine Reunion nicht, aber das ist Zukunftsmusik. Wir haben auch noch nie wirklich darüber gesprochen. R4F: Wo wir gerade von Chabs reden. Was macht Chan eigentlich? Von dem hat man lange Zeit nichts gehört. Ich glaube, der macht das Management bei Echte Musik. R4F: Habt ihr noch Kontakt? Wir sehen uns ziemlich selten. Im Durchschnitt sehen wir uns einmal in zwei Monaten. Ich bin jetzt auch nicht so oft in Clubs unterwegs, weil wir oft Auftritte haben. Wenn ich mal frei habe, dann besuche ich meine Familie und mache mir mit denen einen schönen Abend zu Hause. Deswegen läuft man sich nicht mehr so oft über den Weg. R4F: Eine weitere Formation ist Warheit. Was sind die Eindrücke die geblieben sind von der Zeit, als ihr an dem Album gearbeitet habt? Es war die geilste Zeit auf die ich, von der musikalischen Seite her, zurückblicken kann. Immer wir vier Chaoten im Studio und dabei ist eins der besten deutschen Alben herausgekommen, meiner Meinung nach. Das sagt zwar jeder, der ein Album macht, von sich selber, aber ganz ehrlich, ich höre mir das Album heute noch an und feiere jeden Song. Am liebsten würde ich zu jedem Song ein Video machen und finde es sehr schade, das Chaker und Sezai mit Musik nichts mehr zutun haben wollen und wir kein zweites Album machen können. Wir konnten mit der Scheibe auch nicht auf Tour fahren. R4F: Also kommt ein Warheit-Album in Zukunft nicht mehr in Frage? Wenn, dann nicht in dieser Formation. Man kann zwar nie wissen, aber so, wie die Dinge momentan aussehen, ist es einfach ausgeschlossen. R4F: Was ist denn mit Lunafrow? Von dem hört man auch nichts mehr. Den habe ich ehrlich gesagt seit Jahrhunderten nicht mehr gesehen. Ich glaube der macht immer noch Musik. Ich habe gehört, dass er ein Mixtape oder ein Album rausgehauen hat.
R4F: Also würdest du sagen, dass die Leute, die sich die Musik illegal runterladen, schuld daran sind? Ich rede mal jetzt bezogen auf Bozz Musik. Wir haben ja nicht wenige Fans, zumindest nicht weniger als andere. Aber anscheinend laden sich mehr von unseren Fans die Sachen runter. Ansonsten wäre es niemals soweit gekommen, dass wir die Pforten schließen müssen. Ich kann es den Leuten nur ans Herz legen: Wenn ihr die Musik von einem Künstler liebt, dann unterstützt ihn. Ansonsten werdet ihr bald nichts mehr von ihm hören. Ich bin meinem Management sehr dankbar dafür, dass sie ein neues Label gegründet haben. Die kümmern sich jetzt um alles, was mit mir zu tun hat. Anfang des nächsten Jahres werden wir einen Jeyz-Shop haben. Da wird es T-Shrts, Pullis und andere Sachen geben. Ich bin sehr froh, die bei mir zu haben. Sie machen sehr gute Arbeit und ich bin voll und ganz mit denen zufrieden, trotzdem bin ich immer noch Bozz Musiker. Das ist einfach nur ein Label, wo ich jetzt veröffentliche und das mir als Plattform dient. Die Leute wissen, dass ich Bozz Musiker bin. Im Endeffekt geht es jetzt nur noch um Jeyz. Ich versuche kein Label groß zu machen. Ich versuche jetzt meinen Namen groß zu machen. R4F: Du sagtest gerade, dass du immer Bozz Musiker bleiben wirst. Ist Bozz vielleicht schon eine Lebenseinstellung für dich und viel mehr als ein Unternehmen, bei dem du veröffentlicht hast? Bei uns war es nicht so, wie bei anderen Labels. Bei uns gab es immer eine familiäre Bindung. Wir sind alle sehr gute Freunde. Trotz dessen, dass die Pforten jetzt geschlossen sind, hängen wir immer noch miteinander ab. Es ist nicht wie bei anderen Labels, wie bei Aggro Berlin zum Beispiel. Sido und Fler haben auf einmal nichts mehr miteinander zu tun. Fler geht auf einmal zu Bushido. Bei uns gibt es so etwas nicht. Bei uns ist es nach wie vor eine familiäre Bindung. Wir sind immer noch Freunde. Ich kann mir jetzt auch nicht vorstellen irgendein anderes Label groß zu machen. Mein Management hat für mich ein Label eröffnet, damit ich einfach eine Plattform habe, um CDs zu veröffentlichen. Aber im Endeffekt wissen die Leute, dass ich Bozz Musiker bin. Und ich werde auch Bozz Musiker bleiben, egal wo ich in Zukunft veröffentlichen werde. Das gilt auch für 439 und Azad. R4F: Was zeichnet einen Bozz Musiker aus? Ehre, Stolz, Respekt und Qualität. R4F: Du versuchst oft den Jugendlichen Hoffnung zu machen in deinen Texten. Womit hast du dich früher abgelenkt, um keine Scheiße zu bauen? Ich habe viel Kampfsport gemacht, zwei Jahre Wing Tsun, ein paar Monate Thai Boxen und ein paar Monate Taekwondo. Aber ich habe auch selber geschrieben und mich so selbst therapiert. Ich bin ein riesiger Tupac-Fan und habe viel Musik von ihm gehört. Immer wenn es mir schlecht ging, habe ich einfach erstmal eine Stunde lang Tupac gehört und mich dann hingesetzt und geschrieben. Damals habe ich fast kein Wort verstanden, weil ich kein englisch konnte. Heute verstehe ich natürlich mehr. Aber alleine wie der gerappt hat und die Musik im Hintergrund, das hat mir immer Mut gemacht selbst weiterzumachen. Meine eigenen Texte, die ich aufgeschrieben habe, haben auch immer von meinen eigenen Problemen gehandelt. Das hat mich einfach therapiert. Ich weiß in welcher Lage sich Jugendliche befinden und vielleicht ist es auch der Grund, warum ich viele von denen anspreche mit meiner Musik. Ich habe tausend Briefe bekommen, teilweise von Leuten, die sich das Leben nehmen wollten. Einer hat den Song "Gib mir ein Zeichen" gehört. Das war der Grund, warum er doch nicht vor den Zug gesprungen ist. Am Anfang dachte ich, das wäre eine Verarsche. Ich habe ihm nach dem Brief geschrieben: "Wenn es echt ist, was du da geschrieben hast, dann freut es mich echt zu hören, dass ich dich davon abbringen konnte und dass du doch noch deinen Weg gefunden hast." Dann hat er mir noch einen riesen Brief geschrieben: "Hey, über so was würde ich niemals Witze machen. Ich schwöre bei Gott, dass es wirklich so gewesen ist." Er hat das im Walkman gehört und meinte, dass der Song im richtigen Augenblick kam. Der hat darüber nachgedacht vor den Zug zu springen und als der Song "Gib mir ein Zeichen" kam, hat er sich noch mal umentschieden. Das war eine Sache von Sekunden, meinte er. Der Zug kam schon an, als der Song ihm den Impuls gegeben hat es nicht zu tun. Das hat mich in dem Moment auf jeden Fall stolz gemacht. Das gibt mir auch viel mehr, als wenn ich jetzt mit der Musik Millionär werden würde. Ich habe viel Scheiße in meinem Leben gemacht und habe viele Minuspunkte gesammelt, wenn man nach oben blickt. So sammele ich mir meine Pluspunkte damit, dass ich Menschen helfe. Das gibt mir auch die Kraft weiterzumachen. Dass man weiß, dass man nicht den riesen Erfolg hat, den man eigentlich verdient, aber trotzdem was zurück bekommt. R4F: Krasse Geschichte. Warst du vielleicht als Jugendlicher auch in einer ähnlichen Situation, wo dir beispielsweise Tupac geholfen hat? Ich hatte auch viele Krisen. Meine Eltern hatten untereinander viele Probleme. Als ich geboren wurde lag ich zwei Monate auf der Intensivstation. Ich denke mir immer, dass der Schmerz mich mein Leben lang verfolgen wird. Normalerweise wird man geboren und kann nach zwei bis drei Tagen zur Familie. Bei mir war das so, dass meine Mutter mich nach der Geburt nicht mal zu sehen bekommen hat. Ich lag auf der Intensivstation mit irgendwelchen Drähten und Schläuchen in mir. Es ist damals irgendwas schiefgegangen. Meine Mutter hat die ganze Zeit gebetet. Sie ist abergläubisch und hat gesagt: "Wenn er das überlebt, gebe ich ihm deinen Namen als Zweitnamen". Deswegen heiße ich Gaetano Jesus Cacciato. R4F: Bei der Recherche habe ich öfter gelesen, dass Rap ein Ventil für dich ist, um mit Problemen fertig zu werden. Was denkst du würde passieren, wenn du nicht zu Rap gefunden hättest und somit auch kein Ventil hättest um deinen Frust rauszulassen? Ich glaube, dann würde ich Kampfsport betreiben. Ich habe früher ja viel Kampfsport gemacht. Das lenkt auch ein bisschen von den Problemen, die man hat, ab. Rap gibt mir aber noch etwas mehr. Wenn ich die Probleme aufschreibe und einen geilen Beat dazu gefunden habe und aufnehme, dann gibt mir das eine immense Kraft.
Ja. Als ich jünger war, habe ich fast nur Tupac gehört, es war aber auch viel Französisches dabei. IAM hat mir viel gegeben. Die habe ich Jahrelang gefeiert. Auch "Ou Je Vis" von Shurik'n habe ich sehr gefeiert und feiere es heute noch. Akhenaton, Freeman, Booba, Soprano, Sefyu sind die Leute, die ich mir gerne anhöre. Ich habe nicht soviel Zeit Platten auszuchecken, aber das sind die, die mir spontan einfallen würden. Mac Tyer wäre da noch. Rim'K und Rohff nicht zu vergessen. Die französische Szene gibt mir mehr, als die Ami-Szene. Vielleicht haben wir da mehr Parallelen zu denen. Wobei ich jetzt die Amis nicht schlecht machen will. Ein Jay-Z ist immer noch krass. R4F: Hast du sein neues Album gehört? Ich hab es leider noch nicht gehört. Muss ich mir noch kaufen. R4F: Du hast eben Booba erwähnt. Damals, als das Lunatic-Album rauskam… Ach, Lunatic! Habe ich eben vergessen, sorry [lacht]. R4F: Ja, die waren damals echt in aller Munde. Germ hat ihn mal bei Supreme erwähnt. Bushido sah man auch dauernd mit einem 45 Scientific-Shirt rumlaufen. Hast du diese ganze Welle damals auch mitbekommen und hat es dich vielleicht beeinflusst? Ich habe damals bei Azad im Studio abgehangen und der hat viele Platten von den Franzosen. Dadurch habe ich die das erste Mal gehört und den Sound gefeiert. Achso, NTM kommt auch noch dazu. "This is for my peeeeople!!!" Die habe ich damals alle übertrieben gefeiert. Später, als ich Bushido und die ganzen anderen Leute kennengelernt habe, habe ich mitbekommen, dass sie die auch feiern. Aber das war nicht anders rum, also ich habe nicht erst die Jungs kennengelernt und bin durch die auf die Franzosen gekommen. Ich habe die IAM-Sachen schon früher gefeiert. R4F: Also schon Mitte der Neunziger? Ja, das war so Mitte der Neunziger Jahre. R4F: Du bist selber Sizilianischer Herkunft, konntest du dich früher mit Filmen, wie der Pate oder ähnlichen Mafiageschichten identifizieren? Als ich in Sizilien Urlaub gemacht habe, habe ich viel mitbekommen. Meine Tante hat mir erzählt, was da abging. Wenn man sich dann den Film anschaut, sieht man zwar, dass es ein Hollywood-Streifen ist, aber es ist in Wirklichkeit fast genauso. Da sind ein paar Sachen bei mir im Dorf vorgefallen. Geschäfte werden geschlossen. Wenn die Polizei kommt und fragt, was passiert ist, hat keiner was gesehen. Zum Beispiel bei den Camora… R4F: Hast du den Film über die Camora gesehen? Ja, aber ich finde der ist etwas kitschig gemacht. Die Art, wie sie reden. R4F: Als ich den gesehen habe, kam er mir eigentlich authentisch rüber. Die Sachen, die passieren sind auf jeden Fall alle authentisch. Aber die Art, wie die Schauspieler das gespielt haben war kitschig. Das ist zum Teil so lustig gemacht worden, die Dialoge zum Beispiel. Aber was da vorgefallen ist, das ist wirklich so. Die gehen einfach in den Laden und sagen: "Hey ich will das Geld haben". Oder die bringen irgendjemanden um. Auf einmal schließen die ganzen Geschäfte und keiner hat was gesehen. Das ist auf jeden Fall immer noch so. Am besten ist, dass man sich aus allem raus hält. Einfach hoffen und beten, dass man nicht irgendwas sieht, dass man lieber hätte nicht sehen sollen. R4F: Wie ist es mit Mario Puzo? Kennst du seine Bücher? Ich lese gerade ein Buch, aber nicht von Puzo. "Cosa Nostra – Die Geschichte der Mafia" heißt das Buch, von John Dickie. Der hat die Geschichte vom neunzehnten Jahrhundert bis heute aufgeschrieben. Es ist gut geworden. Ich bin jetzt bei 1920 und es war bisher sehr interessant. Vor allem dieser Mammutprozess. Das war glaube ich 1992. Da haben die Buchetta verhaftet und der hat gegen alle Mafiamitglieder ausgesagt, was er eigentlich nicht machen wollte. Da gab es einen, der alle Regeln gebrochen hat und da dachte er sich: "Wenn es so ist, dann gehe ich zu den Bullen und will mit euch allen nichts mehr zu tun haben." Der hat dafür gesorgt, dass 138 Mafiosi verhaftet wurden, unter anderem auch drei oder vier richtige Bosse. R4F: Hört sich interessant an. "Der Sizlianer" ist ein Buch von Puzo über Salvatore Giuliano… Ja, das ist der Robin Hood der Sizilianer gewesen. R4F: Genau. Die einen sehen ihn als Robin Hood Siziliens, und andere sehen ihn als Mörder und Bandit. Die sehen das so, weil ihm eine Falle gestellt wurde. Die haben das nach Außen so hingestellt, als ob er die Kinder und die Frauen umgebracht hat. Dabei hat er zu den Leuten gemeint: "Macht es nicht!" Es waren Verräter. Die sollten in seinem Auftrag, aber von der Polizei aus, so handeln. Auf einmal hieß es: "Robin Hood hat Kinder umgebracht." Dabei hat er gesagt: "Auf keinen Fall auf Frauen und Kinder schießen!" R4F: Kommen wir zum Schluss des Interviews zu einem kleinen Spiel. Ich gebe dir einen unvollständigen kurzen Satz vor und du vervollständigst den Satz mit deinen eigenen Worten. Was ich liebe, ist… Was ich liebe, ist die Familie.
Quelle: www.rap4fame.de 23:03 - 28.11.2009 - kommentar schreiben
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