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10.03.2006; Säuren und Saures

 

 

- Die Geschichte von Hannes und der Flusssäure -

 

Dies ist die Geschichte von Hannes, einem Kumpel von mir. Ich fand sie

so krass, dass ich sie aufschreiben musste...  

 

Ein Teil von Hannes lebt im Untergrund. Er hat eine stadtbekannte Identität und kennt sich in seinem Land bestens aus. Keine Straße und keine Bahnstrecke, die nicht in den Genuss kam, seine lautlosen Schritte zu spüren. Kein Pflasterstein und kein Busch, der nicht in der Dunkelheit der Laternen seinen Schatten dinglich werden ließ.
Alternde  Klischeeimitatoren würden ihn in einer Samstagnacht gnadenlos des geistigen Eigentums berauben, wenn sie ihn nur ausfindig machen könnten. Hannes ist ein begnadetes Talent des Entertainments. Er verwandelt sein Umfeld spielend in Spaßschnorrer. Manieren hat er und kleine Hände. Mit denen zieht er filigrane Linien bis zum Boden und stützt sich beim Klettern gekonnt auf steinigen Mauern ab.

Er ist auf der Flucht. Hannes flieht vor nächtlichen Passanten, vor Bahnwärtern und viel zu lauten Nachtsichthelikoptern, als würden sie ihm an seine Existenz wollen. Sie sind hinter ihm her. Ein grüner Handgriff auf seiner Schulter bedeutet geschätzte 10 Jahre Knast und Abschiebung ins osteuropäische Reich. Sie würden ihn wirklich gern zur Strecke bringen.

So sieht es aus. Man hat es nun mal nicht einfach als Graffitimaler ohne Pass in Deutschland. Legale Verfolgung einer illegalen Passion ist die eine Seite, illegale Wohnhaftigkeit einer legaleren Person als jeder Murat im SLK die andere. Zwei riskante Aspekte, die zusammen mehr Adrenalin ausschütten als ein ungesicherter Blick aus der offenen Flugzeugflanke in 3000 Metern Höhe. Diese Kunst ist eine Sucht nach Dopamin- und Endorphinergüssen, immer auf der Jagd nach maximalem Respekt und nie zuvor erreichten Aktionen. Höher, schneller, bunter.

 

S. ist einer der Wenigen, die Hannes’ Leidenschaft bezeugen können. Oder dürfen. Die etwaige Enttarnung zwingt Hannes dazu, auch im sozialen Alltag hinter Fassaden abzutauchen und sich bezüglich seiner künstlerischen Aktivität bedeckt zu halten. Doch hier und da begegnet er einer vertrauenswürdigen Seele, derer ihm ihr einen Einblick zu verwähren unnötig erscheint.

An irgendeiner Stelle in seinem Leben offenbarte sich Hannes ihm. An irgendeiner Stelle bekam S. die Sache mit. Ab irgendeinem Zeitpunkt wusste er Bescheid.

 

S. ist ein junger Geschäftsführer in einem Laden, der hauptsächlich Hip Hop Mode vertreibt.  Und eben ein perfektes Beispiel für einen Spaßschnorrer an einem Samstagabend unter Freunden, der sich lachend zurücklehnt und die anderen improvisieren, assoziieren und imitieren lässt. Sein Bild würde perfekt mit einem Zahnstocher zwischen den Lippen, der ihn leider am herzhaften Lachen über meisterhafte Darbietungen hindert. Unter seiner gelben Kappe auf rotem Kopftuch, kombiniert mit einem gelben Gürtel, rotgelben Sneakern, förmig rasiertem Gelbart und echten Glassteckern im Ohr, biedert sich den anderen auch ohne Klischeezahnstocher seine mimiklose Coolness ohne ein Quäntchen Teilnahme an der Show an. Irgendwie wäre er auch gern so lustig und allseits beliebt wie die. Aber irgendwie ist er cooler. Wie auch immer – S. gewinnt Hannes’ Sympathie. Ihnen wird etwas zuteil, was man Freundschaft nennt.

Sie kennen sich schon lange. S. erfährt von der Leidenschaft der illegalen Straßenkunst; Hannes von S. Plänen, sich mit der geldmachenden Welt des Geschäftsführers eines Klamottenladens  zu verbinden.

 

Auf der Suche nach Irreparabelität der Schriftzüge in Fensterscheiben ergattert einer der Gleichgesinnten in Hannes’ Umfeld ein begrenztes und kostspieliges Kontingent an Flusssäure. Flusssäure ist ein stark ätzendes Kontaktgift, das sich, selbstverständlich nur unter Vorsichtsmaßnahmen, in alles einbrennt, womit es in Verbindung kommt.

Leicht beschwingt machen sich Hannes und ein paar andere Jungs auf den besten Weg, die Innenstadt zu verschönern und biedere Vertreter der Besitz- und Eigentumstheorie zu verärgern. Das Zeug ist teuer, also überlässt Hannes seinen Freunden den Vortritt beim Nameneinätzen. Doch vergessen wird er nicht. Fleißige fremde Hände lassen Hannes’ Pseudonym unvergänglich in Glas fließen. Ohne, dass er selbst die Kontrolle über den Verbleib der Relikte behält.

 

Es ereignet sich einige Tage oder Wochen später, dass sich Hannes und S. wieder begegnen.  Und S. ist sauer, weil er letztens, beim morgendlichen Aufschließen seines Klamottenladens, Hannes’ Namen im eigenen Schaufenster entdeckt hatte. Säuberlich eingeätzt. Nur durch Auswechseln der Scheibe zu beseitigen.

Just in diesem Moment erinnert sich Hannes an diese Nacht und ihm fällt auf, dass es gut sein kann, dass seine Begleiter ihn in S.' Scheibe verewigt haben. Doch er entschuldigt sich und die unangenehme Situation erteilt ihm eine Lehre.

S. hat den Schaden gemeldet. Er berichtet, wie die Versicherung die Lädierung eruiert und letztendlich bezahlt hat. S. hat ein nigelnagelneues  Schaufenster von ihr bekommen und Hannes fällt ein Stein vom Herzen, denn er begreift, dass dies eine Überschreitung freundschaftlicher Toleranzgrenzen war und ihm die Blamage ins Gesicht geschrieben steht. Dumm gelaufen. Aber irgendwie doch gerettet. Die Versicherung hat den Schaden behoben. S. hat keine Probleme deswegen bekommen. Und Hannes ist mit einer Entschuldigung raus.
Was könnte er auch gegen die Flusssäure tun? Zu putzen gibt es da nichts.

 

Im nächsten Moment fordert S. von Hannes 5000 Euro. Quasi zur freundschaftlichen Wiedergutmachung. Wenn er das Geld nicht zahlt, will S. Hannes’ Daten der Polizei weitergeben. Zur strafrechtlichen Verfolgung. Und somit auch zu Hannes’ Abschiebung.

Er wird dann ins Gefängnis gehen. Er wird seine Freiheit verlieren.

Er wird sie nicht ehrenhaft verlieren, von einer grünen Hand festgehalten, weil er nicht schnell genug rannte nachdem er ein großes buntes Bild gemalt und sich den Adrenalinkick geholt hat. Sondern unehrenhaft. In den Rücken geschossen, bevor er sich im Duell umdreht.

Oder S. hat bald 5000 Euro auf seinem Privatkonto.

  


Kommentar ohne Titel

chriskm | 10.03.2006 - 18:32
<a href='http://blog.hiphop.de/chriskm/profile/'>chriskm</a>um es mit rebelone zu sagen: "freunde verraten niemals freunde an schweine..."

womit klar sein sollte wer freund, wer feind und wer schwein ist. oder um´s direkt zu sagen: "S." ist ein arschloch.

Trust no one...

Luke | 10.03.2006 - 20:20
<a href='http://blog.hiphop.de/profile.php'>Luke</a>aka S. ist ein Arschloch, so wie viele andere Businessmänner.

Trotzdem unschöne Geschichte, auch wenn man evtl. besser auf seine Kollegen aufpassen sollte, damit die keine Scheisse bauen.

Aber: Wenn man keinen Pass hat sollte man doch auch keinen polizeilich gemeldeten Wohnsitz besitzen, oder?

...

Sheephunter | 10.03.2006 - 22:44
<a href='http://blog.hiphop.de/Sheephunter/profile/'>Sheephunter</a>that's business, that's Bitchmove.

P.S.: Dein anderer Schreibstil gefällt mir etwas besser. ;)

Kommentar ohne Titel

pookie | 11.03.2006 - 11:33
pookienach so nem move.dann wird wohl bald mal wieder ne neue schaufensterscheibe nötig sein.

oha

stigur | 11.03.2006 - 12:02
<a href='http://blog.hiphop.de/stigur/profile/'>stigur</a>was für ein freund ... als ob so ein ätzer im schaufenster der untergang wäre...pfff. ja, man muss schon aufpassen wem man vertraut. ziemlich harte lektion für hannes würd ihc sagen. und nun? bezahlt er das geld? sehr gut geschrieben übrigens!greetza

Wie immer gute Story,

toxik | 11.03.2006 - 16:59
<a href='http://blog.hiphop.de/toxik/profile/'>toxik</a>aber ich stimme dem Sheephunter zu, dein Schreibstil ist sonst cooler. Is nur 'ne persönliche Meinung, aber unkomplizierter und direkter gefällt mir besser. Das hier wirkt teilweise als würdest du versuchen möglichst gut zu schreiben. Die anderen Texte lesen sich eher als würdest du einfach erzählen, das finde ich auf jeden geiler. Soll aber nicht heißen das der Text nicht gut geschrieben wär. Mach weiter dein Ding.



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