Review: EL MARIACHI (Separate)

separate el mariachi cover

Am 30. August erschien das vierte Album vom Mainzer Rapper Separate. Nach mehrjähriger Pause kehrt er nun mit EL MARIACHI zurück in die Rapszene, mit der er als aktiver Künstler und Labelinhaber eigentlich bereits abgeschlossen hatte. Nach dem finanziellen Scheitern seines Labels Buckwheats Music, der Trennung von einigen Künstlern – insbesondere des heute sehr erfolgreichen Frankfurters Vega – und der Konzentration auf sein Studium, besann sich der Rheinhesse jedoch auf die Sache, die ihn bekannt gemacht hat: das Rappen.
Zunächst wurden einige exklusive Tracks veröffentlicht und dann die EP MOSAIK zusammen mit DLG über www.hiphop.de. Danach standen die Zeichen allerdings mehr und mehr auf Soloalbum. Auf 14 Songs zeigt uns Separate nun dann auch endlich, dass das Warten sich mehr als gelohnt hat.

Als Partner für seine erste große Veröffentlichung seit Jahren hat sich Separate für das Dresdener Label NewDEF von DJ Access entschieden. Über diese Plattform erscheint auch Abroo, der wiederum früher schon eng mit Separate und Buckwheats Music zusammen gearbeitet hat. Daneben hat Separate vor allem in Raffa einen treuen und guten Helfer gefunden, der Managementaufgaben wahrnimmt und dem Künstler somit etwas den Rücken frei hält. Gute Arbeit von allen!
Doch genug der Vorrede! Wie klingt das Album eigentlich? Eins vorweg: Wer Hip-Hop mag, sollte erstens eh schon seit Jahren ein großer Separate-Fan sein und zweitens dringend dieses Album im Regal haben.

Schon das Intro zeigt das Grundmuster des Albums: Separate hat seine Energie zurück und ist nun bereit den harten, langen Weg zurück an die Spitze zu gehen. Die Spitze? Gemeint ist, dass er sich seinen Respekt zurückholen will und wird. Dies hat der Rapper auch in allen Interviews klar als sein Ziel ausgegeben. „Allein gegen die Welt“ zusammen mit seinem Freund, dem Sänger Overdoze, klingt aber nicht nur energievoll. Es klingt auch etwas verbittert. Hört man genau hin, ist es eine Abrechnung mit der Vergangenheit, insbesondere seiner Zeit im Rap-Business. Mit dem dritten Part aber wird es auch wieder positiver. Es wird deutlich, was dazu führt, dass Separate nun wieder rappt, ja sogar rappen muss. „Ich krieg den Kopf nicht leer, ganz egal wie viel ich schreibe“. Der Beat stammt von PCP, der den Löwenanteil der Produktionen an diesem Album vorgenommen hat. Sehr atmosphärischer Einstieg ins Album, der an eine Art Heldeneinzug denken lässt. Ich bin kein großer Freund von Gesang, weil ich es nur selten gut gemacht finde. Overdoze passt hier jedoch nahezu perfekt und ergänzt den Song, macht ihn sogar erst so richtig rund. Dieser Track ist im übrigen auch eine Ansage an so einige Rapper, zum Beispiel diese, die zu sehr mit diesem Fake-Gangster-Film ihre Fans in falsche Richtungen lenken.
„Goons“, der zweite Track, ist einer dieser Songs, die wohl Menschen dazu verleiten, davon zu sprechen, dass EL MARIACHI sehr an das vorletzte Album ZAHLTAG anknüpft. Ich selbst tendiere eher dazu, das letzte Album von Separate EIN GUTER TAG ZUM STERBEN sowie die Mixtapes DIE JAGD AUF DEN KÖNIG 1 und 2 und DEUTSCHE PROBLEME, sein Kollabo-Album mit Vega, als die besten Releases von Separate zu bezeichnen. Daher spricht mich dieser Song insgesamt auch gar nicht so sehr an, auch wenn ich den sommerlichen Beat von PCP extrem mag und der gesamte Song einen freshen Eindruck hinterlässt. Schöner Song für heiße Sommernachmittage, an denen man im Park oder am See bei Bierchen und Fleisch chillt. Gut gemacht, aber ich mag halt dann doch eher die emotionaleren Songs, die mich intensiver bewegen. Wobei man erwähnen muss, dass „Goons“ durchaus auch die alt-bekannten „Kopf-Hoch“-Aspekte beinhaltet.
Auch vom Sound her ganz anders kommt an dritter Stelle des Albums schon eines der absoluten Highlights der diesjährigen Veröffentlichungen in Sachen Deutsch-Rap. Kein geringerer als die lebende Legende Lakmann – vor allem bekannt durch Creutzfeld und Jakob – ist hier nämlich zu hören. „Drei Mann gegen den Rest“ – Lakmann, Separate und dazu auch noch Abroo legen ihre Sichtweise auf die Szene und Hip-Hop offen und präsentieren einen hervorragenden Track, der wie bereits erwähnt zu den ganz großen des Jahres gehört.
Mit „Deutscher Traum“ und „Hip-Hop“ bekommen die Hörer zwei starke Representer auf die Ohren, die beide sehr überzeugen. Ersteren Song produzierte Laganaro, den zweiten hat wiederum PCP musikalisch untermalt. Eko Fresh und Gregpipe unterstützen Separate beim Song „Hip-Hop“, der seinen Inhalt schon im Titel trägt. Vor allem Eko und Seppo harmonieren hervorragend zusammen und man wünscht sich direkt, dass beide noch mehr zusammen arbeiten in der Zukunft. Eine hochwertige EP der beiden, mit den Möglichkeiten von Ekos neuem Label nach dem Platz-1-Erfolg, könnte durchaus eine sehr interessante Sache werden.

Neben „Drei Mann gegen den Rest“ ist „Hip-Hop” der Song, den ich bisher am meisten von diesem Album gehört habe. Doch es gibt noch (mindestens) zwei weitere absolute Super-Songs. Zunächst wäre „Krank“ zu nennen. Dieser Beat von M-Crisis ist ein unfassbares Brett. Vor Jahren hat Ercandize ihn bereits auf einem Mixtape verwendet und ironischerweise damals Vega mit auf den Song („Stimmt“) genommen. Jetzt, Jahre später, also ein neuer Song auf dem großartigen Beat. „Krank“ heißt das gute Teil und geht absolut nach vorne. Solche Battle-Songs sind eine Stärke von Separate, der ja vor Jahren schon zusammen mit Prinz Pi / Porno, Kid Kobra und Smexer durch das Land zog um jeden der wollte im Battle zu zersägen. Zusammen mit einem überaus starken und schön aggressiven Part von Ercandize wird „Krank“ zu einem der wenigen wirklich starken Battle-Songs in diesem Jahr. Jeder Teilnehmer solch fragwürdiger Formate wie z.B. dem VBT sollte sich schämen, nicht einmal annähernd auf so einem Niveau zu rappen und sich dann trotzdem Battle-Rapper zu nennen. Motivation, Freude, Begeisterung, Energie – all diese Gefühle und Stimmungen löst „Krank“ aus und ist mit Sicherheit eine Empfehlung wert. Hierzu gibt es übrigens, ebenso wie zu „Hip-Hop“, bereits ein Video.
Ich erwähnte eben, dass ich noch mindestens zwei Super-Songs für mich auf dem Album entdeckt habe. Der zweite ist – das liegt eigentlich auf der Hand – „Brief“. Über solche Lieder sollte man entweder ganz viel Schreiben, oder einfach gar nichts, weil man sie nur selbst fühlen kann und sollte. Ich möchte mich an die zweite Alternative halten, nicht aber ohne doch eine kleine Anmerkung zu machen. Zum ersten Mal gehört habe ich den Song auf dem iPod, als ich am Freitag der Veröffentlichung Morgens schnell das Album bei Amazon geladen (meine CD kam erst einige Tage später an) und auf das mobile Gerät übertragen hatte. Ich war gerade auf dem Weg zur Arbeit als ich den Song hörte und mir sofort Tränen in die Augen stiegen. Wegen solchen Tracks liebe ich Rap seit so vielen Jahren – Emotionen pur, absolute Ehrlichkeit und persönliche Geschichten. Sehr stark umgesetzt in diesem Fall und ich bin mir sehr sicher, dass auch alle Beteiligten in dieser wahren und traurigen Geschichte mit diesem Weg der Verarbeitung einverstanden sind und es ihm selbst auch gefallen würde. Hanna als Gesangspartnerin macht ihre schwierige Aufgabe hier sehr gut und der Beat von PCP und Kenika erweist dem Inhalt die notwendige Ehre. Für mich der stärkste, weil emotionalste und am meisten berührendender Song.
Eine sehr gute Idee finde ich, dass im Anschluss an diesen aufwühlenden Song direkt wieder der Blick nach vorne gerichtet wird und eine positive Stimmung vermittelt wird. Habe ich „Goons“ schon als Sommer-Song bezeichnet, so ist der Track „Sommer“ es natürlich noch um einiges mehr. Zusammen mit DLG entflieht Separate dem oftmals grauen Alltag und bringt etwas Farbe und Sonne in unsere Ohren, vielleicht auch in unsere Seelen.
„In meinen Händen“, „Bilder“ und „Regen“ sind die für Separate typischen Erzählungen aus dem Leben. Mal gemischt mit humorvollen Sprüchen, mal verbunden mit härteren oder traurigeren Erlebnissen, auf jeden Fall immer gut gerappt und mit enormer Ehrlichkeit und viel persönlichen Inhalt. Hervorsticht hier sicherlich „Regen“, bei dem ein ungemein intensive Atmosphäre erzeugt wird. Separates charakteristische Stimme kommt hier wunderbar zum Tragen, tatsächlich einer der Songs, die man sofort sehr tief fühlen und nachempfinden kann und sich gerne auch einmal einfach nur mal ne Stunde am Stück anhört. „Bilder“ liefert den einzigen Beat von Monroe. Dabei wird Soundtechnisch nicht unbedingt ganz eng am gemeinsamen Album der beiden angeknüpft, aber man merkt trotzdem, dass hier einmal ein ganz anderer Produzent verantwortlich ist. Insgesamt ein typischer Song, wie man ihn auf vielen Alben vorfindet, jedoch diesmal mit dem kleinen, aber wichtigen Zusatz: er ist gut.
„Wenig Reich“ ist eine Mischung aus Battle-Track und Storyteller. PCP treibt Separate nach vorne und bringt ihn dazu auch einmal wieder schneller zu rappen – was ihm mehr als gut zu Gesicht steht. Das im Anschluss „Krank“ kommt, wird kein Zufall sein.
„Blauer Dunst“ ist ebenfalls extrem atmosphärisch und ja, auch dieser Song ist einer der Tracks, die ich durchaus schon einmal zehn Mal am Stück gehört habe. Ich möchte hier nicht darüber sinnieren, um wen genau es geht, wichtig ist, dass es sich um einen sehr starken Song handelt. Solch persönliche Inhalte gut rüberzubringen ist nicht für jeden Rapper eine große Fähigkeit, Seppo hingegen zeichnet, neben anderen Attributen, genau dieses aus. Schöne Nummer.
Zum Schluss gibt es mit „El Mariachi“ den Titeltrack als Outro. Leider sehr kurz geraten, aber noch einmal eine tolle Vorstellung der Rap-Fähigkeiten des Mainzers.

Nun ist es also da, dieses langerwartete Album von Separate. Als es hieß, er würde sich aus der Rap-Szene zurückziehen (gab es da nicht sogar noch die „Jams’s RAPublik“ von Niko Bielefeld???) war ich zutiefst enttäuscht, weil ich einfach über Jahre hinweg jeden Tag seine Texte gehört habe. Sogar heute habe ich auf dem iPod noch DEUTSCHE PROBLEME und EIN GUTER TAG ZUM STERBEN. Das Kollabo-Album mit Vega bezeichne ich übrigens als das beste Kollabo-Album der deutschen Rapgeschichte, abgesehen von solchen Crew-Projekten wie Fler & Silla, Fler & Bushido oder auch Creutzfeld & Jakob. Wie oft ich Texte von Separate mitgerappt habe lässt sich wohl nicht mehr zählen. Daher habe ich mich unfassbar darüber gefreut, als die ersten zwei Songs an das Licht der Öffentlichkeit kamen und es dann auch hieß, dass einer dieser für mich wichtigsten Künstler eine EP zusammen mit DLG macht. Dass nun tatsächlich im Jahr 2013 ein weiteres Solo-Album in meinem Regal steht erfüllt mich mit großer Freude und zeigt, dass man immer an das Gute glauben sollte. Ich bin sehr zufrieden mit dem Album und mehr als die Hälfte der Songs – und dieser Schnitt ist mehr als Gut – wird oftmals auf Repeat gehört.
Wir erfahren einiges über das Seelenleben von Separate. Er berichtet von seinen Erlebnissen aus der Vergangenheit, von Erfahrungen, die er in Bangkok machte und bleibt dabei immer wieder bei einer klaren, straighten Sprache ohne sich in Bildern oder unzähligen Vergleichen zu verlieren. Seine sympathische Art kommt bei den Songs rüber, ebenso wie sein Humor. Das Album klingt insgesamt eher nach Aufbruch als nach Verbitterung und Trauer, auch wenn es sich inhaltlich sehr intensiv mit der Vergangenheit oder aber Enttäuschungen innerhalb der Rap-Szene bzw. im Privatleben auseinandersetzt. An dieser Stelle muss man PCP und auch die anderen Produzenten sicherlich hervorheben. Sie haben es geschafft, Separate einen Soundteppich zu kreieren, auf dem er sich zwar über gewisse Themen in emotionaler Art und Weise ausbreiten kann, der aber zugleich die Gefühle richtiger Rap-Fans in Wallungen bringt, fühlt man sich doch stets an den goldenen Sound der 90er Jahre erinnert. Die Beats gehen auf die Fresse, wenn es sein muss (bei „Hip-Hop“, „Krank“ und „Wenig Reich“) und halten sich dezent im Hintergrund oder sorgen für die richtige Atmosphäre, wenn es nötig ist („Brief“, „Regen“, „Blauer Dunst“ etc.). Auf etwa der Hälfte der Songs dieses Albums wurden Cuts eingesetzt. DJ Access und auch PCP haben hier ganze Arbeit geleistet. Schön zu hören, dass Cuts generell in der letzten Zeit wieder häufiger verwendet werden.
Die Hip-Hop-Szene besinnt sich auf die wahren Stärken. Und genau das macht Separate hier auch. Er rappt in klarer Sprache und vermittelt seine Inhalte unaufgeregt. Dabei bleibt er stets authentisch und ehrlich und bezieht sich immer wieder auf die im Ursprung des Hip-Hop’s verankerten Werte. Ich selbst hätte mir vielleicht noch den ein oder anderen Song gewünscht, der noch tiefer Einblicken lässt, aber es ist eben nicht nur bei einer Tätigkeit im Jugendamt wie ich sie ausführe, gut und wichtig sich abgrenzen zu können, sondern auch als Rapper.

EL MARIACHI ist nicht das beste Album des Jahres. Aber es gehört definitiv zu den großen Releases 2013. Ich höre es nun seit dem 30. August jeden Tag mehrmals und kann nur empfehlen, dass ihr das auch machen solltet. Ehrlicher, straighter und zum Teil emotionaler Rap, wie man es sich zumindest in Teilen wesentlich häufiger wünscht.

Ich hoffe, es geht im nächsten Jahr weiter und es kommen vielleicht sogar einige Live-Shows dazu. Gruß raus an DJ Access, Raffa und natürlich vor allem an den Homie Seppo.

Ich bedanke mich für all die Songs, die mich nun seit einem Jahrzehnt durch jede Woche meines Lebens begleiten und wünsch dir, Seppo, das allerbeste! Und ich kann nur alle bitten, nun im nächsten Jahr weiter am Ball zu bleiben, auch wenn’s hart ist. Es ist einfach zu wichtig, als dass man jetzt wieder aufhören sollte…

Viel Erfolg allen und Gruß raus aus Hamburg.

ONE LOVE
(Johannes Kayser)

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