Während der Spiegel Massiv aufbaut (zugegeben: gute, objektive Arbeit)
schlachten sie im Vorbeigehen Jan Delay. Mir persönlich geht der Typ ja
weniger auf den Sack seitdem er nichts mehr mit Rap zu tun hat. Genau
wie bei Max Herre oder den Fantastischen Vier hört der Hass auf wenn
die Jungs sich im Pop austoben. Aber darum geht es dem Spiegel
überraschenderweise auch garnicht. Hier hat man Tiefgang. Daher geht es
um eine andere Spezies die einem gut auf die Klöten gehen kann:
pseudo-intellektuelle Weltverbesserungs-Hippies. Gabs ja ma ne Menge im
deutschen Rap, schön dass die heute alle tot sind. In der Schwammkopf
Welt mag man sie also scheinbar auch nicht. Traurig für unsere lustigen
Ex-Hiphopper. Erst kommt Bushido und dann tritt auch noch der Spiegel
nach.
Also: cooler Artikel gegen platte Politik Mucke. Ich machs wie
Lil Wayne, studier Politik und rede übers Ficken und feiern. Weil man
über Politik nur reden sollte wenn man auch wirklich vor hat was
vernünftiges zu fabrizieren. Gut dass Politik Rap tot ist. Und gut das
Jim Jones ihn jetzt scheinbar wieder belebt in dem er sich gegen
Gegen-Drogen Gesetze engagiert (
hier).
Schließlich hat diese geile Musik Form Rap nicht nur meine Eier noch
dicker gemacht, meinem Leben einen weiteren Sinn gegeben und mir
beigebracht Frauen auf angemessene Weise zu verachten, sondern auch zu
meiner politischen Erziehung beigetragen. Viel Spaß ihr Hippies.

Den Artikel mit Bildern und Videos findet ihr
hier.
SPIEGEL ONLINE - 09. Mai 2007, 16:45
URL: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,481894,00.html
Stell
dir vor, es ist G8 und alle gehen hin: Der Gipfel in Heiligendamm
provoziert Widerspruch bei den üblichen Verdächtigen, ruft aber auch
dummschwätzende Popstars wie Jan Delay auf den Plan. Reinhard Mohr über politischen Protest, der zur bloßen Performance und Gutmenschen-Pose verkommt.
Wenn es Horst Schlämmer, der zerknitterten Kunstfigur von Hape
Kerkeling aus dem schönen Grevenbroich, körperlich nicht gut geht, dann
röchelt er durch Mund und Nasenflügel: "Ich hab' Kreislauf, weisse
Bescheid, Schätzelein!" Manchmal hat er dazu noch "Rücken" und
"Bandscheibe". Das nennt man Diagnose. Kurz, knapp und treffend. Kein
Wort zuviel.
Wenn man sich, derart geschult, im Lande umhört,
ist klar: Ein großer Teil der deutschen Pop-, Promi- und Medienszene
hat derzeit gerade, alle Jahre wieder, G8. Rücken und Bandscheibe
kommen - viele Protestresolutionen, Talkshows und Solidaritätskonzerte
später - womöglich noch dazu.
Pop und Protest: Fetisch G8
Vier
Wochen vor dem G-8-Gipfel der sieben wirtschaftsstärksten westlichen
Nationen plus Russland Anfang Juni im Ostseebad Heiligendamm schwillt
der lange angekündigte Protest mächtig an. Schon 117 Organisationen
zählt die Kampagne mit dem sinnfälligen Namen "Block G8", die darauf
zielt, die Gipfelkonferenz durch Blockaden zu stören, wenn nicht zu
verhindern. Sympathisierenden Journalisten bietet man sogar ein
begleitendes "Blockadetraining" an. Dafür müssen sie aber "aktiv an den
Rollenspielen teilnehmen."
Kein Zufall, dass heute 900
Polizeibeamte und 20 Staatsanwälte etwa 40 Büros und Privatwohnungen
militanter G-8-Aktivisten durchsucht haben, um möglicherweise geplante
Gewalttaten zu verhindern. Die Temperatur steigt. Wie es aussieht,
wollen fast alle mitmachen beim großen Halali auf Bush und Merkel,
Sarkozy und Blair - von der Grünen Jugend Aachen bis Pax Christi, von
der Radikalen Linken in Nürnberg bis zur IG Metall Jugend Berlin. Die
Parole heißt: "Wir stellen keine Forderungen an die G8, sondern sagen
ganz klar nein."
An vorderster Front marschiert wie stets Attac,
die schon etwas in die Jahre gekommene und ein wenig stumpf gewordene
Speerspitze der Globalisierungskritiker. Und selbst der heilige Geist
des Protestantismus ist schon total fixiert auf den G-Punkt des
unseligen Globalisierungsgipfels: Norbert Schneider, der Präses der
Evangelischen Kirche im Rheinland, rief vergangene Woche zu einem
"Heiligen Damm des Gebets" auf und hat sich damit schon jetzt den
Gerhard-Polt-Preis 2007 für die stabilste Metapher im Kampf gegen die
Ungerechtigkeit der Welt verdient.
Auf einer Demonstration Ende
März in Berlin - Motto: "Nein zum Europa des Kapitals" - hatten bereits
Antifas und Autonome intellektuell aufgerüstet: "Bald sind die
G-8-Fürsten 'zu Gast bei Freunden'. Die Welt in der Hand von
Gangstern." Jetzt gelte es, den "verbrecherischen Plänen" zur
"imperialistischen Weltherrschaft" entschlossen entgegenzutreten. Ja,
klar.
Diesen Ruf hat längst auch die Pop- und Promiszene
vernommen, die durch die einschlägigen Aktivitäten von Herbert
Grönemeyer ("Deine Stimme gegen Armut"), Bono ("Live 8") und Bob Geldof
("Band Aid", "Live Aid") bewusstseinsmäßig schon voll sensibilisiert
ist. Anfang Mai trafen sich Sir Bob Geldof, Ex-Talkmaster Alfred "Bio"
Biolek, der Comedian Michael Mittermeier, die Schauspielerin Katja
Riemann und viele andere Berufene zu einem "Intellectual Live 8 - Forum
für Afrika" in der Berliner Hertie School of Governance.
"Grundsätzlich Scheiße"
Für
den 7. Juni ist in Rostock ein großes Popkonzert "Music &
Messages", unter anderem mit Bono, Geldof und Grönemeyer geplant, und
am vergangenen Wochenende erschien im Rahmen der gleichnamigen
Künstlerkampagne die Sampler-CD "Move against G8" mit Songs von
Kettcar, Wir sind Helden, Gentlemen, Tomte, Die Toten Hosen, Madsen,
Blumfeld, Tocotronic, Jan Delay und anderen.
A propos Jan Delay:
"Ich finde es grundsätzlich Scheiße, dass die Herrscher der acht
reichsten Nationen festlegen, wie die Welt auszusehen hat", empörte
sich der Hamburger HipHopper ("Söhne Stammheims") unlängst im Interview
mit der "taz". "Es darf kein Diktat von acht selbsternannten
Weltherrschern geben."
Differenzierungen zwischen Angela
Merkel und George W. Bush lässt er nicht gelten: "Beide sind Lakaien".
Wir vermuten mal: Lakaien des US-Imperialismus. Deshalb "muss man da
mit der Faust reinhauen", konkretisiert der 30-jährige "Schöngeist"
(Delay) mit der Schwäche für Nike-Schuhe und findet "brennende Autos"
eine "super Aktion". Andererseits: Die Uno ist auch "ne gute Sache" und
Kofi Annan "einer der respektabelsten Menschen in der Politik". Dass
seit Dezember 2006 Ban Ki Moon Uno-Generalsekretär ist, macht nichts.
Der ist sicher auch nett, wenn auch nicht so perfekt angezogen wie Kofi.
"Aber Andreas Baader hat gute Klamotten getragen", beharrt der
Turnschuhdandy im Angesicht der vollen Gnade seiner erfreulich späten
Geburt. Wir verstehen: Nicht alles war schlecht damals in den wilden
Siebzigern. Zum Beispiel der Terrorismus: "Die dritte RAF-Generation
ist eine Erfindung", enthüllte Delay an anderer Stelle - also auch das
Attentat auf Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen: "Wieso hätten die
RAF-Leute jemanden töten sollen, der sich als erster Bankchef für die
Entschuldung der Drittweltstaaten stark gemacht hat?"
Wahrscheinlich
war es einer von den G8, die damals noch unter dem Tarnnamen G7 ihre
Verbrecherversammlungen abhielten. Nur eine Frage bleibt offen: Woher
kommt bloß so viel intime politische Einsicht, so viel staunenswertes
historisches Wissen? "Eigentlich", gesteht Delay, vermutlich nur halb
im Scherz, hat er "gar keine Ahnung von G8". Ganz anders bei der
Klimakatastrophe. Da hört er immerhin auf Mutti: "Ich mache jetzt die
Sachen, die mir meine Mutter seit 25 Jahren sagt: die
Scheiß-Stand-by-Geräte ausmachen oder alle Heizungen, wenn ich gehe."
Global
denken, standby handeln. Wer solche Theoretiker hat, kann praktisch
machen, was er will. Wer so einfach gestrickt ist, findet immer
Gleichgesinnte. Hauptsache, der Move stimmt - und der Groove -, die CD
läuft, Marketing und PR-Profil passen zusammen.
Wem die Mimikry des
kalendarischen Protests alles ist, der muss nicht mehr selber denken.
Wenn heute schon ein Kasten Bier den Regenwald rettet, wieso nicht auch
ein cooler Gig am Maschendrahtzaun von Heiligendamm? G8 - mehr muss man
gar nicht sagen, um einen schwer gesellschaftskritischen und
Talkshow-reifen Eindruck zu machen.
G8 als Fetisch
Vorbei
die Zeiten, als wenigstens noch ein rasch angelesener Vulgärmarxismus
kursierte, der die Welt perfekt zu erklären suchte. Heute klammert sich
der pseudokritische Weltgeist des Pop nur noch an ein Kürzel des Bösen.
G8. Zu Adornos Zeiten hätte man das einen lupenreinen "Fetisch"
genannt. Zwischen angesagtem Polit-Chic, Pop-Pose und Widerstandsritual
entfaltet sich das globalgute Gemeinschaftsgefühl dann wie von selbst.
Pierre
Bourdieu, der verstorbene Vordenker der Anti-Globalisierungsbewegung,
erklärte im Sommer 2001 in einem SPIEGEL-Gespräch: Nein, dies sei keine
revolutionäre Bewegung, "es handelt sich eher um eine Gegenreformation.
Man sehnt sich nach wahrer Politik - so wie damals nach wahrer
Religion." Die Wirklichkeit in ihrer irritierenden Vielfalt und
Widersprüchlichkeit stört da nur.
So ist auch nachvollziehbar,
warum man im medialen Hype des bevorstehenden Pop-Events praktisch
nichts hört über Putins reaktionäres Russland, in dem Pressefreiheit
mörderische Folgen hat, über China, die aufstrebende
kommunistisch-kapitalistische Weltmacht, über Indien als neuer Global
Player, aber auch nichts über Robert Mugabe, Zimbabwes blutrünstigen
Tyrannen im südlichen Afrika, der sein Volk ermordet, nichts über das
islamistische Terrorregime in Sudan, nichts (oder bloß etwas in Form
einer Fußnote) über den Völkermord in Dafur, und nur sehr wenig über
die groteske Korruption afrikanischer Regimes, in deren Folge beinah
jede Art von Entwicklungshilfe in den Taschen von Despoten landet.
Dass
einige schwarzafrikanische Experten inzwischen sogar einen kompletten
Stopp der klassischen Entwicklungshilfe fordern, die letztlich nur
Schaden anrichte, ist für viele der Pop- und PR-Moralisten gewiss eine
Neuigkeit. Dann erst wäre dringend zu sprechen über den Wahnsinn, dass
staatlich subventionierte Lebensmittel - oft sogar gut gemeinte
kostenlose Hilfslieferungen von Überschüssen aus der westlichen Welt -
die lokalen Märkte Afrikas zerstören. Und vieles andere mehr.
Aber
das ist vermutlich alles viel zu kompliziert für die weltweite Gemeinde
der Michael-Moore-Linken, die sich nur zu gerne Lügenmärchen auftischen
lässt, wenn dadurch aus dem schlechten Gewissen im Handumdrehen eine
coole und unterhaltsame Performance wird, der gefühlte Protest der
Popkultur.
Zitat aus dem Pressetext zur oben genannten Sampler-CD : "Ya basta! Join the rebel side! Move against G8!"
Oh yeah, man!
