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26.12.2010 - Mortis One im Interview mit badaboombadabang

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Es gibt immer wieder solche Phänomene im Rapgeschehen: Man hört und sieht nichts von ihnen, dabei treiben sie bereits seit Jahren ihr Unwesen hinter den Kulissen. So waren Fans, Kollegen und Journalisten auch nicht wenig erstaunt, als ein gewisser Marten Laciny, besser bekannt als Marteria, in Interviews statete, dass er bereits vor Jahren gemeinsam mit der Underdog Cru die deutschen Bühnen gerockt und dieses Jahr seinen bereits siebten Splash!-Auftritt verbuchen konnte. Zwar nicht in der selben Dimension was Erfolg und Bekanntheitsgrad betrifft, jedoch ähnlich verhält es sich auch bei dem Hannoveraner Rap-Veteran Mortis One. Mit seinem Online-Mixtape "...Weil ich's kann!" hat er, neben dem Kollegen Rockstah, die wohl beachtlichste (Nicht-Newcomer-)Newcomer-Leistung in diesem Jahr hingelegt. Warum? Die Antwort findet Ihr im Titel des Mixtapes. Spätestens mit seinem aktuell zweiten Geniestreich in Mixtape-Form "Immer wieder gern" stellt Mortis unter Beweis, dass Aufmerksamkeit hier das einzig Vernünftige ist.




Mortis One: Alles gut?


Ich bin ein bisschen geknebelt von der Arbeit, aber ansonsten... Man soll sich ja nicht soviel beschweren.


Mortis One: Geht mir ähnlich. Plus Grippe.


Ich hoffe das Internetcafé, in dem du dich befindest, gehört einem Kumpel. Nicht, dass du am Ende wegen all der Tipperei fünf Stunden dort verbringen musst. Könnte sonst teuer werden... fünf Euro oder so.


Mortis One: (lacht) Nee, passt schon. Ich will nur noch kurz meine Mails checken.


Ich hätte das Interview ja gerne per Telefon geführt, aber seit dem letzten Interview mit JAW hat mein Diktiergerät den Geist aufgegeben.


Mortis One: Haha, der böse JAW. Böse Schwingungen haben dein Diktiergerät zerstört. (lacht)


Ja, wohlmöglich zuviel pessimistisches Geschwätz.


Mortis One: Okay, wollen wir anfangen?




Der Song, durch den ich ja erst richtig auf dich aufmerksam wurde, war "Teufel im Nacken". Inwiefern ist "Teufel im Nacken" denn noch aktuell und trifft auf dein Leben zu?


Mortis One: Im Endeffekt war der Song eher ein Befreiungsschlag, um mich von dieser ganzen Scheiße loszureißen. Ich habe innerhalb eines Jahres mein Leben fast komplett verändert - weniger trinken, gutes Essen, 'ne gute Frau. Und ich bin produktiver denje. Bald kriege ich mein erstes Gehalt als Freelanzer. Gerade ist alles fein. Öörday hustlin' (lacht).


Das freut mich zu hören. Aber wie kommt es denn, dass sich ein mit Sicherheit nicht dummer Junge vom Gymnasiasten zum Typen, der bei Kumpels auf der Couch pennt, entwickelt? Du hast in mehreren Interviews ja schon gesagt, dass du einfach Bock auf dieses Musik-Ding inklusive Herumreisen, Jams zerstören, etc. hattest - viele würden aber sicherlich auch sagen, dass diese Liebe dann schon beinahe krankhaft wäre.


Mortis One: Wenn ich mich mit einem Menschen, der einfach keinen Bezug zu bestimmten Arten von Leidenschaften hat, unterhalten würde, dann würde der wohl zu so einem Schluss kommen, weil sein Horizont einfach sehr begrenzt ist. Ich für meinen Teil wollte schon immer mitnehmen, was ich mitnehmen kann. Und als dann diese Graffit-Rap-Sache kam – Boom - musste ich da einfach mitmachen. Raus aus dem Dorf, herumreisen... Weißt du, wenn du aus so einem ekeligen elitären Umfeld kommst wie ich, dann ist das ja ganz normal, dass man da raus will. Meine Eltern haben hart gearbeitet, um mir die Schule finanzieren zu können. Ich habe es nicht wahrgenommen und die logische Konsequenz war, dass ich mein Leben alleine regel, was mir bis jetzt ganz gut gelungen ist. Zumindest mehr oder minder. (lacht)


Du hast gerade deine Eltern erwähnt. Hattest du damals denn überhaupt keinen Kopfkrieg wegen ihnen? Ich denke mir, dass man sicherlich auch den Erwartungen seiner Eltern gerecht werden will beziehungsweise sie einfach glücklich sehen möchte. Nicht, weil man unbedingt diesen Gymnasium-Studium-Zyklus durchziehen sollte, damit alle glücklich und zufrieden sind, sondern eher weil es für einen selbst  auch nicht sonderlich prickelnd ist, wenn man seine Eltern sieht, die sich Sorgen um einen machen.


Mortis One: Naja, klingt vielleicht komisch, aber die haben mir seit Tag 1 vertraut. Ich hatte denen sogar nicht einmal Bescheid gesagt, dass ich umziehe. Mit Mitte 18 bin ich zu denen hin: “Mama, Papa... Ich ziehe nach Hannover zu 'nem Kumpel in den Flur - fahrt Ihr meinen Rechner und ein paar Klamotten?” Und ich war den Abend vorher noch auf einem Masta Ace-Konzert in Braunschweig und bin mit dem ersten Zug um sechs Uhr morgens in den Harz gefahren und dann nach Hannover. (lacht) Skeptisch waren sie schon, aber meine Eltern kennen mich ja schon lange genug, so dass sie wissen: Wenn ich etwas machen will, dann ziehe ich das auch durch ohne sie da mit reinzuziehen. Auch wenn es eine lange Mission war bis jetzt. Aber langsam läuft es ja und meine Ma kommt immer hier in Hannover vorbei und wir gehen zusammen party machen. Meist da, wo ich moderiere! (lacht)


Was hält sie denn konkret von deiner Musik?


Mortis One: Feiert sie! (lacht) “Niemals erwachsen” ist ihr Lieblingslied, das pumpt sie immer auf dem Weg zur Arbeit. Und “Hartz 4 Life” - paradox, wa?


Schon etwas.


Mortis One: Da zahlen die tausende von Euro für eine Privatschule und feiern meine Ode an die Arbeitslosigkeit


Es kommt alles anders als erwartet.


Mortis One: Jop.


Eine letzte Frage zur Fam: Hast du deine Mutter denn auch immer mit all deinen Rap-Platten penetriert, da du so ein verrückter HipHop-Fanatiker bist? Ich habe das zumindest oft so gemacht. Auch wenn ich mich oft danach geschämt habe...


Mortis One: Naja, meine Mutter ist da relativ schmerzfrei. Aber ich habe meine Oma immer mit Westberlin Maskulin-Tapes genervt. (grinst) Curse hat ihr aber gefallen. (lacht)


Okay, kommen wir mal zurück zu dem Rap-Ding. Was bist du denn nun eigentlich? Newcomer? Alter Hase? Ich erwähne im Zusammenhang mit Dir ja immer gerne den Begriff Nicht-Newcomer-Newcomer.


Mortis One: Naja, ist Newcomer altersabhängig? Ich sehe ja aus wie 16, hehe. Also ich finde mit 24 darf man noch Newcomer für Eure tolle Internetgemeinde sein. (lacht) Ich bin ja schon seit Jahren überall in Deutschland unterwegs, habe mich aber nie so richtig auf irgendwas fokussiert. Jetzt habe ich das mal ein knappes Jahr gemacht und schon kennt mich der weltbekannte badaboombadabang Blog... Aber feier ich, also deinen Blog! Gut, weg vom Arschkriechen...


Hahaha, wehe Ihr lacht gerade hinter dem Monitor!


Mortis One: (lacht) Okay, Frage zureichend beantwortet?


Voll. Dann erzähl für die Leute, die dich noch gar nicht auf dem Schirm haben, mal noch bitte woher man dich kennen könnte, was du die letzten Jahre Rap-technisch so getrieben hast und warum du so undercover unterwegs warst!


Mortis One: Die letztere Frage zuerst: Ich wollte halt immer nur live auftreten und bin kein Freund dieser Internetsache, auch wenn mir das jetzt mehr hilft den je. Ich habe auf jeden Fall über 300 Auftritte auf dem Buckel, war eine Zeit lang Backup von Rasputin, habe viel produziert und war auf “Feuer über Deutschland 3”. Mehr schlecht als recht. Ansonsten habe ich halt mit meinen Jungs von Volume Up aus Hannover viel gemacht. Desweiteren Tracks mit Morlockk Dilemma, Abroo, Termanology, Sabac Red, Dra-Q und noch einigen mehr. Puh, was ein Runtergerattere von Fakten. Olli Banjo hat auch einen Beat für irgendein Feature benutzt, glaube ich. Hilf mir mal auf die Sprünge, ich sehe mich ja nicht so oft von außen!


Ja, Mortis One - halt der Junge, der irgendwie auf zehn Jams gleichzeitig ist und ansonsten - schönerweise - den Abroo wohl genauso feiert wie ich es tue. Ansonsten hast du glaube ich alles gesagt.


Mortis One: Haha, cool. Ich war letztens in Frankfurt und wurde ganz entgeistert angeschaut: “Was machst du denn hier?! Du trittst doch gar nicht auf?” Ich: “Trinken.” Es macht halt Spaß unterwegs zu sein. Achso, und Liebe an Abroo!


Hättest du denn gedacht, dass - kurz nachdem du deinen Arsch mal hochbekommen und die Sache etwas straighter durchgezogen hast - es so “durch die Decke” gehen würde mit Dir? Bei Falk in der Sendung, Homegrown des Monats in der JUICE,...


Mortis One: Ja. Wobei das ja nicht durch die Decke gehen ist in dem Sinne...




Aber eben, dass dein Bekanntheitsgrad und auch die Resonanz derart in die Höhe schießen würden.


Mortis One: Ja. Also ich habe eine ähnliche Resonanz erwartet. Nicht weil ich arrogant bin, sondern weil ich weiß was ich kann und was nicht. Ich sehe das halt als Karma: Friss Scheiße für eine Sache an die du glaubst und arbeite hart genug daran, dann kommt auch was zurück. Ich hatte vor ein paar Tagen einen meiner schönsten Auftritte. Auf jeden Fall war ich sehr aufgeregt, weil ich wusste, dass da Leute wegen mir kommen und es feiern, aber ich null einschätzen konnte worauf ich mich einstellen soll. Ich bin halt das erste Mal seit drei Jahren wieder ohne Backup aufgetreten und das Set haben wir aufgrund interner Missverständnisse einen Tag vorher zusammengewürfelt. (lacht) Und als es dann losging... Bäääms! Laden voll, alle haben fast jede Zeile mitgerappt und am Ende konnte ich stagediven. Damit hätte ich nicht gerechnet. Das war das erste Mal, dass ich meine Relevanz auch beim Publikum gespürt habe. Presse und Künstler sind ja das Eine - da weiß ich ob es ankommt oder nicht, einfach weil ich mich ja auskenne mit dem was ich tue. Aber bei Fans ist das 'ne ganz andere Sache!


Geiler Scheiß. Wo war der Auftritt denn?


Mortis One: Der war in Burgdorf, eine halbe Stunde von Hannover entfernt. Battle Of The Beer hieß das.


Auf diversen Songs von Dir und auch in dem ein oder anderen Interview von Dir hast du gesagt, dass Dir Anerkennung innerhalb der Szene und dein Ruf eigentlich mit am wichtigsten ist - wichtiger als beispielsweise die dicke Knete. Für was würdest du dich persönlich denn entscheiden: a) Für jemanden, der bereits eine Millionen durch seine Mucke gemacht hat, den allerdings kein Schwein mehr leiden kann oder b) für jemanden, der eine überschaubare treue Fanbase und einen guten Ruf verbuchen kann, der Benz allerdings einem Polo weichen muss?


Mortis One: Ist ja eine ziemlich durchgekaute Frage, wa? (grinst) Warum kann man denn jemanden, der eine Millionen gemacht hat nicht mehr leiden? Solange ich am Ende immernoch meine besten Freunde wie auch schon in den letzten Jahren um mich habe, wäre es mir egal, ob mich jemand leiden kann, der nichts mit meinem Leben, geschweige denn mit meinen Geschäftsentscheidungen zu tun hat. Natürlich wird mir Musik, Kunst und Kreatives immer mehr wert sein als Geld, alleine schon, weil mir etwas fehlt, wenn mir die Sonne aus dem Arsch scheint und ich nichts habe worüber ich mich beschweren kann. (grinst) Wenn ich mir keine Gedanken mehr um das Geld machen müsste, würde mir wohl etwas Essentielles fehlen... Gewohnheitssache. Und selbst mit einer Millionen würde ich mir wohl noch Gedanken um 1000 Dinge machen.


Die Frage war jetzt auch unabhängig von den Gründen, warum man diejenige Person nicht mehr leiden kann, gestellt. Es geht eher um die Qual der Wahl.


Mortis One: Ist ja quasi schon beantwortet - natürlich mein Künstlerleben. Das ist mehr wert als jedes Geld der Welt, weil ich einfach innerhalb von den paar Jahren jetzt mehr erlebt habe als andere in ihrem gesamten Leben.


Du kommst auf vielen Songs mit unzähligen Reimketten um die Ecke, schraubst deine Skills auf Songs wie “Teufel im Nacken” allerdings auch ruhig mal eine Stufe zurück. Denkst du das macht einen kompletten MC aus?


Mortis One: Schon. Ich finde auch bei “Teufel im Nacken” sind die Ketten und so da - alleine in der Bridge! Aber man muss ja nicht alles extra so betonen, dass auch dem letzten Honk auffällt, dass es jetzt ein Fünffachreim ist. Ich finde die Stimme ist ja das letzte Instrument zum Beat und da schaust du halt was passt. Muss der jetzt komplett durch die Betonung und Dynamik der Wörter zerpflückt werden oder halt das komplette Gegenteil? Wenn es aber um das MC-Ding geht, bin ich lange nicht komplett... Bei 50 Prozent von dem was ich noch vorhabe, haha.


Das da wäre?


Mortis One: Ich feier zum Beispiel keine Doubletime-Dinger oder so cholerische Flow-Wutausbrüche. (lacht) Aber was mich persönlich betrifft: Ich brauche mehr Aufnahme-Skills. Meine Stimme besser einsetzen, kontrollierter flowen - also nur die technische Seite meines Instruments. Ich merke ja, dass was und wie ich etwas sage bei Menschen hängenbleibt und ihnen das etwas gibt. Das ist mein größtes Kompliment! Aber ich bin halt Perfektionist und finde das Meiste von dem was ich aufnehme nicht einmal gut. (lacht)


Der Perfektionist-Komplex also - überkritisch bis in den Tod?


Mortis One: Ja, leider. Der Ehrgeiz hat mich all die Jahre halt auch gehemmt. Aber jetzt denke ich mir, dass ich mich auch nur entwickeln kann, wenn ich etwas Kritik und Internethate bekomme und schaue was es mit mir anrichtet. Und es ist so wunderbar motivierend.


Liest du Dir denn wirklich alles über dich im Netz durch?


Mortis One: Habe ich eine Zeit lang, aber seit einer Woche lasse ich das. (lacht) Ich arbeite ja im Online-Marketing und weiß immer was wer wann über mich sagt, wenn ich das will. Ich finde es gut informiert zu sein und vor allem zu sehen in welchen Hals Musik, Texte und Statements kommen. Ich finde diese ganze Internet-Gemeinde halt lustig und unterhaltsam.


Noch einmal zurück zu den Reimketten: Wenn du nur damit glänzt, bekommst du ja auch relativ schnell diesen Papoose-Stempel aufgedrückt, der ja irgendwie schon negativ ausgelegt werden kann.


Mortis One: Ja, keine Ahnung. Mittlerweile ist es halt echt egal was du machst oder nicht. In Foren gibt es immer einen, der bessere Reime und coole Metaphern hat. Ist mir alles egal, solange ich egal wo und wann etwas raushauen kann und Leute entweder über die Punches feiern oder ihnen der Text aus der Seele spricht. Handwerklich weiß ich ja was ich beherrsche und das ist auch in mir drin, daher ist es ganz normal, dass wenn ich einen Text schreibe, dass sich das fast alles ineinander reimt. Auch ohne, dass es allen auffällt! (lacht)


Was feierst du persönlich denn mehr: Einen Rapper, der über eine wahnsinnig verrückte Flowtechnik verfügt, in seinen Texten allerdings nur haltlosen Unsinn verzapft oder jemanden, der weniger technikbegabt ist, dich aber mit seinem Text berührt?


Mortis One: Sein Charisma. Das ist alles. Ein F.R. ist einer der krassesten deutschen Techniker, aber der Rest... Und das neue Marteria-Album ist ein Beispiel dafür, wie souverän und zurückgeschraubt man wirklich große Musik schaffen kann.


Charisma aka Abroo. (lacht)


Mortis One: Ja, Abroo ist da ein gutes Beispiel. Ich finde den hart underrated – er hat geile Reime und Metaphern, aber auch immer authentische Themen und strahlt unglaublich viel Charisma nach außen. Ich denke, man kann einen guten Rapper einfach nicht konstruieren, entweder du bist es oder nicht.




Ich sehe dich als respektvollen Typen, der auch offen sagen kann, wenn er etwas feiert und der vor allem keine Scheuklappen hat. Wie würde deine persönliche Deutschrap-Supergroup aussehen, wenn du sie nach deinem Belieben zusammenstellen könntest?


Mortis One: Hahaha, jetzt kommt's! Also ich muss kurz einen Anruf tätigen, ob ich das jetzt verraten darf... Uno Sekundo! Es wird sich lohnen. (grinst)


(Mortis zückt sein Handy, um bei der Antihelden-Hälfte Dra-Q nach Erlaubnis zu fragen.)


Mortis One: Okay, ich habe grünes Licht. Meine Supergroup würde bestehen aus: Den Antihelden, Morlockk Dilemma, Kamp und mir. Ja, und so wie es aussieht kommt da bald etwas um die Ecke, inklusive der Snowgoons und einigen anderen amerikanischen und europäischen Artists. Also Damion Davis würde ich da auch mit reinnehmen, der hat aber leider nichts mit besagtem Projekt zu tun. Ach ja, dieses Projekt... Liebe! (lacht) Ich sehe es schon als riesen Privileg mit meinen Lieblingsrappern Mucke machen zu können.


Wenn du mir jetzt schon auf die Tour kommst, schieß los: Wie kam diese Idee zustande? Und was heißt “bald”? Inwiefern ist da denn schon etwas in trockenen Tüchern?


Mortis One: Die Idee ist unter der Schirmherrschaft von Onkel Q und DJ Illegal zustande gekommen und die meisten Leute haben schon zugesagt. Den Rest musst du die Jungs selber fragen. (grinst) Ich wollte jetzt nur einmal den Appetit anregen.


Aber aufgenommen ist noch nichts? Kannst du denn sagen, ob dieses Projekt thematisch dann auch in eine ähnliche Richtung wie Abroo & Dra-Q als Antihelden gehen wird?


Mortis One: Puh, da habe ich echt keine Ahnung! (lacht) Lass uns das auch mal nicht weiter vertiefen, das befindet sich wirklich alles erst noch im Aufbau.


Dann sag mal bitte noch kurz was du an den jeweiligen Acts so feierst.


Mortis One: Die Antihelden sind halt der Shit! Musik, die ich so sau gern höre. Dilemma ist einfach der krasseste deutsche Rapper für mich - ich mag diesen stressigen Hardcore-Rap. Außerdem hat er halt die fiesesten Punchlines und Reime, aber auch mit die geilsten Storytelling-Tracks in Deutschland. Alleine “Mike” oder der Nachbartrack. Bäms. Und Kamp ist halt unglaublich souverän. Mr. Slowflow mit den perversesten Reimketten. Und ich liebe diese Versager ohne Zukunft-Attitüde. Es gibt halt Leute bei denen klingt das weinerlich, bei ihm hört es sich an, als würde er in einer Kneipe neben mir sitzen und wir lachen über unser verkacktes Leben und torkeln am Ende des Abends aus der Spelunke und hauen uns in “Fight Club”-Manier auf's Maul. Mit unseren Streichholz-Armen. (lacht)


Das Gefühl hatte ich auch bei Marterias “Zum Glück in die Zukunft”: Ernste Themen ohne die Worte “Regen”, “Trauer” und “grau” auf billigen Pianobeats. Geil.


Mortis One: Haha, stimmt! Aber für mich ist das Album halt nicht in meiner Straight Rap-Schublade, sondern richtig durchdachte Musik mit guten Songstrukturen, fern vom “Okay, wir schreiben kurz zwei Sechzehner, rappen die in ein paar Takes ein und am Ende des Abends ist der Song fertig und wir laden den auf unser MySpace-Profil”.


Ja, kann man so stehen lassen. Ein weiteres Thema, das du desöfteren in deinen Songs thematisierst: Frauen. Wie kam es denn, dass du “ein Frauenheld, der nix von Frauen hält” wurdest?


Mortis One: Das ist halt ein Erfahrungsbericht. Frag jeden Mann, der schon genug Erfahrungen mit Frauen gemacht hat – ich meine jetzt keinen Assi! Ich habe immer soviel von Frauen gehalten und wollte sie so gut wie möglich behandeln, aber das geht nicht. Und ich verstehe das auch. Ich will ja auch etwas Reibung und meine Grenzen aufgezeigt bekommen. Diese Zeile spiegelt einfach eine Menge Enttäuschung und Konsequenz wider. Jedenfalls weiß ich jetzt wie man richtig mit der holdern Weiblichkeit umgeht, ohne dabei zu einem stillosen Macho zu verkommen. Zumindest wenn ich jemanden sympathisch finde. Ansonsten bin ich ein plumper Wichser, der sie mit Drinks überkippt. Oder umgekehrt. (lacht)


War es bei Dir denn auch so, dass nachdem die eine große Liebe flöten gegangen ist, Frauen die schlechte Karte gezogen hatten? Bushido hat seine erste große Liebe ja bekanntlich auch zum skrupellosen Sex-Gangster gemacht. (lacht)


Mortis One: Ja, ich glaube, das ist die logische Reaktion, die man als junger Mensch dann halt vollzieht. Aber kommt Zeit, kommt Rat... und die richtige Frau. Ich für meinen Teil habe auch davor und währenddessen viele Bücher gelesen.


Du versuchst jetzt gerade noch so deinen Arsch zu retten, falls deine Freundin das Interview lesen sollte, richtig?


Mortis One: Nee, hehe. Die kennt mich ja. (lacht) Die muss immer leiden, wenn ich betrunken mal wieder alle Frauen der Welt hasse – und das kommt desöfteren vor.


Okay, dann um auf deine Antwort einzugehen: Was für Bücher waren das denn?


Mortis One: Ach, verrückte Romane. Sowas wie Salman Rushdie oder Psychedelic Rock-Platten und was weiß ich nicht alles.


Und das hat Dir geholfen?


Mortis One: Naja, es hat mir vielmehr etwas klargemacht: Große Kunst beziehungsweise Kreatives ist meistens nur die Schmerzbewältigung von Liebeskummer. Also es hat auf jeden Fall viel Großes hervorgebracht. Ich übernehme das für mich im Kleinen. Guck mal, ich bin gerade einmal Mitte Zwanzig, ich werde mir jetzt nicht den Kopf über die große Liebe zerbrechen. Man wird eben vorsichtiger, wenn man einmal richtig enttäuscht wurde.




Wobei ich genügend Leute kenne, die mit einer ähnlichen Erwartungshaltung an eine Beziehung herangegangen sind und am Ende, als die Beziehung letztendlich in die Brüche ging, trotzdem völlig im Sack waren.


Mortis One: Es ist ja nichts falsch daran am Sack zu sein – wenn es Dir danach nicht schlecht gehen würde, kannst du es ja auch nicht ernst gemeint haben. Aber es ist halt sowas wie ein Nothaltegriff.


Was ich jetzt meine ist diese Erwartungshaltung von wegen “Am Ende werde ich das nicht allzu sehr an mich heranlassen, weil ich weiß, dass sie nicht die letzte Frau ist” - aber dann kommt es trotzdem anders.


Mortis One: Ich glaube das Problem ist das Wort “Erwartungshaltung”: Solange es gut ist, soll man es genießen – ist doch bei Musik genauso. Ich mache ja keine Musik, bloß weil das jetzt ein paar Leute mögen. Meine Musik gab es halt vorher und wird es später auch noch geben. (lacht)


Was stört dich denn am meisten am weiblichen Geschlecht beziehungsweise konkret an der leichte-Mädchen-Fraktion?


Mortis One: An der leichte-Mädchen-Fraktion mag ich die Durchschaubarkeit, möchte mich aber nicht mit denen unterhalten. Also, wenn ich Single wäre, würde ich es mögen... Ich liebe dich, Schatz!


Nehmen wir nur einmal an du hättest das eine oder andere leichte Mädchen schon im Bett gehabt: Was denkst du Dir dann im Anschluss nach der eigentlichen Party, wenn Kuscheln angesagt ist?


Mortis One: Wie? Die muss morgens raus und ich wechsel die Laken, weil ich den fremden Geruch nicht mag. Dann nehme ich die Embryostellung ein und dusche kalt. (Gelächter)




Du rappst auf “Offenes Buch”: “Die meisten Menschen les' ich wie ein offenes Buch”. Würdest du also sagen, du hast eine gute Menschenkenntnis?


Mortis One: Jop, Empathie. Aber ich sage auch extra “die meisten”. Ich habe in den letzten Jahren soviele Leute kennengelernt... Die Meisten kamen, haben Dir viel versprochen und die Hand aufgehalten – weg waren sie. Meine besten Freunde sind seit acht bis neun Jahren an meiner Seite, ohne wenn und aber und die zähle ich an einer Hand ab. Zum Beispiel Abroo ist einer der wenigen Leuten aus diesem ganzen HippiHoppi-Zirkus, der ein wirklicher Freund ist. Dem vertraue ich. Mit dem hatte ich vor kurzem Stress und dann war wieder alles cool und jeder wusste woran er war und ist. Bei den meisten Leuten reicht ein kleiner Konflikt und sie sind beleidigt und fangen an rumzusnitchen. Ihr wisst wer Ihr seid, Ihr Toys! (lacht)


Ich habe manchmal das Gefühl, dass Menschen sich nach Enttäuschungen einreden, dass sie dadurch gelernt haben und absofort alles und jeden durchschauen. Eine Woche später fallen sie dann erneut auf die Schnauze.


Mortis One: Geht mir nicht so, weil ich von genau diesen Leuten extrem genervt bin. (grinst) Die Meisten suchen immer einen Kummerkasten und ich denke mir halt: Irgendwann reicht es auch einmal. Wenn du jedes Mal einen Ratschlag haben willst und ich mir die Zeit und Energie nehme, um Dir zu helfen, du aber nach dem dritten oder vierten Mal nicht schlauer bist – alright, dann blocke ich auch mal ab.


Du rappst auf dem gleichen Song auch “Ich glaub' an Karma – alles kommt zurück im Leben”. Glaubst du wirklich daran?


Mortis One: Jop. Ich habe auch genug Sachen gemacht und gesagt, die mir dann zum Verhängnis wurden. Irgendwann kommt das alles wieder, Ihr Öpferchens!


Stehst du denn morgens auf und denkst Dir ab dort an im Hinterkopf “Ich muss ein guter Mensch sein”?


Mortis One: Das hat damit nix zu tun. Es geht nur um eine Grundeinstellung mit der du bestimmte Entscheidungen triffst. Und ich habe genug Tage an denen du mir keine Pistole in der Fußgängerzone geben dürftest. Ich meine, man kann halt auch Scheiße machen, aber ich wundere mich dann nicht warum mir manche Sachen dann passieren.


Aber selbst an diesen Tagen wirst du wahrscheinlich einen gewissen Grundrespekt beibehalten und wirst den Leuten nicht grundlos einen reinwürgen wollen.


Mortis One: Natürlich.


Du berichtest auf “So is hier” ein bisschen von deinem Umfeld und erwähnst auch deinen Heimatsort Hannover. Wie hat man sich Hannover vorzustellen?


Mortis One: Ghetto, Crack auf Schulhöfen und Affenmesserkämpfe mit der Jägermeistergang. (lacht) Nein, ist alles easy hier. So wie in jeder Stadt. Hier kannst du Dir aussuchen welches Leben du leben willst. Dieses ganze Gangstertum sowie der Mittelstand und die Spießbürger und Studenten koexistieren hier ganz munter nebeneinander. Ich habe halt mit einer Menge netter aber auch – nunja, “anderer” Leute – zu tun.


Du hast auch Workshops gegeben und hast diesbezüglich in einem Interview gesagt, dass du quasi live und direct mitbekommst wie die Jugend verdummt und teilweise die simpelsten Wörter nicht mehr richtig schreiben kann. Nimmt man sowas mit nach Hause und es belastet einen dann auch?


Mortis One: Naja, bei mir ist das ein Zwiespalt, einfach weil ich einerseits ein verkappter Misanthrop bin und es mir egal sein sollte. Aber dann kommt wieder der schöne HipHop ins Spiel und dieser Each One, Teach One-Gedanke. Und dann läuft alles von alleine, weil man einfach schon einmal eine Grundlage hat, die du in freier Wildbahn nicht hättest, wo eben jeder in seiner kleinen Clique herumhängt. So treffen halt verschiedenste Leute aufeinander und machen eine einzige Sache zusammen. Und da bin ich dann auch Teil von. Aber ansonsten belastet mich das nicht weiter, weil ich ja mein Bestmögliches tue, damit die Kinder nicht verdummen.


Du haust momentan in regelmäßigem Abstand Beatsampler heraus. Was ist der Gedanke dahinter?


Mortis One: Output. Ich will den Leuten einfach meine Facetten zeigen. Ich bin einfach ein passionierter Crate Digger. Die Dinger sind für Leute, die Samplesound mögen und sich generell Beattapes geben können.


Ich musste beim Hören von “Crate Digger Vol.2” so ein bisschen an Dillas “Donuts” denken. Wurdest du in irgendeiner Weise davo beeinflusst? Oder vielleicht auch von El-P mit seinen Instrumental-Sachen?


Mortis One: Nö. Ich bin wohl einer der wenigen Leuten, die Dilla oder El-P gar nicht so krass verfolgen. Eher Madlib würde ich sagen. Und ansonsten durch die ganzen Blogs wie Rapohne Lizenz oder Generation Tapedeck, da tauchen andauernd unbekannte Sachen auf, die ich feier'.


Du sagst du haust die Dinger wegen Output raus – wieso verwendest du die Instrumentals dann nicht einfach selbst, schreibst etwas darauf und rückst somit den Rapper Mortis One noch mehr in das Rampenlicht?


Mortis One: Das wird ja auch passieren. Manche Dinger sind ja bereits released oder werden auf irgendwelchen Projekten landen. Jedoch macht mir Schreiben momentan auf fremden Produktionen mehr Spaß. Ich mache halt jeden Tag Beats – warum dann nicht einfach raushauen? (grinst) Weil ich's kann! (lacht)


Inwiefern wirken sich deine Fähigkeiten als Produzent denn auf deine Skills am Mic und die Art Texte zu schreiben aus?


Mortis One: Ich denke mal, dass ich ungefähr weiß, wie ich den Song am Ende hören möchte. Also es hat eher Auswirkungen auf Songstrukturen und darauf, dass ich nicht mehr so vollgepackt rappe. Man sollte der Pause auch einmal huldigen können. Aber ansonsten kann ich das schon sehr gut trennen.


Entspricht die “All-in-one-Künstler haben ein Ass im Ärmel”-These also der Wahrheit?


Mortis One: Wie? Klär' mich einmal auf! (lacht)


Naja, schau Dir Tuas “Grau” an. Oder Azads “Leben”. Fällt Dir etwas auf?


Mortis One: Achso, jaja. Ich glaube man muss nicht alles selbst machen, man muss nur koordinieren können, um einen Trademarksound in eine Platte zu bringen. Siehe Morlockk Dilemma. Der hat sonst auch alles selbst produziert und jetzt hat er 20 Beatmaker auf einer Platte und es hört sich trotzdem nach einem Guss an. Ich denke aber, dass ein Rapper, der gleichzeitig Ahnung vom Produzieren hat, seiner Musik einen breiteren Horizont geben kann. Einfach weil er in alle Prozesse bei der Entstehung einer Platte eingreifen kann, wenn es nötig ist.




Steht denn eigentlich der Plan, Abroos letztes Soloalbum “Schatten und Licht” zu remixen, noch?


Mortis One: Nee, das wollten wir machen, aber uns ist dann beim ersten Treffen aufgefallen, dass die Stimmung dann gar nicht mehr da ist, weil er die Texte auch zu einer bestimmten Phase seines Lebens geschrieben und aufgenommen hat. Und das hat sich nicht richtig angefühlt. Darum konzentrieren wir uns auf unser gemeinsames Album, wenn wir uns sehen.


Bist du eigentlich stolz auf dein Rap-Knowledge, das sich im Laufe der letzten Jahre angesammelt hat?


Mortis One: Total, knowledge is king. Also nicht so der Klugscheißer-Stolz, aber ich habe halt etwas womit ich mich auskenne. Andere sind Fußball- oder Formel 1-Fans, ich weiß halt eine Menge über Rap und Musik im Allgemeinen.


Apropos Klugscheißer, das wollte ich gerade sagen: Ein bestimmtes Maß an Knowledge wird ja auch schnell missinterpretiert und Worte wie “arrogant” oder “ekelhafter Klugscheißer” fallen.


Mortis One: Nö, ich dränge mich in Gesprächen ja niemandem auf. Frag mich und du bekommst eine Antwort – ansonsten unterhalten wir uns über Gott und die Welt. (grinst)


Nehmen wir mal an Eko hätte damals nicht Savas, sondern dich mit der „Du bist auf dem Rapfilm hängengeblieben“ Line gedisst. Wie hättest du ihm geantwortet?


Mortis One: Ich hätte auch den Savas-Track gemacht. Ich habe sowas vor einigen Jahren sogar einmal angefangen – wie wahrscheinlich jeder Rapper. (lacht) Ich weiß nicht... Ich glaube bei jemandem wie Eko kann man leicht aus der Haut fahren. Diese Art und so. Und wenn man dann auch noch miteinander befreundet war... Also ich bin in solchen Fällen meist ignorant. Ich streiche den Menschen aus meinem Leben und arbeite umso härter an meiner Musik. Erfolg ist die größte Beleidigung für ehemalige Weggefährten.


Abroo und du hattet vor einiger Zeit auf der JUICE CD ein gemeinsames Feature mit Termanology. Was war das eigentlich für ein Gefühl auf einmal mit einem der heißesten Newcomer aus Übersee in der Booth zu stehen? Oder noch besser: Dass der Junge auch einfach mal bei Dir übernachtet?


Mortis One: Überwältigend. Das Krasse ist halt, dass er die krassesten – und ich meine wirklich die krassesten – Produzenten hat: Premo, Alchemist, Pete Rock, Nottz und was weiß ich wen. Und er hört ungelogen meinen allerersten Beat, geht für eine Stunde in die Booth und rappt 40 Bars. Du müsstest mein Gesicht jetzt sehen. (lacht) Wie ich grinse. Und vor allem mein “Studio”: Eine Aiwa-Anlage mit einer verrückten Sperrholz-Halterrungs-Konstruktion und die Booth, die bei jeder Bewegung von den Dielen auf den Boden, geknartscht hat.


So, Endspurt: Du als bekennender Shisha-Sympathisant: Was ist dein Lieblingstabakgeschmack?


Mortis One: Haha, hier gibt es so eine Bar, die heißt Schall & Rauch, da nennen die den Tabak Nightlife. Irgendwas aus Apfel, Traube und ein bisschen Minze. Ansonsten Standard: Fünffachapfel.


Bäh! Guave ist DAS Ding. Oder halt Wassermelone, Blaubeere, Zitroneminze – ebenfalls die Standard-Sorten.


Mortis One: (lacht) Guave hat er Recht mit! Aber Melone feier' ich nicht.


Gut. Dann danke ich Dir für die Zeit!


Mortis One: Ich danke Dir. Peace!




Ladet hier kostenlos das neueste Mixtape "Immer wieder gern" von Mortis One herunter:


Mortis One - Immer wieder gern





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28.12.2010 - Kommentar ohne Titel

Geschrieben von Anonymous
ausführlich :)
Permanenter Link

28.12.2010 - .

Geschrieben von Anonymous
dein interview-stil ist wirklich, wirklich schlecht.
Permanenter Link

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