Wenn
ein Cover schon so aussieht, was kann man dann vom Inhalt erwarten?
Wenn man sich ein Album am Silvestertag kauft und überall Schnee liegt,
die Temperaturen bei zehn Grad unter Null liegen - was wäre da
passender, als Musik, welche diesem Cover gerecht würde? Tatsächlich
hat
Scarface mit "
The last of a dying breed"
eines seiner besten Werke abgeliefert. Man ist es vom Rapschwergewicht
aus Houston gewohnt, dass es durch und durch stimmige Alben präsentiert
und doch ist man immer wieder auf's neue überwältigt.
Wie im Intro,
als auch dem anschliessenden Titeltrack die Nacht des neunten
Novembers, neunzehnhundertsiebzig - die Nacht, in welcher
Brad Jordan
zur Welt kam - auf eindrucksvolle Art und Weise zum Hörspiel gemacht
wird, das kann nicht kalt lassen. Eine dunkle Klangwelt trifft auf
weihnachtlich klingende Glöckchen, ein Text voller Melancholie auf
einen Rap, der klingt als Stürbe der Protagonist jede Minute.
Generell ist es diese lyrische Rafinesse, welche
Scarface von anderen Gangsterrappern abhebt. Man muss kein Image einfordern. So spricht er in "
Look me in my eyes" zwar darüber, dass das FBI ihn beschattet hat, doch wird gleichermassen angeführt, dass der
Geto Boy nie ein Drogenkingpin oder ein Pusher im grossen Stile war.
Genauso beeindruckend illustriert "
Sorry for what"
ein krisenreiches Erwachen aus einer Mixtur aus Schlaftabletten und
Alkohol. Paranoia und Einsamkeit, Wut und Ohnmacht - pure Verzweiflung
verbinden sich zu einem Blues, welcher aus der irrdischen Welt
entreisst und für vier Minuten und achtunddreissig Sekunden in ein
schemenhaftes Traumkonstrukt entführt, welches so surreal wirkt, dass
man wiederum geneigt ist es als "wahr" an zu erkennen.
Ausflüge wie Features mit
Redman oder
Jay-Z verkommen
dann auch keineswegs zu "Pflichtaufgaben", auf welchen einfach
"geboastet" wird. Nein, es werden Storyteller und realistische
Strassenreflektionen dargeboten, um dann im finalen Liede des Albums zu
einem Meisterwerk an Lethargie zu werden. "
It
was a cold morning, gloomy, sun barely shining - figured it was gon'
rain today, so I'm in. Sittin' 'round the house until the thunder storm
slacks off..." beginnt es und so zieht es sich die knappt sechs
Minuten kontinuierlich durch das gesamte Lied. Ein dunkler Tag, gefüllt
von Zweifeln und Wolken, existenzielle Ängste vereinen sich mit Fragen
nach dem "
Sinn". An's Ende dieser CD hat
Face
den totalen Abschuss gestellt. Ein Stück Musik, welches wie eine zu
weiche Matratze ist - man versinkt darin, doch ohne sich darin betten
zu können. Man wird umgetrieben, in einen schwarzen Nebel gesogen. Man
sucht nach der Antwort - ohne sie zu finden. Man fühlt das, was man
wohl als Letzter einer sterbenden Brut fühlen muss.
Das Nest ist gemacht und wird zum selbstgeschaufelten Grabe.