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Geschichte aus der dritten Abhängigkeit

October 14, 2007 - 21:44

Gestern kam ein Brief meiner Ex-Freundin. Einer dieser Hey-du-wie-geht's?-Bei-mir-entwickelt-sich-alles-prima-Briefe. Ihr müsst wissen das ich sie irgendwie wirklich geliebt habe. Vermutlich war das auch der Grund aus dem ich sie verlassen habe. Mit sowas umzugehen ist nicht wirklich einfach. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten verstehen wir uns aber ganz gut. Wir halten Kontakt und sie ist mir irgendwie wirklich wichtig.


Der nach mir hat sie nach drei Jahren verlassen weil er sie nie geliebt hat. Hat er gesagt. Ihr könnt mir glauben dass ich, wenn er greifbar gewesen wäre, sein Gesicht in etwas verwandelt hätte was noch nicht mal eine blinde Mutter hätte lieben können.


Ihr Brief begann ganz harmlos. Das sie sich freut das ich nun einen ernsthaften Job habe – ich räume Lagerregale ein – und das meine Wohnung (zwei Zimmer, vierzig Quadratmeter) vermutlich spartanisch und Geschmackvoll eingerichtet ist (ich könnte ihr Fotos schicken, werde ich aber nicht). Nun, sie hat auch einen neuen Job. Schließlich hat sich studiert. Sie wird nun bald Gruppenleiterin. Das klingt nach Überstunden und nem sechsstelligem Jahresgehalt. Sei's drum, sie hat studiert. Sie hat seit geraumen einen neuen Freund. Was mich wirklich für sie freut. Irgendwie zumindest.


Er hat zwar dämlichen Namen (Johannes oder so) und einen dämlichen Job (irgendwas mit Versicherungen), fährt ein dämliches Auto (irgendeinen BMW), hört irgendwelche elektronische Musik, mag Edgar-Wallace-Filme, aber er liebt sie. Ich glaube er meint es sogar ernst. Sie wollen zusammenziehen. Früher oder später werden sie vielleicht heiraten und Kinder in die Welt setzen. Er muss eigentlich ein ziemliches Arschloch sein. Eigentlich wäre ich derjenige gewesen der mit ihr zusammenziehen sollte. Ich hätte sie heiraten sollen und ich hätte mit ihr Kinder machen sollen.


Während ich ihren Brief lese entdecke ich viele unterschwellige Vergleiche. Oder ich will sie entdecken. Ich räume Lagerregale ein und er macht irgendwas mit Versicherungen. Sein Auto ist neu und meins ein Fall für die Schrottpresse. Er kann sich eine halbe Wohnungseinrichtung leisten und ich lebe in besserem Sperrmüll (obwohl ich ein neues Regal besitze). Er will Verantwortung übernehmen und ich bin damals fortgelaufen. Er muss ein Arschloch sein. Aber irgendwie meine ich zu lesen das sogar der Sex mit ihm besser ist. Was ich aber für eine Lüge halte.


Doch ich freue mich für sie. Zumindest werde ich das behaupten. In der Zwischenzeit werde ich mir überlegen wie ich ihm das Gesicht zermahlen werde. Er ist bestimmt ein Weichling. Einer der jedem Streit aus dem Weg geht und einfach so mitschwimmt. Was kann man schon von jemandem erwarten der Versicherungen verkauft? Er wird wohl kaum in der Lage sein hübsche Kinder zu zeugen. Sie tut mir Leid. Irgendwie kann es nicht sein das er mit ihr glücklich sein darf. Mit ihr die Wohnung zu teilen. Ein Sofa haben sie sich schon angesehen. Es gefällt ihr. Er will auch keinen neuen Fernseher kaufen. Ihrer sei groß genug. Groß genug? Ein Spinner ist er auch noch. Sie tut mir wirklich Leid.


Ich möchte sie anrufen und ihr diesen Typen ausreden. Ich wähle sogar ihre Nummer, doch nachdem es einmal geklingelt hat, lege ich auf. Und das nur um wieder ihre Nummer zu wählen. Ich lasse es klingeln bis ihr Anrufbeantworter dran geht. In der Zwischenzeit lese ich ihren Brief weiter. Sie sind an diesem Wochenende in Paris. Er hat sie eingeladen. Eifelturm, Louvre, ein gutes Hotel und ein klassisches Konzert. Sie hasst Klassik! Warum geht er nicht mit ihr zu einem Ska-Konzert? Und überhaupt! Paris! Noch schnulziger und schleimiger ging es wohl kaum. Sie wird es einsehen. Früher oder später.


Ich denke daran was passiert wäre wenn ich sie nicht verlassen hätte. Wir wären zusammengezogen. Ich hätte einen besseren Job, da ich – dank ihr – einen besseren Abschluss hätte. Mein Auto wäre kein Fall für die Schrottpresse sondern ein relativ neuer BMW. Wir hätten eine schöne Einrichtung UND einen großen Fernseher. Vermutlich sogar einen sehr großen Fernseher. Verlobt wären wir auch schon. Nächstes Jahr im Sommer würden wir heiraten. Unsere Familien und Freundeskreise wären eine einzige Harmonie und kurz nach der Hochzeit würde sie schwanger werden. Zwillinge. Zweieiig. Perfekte hübsche Kinder. Wir würden ein Haus kaufen, die Kinder würden ausziehen und studieren (vermutlich Medizin und Physik). Wir würden zusammen glücklich sein und alt werden.


Aber Johannes? Versicherungen? Paris? Ein kleiner Fernseher? Sie wird vermutlich dem Alkohol verfallen. Ich sollte aufstehen und sie retten. Sofort! Das einzige was stört ist das ich in den letzten 24 Stunden eine Stange Zigaretten geraucht und eine Kiste Whisky getrunken habe. Billigen Whisky. Billige Zigaretten. In Wahrheit muss ich sie nicht retten.

  


Geschichte aus der zweiten Abhängigkeit

September 18, 2007 - 14:36

Nun saß er in diesem engen Busch. Die Zweige und kleinen Dornen bohrten sich in seine Kleidung. Und die beiden Löcher in seiner Maske waren wirklich zu klein geraten. Er hätte sie größer schneiden sollen. Doch sie würden genügen. Es war verdammt kalt in diesen Septembertagen. Nein, eigentlich hatte es erst in dieser Nacht so deutlich abgekühlt. Wenn er diese Nacht hinter sich gebracht hatte, würde er diesen seltsamen Wettermann besuchen. Vorausgesetzt er würde sich nicht eine Lungenentzündung einhandeln. Laue Spätsommernacht. Was für ein Arschloch. Doch erstmal musste er diese Nacht hinter sich bringen. Seine Schulden ausgleichen. Er hätte wissen müssen dass der alte Mann sich etwas ausdenken würde als er ihm das Geld geliehen hatte. Scheiße – er hätte vielleicht doch noch einmal mit der Bank reden sollen. Den Kredit noch einen Monat verlängern. Aber das Angebot war einfach zu gut gewesen.


Nun hockte er in dieser schwarz-weißen Nacht und schaute in ein unwesentlich beleuchtetet Fenster. Er hoffte das dieses Paar bald fertig war. Verdammt! Warum konnte dieser alter Typ denn noch so lang ficken?! Die kleinen blauen Pillen. Wenn er hier fertig war, würde er sie auch ausprobieren. Die Nutte die der alte Typ sich bestellt hatte sah gut aus. Blondes Haar, vermutlich gefärbt. Rehbraune Augen. Schönes Gesicht ohne Auffälligkeiten. Schöne feste Brüste mit harten Nippeln. Ein Arsch der diesen Namen im positiven Sinn verdiente. Eine schöne sauber rasierte Einflugschneise. Vermutlich eine Sportstudentin die sich an ein paar Abenden die Woche ihren Lebensunterhalt verdiente. Allein optisch war die Nutte jedes Geld wert.


Noch einmal griff er in seine Jackentasche. Er konnte die Kälte des Stahls trotz der Lederhandschuhe spüren. Einfach durch die Hintertür. Nie abgeschlossen hatte man ihm gesagt. Rauf in die erste Etage und dann bis zum Ende des Ganges. Linke Tür. Öffnen. Ans Bett treten. Das Magazin leer schießen. Er hatte es proben dürfen bis er sein Handgelenk kaum noch spüren konnte. Wenn er noch einmal einen Hollywoodstreifen sehen sollte, in dem jemand einen Revolver abfeuert ohne beide Hände zu benutzen, würde er sein verdammtes Geld zurückverlangen. Traumtänzer. Beim ersten Versuch einhändig zu schießen hatte er im ersten Moment gedacht sich die Hand gebrochen zu haben. Drei Tage lang hatte er nur mit links wichsen können. Allerdings war er keine Abwechslung mehr gewohnt. Darum war es wohl okay.


Endlich! Dieser beschissene Bastard war fertig. Hat wohl zu viel Pornos gesehen. Wie kommt man sonst auf die Idee der Alten den Saft ins Gesicht zu spritzen? Aber bei den Preisen für solche Frauen kann wohl ein solches Ende der Dienstleistung verlangen. Wann hatte er eigentlich zum letzten mal gefickt? Er erinnerte sich nur noch dunkel. Musste mit seiner Ex-Frau gewesen sein. Die Schlampe die ihm alles genommen hatte. Seine Kinder, sein Geld, seinen Job, seine Familie. Scheiße, zum Schluß hatte er noch nicht mal mehr Kohle sich ein scharfes Rasiermesser zu kaufen. Dann hätte er es wohl schon zu Ende gebracht. Selbst die Crack-Huren hatten ihn ausgelacht. Doch am Ende dieser Nacht würde er es beenden können um neu zu beginnen. Eigentlich hätte er doch jetzt schon die Möglichkeit. Umdrehen und über die Mauer klettern. Raus aus dem Garten. Über die Straße. Raus aus der Stadt. Auf einen Güterzug aufspringen und raus aus dem Land. Noch eine Stunde.


In seinem Hinterkopf hörte er den alten Mann lachen. Verdammt! Ruhig bleiben. Warte bis die Nutte weg ist. Geh durch die Hintertür. Rauf in die erste Etage. Linke Tür am Ende des Ganges. Einfach abdrücken. Das ganze beschissene Magazin. Dann kannst du weg. Neu anfangen. Er schloss die Augen einen Moment. In seinem Kopf drehten sich die Gedanken. Seine Kinder. Der alte Mann. Der reiche alte Bastard der grad eine Nutte gevögelt hatte. Seine Ex-Frau. Er hätte sich von seiner letzten Kohle doch eine Flasche Whiskey kaufen sollen. Aber er hatte zu viel Angst gehabt mit einem Revolver bewaffnet ohne Fahrschein in der Bahn erwischt zu werden. Das letzte Licht im Haus erlosch. Er hätte töten können für eine Zigarette. Noch eine halbe Stunde.


Die Zeit verstrich. Es wurde kälter. Er meinte zu sehen wie das Wasser auf dem Teich vor ihm gefror. Eindeutig zu kalt für einen lauen Septembertag. Ein Griff in seine Jackentasche versicherte ihm dass der Revolver noch an Ort und Stelle war. Es gab ohnehin kein zurück. Wenn er den Revolver verloren hätte, hätte er sein Opfer mit den Händen töten sollen. Nein, er konnte froh sein den Revolver zu haben. Er spannte die Muskeln um die Kälte aus dem Körper zu vertreiben. Trotz des Alkohols und der Drogen war er noch in guter Form für einen Mann in seinem Zustand. Scheiße, vor ein paar Jahren war er noch in der Lage gewesen eine verfluchte Rinderhälfte zu stemmen. Aber die Schlampe hat ihm alles genommen. Wieder spannte er die Muskeln. Er wollte nicht ins Haus hinken und auch sonst keinen Lärm verursachen. Er musste das Konto ausgleichen. Noch fünfzehn Minuten.


Noch hatte er eine Wahl. Einfach nur umdrehen. Raus aus dem Garten, der Stadt, dem Land - am besten weg von diesem Kontinent. Doch wieder meinte er das Lachen des alten Mannes hören zu können. Diesmal nicht in seinem Hinterkopf. Er versuchte sich damit zu beruhigen dass er in der letzten Nacht nicht geschlafen hatte. Ausserdem war er kurz davor einen Mord zu begehen. Für ein paar dutzend große Scheine. Da waren Halluzinationen wohl etwas normales. Er sah den alten Mann vor sich. Ihm war klar dass er keine Wahl hatte. Die ganzen Wichser die immer davon sprechen dass man eine Wahl hat oder eine zweite Chance verdient. Er musste sich beherrschen um nicht laut zu lachen. Der alte Mann lächelte und nickte. Keine Wahl, keine Chance. Wenn er fertig war, würde er diesen Sozialschwuchteln einem nach dem anderen die Nase brechen. Er zog die Maske etwas tiefer um besser sehen zu können. Scheiße, die Löcher waren wirklich zu klein. Noch eine Minute.


Langsam erhob er sich. Bleib im Schatten. Zieh den Revolver aus der Tasche. Geduckt bleiben! Vorsichtig. Seine Ex-Frau. Schritt für Schritt. Das Haus kommt näher. An die Mauer lehnen. Durchatmen. Nach dem Türgriff tasten. Die Kinder. Leichter Druck. Nie abgeschlossen. Behutsam öffnen. Das Konto ausgleichen. Lautlos eintreten. Warten. Die Augen müssen sich an die neuen Lichtverhältnisse gewöhnen. Der alte Mann. Ruhig atmen. Die Treppe rauf. Nicht stolpern! In die erste Etage. Den Gang runter. Leise bleiben. Schritt für Schritt. Die linke Tür. Langsam aufdrücken. Leise eintreten. Der alte Mann lächelt. Bis ans Bett. Den Hahn spannen. Ruhig atmen. Beide Hände an den Revolver! Schließ die Augen. Keine Wahl, keine Chance. Vier Schüsse. Pause. Den Rauch riechen. Durchatmen. Den warmen Lauf spüren. Seine Kinder. Seine Familie. Seine Ex-Frau. Der alte Mann. Der tote alte Bastard im Bett. Eine Wahl, eine Chance. Der alte Mann steht vor ihm und lächelt. Zwei Leben für ein paar dutzend großer Scheine. Ein guter Deal für alle.

  


Geschichte aus der ersten Abhängigkeit

September 16, 2007 - 20:13

Es ist interessant zu beobachten wie sich das Leben dreht. Vorausgesetzt man hat den Abstand zu selbigem gewonnen. Meistens zwei bis drei Meter tief im Boden. Als Mitbewohner Maden und Würmer. Man versteht sich, denn man kennt sich von früher. Einen schönen Aussichtspunkt hat man von hier unten. Nicht zuletzt da man den trauernden Mädchen unter die Röcke schauen kann. Nein, man hat gut gelebt. Nicht zu kurz wenn die Leber versagt und die Nasenscheidewände zerstört sind. Doch was gab es sonst zu tun? Geboren in eine Welt die schon immer seltsam war. Auf eine Art zumindest. Wenn man darüber nachdenkt vermutlich auch auf eine andere Art und Weise. Es wäre schön noch eine Zigarette zu rauchen. Die Lunge war eh schon schwarz und wer tot ist, atmet in der Regel auch nicht mehr. Überhaupt ist der Tod ein guter Zeitpunkt seine Laster abzulegen. Obwohl man ja noch die Ewigkeit Zeit hätte sich seiner Laster zu entledigen. Allerdings bleiben gute Spediteure ihrer Spur treu.


Überhaupt sollte man froh sein dieses Leben hinter sich gelassen zu haben. Die Abende in Einsamkeit oder zu viel trouble sind erstmal beendet. Ganz bestimmt hat man nun erstmal Zeit seine Gedanken zu sortieren. Obschon die Maden, welche sich hinter der Schädeldecke ausbreiten, einiges an Erinnerungen erledigen. Und da behaupte noch einmal jemand das sich schlechte Erinnerungen nicht von selbst erledigen. Sie lösen sich wohl ähnlich schnell auf wie schlechte Zeiten. Seltsam, wenn man durch das Licht geht, sehen sie alle nur die positiven Dinge. Sagen diejenigen die nicht komplett hindurch gegangen sind. Allerdings hatten die Päpste mit ihrem Fegefeuer auch unrecht. Aber es wartet auch kein alter bärtiger Mann. Alles was wartet sind die Körperöffnungen die sich ein letztes mal öffnen wenn sich die Muskeln endgültig entspannen. Eine Laache aus Pisse und Scheiße. Im konkreten Fall durchmengt mit der Kotze derer man sich vorher erledigt hat. Ja, bis dato war der Trip kein schlechter.


Schön wäre nur die verbliebenen Körperteile einmal zu bewegen. Es ist ein Irrglaube das die Seelen in den Himmel oder die Hölle kommen. Sie wandeln auch nicht über die Erde. Der Geist bleibt aktiv, doch weder Körper noch Seele bewegen sich. Genau genommen ist man in der Totenstarre regungslos. Glaubt mir, man spricht aus Erfahrung. Man fragt sich nur was mit denen ist, die einen wirklich unangenehmen Tod hatten. Was wohl passiert wenn der Körper in zwei oder mehr Hälften geteilt wird? Die Sauerei muss wirklich groß sein. Man muss sich vorstellen das Därme und Hirnmasse durch die Gegend fliegen. Galle, Magensaft, Pisse, Scheiße, Blut. Der ganze Müll der in so einem Körper gefangen ist. Ob Frauen auch ihre Muttermilch verlieren? Nein, vermutlich nicht. Höchstens wenn der Säugling noch dran hing.


Nein, man hätte letztendlich nicht viel besser machen können. Etwas ändern? Nicht das man sich erinnern könnte. Obwohl? Doch da war etwas. Scheinbar haben die Maden schon ihren Teil der Abmachung eingelöst. Es ist höchstens schade das man nicht beim ficken abgetreten ist. Allerdings hatten die Drogen ihren Teil zum nicht ficken beigetragen. Insofern hatte sich dies wohl schon vor Jahren erledigt. Nein, es ist gut so wie es ist. Man lässt die Maden und Würmer ihren Teil erledigen.


Der Rest...

  





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