Review: D.N.A. (Genetikk)

gentikk dna cover

Am Freitag veröffentlichten Genetikk – das sind der Rapper Karuzo und der Produzent Sikk – ihr erstes großes Album über Selfmade Records. VOODOOZIRKUS, der Vorgänger von D.N.A., war ihr Einstieg ins Label rund um Kollegah, den 257ers und Favorite und wurde noch als Shop-Release unter die Fans gebracht. D.N.A steht für „Da Nackbreaker Aliens“ und soll den begonnenen Weg weiterführen. Das heißt: die Hörer bekommen klassische Hip-Hop Beats mit Golden Ära-Einfluss und straigte Rap-Songs mit aggressiven aber durchdachten und stets gut geflowten Parts.

Wie hört sich dieses Werk aber nun an? Zuerst einmal muss man festhalten, dass für jegliche Beats des Albums der eine Teil von Genetikk verantwortlich ist. Nämlich der Produzent Sikk. Seine Handschrift ist eben dieser spezifische Genetikk-Sound, den man von Beginn an hören konnte und der gerade auf D.N.A. seinen bisherigen Höhepunkt erreicht. Denn es ist eindeutig vernehmbar, dass hier jedes kleine Detail gewollt ist und von Sikk in Kleinstarbeit produziert wurde. Rough zu klingen ist mit modernem Equipment gar nicht mehr so einfach, da dies aber für den gesamten Genetikk-Kosmos von zentraler Wichtigkeit ist, gebührt dem Produzenten großer Respekt. Er ist praktisch der Genetikk-Sound.

Dieses Soundbild ist dann auch das Geheimnis der Releases dieser Crew, Gruppe oder wie auch immer man die beiden nun nennen möchte. Nackbreaker könnte theoretisch auch ein Album der beiden heißen. Jeder Beat lädt nämlich genau dazu ein, mit dem Kopf zu nicken. Ein Anspruch, den frühere Hip-Hop Alben eigentlich regelmäßig hatten, der aber heute leider fast gänzlich verschwunden ist. Auf D.N.A. wird den Hörern eine dermaßen runde Sound-Ästhetik präsentiert, dass es fast schon schade ist, dass Sikk eben nur exklusiv für Karuzo im Genetikk-Kontext Beats baut. Beats, die grundsätzlich aus wummernden Bässen, Drums, scheppernden Snares und immer wieder Sound von Chören und geschickt eingesetzten Instrumenten bestehen. Durch die Auswahl der Samples wird auch sofort deutlich, dass Sikk, aber wohl auch beide Künstler, beeinflusst sind vom US-Sound der 90er Jahre und ebenso dem französischen Rap.

Dieser Einfluss wird auch deutlich, durch unzählige offene oder auch verdeckte Anspielungen Karuzos an vergangene Artists, Alben oder Songs. Wird im Titeltrack dem Klassiker „Füchse“ noch eine Referenz erwiesen: „Der Magen knurrt wie Sau“, gibt es im Song „Packets in den Boots“ im zweiten Part zum einen eine Max Herre-Referenz: „Immer wenn es regnet, muss du an mich denken“ und zum anderen wird mit Prinz Pi einem der größten Rapper der Szene die Ehre erwiesen: „…dann sag mir, warum gibt es auf der Welt keine Liebe?“. Zudem wird zum Beispiel auch der gute Kool Savas zitiert und zwar im Song “Champions”: „Ruf mich vor der Arbeit an, ich battle dich in Shorts“. Daneben werden Namen wie Kriss Kross, Wu-Tang-Clan und andere erwähnt. Der zweite Part von „Triumph“ beginnt darüber hinaus mit einer Anspielung auf einen Wu-Tang-Clan-Song: „Machine Gun Rap, schon wieder nen Track“.

Auch die Art und Weise der auf der Premium-Edition enthaltenen 21 Songs erinnert sehr an das klassische Hip-Hop-Bild. Es gibt in der Regel ein kurzes Intro und schon ertönt der erste Part von Karuzo. Die Hooks sind eigentlich durchweg auch gerappt. Bei „Lieb’s oder lass es“, „Gift“ (hier nur ansatzweise), „Du bist weg“ (hier als Stilmittel um den sehr deepen und persönlichen Inhalt eben wieder aufzubrechen s.u.) und „Strawberry Fields“ gibt es leichte Anflüge von Sing-Sang-Einlagen, aber auch hier kann man locker noch von Rap sprechen. Wobei „Lieb’s oder lass es“ sicher auch mit Hilfe der einzigen poppigen Hook des Albums den Sprung in diverse Radio-Playlisten geschafft hat. Glückwunsch übrigens dafür – ist schön, wenn auch solche Art von Rap im Radio läuft!

D.N.A. bleibt also vom Sound, aber auch Aufbau der Songs her ein klassisches Rap-Album. Rap und Beats klingen rough, aber eben auch trotzdem modern – man merkt die Liebe zur Sache den beiden Künstlern an und und fühlt schnell ihren Hip-Hop-Film! Das Album ist konsequent und weder Karuzo noch Sikk haben sich auf Experimente eingelassen. Dies ist in Zeiten, wo gerade Rap-Releases sich immer wieder durch Ausflüge in andere Genres, in Gesangsversuche oder auch andere vermeintlich künstlerische Moves auszeichnen sehr erfrischend und läutet hoffentlich auch die Abkehr von einigen fragwürdigen Trends – zumindest im Deutsch-Rap – ein.

Wie von Genetikk gewohnt handeln die Songs in erster Linie davon, dass eben Sikk und Karuzo das beste Team und von enormer Wichtigkeit für deutschen Rap seien. Es geht also vor allem um das Representen. Battlelastige Ansagen, aggressiver Flow und druckvoller Rap ziehen sich so auch durch das gesamte Album. Aussagen wie „Ohne uns ist Rap ein Joint, der ohne Glut nicht brennt“, „Die Crew ist back, von der man sagt, dass in ihr Deutsch-Raps Zukunft steckt“, „Ihr meint ihr settet Trends, doch euer Style ist Second-Hand“, „Mit jeder Menge Extras, weil jedes Wort perfekt passt“ und so weiter wird der Battle-Aspekt auf den meisten Songs deutlich herausgestellt. Der Song „Über Alles“ ist dann auch die deutliche Ansage an alle anderen, das gegen Genetikk kein Battle gewonnen werden könnte. Hier geht es um Rap, um Hip-Hop.

Immer wieder finden sich Anspielungen auf den Weed-Konsum von Genetikk und vor allem des Rappers Karuzo. Für ihn gehört das Kiffen anscheinend unausweichlich dazu und irgendwie passt es ja auch zu dem Sound, den Genetikk fahren. Nicht nur der Marsimoto-Sound lädt bekanntlich zum Konsumieren bestimmter Substanzen ein – nein, auch straighter Rap und gerade dieser old-school-lastige Sound erweckt Lust beim einen oder anderen Kopf nickend den Joint kreisen zu lassen. Ob aber der Weed-Konsum so ausführlich auf einem Rap-Album verbreitet und irgendwie ja auch verherrlicht werden muss, könnte man wohl in stundenlangen Diskussion nicht endgültig klären. Es passt jedoch ins Gesamtbild von Genetikk und kann daher als Teil der Kunst angesehen werden.

Doch was D.N.A. auch noch hat, sind deepere Nummern. Hier hat Sikk emotionale Beats produziert, die zwar immer noch nach vorne treiben und insbesondere zum Kopfnicken einladen, doch wird eine traurige oder nachdenkliche Stimmung erzeugt. Schon der erste richtige Song „Spezies“ könnte als reflexiver Track von Karuzo wahrgenommen werden, in dem er erzählt, dass er anders ist als die meisten und nicht wirklich zur Allgemeinheit, vor allem in Schule, dazu gehört und dass Rap seine Rettung war. Hier handelt es sich um einen zwischendurch sehr atmosphärischen Beat. Noch offensiver wird es auf dem Song „Packets in den Boots“. Hier lässt Karuzo durchblicken, dass er engen Kontakt zu Drogen hatte. Inwiefern auch Schulhof-Dealer-Storys stimmen, kann man natürlich nur raten, weiß man halt einfach nicht, was denn nun wirklich persönlich ist und was eher im kreativen Prozess dazu gedichtet. Die Hook mit Chor-Einlage und der Beat als solcher vermittelt eine depressive Grundstimmung und passt sehr gut zu den beiden Parts von Karuzo und dem Gastauftritt von Wu-Tang-Clan Member RZA. Im Kopf bleibt die Zeile: „Jemand anderes sein ist leicht und nichts Besonderes, schwer ist nur man selbst zu sein, ohne Kompromiss“. Hier zeigt sich, dass bei allen Rap-Rap-Inhalt, Battle-Ansagen und vielleicht kritischen Tönen gegenüber anderen Künstlern, immer wieder auch sehr tiefsinnige Aussagen zu hören sind. Es reicht einfach nicht, dieses Album einfach nur zu konsumieren, man muss sich hineinfühlen um die große Tragweite einzelner Aussagen zu erfassen. Obwohl ein reines Rap-Album, ist D.N.A. nämlich genau nicht das Album, das man so einfach locker nebenbei konsumieren sollte – zumindest nicht, möchte man sich mit der Kunst auch nur ansatzweise identifizieren und intensiver auseinandersetzen. Genetikk sind Künstler, D.N.A. ihr aktuelles Kunstwerk. Dies sollte stets beachtet werden. Angedeutete persönliche und deepe Inhalte gibt es übrigens noch mehr. Auf „Gift“ wird das Verhältnis zu Geld und Weed in spannender und hörenswerter Herangehensweise thematisiert, „Plastik“ ist der eindeutig sozialkritische Track. Auf den Punkt gebracht geht es darum, dass sehr viel Fake ist, dass es in unserer Gesellschaft eher um den äußeren Schein geht. Auf einer zweiten Ebene erkenne ich hier auch das Thema Abgrenzung und Einsamkeit wieder, wodurch dieser Song mit seiner mehrfachen Inhaltsstufe alles andere als oberflächig ist, wie ich leider in einer anderen Review lesen musste. „Alles möglich“ lässt tief in die Seele des Rappers Karuzo blicken. Es sei denn, hier handelt es sich doch um eine Fehlinterpretation und er bleibt dabei, nicht zu viel Persönliches sagen zu wollen. Aufgrund des gesamten Arrangements des Songs kann man hiervon jedoch nicht ausgehen und so wird der Track zu einem der emotionalsten des Albums. Direkt im Anschluss dann sofort der emotionale Höhepunkt. „Du bist weg“ richtet sich an ein verstorbenes Kind. Tränen. Trauer. Mitgefühl. Angst. Absolut berührender Song und durch die Vortragsweise sehr intensiv wahrzunehmen. Wie in einer Review dieser Song als Tiefpunkt bezeichnet werden kann ist eine Respektlosigkeit und hat nichts mit subjektiver Wahrnehmung zu tun, sondern ist einfach nur unfassbar. Die Hook des Songs versucht den Inhalt wieder etwas aufzubrechen, will die traurige Stimmung der Parts versuchen etwas aufzulockern und ist damit genau richtig. Offiziell UNHATEBAR dieser Song für mich der Höhepunkt der gesamten Genetikk-Diskografie. Danke für solche Songs. Und es geht noch weiter mit persönlichen Aussagen auf D.N.A. – „Strawberry Fields“ handelt von Hatern und Leuten, die plötzlich down sein wollen mit den aufstrebenden Künstlern, obwohl vorher nichts zwischen den Personen war. Hier klingt Karuzo sehr aggressiv und geht sofort nach vorne. Ein guter Kontrast zu dem so traurigen Song der zuvor kam und gleichzeitig eine Weiterführung der persönlichen Inhalten. Sehr gelungene Nummer und sicher auch eins der vielen Highlights auf dem Album. Durch das ganze Album zieht sich neben dem Battle-Gedanken, Rap über Rap, persönliche und kritische Aussagen auch noch diese Genetikk-Typische Selbstironie und der spezielle Humor Karuzos. Hier könnte man aus fast jedem Song einige lustige Lines oder auch Wortspiele zitieren, aber hört selbst.

Auf D.N.A. gibt es mit Sido, RZA, Motrip und Kollegah genügend Features. Ich finde, ein Genetikk-Album kommt auch wunderbar ohne Features aus. Einige Songs weniger, keine Gastauftritte – vielleicht bis auf RZA – und D.N.A. würde sich erst recht einreihen in die Liste der Deutsch-Rap-Klassiker. Aber auch so dürfte das Album sich seinen Platz in der Deutsch-Rap-Geschichte erkämpfen. Zu den Features: Sido liefert einen soliden Part ab, wie er halt so zur Zeit rappt. Kann man mögen, ist aber auf jeden Fall passend für einen Radio-Hit. Von Kollegah halte ich persönlich nicht viel, das sollte bekannt sein. Sein Teil der Hook finde ich unerträglich, sein Part hingegen ist in Ordnung, aber berührt mich wie immer komplett nicht und bringt mich leider immer zum skippen. D.N.A. hat hier für mich den einzigen Tiefpunkt und den einzigen Grund, kurz auf die Skip-Taste zu drücken. Auch der Beat gefällt mir hierbei irgendwie nicht so ganz. Ich befürchte, gerade dieser Song wird sich als Geheimfavorit vieler zeigen, was zum Thema führt, was für Art von Musik von einigen Generationen leider mehr gefeiert wird, als andere Art…aber das führt uns weg vom Thema. Denn wir haben noch RZA. Auf „Packets in den Boots“ kann Wu-Tang-Clan Mitglied RZA auf dem langsamen sehr oldschool-lastigen Beats mit seinem Flow und seiner eindrucksvollen Stimme gut punkten. Andere sehen den Part sehr schwach an, kann ich nicht nachvollziehen, da er für mich perfekt hier rein passt. Man muss aber auch sagen, dass Karuzo ihn hier deutlich in den Schatten stellt. Deutsch-Rap strikes back! ;)

Nun noch ein Wort zu Motrip. Er singt halt gerne. Ich mag ihn als Rapper und nehme ihn auch so wahr…immer öfter übernimmt er Hooks, jetzt sogar einen längeren Sing-Sang-Part. Ich persönlich brauche das gar nicht und hoffe sehr, Motrip beruft sich auf dem eigenen anstehenden Album wieder auf das, was ihn auszeichnet: Ja, es ist auch seine Stimme! Aber eben in gerappter Form. Anscheinend hat sich Karuzo  aber genau so einen Part von Motrip gewünscht. Es ist ein besonderes Outro, mit einem lyrischen, bildhaften Anspruch. Dementsprechend macht Trip seine Sache hier gut. Es ist wie so vielen natürlich Geschmackssache, mein Geschmack wird eben nicht so getroffen. Einen straighten Rap-Song von Genetikk und Motrip gibt es allerdings ja auch bereits, was das Ganze wieder etwas relativiert.

Fazit:

D.N.A. ist ein rundes Album mit klarer Sound-Vision und bringt ein echtes Hip-Hop-feeling rüber. Kein Track ist fehl am Platze, kein Beat unpassend, keine Hook störend, kein Part – bis auf der Einsatz von Kollegah – schwach. Zum Sound ist alles gesagt, der Inhalt bietet Abwechslung – zeigt Humor, persönliches und Ansagen – bewegt sich aber auch in einem klaren Rahmen und es wird auf unnötige Ausflüge verzichtet. Genetikk steht drauf, Genetikk wird geliefert. Für mich ist D.N.A. neben KOMPASS OHNE NORDEN das beste Album des Jahres bisher! Ich schließe mit den Worten Karuzos: „Lieb’s oder lass es“.

Viel Erfolg mit dem Album und vor allem vielen Dank für dieses Stück HIPHOP!

Wie findet ihr das Album? Wie steht ihr zu Genetikk?

ONE LOVE

(Johannes Kayser)

Add Comment Register



Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>